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StartseiteUmwelt und VerbraucherEin diplomatischer Drahtseilakt20.08.2004

Ein diplomatischer Drahtseilakt

Der Streit um den Kanalbau im Donaudelta

<strong> Das Donau-Delta gilt als größtes und wegen seiner Größe wertvollstes Feuchtgebiet Europas. Die Region sei ein ökologisches Vermögen, so die Naturschutzexperten, weil dort unvorstellbar viele Arten vor allem von Vögeln, aber auch anderen Tieren und Pflanzen zu Hause sind. Deshalb wurde das Donaudelta auch zum Weltnaturerbe der UNESCO erklärt. Doch dieses idyllische Feuchtgebiet ist gefährdet und dadurch auch der damit verbundene Tourismus, was vor allem Rumänien, dem hauptsächlichen Nutznießer Sorgen bereitet. Worin die Bedrohung liegt und was die rumänische Regierung tun will oder tun kann, um das Donaudelta in seinem derzeitigem Zustand zu erhalten, dazu fand in Berlin in der Botschaft von Rumänien ein Umweltgespräch statt.

Von Dieter Nürnberger

Die Donau ist auch ein Fluss der alten Schiffe. (AP)
Die Donau ist auch ein Fluss der alten Schiffe. (AP)
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<p></strong><br />Das Projekt heißt Bystroje-Schifffahrtskanal - und der Bauherr ist die ukrainische Regierung. Das weit verzweigte Donaudelta ist länderübergreifend und sorgt deshalb für Unruhe zwischen der rumänischen und der ukrainischen Regierung. Der Bauherr informiert den Nachbarn nur zögerlich und unvollständig - und der Nachbar fürchtet einerseits um ein Ökosystem, welches einmalig auf der Welt ist und natürlich für Rumänien auch eine touristische Devisenquelle. Bodgan Aurescu ist der stellvertretende Außenminister Rumäniens: <br /><br /><em> Das Donau-Delta ist ein einzigartiges Ökosystem. Und was immer auf der einen Seite des Deltas passiert, kann das ganze System betreffen. Es ist somit möglich, dass bestimmte Vogelarten davon betroffen sein würden oder auch die Fischwelt. Wir wissen heute auch nicht ganz genau, ob etwa Chemikalien durch diesen Kanal in das Schwarze Meer gelangen könnten. Somit könnte es auch Auswirkungen auf das Ökosystem im Meer geben.</em><br /><br />Der geplante Schifffahrtskanal soll für die Ukraine die Wasserstraßenverbindungen von der Donau in das Schwarze Meer verbessern. Er führt direkt durch ein Biosphärenreservat. Umweltgruppen schlagen deshalb seit geraumer Zeit Alarm, doch genutzt hat es bislang wenig, sagt Klaus Henning Groth, der Sprecher des WWF Deutschland, des World Wide Fund for Nature:<br /><br /><em> Offensichtlich baggert man bereits seit Mai. Und soweit wir es vernommen haben, ist für Nationalfeiertag der Ukraine am 24. August geplant, den ersten Bauabschnitt bereits fertig zu haben. Ich denke, hier sollen Fakten geschaffen werden, die hinterher nicht mehr umkehrbar sind. Und der WWF rätselt auch wenig, woran es liegt, dass die Ukrainer dies so stark verfolgen. Eigentlich gibt es einen Kanal, dieser müsste nur weiter ausgebaggert werden, wie es in der Vergangenheit auch der Fall war. Jetzt soll ein neuer Kanal entstehen - mit schlimmen Folgen. </em><br /><br />Das Donau-Delta gilt als wichtiges Feuchtbiotop in Europa. Mehr als 300 Vogel- und fast 50 Fischarten haben hier ihren Lebensraum. Erika Schneider ist Rumäniendeutsche und begleitet seit Jahren diverse Umweltprojekte des WWF vor Ort:<br /><br /><em> Die ökologische Vielfalt ist zum einen bestimmt durch die Dynamik der Wasserstände. Es entsteht damit auch praktisch vor unseren Augen immer wieder neues Land. Es ist das jüngste Territorium Europas. Es gibt hier Sandbänke, es gibt am Ufer sehr weite Schilfflächen, es gibt wunderbare Seen - und außer diesen Großhabitaten gibt es noch sehr so genannte Mikrohabitate. Somit Einnistungsmöglichkeiten für viele Tiere und natürlich gibt es viele Pflanzenarten.</em><br /><br />Und damit gefährde das Projekt auch die Existenzgrundlagen großer Teile der hier lebenden Bevölkerung, die von der Fischerei und auch vom Tourismus lebe. Mit dem Kanalbau, so schätzen Umweltgruppen, werden mehr als 1,5 Millionen Kubikmeter Sand bewegt werden. Und da die Wasserstände der Donau recht unterschiedlich sein können, wird mit weiteren permanenten Ausbaggerungen auch nach der Fertigstellung gerechnet. Am Bau beteiligt ist auch eine Hamburger Firma, die Moebius-Bau-AG, die sich auf die Erfüllung der geschlossenen Verträge beruft. Klaus Henning-Groth vom WWF: <br /><br /><em> Was wir nicht machen werden, ist, uns etwa an die Tore zu ketten. Wir werden auch keine Eier werfen, wir werden keinen blinden Aktionismus betreiben, wir wollen solide vorgehen und überzeugen. Es muss auf sehr breiter Ebene vorgegangen werden und wir sind auch erfreut, dass die deutsche Bundesregierung gegenüber der Ukraine mit Forderungen sehr deutlich geworden ist. Die Ukraine zieht sich zurück auf eine Frage der nationalen Angelegenheit und verbittet sich im Grunde eine Einmischung von außen.</em><br /><br />Proteste gegen das Bauvorhaben waren bislang erfolglos. Der stellvertretende rumänische Außenminister setzt aber weiterhin auf eine Mischung aus Diplomatie und öffentlichen Druck. Bodgan Aurescu:<br /><br /><em> Wir haben die Europäische Kommission auf unserer Seite. Auch viele Länder in Europa, auch die Organisationen, die sich des Schutzes der Donau verschrieben haben. Aber gleichzeitig muss eben auch der öffentliche Druck zunehmen. Nicht nur auf die Ukraine, sondern beispielsweise auch auf diese deutsche Firma in Hamburg, die die Arbeiten ausführt. Denn das Donaudelta ist nun einmal ein sehr wichtiges Habitat und des gehört nicht der Ukraine oder auch Rumänien allein. Es gehört zu Europa und sollte geschützt werden. Ein Wasser-Paradies für Tiere und Pflanzen.</em><br /><br />Der WWF fordert nun eine unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfung des Bauprojekts. Man müsse zusammen mit der Ukraine über Alternativen diskutieren. Und diese Alternativen sollten auch mit der UNESCO diskutiert werden, denn das Donau-Delta ist ja auch bekanntlich auch ein Weltnaturerbe.</p>

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