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StartseiteInterview"Ein fades und langweiliges Spiel"17.06.2008

"Ein fades und langweiliges Spiel"

Bilanz nach dem Spiel Deutschland gegen Österreich

Der Fußballreporter Günter Koch stuft die Leistungen der deutschen Nationalmannschaft im gestrigen Spiel gegen Österreich als mäßig ein. Diese Mannschaft strahle keine große Klasse aus und komme eher solide und brav daher. Jürgen Preusser, Sportchef der österreichischen Zeitung "Kurier", lobte hingegen die Leistungen der Deutschen. Die Italiener und Franzosen wären froh, wenn sie so "schlecht" drauf wären wie die Deutschen, sagte Preusser.

Moderation: Elke Durak

Michael Ballack und Arne Friedrich freuen sich über das 1:0 (AP)
Michael Ballack und Arne Friedrich freuen sich über das 1:0 (AP)

Durak: Und nun wollen wir uns mal ein bisschen mit dem Fußball beschäftigen. Deutschland gegen Österreich gestern; wir haben das Viertelfinale erreicht. Aber wie? Die Freude hält sich bei uns jedenfalls hier in der Frühmannschaft ein wenig in Grenzen. Wir wollen hören, wie es bei den beiden Herren steht, die jetzt mit uns in der Sendung sind: Jürgen Preusser, Sportchef der österreichischen Zeitung "Kurier", und Günter Koch, Fußballreporter für Hörfunk und Fernsehen hier in Deutschland. Guten Morgen an Sie beide!

Preusser: Guten Morgen!

Durak: Das war Herr Preusser.

Koch: Guten Morgen!

Durak: Und das war Herr Koch, damit wir die Stimmen auseinanderhalten. - Herr Preusser, was steht denn heute im Titel Ihrer Zeitung?

Preusser: Was steht im Titel? - "Game over" steht bei uns. Das ist natürlich nur auf Österreich bezogen.

Durak: Das ist klar. - Verdient?

Preusser: Ich glaube ja. Das war ein Spiel, von dem man sich eigentlich viel mehr erwartet hat, als es dann im Endeffekt geworden ist. Es war eigentlich, wie man bei uns sagt, ein fades Spiel, ein langweiliges Spiel und hat nicht das gebracht, was man sich am Anfang von dem Match insgesamt erhofft hat - und schon gar nicht für Österreich natürlich.

Durak: Es ist ja auch wirklich verwunderlich nach der Leistung, die die Österreicher, also Ihre Nationalmannschaft vorher gezeigt hat. Irgendwie wirkten die Österreicher so, als hätten sie keine Lust oder es ging einfach nicht.

Preusser: Ich glaube an der Lust hat es nicht gelegen. Es liegt einfach an der Klasse. Das ist eine junge Mannschaft, die noch lange nicht so weit ist. Wenn man vor dieser Europameisterschaft gesagt hätte, dass wir diese Resultate machen und dass wir nur mit einem Abseitstor, einem Elfertor und einem Freistoßtor ausscheiden, dann hätte jeder gesagt, die sind verrückt, die überschätzen sich. Es ist eigentlich mehr heraus gekommen als man je geglaubt hätte: von der Leistung, aber nicht von den Resultaten. Die Mannschaft ist 109 der Weltrangliste und war weit weg von Gut und Böse. So gesehen muss man eigentlich mit dem zufrieden sein. Nur ist es natürlich so: Wenn man sich jetzt wieder 30 Jahre darauf verlässt wie damals nach 1978, dass etwas weiter geht im österreichischen Fußball, dann wird aus dem auch nichts werden.

Durak: Das war das Stichwort Cordoba. - Herr Koch, weshalb haben wir dann so viel Angst gehabt vor diesem Spiel?

Koch: Weil sie jung, weil sie unbekümmert sind und weil sie wie gerade gehört tatsächlich mit Pech oder Ungerechtigkeit vorher verloren hatten und weil jeder Gegner dieser deutschen Mannschaft, die momentan keine große Klasse ausstrahlt, sondern eher solide und brav daher kommt, gefährlich werden kann. Das ist das Problem und wir müssen ganz ehrlich sagen: wären die jungen forschen Österreicher, die eine große Zukunft haben, nicht so ungeschickt zu Werke gegangen und hätten sie nicht den Lahm gefault, der da allein auf weiter Flur gegen sechs oder sieben losrannte, hätte es keinen Freistoß gegeben und hätte es kein Tor gegeben. Das war dann alles und das ist etwas wenig für Deutschland.

