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StartseiteForschung aktuellSteigende Emissionen des Treibhausgases F-31819.08.2019

Ein Fall für Klima-DetektiveSteigende Emissionen des Treibhausgases F-318

Der Ausstoß des sehr stabilen und deshalb besonders schädlichen Treibhausgases ist wesentlich höher, als er den gemeldeten Daten nach sein dürfte. Ein Forschungsteam hat sich auf die Suche nach den Verursachern gemacht. Ihre Vermutung: Die Produktion von Bratpfannen in China könnte Schuld sein.

Von Volker Mrasek

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Zwei Spiegeleier braten am 28.01.2016 in einer Pfanne mit Teflonbeschichtung in Leipzig (Sachsen). In den 1930er Jahren entdeckte der junge Chemiker Roy Plunkett in den USA durch Zufall Polyetrafluorethylen, das unter dem Namen Teflon bekannt wurde. Vor 75 Jahren, am 4. Februar 1941, erhielt Plunkett das Patent auf den Kunststoff, der später in Bratpfannen weltweit Karriere machen sollte. (picture-alliance / dpa / Jan Woitas)
Die Produktion von Teflon zum Beispiel für die Beschichtung von Bratpfannen produziert Treibhausgase (picture-alliance / dpa / Jan Woitas)
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Der Stoff, um den es geht, heißt Octafluorcyclobutan. Selbst Chemiker benutzen aber lieber die Abkürzung F-318 aus dem Katalog Fluor-haltiger technischer Verbindungen. Es ist ein Gas, das aus Industrieprozessen entweicht, wenn man es nicht auffängt. Über 40 Forscher haben jetzt die jüngsten Luftmessdaten über F-318 zusammengetragen und ausgewertet. Darunter auch der Umweltwissenschaftler Stefan Reimann von der EMPA, dem großen Schweizer Zentrum für Materialforschung und -prüfung:

"Wir messen diese Substanz an verschiedenen Stationen auf der Welt, unter anderem auch auf dem Jungfraujoch. Und alle Stationen zeigen einen ziemlich einheitlichen Anstieg von ungefähr vier Prozent pro Jahr."

Abbau dauert mindestens 1.400 Jahre

Das Problem dabei: F-318 zählt zu den sogenannten F-Gasen mit vielen Fluor-Atomen im Molekül. Dadurch ist es nicht nur strahlungswirksam, sondern auch äußerst stabil. Bis F-318 in der Atmosphäre abgebaut ist, vergehen statistisch gesehen 1.400 bis über 3.000 Jahre. Die Substanz ist im Pariser Klimaschutzabkommen geregelt. Die Vertragsstaaten melden daher ihre Emissionen. Doch die jetzt gemessenen Mengen sind offenbar viel höher als das, was auf dem Papier steht:

"Das sind ungefähr 2.000 Tonnen, die wir hier sehen pro Jahr in den letzten paar Jahren. Das geht einher mit einer erheblichen Steigerung der Emissionen dieser Substanz. Und wenn man bedenkt, dass diese Substanz eine Lebensdauer von über tausend Jahren hat, dann ist das sicher etwas, was man beachten muss."

2.000 Tonnen pro Jahr – das klingt nicht sonderlich beeindruckend. Doch weil F-318 so ein enormes Erwärmungspotenzial besitzt, ist diese Menge laut der neuen Studie mit etwa 20 Millionen Tonnen CO2 gleichzusetzen.

Suche nach dem Verursacher

Zum globalen Messnetz der Forscher zählen insgesamt zwölf Stationen. Wenn dort Luftmassen mit F-318 ankommen, muss man herausfinden, woher sie stammen. Das gelingt Stefan Reimann und seinen Kollegen durch den Abgleich mit vorausgegangenen Wetteraufzeichnungen:

"Nun haben wir mit Hilfe unserer Stationen festgestellt, dass ein großer Teil von diesen Substanzen - knapp 40 Prozent in den letzten paar Jahren - aus dem Osten von China emittiert wird."

Es gibt bekannte Anwendungen für F-318 in der Halbleiter- und Elektronikindustrie. Doch daher stammt das Treibhausgas wahrscheinlich nicht. Dafür sprechen niedrige Emissionen an Standorten mit starker Halbleiter-Industrie wie Südkorea, Japan und Taiwan.

Bratpfannen könnten schuld sein

Die Forscher hegen einen anderen Verdacht: Demnach entweicht F-318 wohl vor allem bei der Produktion von Polytetrafluorethylen oder PTFE, besser bekannt als Teflon. Damit werden Bratpfannen beschichtet und Funktionstextilien ausgerüstet:

"Bei dieser PTFE- oder Teflon-Herstellung kann es passieren, dass dieses Gas, dieses F-318, als Nebenprodukt produziert wird. Teflon wird auch in anderen Gegenden der Welt hergestellt, also auch in Europa oder Amerika. Dort sehen wir interessanterweise sehr wenig Emissionen. Da ist die best practise, dass alle Nebenprodukte verbrannt werden, also zerstört werden, bevor sie in die Atmosphäre gelangen."

In China dagegen scheint das keine gängige Praxis zu sein. Der zweitgrößte Teflon-Hersteller dort habe das bestätigt, heißt es in der neuen Studie. Und nirgendwo wird so viel PTFE produziert wie in China. Das Land deckt mehr als die Hälfte des Weltmarkts ab.

Weitere nennenswerte Quellen von F-318 haben die Analytiker auch noch in Russland und in Indien ausgemacht. Diese Emissionen seien ebenfalls viel höher als bisher berichtet. Es wäre also keine Überraschung, wenn F-318 in Kürze zum Dringlichkeitsfall für die internationale Klimapolitik erklärt wird.

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