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StartseiteEine Welt"Ein ganz normales Leben ..."21.02.2009

"Ein ganz normales Leben ..."

Agent Orange und seine Folgen

Das Herbizid mit dem militärischen Codename Agent Orange wurde erstmals 1963 durch die US Army zur Entlaubung von Wäldern eingesetzt. Das Entlaubungsmittel sollte die Nachschubpfade der Vietcong im dichten Dschungel freilegen. Doch das Herbizid war mit einem toxischen Dioxin verunreinigt.

Von Barbara Kerneck

US-Soldaten 1965 in Vietnam (AP Archiv)
US-Soldaten 1965 in Vietnam (AP Archiv)
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Über 25.000 vietnamesische Dörfer wurden während des Vietnamkrieges in den sechziger und siebziger Jahren von amerikanischen Flugzeugen aus mit Agent Orange besprüht. Noch heute leidet das Land unter den Folgen. Über 4 Millionen Menschen kamen damals direkt mit dem Gift in Kontakt, etwa 3 Millionen davon erkrankten schwer. Jetzt appelliert die Vietnamesische Vereinigung der Opfer von Agent Orange an US-Präsident Barack Obama.

Im "Freundschaftsdorf" 40 km vor Ha Noi liegen Matratzen und Teddybären neben drei uralten Hunden in der Sonne. Die Anlagen werden geharkt, die einstöckigen Villen im mediterranen Stil mit ihren schweren Fensterläden in Ordnung gebracht. Noch im November hatte die Region unter einem Tsunami gelitten. Das Wasser hatte im Erdgeschoss gestanden und das gesamte Gelände überflutet. Noch laufen die Reparaturarbeiten.

Im "Freundschaftsdorf" leben 120 Kinder und Jugendliche. Sie werden hier aufgepäppelt, medizinisch versorgt und ausgebildet. 120 von schätzungsweise 200.000, die noch in dritter Generation als Opfer von Agent Orange gelten. Die Gene ihrer Großeltern oder Eltern wurden beim direkten Kontakt mit dem Gift geschädigt. Sie selbst kamen mit Missbildungen zur Welt.

In der vietnamesischen Gesellschaft gilt jede Abweichung von der Norm noch als Schande. In den Dörfern werden solche Kinder oft aus Mangel an besserem Wissen sich selbst überlassen. Die Sonderpädagogik steckt noch in den Kinderschuhen.

Pham Thi Long: "Als ich hörte, dass das Dorf gegründet wurde, kam ich hierher, weil ich gern Hausmutter werden wollte. Zuerst fand ich es gar nicht so einfach. Ich brauchte etwas Zeit, um zu allen Kindern den richtigen Kontakt aufzubauen. Schließlich hat jedes Kind seinen eigenen Charakter."

Pham Thi Long, eine große, schlanke, Braunäugige, der man ihre 50 nicht ansieht, betreut eine Gruppe von 18 Jungen und Mädchen im Alter von 8-12 Jahren. Sie lebt mit ihnen zusammen, teilt ihre Sorgen, putzt und wäscht für sie.

Pham Thi Long: "Was ich den Kindern an Gefühlen entgegenbringe, das geben sie mir auch wieder zurück. Ich habe selbst drei Kinder, deshalb habe ich viel Erfahrungen damit. Drei Söhne und drei Enkelkinder. Ich habe keinen Beruf erlernt, aber hier als Hausmutter konnte ich mich fortbilden, zum Beispiel im Umgang mit Gehörlosen oder in der Versorgung von Kranken."

Zur Gruppe gehören Kinder in verschiedenen Stadien der Behinderung. Da liegt ein Zehnjähriger auf seinem Bett, dessen Arme und Beine nur Haut und Knochen sind. Er ist inkontinent, geistig behindert und kann sich ohne fremde Hilfe nicht erheben. Aber auch dieser Junge lächelt uns Neuankömmlingen an.

Viele im Dorf sind taubstumm, manche davon hochbegabt, sie zeichnen sich in der EDV-Klasse aus. Wer "nur" gehbehindert ist oder "nur" missgebildete Hände hat, dem stehen hier viele Möglichkeiten offen. Jungen und Mädchen werden auch im Nähen unterrichtet, im Sticken sowie im Herstellen und Arrangieren von Kunstblumen. Viele lernen hier, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. So zum Beispiel ein Achtjähriger, dessen missgebildete Beinchen gerade operiert wurden.

Er heißt Duc und kommt aus Hathai. Acht Jahre ist er alt. Vor einem Jahr ist er ins Dorf gekommen, noch ängstlich, heute ist er froh hier zu sein. Duc mag es zu rechnen und zu schreiben, später möchte er Arzt werden.

Was Duc's Lieblingsessen ist, verstehen sogar wir Deutschen:

"Gaa, - Gaa""

Ga heißt Huhn. Heute hat es schon Mittagessen gegeben und beim Abtrocknen des Geschirrs werden die Töpfe zu Instrumenten.

