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StartseiteKalenderblattEin freier Geist30.05.2013

Ein freier Geist

Zum 100. Geburtstag des tschechoslowakischen Germanisten Eduard Goldstücker

Eduard Goldstücker hat die großen politischen Umbrüche im Europa des 20. Jahrhunderts erlebt. Vor 100 Jahren in der Nordslowakei geboren, floh er 1939 vor den Nazis nach England und kehrte nach dem Krieg in die Tschechoslowakei zurück. Der Einmarsch der Warschauer Paktstaaten 1968 trieb ihn zum zweiten Mal in die Emigration.

Von Doris Liebermann

Eduard Goldstücker, aufgenommen im Mai 1993 in Prag. (picture alliance / dpa / CTK Dolezal)
Eduard Goldstücker, aufgenommen im Mai 1993 in Prag. (picture alliance / dpa / CTK Dolezal)

Als Eduard Goldstücker am 30. Mai 1913 in dem kleinen nordslowakischen Dorf Podbiel als Sohn einer armen Familie geboren wurde, herrschte noch ein Kaiser über das Vielvölkerreich Österreich-Ungarn. Goldstücker sprach Slowakisch, später lernte er Ungarisch, Hebräisch und Deutsch. Als er in die Schule kam, lag die Habsburger Monarchie schon in Trümmern, ein unabhängiger tschechoslowakischer Staat war entstanden:

"Die Schule begann mit einem katholischen Gebet. Vaterunser und Ave Maria. Am ersten Morgen stand alles auf, faltete die Hände und begann zu beten. Und ich fühlte mich plötzlich ausgenommen. Ich war das einzige jüdische Kind in dieser Schule."

Nach dem frühen Tod des Vaters 1924 zog die Familie nach Kaschau, weil die Schwester dort eine Anstellung gefunden hatte. Ursprünglich wollte Goldstücker Medizin, Mathematik oder Physik studieren, - bis er in einem Kaschauer Antiquariat eine Heine-Ausgabe entdeckte:

"An Heine war, dass er mir zum ersten Mal das lebendig, kraftvoll brachte, was ich mir definiert habe als der freie Geist, der alles sehr ernst nimmt, aber die Möglichkeit nicht aufgibt, auch das Ernstgenommene ironisch entgegenzusetzen oder satirisch zu behandeln. Diese große Freiheit. Das war ein Erlebnis, dass ich alle Studienpläne aufgab und beschloss, Germanistik zu studieren."

1931 ging er zum Studium nach Prag, kam in Kontakt mit kommunistischen Kreisen und trat der KPC bei.

Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen 1939 in die Tschechoslowakei flohen Goldstücker und seine Frau Marta über Polen nach England. In Oxford beendete er sein Studium, promovierte, arbeitete dann für die tschechoslowakische Exilregierung in London und wurde 1944 Kulturattaché an der Botschaft in Paris. Nach dem Krieg kehrte er nach Prag zurück, von 1949 bis 1951 war er der erste tschechoslowakische Gesandte in Israel. Dann musste er zurück - eine Falle.

Im Zusammenhang mit den stalinistischen Prozessen gegen die ehemalige Parteispitze wurde der Diplomat im Dezember 1951 verhaftet, 18 Monate in Isolationshaft gehalten und wegen angeblichen Hochverrats, Spionage und staatsfeindlicher Verschwörung zu lebenslanger Haft verurteilt - der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe.

Goldstücker: "Stellen Sie sich einen Menschen vor, der angeklagt wird wegen Verbrechen, die das Todesurteil vorgeschrieben haben im Gesetz, ohne je etwas Derartiges getan zu haben. Ohne einen illoyalen Gedanken je gehabt zu haben. ... Sie werden so lange bearbeitet, dass sie entweder daran zugrunde gehen oder sich beugen dem, was man ihnen aufzwingt."

Goldstücker hat diese furchtbare Zeit in seiner Autobiografie mit dem mehrdeutigen Titel "Prozesse" beschrieben, auch die Zwangsarbeit, die er im Gefängnis Leopoldov und in den Urangruben von Jachymov leisten musste.

1956 wurde er rehabilitiert und durfte als Germanist an der Karls-Universität lehren. Sein Spezialgebiet war die Prager deutsche Literatur. 1963 gehörte er zu den Initiatoren einer berühmten Konferenz über den damals im Ostblock noch weitgehend verfemten Franz Kafka. Diese Konferenz auf Schloss Liblice gilt als Auftakt der demokratischen Erneuerungsbewegung, die als Prager Frühling in die Geschichte einging.

"Nach ihr konnte man die Unterdrückung von Kafkas Werk nicht mehr rechtfertigen und ebenso wenig - und das war der weitreichende Nebeneffekt - die von Literatur überhaupt."
Aus Goldstücker: "Prozesse"

Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings floh Goldstücker erneut ins Exil nach England.

Die Samtene Revolution von 1989 ermöglichte es ihm, wieder nach Prag zurückzukehren. Dort war er ein kritischer Beobachter der marktwirtschaftlichen Entwicklung, und er bedauerte die Teilung seines Landes in Tschechien und die Slowakei.

Eduard Goldstücker starb am 23. Oktober 2000 in Prag.

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