Durak: Herr Koch, wenn Sie müssten, wie würden Sie heute titeln? "Deutschland hat schlecht gewonnen"?

Koch: Na ja, "brav, aber unbegabt" würde ich sagen. Es war nicht toll! Das muss man ganz ehrlich sagen. Ich habe es aber vor Wochen schon in der BBC gesagt. Ich hatte das fast erwartet. Die Mannschaft ist im Moment nicht so gut drauf. Sie ist im Moment nicht so geschlossen. Aber sie kann sich steigern und die Wahrheit wird sich zeigen am Donnerstag gegen Portugal. Aber alle Achtung an die Adresse der Österreicher, denn wie der Kollege Preusser schon gesagt hat: das hat man nicht erwartet. Die haben mehr geboten. Die deutsche Mannschaft hat noch längst nicht das geboten was man erwartete.

Durak: Herr Preusser, das Spiel ist das eine; das andere ist ja das Medienspiel oder was sich zwischen den Leuten abspielt. Ich will mal das böse Wort von den Piefkes in den Mund nehmen. Wir begegnen dem ja auch immer wieder. Die bösen Piefkes haben wieder gewonnen. Ist Österreich nun am Boden zerstört?

Preusser: Nach dem was ich gestern so beobachtet habe nicht. Es war nämlich ein wirklich großer Sieg dabei, nämlich für den Sport. Ich glaube das war das erste Mal, dass eine deutsche Mannschaft bei der Hymne im Wiener Stadion nicht ausgepfiffen wurde. Das ist ein Fortschritt in der österreichischen Fußballkultur, würde ich einmal sagen. Das hat es überhaupt noch nicht gegeben. Nicht, dass man darauf stolz sein müsste, weil es kommt ungefähr mit 20 Jahren Verspätung, was die Fairness-Gedanken im Fußball betrifft, aber immerhin. Das ist einmal das eine.

Zu den Worten vom Kollegen möchte ich noch etwas sagen. Die Italiener, die Franzosen, also sagen wir mal Weltmeister, Vizeweltmeister und Europameister wären froh, wenn sie so schlecht drauf wären wie die Deutschen. Das ist ein bisschen immer dieses schlechtreden der deutschen Mannschaft. Die haben wirklich solide gespielt. Die haben ein Spiel verloren gegen eine Mannschaft, die sogar mit der zweiten Garnitur gewinnen kann: gegen Kroatien. Wie man gestern gesehen hat: Abschreiben würde ich diese Mannschaft nicht.

Durak: Herr Koch, das ist jetzt Ihr Ball!

Koch: Ja. Natürlich ist nie eine Mannschaft, schon gar nicht die deutsche Mannschaft abzuschreiben. Aber ich wollte nur darauf hinweisen: Die Erwartungen waren hier sehr hoch und die sind noch nicht erfüllt worden. Sie muss sich steigern, was wahrscheinlich auch der Fall sein wird. Dazu kennen wir unsere Leute viel zu gut. Aber sie haben die Vorrunde vielleicht ein bisschen zu locker genommen. Und mit den Italienern und den Franzosen, das ist für mich auch sehr krass. Das war in dieser Deutlichkeit für mich schon eine kleine Überraschung, dass die so schwach sind.

Durak: Herr Preusser, es ist ja wirklich schön, dass Sie uns so Mut zusprechen und loben. Deshalb vielleicht ein Tipp von Ihnen. Wie kann die deutsche Mannschaft gegen Portugal gewinnen? Ganz bestimmt nicht so, wie wir es gestern getan haben.