Drei volle Mahlzeiten für jedes Kind kann sich heute nicht jede vietnamesische Familie in der Provinz leisten. Und wenn dann noch der Spross wegen einer Behinderung im ländlichen Familienbetrieb nicht mitarbeiten kann, kommt das einer Katastrophe gleich. Dang Vu Sung leitet das "Freundschaftsdorf". Bislang hat er noch alle Kinder satt bekommen. Doch nach der Flut, von deren Ablagerungen der Hof gerade gesäubert wird, wird das schwerer sein. Zerstört ist auch der in mehreren Jahren entwickelte Biogarten.

"Zuletzt brauchten wir vier Millionen vietnamesische Dong (etwa 170.000 Euro) pro Jahr für den Unterhalt der Kinder, aber da wir jetzt nach der Flut hier viel reparieren müssen, wird es diesmal nicht reichen."

Und noch eine Sorge hat Herr Sung. Auch ausgebildet lassen sich die, die irgendwann einmal das Dorf verlassen müssen, nur schwer vermitteln.

"Zwanzig Kinder und Jugendliche haben wir schon im Kunstblumenhandwerk ausgebildet, über 20 als Sticker und 100 in der Nähwerkstatt. Davon haben fünfzehn später Jobs in Fabriken gefunden, die meisten aber machen jetzt in ihren Familien Heimarbeit."

Sehr überzeugt von ihrer Zukunft wirkt die 25-jährige Thoom. Wie viele hier ist sie im Wachstum zurückgeblieben, blitzt aber vor Geistesgegenwart. Man muss schon genau hinsehen, um ihre Behinderung zu entdecken. Fließend dirigiert sie den Stoff unter dem Füßchen der Nähmaschine hindurch und hat doch weder Finger noch Zehen.

"Mein Vater war Soldat und hatte selbst eine Dioxin-Vergiftung. Dann hat er gehört, dass hier Kindern wie mir geholfen wird. Bei meinen Eltern konnte ich nur beim Kochen und Aufräumen helfen. Hier habe ich einen Beruf und viele Freunde, die in der selben Situation wie ich sind. Wir haben hier zwei Gruppen. In der ersten Gruppe können die Schüler schon selbst Kleidung herstellen. Wir entwerfen und schneidern Kleidung für Kriegsveteranen. Jetzt vertrete ich die Lehrerin, weil sie ein Kind bekommen hat."

Thoom strahlt. Sie hat hier nicht nur einen Beruf gefunden, sondern auch eine Berufung. Von ihrem guten Geschmack zeugt ihre eigene Kleidung, ein schwarz- und smaragdfarbenes Trägertop, unter dem das passende Shirt hervorblitzt.

Die Lehrlinge in der Werkstatt verdienen umgerechnet 15 Euro Taschengeld pro Monat, in Vietnam ist das allerhand. Am Abend fahren die Teenager aus dem Freundschaftsdorf lachend mit Fahrrädern auf die Landstraße hinaus. Sie kehren immer zurück. Denn sie halten es für ein Privileg, was ihnen hier winkt, im Unterschied zu vielen ihrer Leidensgenossen draußen: ein ganz normales menschliches Leben.

Tran Xuan Thu: "Unsere erste und unsere zweite Klage wurde 2004 von den Gerichtshöfen in den USA abgewiesen. Jetzt klagen wir vor dem Obersten Gerichtshof."

Tran Xuan Thu ist Chemieprofessor und zugleich Generalsekretär der "Vereinigung der vietnamesischen Opfer von Agent Orange", abgekürzt VAVA. Die Vereinigung hatte vor fünf Jahren die Herstellerfirmen des giftigen Entlaubungsmittels auf Entschädigung verklagt, unter anderem den Chemiekonzern Monsanto - mit negativem Bescheid. Die USA selbst - als einst kriegsführende Partei im Vietnamkrieg - kann VAVA vor einem ihrer eigenen, also amerikanischen, Gerichtshöfe nicht verklagen, das ist aus juristischen Gründen nicht möglich. Deshalb gehen Tran Xuan Thu und seine Vereinigung einen anderen Weg. Sie haben einen Brief geschrieben, an Amerikas neuen Präsidenten, Barack Obama, persönlich.

"Wir hoffen, dass während Ihrer Präsidentschaft, inspiriert vom - wie Sie es nennen - 'Geist des notwendigen Wandels', die Beziehung zwischen Vietnam und den Vereinigten Staaten gestärkt wird. Wir würden uns über Fortschritte bei der Heilung der Kriegswunden freuen. Die Leiden der vietnamesischen Überlebenden von Agent Orange und die Linderung ihrer bitteren Not gehören mit zu Ihren Angelegenheiten."

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