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StartseiteInformationen am MorgenKeine russischen Waisenkinder mehr in die USA30.12.2013

Ein Jahr AdoptionsverbotKeine russischen Waisenkinder mehr in die USA

Revanche auf dem Rücken von Waisenkindern - so konnte man das Adoptionsverbot verstehen, das Russland vor einem Jahr für US-Amerikaner verhängte. Inzwischen wurde es auch auf andere Länder ausgeweitet - allerdings mit einer anderen Begründung.

Von Gesine Dornblüth

Mehr als 600.000 Kinder wachsen in Russland ohne Eltern auf. (picture alliance / dpa / Tass Belousov)
Mehr als 600.000 Kinder wachsen in Russland ohne Eltern auf. (picture alliance / dpa / Tass Belousov)
Weiterführende Information

Eine Gesetzesänderung mit Folgen (Deutschlandfunk, Europa heute, 27.09.2013)

Kampf gegen russisches Adoptionsverbot (Deutschlandfunk, Europa heute, 04.03.2013)

"Für Kinder, gegen die Schufte" (Deutschlandfunk, Europa heute, 11.01.2013)

Pavel Astachow hat sich gewappnet. Auf seinem Schreibtisch liegen Zettel mit Tabellen voller Zahlen. Astachow ist der Kinderschutzbeauftragte des russischen Präsidenten. Seit einem Jahr dürfen US-Amerikaner keine russischen Kinder mehr adoptieren. Das besagt das Dima-Jakowlew-Gesetz, benannt nach einem kleinen Jungen aus Russland, den sein Adoptivvater in den USA im Auto vergaß und der dort erstickte. Astachow hat das Dima-Jakowlew-Gesetz mit auf den Weg gebracht.

"Die USA haben viele schwere Schicksale von Adoptivkindern verheimlicht. Wir wissen von 21 russischen Kindern, die in amerikanischen Adoptivfamilien umgekommen sind. In Russland waren es im selben Zeitraum zwölf."

Die vielen Tausend russischstämmigen Kinder, die glücklich und wohlbehalten in US-amerikanischen Familien aufwuchsen, erwähnt Astachow nicht. Er sagt, es sei den russischen Politikern bei dem Adoptionsverbot ums Kindeswohl gegangen. Aleksander Kolesnitschenko, selbst Adoptivvater aus Moskau, findet das zynisch.

"Dieses Gesetz hat mit Kindern nichts zu tun. Es war eine Antwort auf den Magnitskij-Act, der etwa 60 Russen die Einreise in die USA verbot. Unsere Duma-Abgeordneten haben sich erst überlegt, US-Amerikanern, die die Rechte russischer Staatsbürger verletzt haben, die Einreise nach Russland zu verweigern und deren Vermögen in Russland zu beschlagnahmen. Das reichte ihnen nicht. Im letzten Moment haben sie dann noch das Verbot ergänzt, russische Waisenkinder in den USA zu adoptieren."

Russland hat das Adoptionsverbot im vergangenen Jahr noch auf weitere Länder ausgeweitet - allerdings mit einer anderen Begründung. Die Duma hat beschlossen, dass gleichgeschlechtliche Paare keine Kinder adoptieren dürfen. Seitdem genehmigen die Gerichte keine Adoptionen mehr in Länder, in denen es gleichgeschlechtliche Ehen gibt. Recherchen der russischen Zeitung Kommersant zufolge wurden deshalb im letzten halben Jahr allein nach Spanien 500 Adoptionen gestoppt.

Die Amerikaner adoptierten vor allem Kinder, die in Russland keine Perspektive haben: Behinderte und Schwerkranke. Russische Journalisten haben herausgefunden, dass US-Bürger, als das Dima-Jakowlew-Gesetz in Kraft trat, 33 Waisen allein aus einem Kinderheim in St. Petersburg zu sich holen wollten. Dazu kam es nicht mehr. Bis heute hat nur eins dieser 33 Kinder eine Familie in Russland gefunden.

Insgesamt allerdings hat die Bereitschaft der Russen, Kinder zu adoptieren, im letzten Jahr zugenommen. Der Kinderschutzbeauftragte Astachow verbucht das als Erfolg:

"Ich habe hier die Zahlen von 2008 bis 2012. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Adoptionen jedes Jahr um rund 1,5 Prozent gestiegen. Dieses Jahr aber gab es einen Anstieg um 6,7 Prozent. Wir haben durch das Dima-Jakowlew-Gesetz nichts verloren, wir haben nur gewonnen. Unsere Kinder sind bei uns geblieben. Wir müssen uns um sie keine Sorgen mehr machen."

Die russische Regierung will diese Tendenz weiter fördern, will russische Adoptivfamilien besser betreuen, finanzielle Anreize schaffen und das Adoptionsverfahren vereinfachen. Nach Ansicht des Moskauer Adoptivvaters Aleksander Kolesnitschenko ist das bitter nötig.

"Besonders das Gericht, das die Adoption bewilligte, hat bei mir einen extrem beklemmenden Eindruck hinterlassen. Für uns sollte der Tag, an dem der Junge, den wir schon als unseren Sohn betrachteten, auch formal unser Sohn werden sollte, ein Fest sein. Aber die Sitzung wurde vertagt. Der Richter hatte offenbar an dem Tag keine Lust, sich mit uns zu befassen. Und dann gingen auch noch die Papiere verloren." 

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