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StartseiteForschung aktuellEin helfender Rüssel08.03.2011

Ein helfender Rüssel

Kooperatives Verhalten bei Elefanten getestet

Zoologie.- Elefanten haben oftmals ein gutes Gedächtnis und gelten allgemein als intelligent. Jetzt haben Wissenschaftler erstmals experimentell überprüft, wie gut die Dickhäuter in der Lage sind, mit Artgenossen zu kooperieren und gemeinsam Aufgaben zu lösen.

Von Michael Gessat

Elefanten werden komplexe soziale Beziehungen nachgesagt.  (Dagmar Röhrlich)
Elefanten werden komplexe soziale Beziehungen nachgesagt. (Dagmar Röhrlich)
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Die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, findet sich nur bei sehr wenigen Tierarten: Bei großen Affen, bei Delfinen, bei Rabenvögeln - und eben auch bei Elefanten, das hatte eine Gruppe rund um den bekannten Verhaltensforscher Frans de Waal 2006 nachgewiesen. Schon damals hatten die Wissenschaftler vermutet, dass ein solches erweitertes Selbstbild eine wichtige Voraussetzung sein könnte, komplexes kooperatives oder emphatisches Verhalten zu entwickeln. Joshua Plotnik von der University of Cambridge:

"Was uns abgesehen von dem Ergebnis des Spiegeltests noch zu unserer jetzigen Studie veranlasst hat, waren die gelegentlichen Berichte darüber, dass wild lebende Elefanten gestürzten Familienmitgliedern helfen oder gemeinsam Junge vor Raubtieren schützen. Diese komplexen sozialen Beziehungen im natürlichen Verhalten der Elefanten ließen uns darüber nachdenken, ihr Kooperationsvermögen in einem kontrollierten Experiment zu untersuchen."

Das Dilemma für die Forscher: Wegen der Größe, des Gewichts und der immensen Kraft der grauen Riesen sind systematische Versuche überhaupt nur mit gezähmten Exemplaren denkbar, die eine langwierige Grundausbildung durchlaufen haben. Dann aber sind die Tiere sehr stark auf ihren Trainer und dessen Kommandos geprägt.

Auch die zwölf Elefanten aus dem "Thai Elephant Conservation Center" in Lampang, die Plotnik für seine Experimente zur Verfügung standen, waren also quasi Profis; versiert in mancherlei Kunststücken zur Touristenunterhaltung. Kein Wunder, dass sie es mit Unterstützung ihrer vertrauten Trainer in gerade einmal einem Tag lernten, eine Plattform mit Leckereien, hinter einem Gitter zunächst außer Reichweite postiert, mit einem Seil zu sich heranzuziehen. Anschließend wurden die Tiere in sechs Paare aufgeteilt, und die eigentlichen Versuche begannen – nun wohlgemerkt ohne weitere menschliche Hilfestellung.

Wiederum ragte ein Seil durch die Gitterstäbe hindurch; nur war das diesmal nicht mehr vorn an der Plattform befestigt, sondern stattdessen frei beweglich um diese herumgelegt. Jetzt warteten also die beiden Enden des einen Seils auf die zu zweit antretenden Tiere. Der entscheidende Punkt bei diesem Aufbau: Nur wenn beide Elefanten gleichzeitig an ihrem jeweiligen Seilende ziehen, bewegt sich der Tisch in Richtung Gitter – und es gibt eine Belohnung für beide.

"Zum Einstieg schickten wir beide Elefanten auch genau gleichzeitig los, aber es ist völlig klar: So kann die Aufgabe auch quasi zufällig erfolgreich bewältigt werden - sie gehen einfach zum Seil und ziehen, schließlich waren sie genau darauf ja trainiert worden. Wir mussten den Versuch also abwandeln, um zu überprüfen: Ziehen die Elefanten nicht, wenn ihr Partner nicht mithilft?"

Die Forscher ließen die Versuchstiere also zeitversetzt auf die Szenerie, anfangs mit 5, schließlich mit 45 Sekunden Abstand. In der überwiegenden Mehrzahl dieser Versuche wartete der erste Elefant auf den zweiten; den Patzer, doch schon einmal allein am Seil zu ziehen, leisteten sich einige Tiere häufiger, und andere seltener. Mit einer dritten Variante des Experiments wollte Plotnik überprüfen, wie sich die Elefanten verhalten, wenn der Partner gar keine Chance hat, mitzuarbeiten: Hier lag ein Seilende unerreichbar jenseits des Gitters, und angesichts dessen drehten manche Tiere direkt wieder ab. Meistens ließen die Elefanten ihr Seilende spätestens dann wieder los, sobald der Partner, der nichts zu greifen gehabt hatte, unverrichteter Dinge weggegangen war.

Statistisch valide sind die Ergebnisse trotz der nur zwölf beteiligten Elefanten, aber auch Joshua Plotnik ist sehr für ausgedehntere Nachfolgestudien - und weist ausdrücklich darauf hin, dass die Untersuchung nichts darüber aussagt, ob die Tiere den Versuchsaufbau und das Problem in einem abstrakten Sinne verstanden haben.

"Ich denke aber, was sie hier anscheinend gelernt haben, ist nicht nur, dass ihr Partner da sein muss, sondern auch, dass er etwas Bestimmtes machen muss. Obwohl das jetzt noch das erste derartige Experiment ist – diese beiden Dinge zusammen scheinen mir zu signalisieren, dass Elefanten bei der Fähigkeit, kooperatives Verhalten zu erlernen, mit Schimpansen auf einer Stufe stehen."

Video der Fachzeitschrift PNAS zu dem Verhaltensversuch

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