Preusser: Die Portugiesen haben meiner Meinung nach einen großen Fehler gemacht. Sie haben zwei hervorragende Spiele gespielt und haben das Spiel, in dem es bei ihnen um nichts mehr gegangen ist, mit der zweiten Garnitur gespielt und verloren - allerdings unter großer Mithilfe eines österreichischen Schiedsrichters muss man leider dazu sagen. Aber es war so und darin liegt die Chance der Deutschen, denn die Portugiesen haben sich selber den Rhythmus gebrochen. Wenn die Deutschen solide weiterspielen, dann sind die bei diesem Spiel mit Sicherheit am Drücker.

Durak: Herr Koch, Stichwort Schiedsrichter. Wie haben Sie denn das empfunden, was da passiert ist mit Löw und Hickersberger?

Koch: Das war schon ein bisschen albern, muss man ganz ehrlich sagen. Ich höre heute noch den österreichischen Kollegen auf Ö3, den ich gestern mir auch gegönnt habe. Der sprach dann von einem Obergscheiten. Das war übertrieben! Aber ich meine, man war ja nie dabei. Man hat ja nicht gehört, was die gesagt haben und wer da auf wen eingeredet hat. Ich stimme aber auch dem Kollegen Preusser zu: Die deutsche Mannschaft wird sich steigern. Der Löw hat in seiner ruhigsten und lustigsten Halbzeit oben neben der Bundeskanzlerin sich wie ein Fan aufgeführt und das war ja auch sehr lustig. Aber das war albern. Das war übertrieben, sofort zu jammern hilf mir, die belästigen mich. Das war der vierte Mann, der offenbar den Schiedsrichter informiert hatte. Das musste nicht sein, aber na ja: Schwamm drüber!

Durak: Herr Preusser, wie haben Sie es gesehen?

Preusser: Nach meinen Informationen war es so, dass die beiden miteinander herumgealbert haben, geblödelt haben, wie das halt so üblich ist zwischen deutschen und österreichischen Rivalen. Und ich glaube, ein slowenischer vierter Schiedsrichter war das; der hat die Situation einfach nicht verstanden und hat geglaubt, das ist Ernst, und hat daraufhin die beiden ermahnt, endlich damit aufzuhören, miteinander zu reden. Das haben die nicht getan, weil sie sich gut kennen, und daraufhin hat er sie auf die Tribüne verbannt. Das ist eine von diesen typischen "UEFA-Nicht-Fingerspitzengespür-Entscheidungen". Das ist einfach lächerlich!

Durak: Dabei heißt es immer, die Deutschen seien verbissen. - Herr Preusser, wenn Sie erlauben. Ich habe vorhin das Wort von den Piefkes in den Mund genommen. Sie haben ein bisschen gelacht. Haben Sie eigentlich etwas dagegen, wenn hierzulande von den Ösis gesprochen wird?

Preusser: Nein, überhaupt nicht. Ich höre das Wort Piefke schon öfter von Deutschen als von Österreichern, aber natürlich wird das verwendet.

Durak: An Sie richtet man dieses Wort ja auch nicht!

Preusser: Ja, ja. Und mit den Ösis? Ich bilde mir ein, das hat die "Bild-Zeitung" erfunden. Ich finde es nicht besonders unsympathisch oder schlimm. Ösis ist okay!

Durak: Das ist schön! - Herr Koch, wie sehen Sie es?

Koch: Ja, genauso. Ich finde das sogar ganz nett. Was ist gegen Ösis zu sagen und auch über Piefkes? Wen das aufregt, der kann einem wirklich leid tun. Das sind mehr oder weniger harmlose Randerscheinungen. Da hat der Fußball ganz andere Probleme, wenn man wirklich einmal in die Richtung schauen würde oder wollte. Aber das ist ein anderes Thema.

Preusser: Das glaube ich auch!

Durak: Genau. Das werden wir dann an anderer Stelle klären. Ich bedanke mich sehr herzlich für das nette Gespräch mit Jürgen Preusser, Sportchef der österreichischen Zeitung "Kurier", und Günter Koch, Fußballreporter hier in Deutschland für Hörfunk und Fernsehen. Danke meine Herren und dann freuen wir uns heute Abend auf zwei andere schöne Spiele. Danke schön!

Preusser: Danke Ihnen! Auf Wiederhören!

Koch: Danke!

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