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StartseiteEine WeltKlaffende Wunde in Sierra Leone18.08.2018

Ein Jahr nach dem ErdrutschKlaffende Wunde in Sierra Leone

Vor einem Jahr starben 1.141 Menschen bei einem Erdrutsch in Freetown. Heftige Regenfälle, menschliches Versagen, Korruption, schwache Regierungsführung? Es werden viele Ursachen für das Unglück in der Hauptstadt des westafrikanischen Landes genannt. Aber die Suche nach den Schuldigen trocknet die Tränen der Hinterbliebenen nicht.

Von Adrian Kriesch

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Malikie Kamara (v.r.) und sein Sohn Daniel (3.v.r.). Der heute Zwölfjährige verlor bei dem Erdrutsch ein Bein und sitzt seitdem im Rollstuhl (Deutschlandradio / Adrian Kriesch)
Malikie Kamara (v.r.) wohnt ein Jahr nach der Katastrophe in einer staatlich zugeteilten Unterkunft. Sein Sohn Daniel (3.v.r.) verlor bei dem Erdrutsch ein Bein. (Deutschlandradio / Adrian Kriesch)
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Für Malikie Kamara ist es ein schmerzhafter Besuch in seiner alten Heimat. Zehn Jahre hat er mit seiner Familie hier in Regent gewohnt, einem Vorort der Hauptstadt Freetown. Kamara erinnert sich noch genau an den 14. August 2017. Im strömenden Regen ging er in den Morgenstunden zur Arbeit – kurz darauf zerstörte der Erdrutsch hunderte Häuser.

Jetzt steht er erneut im Regen und blickt auf den grünen Hügel, wo einst sein Haus stand – die Schlammlawine ist noch immer sichtbar – wie eine braune Narbe in der Landschaft.

Der trauernde Vater

"Letztes Jahr um diese Zeit saß ich noch mit meiner Familie zusammen, wir haben geredet, mit den Kindern gespielt. Und jetzt kann ich sie nicht mal mehr sehen. Keiner hilft mir. Ich leide, das schmerzt so sehr."

Fast die gesamte Familie starb beim Erdrutsch. Seine Frau, zwei Kinder. Die jüngste Tochter Fatima wurde gerade einmal sieben Monate alt. Nur sein Sohn Daniel konnte lebendig, aber schwer verletzt geborgen werden. Der heute Zwölfjährige hat ein Bein verloren, sitzt jetzt im Rollstuhl.

Kamara sagt, er habe das Land von der Gemeinde bekommen – eine offizielle Baugenehmigung gab es jedoch nicht. Wer ist verantwortlich?

Suche nach den Schuldigen

"Die Regierung ist schuld. Wir haben nicht im sogenannten grünen Gürtel gewohnt, der für die Natur vorgesehen ist. Wir haben außerhalb dieses Bereiches gebaut, im als sicher markierten Bereich."

Die staatliche Umweltschutzbehörde sieht das anders – die Gebäude seien illegal gebaut worden. Der neue Chef der Behörde, Foday Jaward, gibt zu, dass in der Vergangenheit jedoch kaum kontrolliert wurde. Offensichtlich gab es Fälle von Korruption.

"Darum sage ich, das ist wegen schwacher Regierungsführung passiert. Niemand hätte dort bauen dürfen."

Wie eine braune Narbe: An dieser Stelle in Freetown verlor Malikie Kamara fast seine ganze Familie, als vor einem Jahr der Hang abrutschte (Deutschlandradio / Adrian Kriesch)Wie eine braune Narbe: An dieser Stelle verlor Malikie Kamara fast seine ganze Familie, als vor einem Jahr der Hang abrutschte (Deutschlandradio / Adrian Kriesch)

Umweltaktivistin wie Haja Sesay sehen aber auch eine Mitverantwortung für die Katastrophe bei den Bewohnern. Sie ist Direktorin einer lokalen Organisation für Klimawandel und Waldschutz. Noch zwei Wochen vor dem Unglück hatte sie die Anwohner vor Ort gewarnt.

"Die Leute haben dort Bäume gefällt – in einem geschützten Wald. Holzkohle wurde produziert. Steine abgebaut. Feuer gemacht. All das hat den Boden geschwächt. Und der schwache Boden ist einer der Gründe für den Erdrutsch." 

Anhaltende Gefahr

Es sind mehrere Faktoren, die zur Katastrophe führten. Bei einer Gedenkfeier für die Opfer wird auch immer wieder der Klimawandel angesprochen: Er bringt immer unregelmäßigere, dafür umso heftigere Regenfälle. Der neue Präsident, Julius Maada Bio, warnt deshalb vor anhaltenden Gefahren:

"Meine Regierung wird pro-aktiv sein und Maßnahmen ergreifen, um solche Unglücke zu verhindern – und nicht nur darauf zu reagieren. Der betroffene Berg und sein Umfeld sind ein geschütztes Gebiet. Jeder, der dort baut, wird strafrechtlich verfolgt – und das Gebäude wird zerstört."

Vor der Kirche sitzen Überlebende der Katastrophe, hören mit gesenkten Köpfen zu. Erst als John Yambasu ans Mikrofon tritt, ändert sich die Stimmung. Der Bischof holt zum Verbalschlag gegen die politische Klasse aus – die Menge jubelt.

"Wir geben Leuten Verantwortung – und sie stopfen sich sofort die Taschen voll, eröffnen Konten und bauen Villen – auf Kosten unserer Nation. Dann umgeben sie sich mit Leuten aus ihrer Familie und von ihrem Stamm, die sie anhimmeln. Solange sein Topf warm ist, ist es ihm völlig egal, wenn andere hungrig sind. Das ist der Grund warum wir hier im Elend leben!"

Das Elend der Opfer

Malikie Kamara und andere Opfer sind unzufrieden. Sie haben vom Staat mittlerweile eine neue Unterkunft zugeteilt bekommen. Sicher – aber eine Stunde Fahrzeit vom Stadtzentrum entfernt. Es gibt keine Wasserversorgung, keine Schule in der Nähe. Und Miete müssen sie trotzdem zahlen.

Auch ein Jahr nach dem Erdrutsch weiß Kamara nicht, wie es für ihn und seinen Sohn weitergehen soll.

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