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StartseiteMarkt und Medien"Ein im Zweifel linkes Blatt"31.05.2008

"Ein im Zweifel linkes Blatt"

Zum Kauf des "Freitag" durch Jakob Augstein

Trotz der verbreiteten Branchenkrise hat sich die Ost-West-Wochenzeitung "Freitag" bis heute gehalten. Sicherlich war das für Jakob Augstein mit ein Anreiz, das Blatt zu übernehmen. Der Sohn des verstorbenen Spiegelherausgebers Rudolf Augstein will die linke Tageszeitung nun mit einer neuen Redaktionsspitze und neuen Ideen auffrischen.

Von Günter Herkel

Wird sich der "Freitag" nach dem geplanten Relaunch auf dem Zeitungsmarkt besser behaupten? (AP)
Wird sich der "Freitag" nach dem geplanten Relaunch auf dem Zeitungsmarkt besser behaupten? (AP)
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Nach dem Besuch des neuen Besitzers sah man allenthalben entspannte, optimistische Gesichter in den Redaktionsräumen des "Freitag". Ingo Arend, einer der beiden bisherigen Redaktionsleiter.

"Ja, ich glaube, dass wir alle sehr positiv überrascht waren von dem Auftritt von Herrn Augstein und den Leuten, die er hier in die Zeitung mitbringen will. In den letzten Jahren ist ja das Wort Zeitungsübernahme eher mit negativen Assoziationen belastet gewesen, denken Sie an den Fall der "Berliner Zeitung". Und hier ist jetzt jemand aufgetreten, der ein ausgeprägt inhaltliches Interesse an unserer Zeitung an den Tag gelegt hat."

Augstein, der für die "Süddeutsche" und für die "Zeit" schrieb, fahndete schon seit längerem nach einem eigenen, publizistischen Projekt. Als Sprecher der Erbengemeinschaft Augstein war sein Einfluss beim "Spiegel" gering: in der Gesellschafterversammlung des Spiegel-Verlags verfügte er mit seiner Schwester Franziska nicht einmal über eine Sperrminorität.

Augsteins Engagement beim "Freitag" dürfte kein Selbstläufer werden. Der Markt der Wochenpresse gilt als schwierig. Erinnert sei an das Aus für die "Woche" der Verlagsgruppe Ganske vor sechs Jahren. Vorher schon mutierte das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt zum Monatssupplement "Chrismon". Wilhelm Brüggen, Sprecher der bisherigen fünfköpfigen Eigentümergruppe des "Freitag":

"Der "Freitag"" ist im Grunde neben der "Zeit" die einzige Wochenzeitung, die diesen Krisenprozess überlebt hat. Das liegt daran, einerseits, dass der "Freitag" noch nie wesentlich von Werbung abhängig gewesen ist. Am Anfang gab es noch einige Werbeeinnahmen, jetzt sind die so gut wie auf Null gesunken."

Das wird sich künftig ändern. Der neue Geschäftsführer Detlev Hustedt war früher Anzeigenleiter bei der "Woche". Als künftigen Chefredakteur präsentierte Augstein Philipp Grassmann, derzeit Landeskorrespondent der "Süddeutschen" für Berlin und Brandenburg. Weitere Neuerungen: Der vergleichsweise dürftige Online-Auftritt des "Freitag" soll geliftet werden.

Im Gespräch ist auch eine Kooperation mit dem linksliberalen britischen "Guardian". Mit dem Umzug der Redaktion nach Berlin-Mitte stehen im Herbst ein Relaunch und eine Umfangerweiterung des Blattes an. Identität und politisches Profil des "Freitag" sollen indes erhalten bleiben - das hat Augstein den bisherigen Eigentümern und der Redaktion zugesichert.

Ein politisches Profil, das mit "links der Mitte" nur unzureichend beschrieben ist. Noch-Redaktionsleiter Ingo Arend – er begreift seine Ablösung nicht als Degradierung, sondern freut sich darauf, sich künftig verstärkt seinen Arbeitsschwerpunkten Alltag, Kultur und Literatur widmen zu können:

"Wir sagen manchmal dazu: "Die Zeitung des zweiten Gedankens" – ein Wort, das von Günter Gaus stammt. "Hintergrund im Vordergrund" oder eben der berühmte Slogan "Kultur der Politik, Politik der Kultur", die gegenseitige Durchdringung der Sphären, die in den klassischen Medien eigentlich getrennt behandelt werden."

18 Jahre nach der Fusion des Ost-Berliner "Sonntag" mit der westdeutschen "Volkszeitung" begreift sich der "Freitag" noch immer als "Ost-West-Wochenzeitung". Eine Traditionslinie, die man auch unter neuer Regie fortführen will.

"Die Zeitung hat auch einen sehr starken Background in dem, was man vielleicht DDR-Intelligenz, also fortschrittliche, aufgeklärte DDR-Intelligenz bezeichnen könnte. Und das kann man natürlich nicht über Bord werfen. Das gehört zu der Traditionslinie des Blattes, und Augstein hat unterstrichen, dass er all diese Traditionslinien, das Gesellschaftskritische, das Linke, das Kantige, das Eckige, das Ungewöhnliche, das Unorthodoxe, auch das Ost-West-Profil erhalten will."

Der neue Besitzer formuliert knapper: Der "Freitag" werde, um es mit einem großen Publizisten zu sagen, im Zweifel links stehen, sagte Jakob Augstein einer Berliner Tageszeitung "Im Zweifel links", so ähnlich hatte einst Augsteins Vater den politischen Standort des "Spiegel" definiert.

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