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StartseiteKalenderblattEin Filmstar für die junge Bundesrepublik05.08.2007

Ein Filmstar für die junge Bundesrepublik

Vor 25 Jahren starb der Schauspieler Dieter Borsche

Er war einer der Hauptakteure der deutschen Film- und Theaterszene der Nachkriegszeit: Dieter Borsche. Zunächst auf die Rolle des gut situierten Bürgerlichen beschränkt, wurde er später zu einem vielseitigen Charakterdarsteller. Am 5. August 1982 starb Dieter Borsche in Nürnberg.

Von Ruth Fühner

Im Theater zeigte sich die Vielseitigkeit des Schauspielers Dieter Borsche. (Stock.XCHNG)
Im Theater zeigte sich die Vielseitigkeit des Schauspielers Dieter Borsche. (Stock.XCHNG)

"’Wie fühlt man sich so im Bewusstsein, Deutschlands Filmdarsteller Nummer eins zu sein?’ - ’Ich müsste schwindeln, wenn ich sagen würde, dass ich mich nicht sehr sehr darüber gefreut habe und, ja, ein bisschen stolz bin.’"

So spontan und gelöst erlebte das Publikum Dieter Borsche selten – und wollte es vielleicht auch gar nicht. Den Bambi als beliebtester Schauspieler des Jahres 1951 bekam er jedenfalls für zwei rührselige Rollen an der Seite von Maria Schell – als "Dr. Holl" verliebt in eine sterbenskranke Patientin, in "Es kommt ein Tag" als deutscher Korporal, der sein Leben lässt in Kriegs- und Liebeswirren. Fortan galten er und die Schell als Traumpaar des deutschen Kinos – auch wenn es bei diesen beiden gemeinsamen Auftritten blieb.

Traumhaft fern von der Wirklichkeit lagen auch die meisten anderen Filme, die Borsche in den Fünfziger Jahren zu Blockbustern machte: "Sündige Grenze" hießen sie, "Herz der Welt" oder "Die große Versuchung". Darin war Borsche, geboren 1909 in Hannover als Sohn eines Kapellmeisters und einer Oratoriensängerin, zuverlässig auf den distinguierten Herrn abonniert. Auf Männer, wie sie sich das materialistische Wirtschaftswunderdeutschland als noble Feigenblätter wünschte: edel, hilfreich und gut und am liebsten in schicker Berufskleidung – als Arzt, Geistlicher oder Offizier. Und auch wenn Borsche später, wie hier in Hans Magnus Enzensbergers Hörspiel vom Untergang der "Titanic", doch einmal als Subalterner auftrat, dann garantiert auf dem Erste-Klasse-Deck:

""Wir setzen jetzt unsere Führung fort und gelangen in den Palmensaal, der Verwendung findet für kleinere Bälle. Die herrlichen Wandgemälde sind eigens angefertigt für die Titanic – von einem bekannten Salonmaler im orientalischen Stil.""

Doch die "deutsche Borschenherrlichkeit" der pathetischen Melodramen, in denen Borsche die bestmögliche Figur machte, ging ihm bald selbst auf die Nerven. Als erstes wagte Borsche den Ausbruch aus dem Gentleman-Image. Dass er dabei als zwielichtiger Schurke in Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmen landete, spricht weniger gegen ihn als gegen eine Filmepoche, die kurz darauf als "Opas Kino" im Orkus verschwinden sollte. Dass es ihm nicht genauso ging, verdankte Borsche seinem ausgeprägten Hang zum Theater, den er nie verleugnet hatte:

"Der grundlegende Unterschied zwischen Film und Bühne ist ja der, dass im Theater das Publikum gezwungen wird, selbst künstlerisch mitzuarbeiten. Diese Verbindung ist so etwas wie ein Kraftstrom und etwas sehr Schönes, sie gelegentlich, so wie in meinem Fall, wieder zu erleben."

In den 60er Jahren begann Dieter Borsches zweite große Karriere: als Charakterdarsteller. An Erwin Piscators Berliner Volksbühne spielte er in den wichtigsten Uraufführungen des neuen Dokumentartheaters: in Hochhuths "Stellvertreter", Kipphardts "In der Sache J. Robert Oppenheimer" und in der "Ermittlung" von Peter Weiss. Auf einmal bekam Borsches natürliche Autorität Biss, und die für ihn so typische Zugeknöpftheit gewann eine neue, machtpolitische Bedeutung. Borsche hatte, trotz seiner Ausbildung als Tänzer, etwas Unbeugsames, preußisch Steifes, das wohl ebenso von einer schweren Kriegsverletzung herrührte wie von dem Muskelschwund, der diagnostiziert wurde, als er 25 war. Den Psychiater in Peter Shaffers "Equus" spielte er 1974 im Rollstuhl; danach arbeitete er, bis zu seinem Tod am 5. August 1982, nur noch vor dem Mikrophon. Seine hochkultivierte Sprechkunst charakterisiert nichts besser als dieser von ihm selbst gelesene Ausschnitt aus Walter Benjamins Essay "Das Taschenbuch":

""Ist es nicht schon die halbe Kunst der Berichterstattung, das Geschehen von Erklärung freizuhalten? Und sind darin die Alten nicht vorbildlich, die das Geschehen sozusagen trockenlegten, indem sie alle psychologische Begründung und alle Meinung daraus ablfließen ließen? Seine eigene Geschichten jedenfalls hielten sich von überflüssigen Erklärungen frei, ohne dadurch, wie mir schien, zu verlieren.""

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