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StartseiteInformationen am MorgenRusslands schwierige Rechnung mit den Stadien14.06.2019

Ein Jahr nach der Fußball-WMRusslands schwierige Rechnung mit den Stadien

Russland hat vor der Weltmeisterschaft 2018 hohe Summen in den Ausbau seiner Fußball-Stadien gesteckt. Noch werden die teuren Objekte mit Geld aus Moskau unterhalten. In fünf Jahren ist damit Schluss. Dann müssen sich die Arenen finanziell selbst tragen.

Von Thielko Grieß

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Ein Medienvertreter fotografiert eine Visualisierung des WM-Stadions in Rostow am Don (Russland).  (Marcus Brandt/dpa)
Das WM-Stadion in Rostow am Don (Marcus Brandt/dpa)
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Statt Fangesängen summen in diesen Tagen Ventilatoren, so groß wie Lkw-Reifen. Sie wälzen die warme Sommerluft über dem Rasen um. Das Grün soll es gut haben in der Arena von Rostow am Don; es kann in diesen Wochen ein wenig ruhen. Die Saison endete im Mai, die nächste beginnt etwa in einem Monat.

"Wir sehen ein Stadion für 45.000 Zuschauer", sagt Samwel Arakeljan, der Sportminister der Oblast, also der Region Rostow, als er durch die Tür kommt, durch die sonst auch die Spieler auf den Rasen laufen. Arakeljan trägt einen großen Teil der politischen Verantwortung dafür, dass dieses Stadion keine teure Investitionsruine wird. Um es gleich zu sagen: In dieser Millionenstadt im Süden Russlands könnte das gelingen.

Wesentlich mehr Zuschauer als vor der WM

Die Weltmeisterschaft verschaffte der Rostow-Arena, die nach heutigem Kurs rund 270 Millionen Euro gekostet hat, fünf Spiele. Die Mannschaft Islands kam, die Brasiliens, und mit dem Achtelfinale Belgien gegen Japan war dann Schluss.

Die inzwischen gespielte erste Liga-Saison nach der WM beendete der Fußballklub Rostow auf dem neunten Tabellenplatz. Das Stadion aber errang in der russischen Premier-Liga einen zweiten Platz in der Kategorie Besucherzahl. Nur in Sankt Petersburg waren es mehr. Jedes Heimspiel besuchten nach Klubangaben durchschnittlich etwa 31.000 Fans, dreieinhalb Mal mehr als in der Saison vor der WM, damals noch in einem alten, kleineren Stadion.

Der Sportminister: "Bei uns liebt man den Fußball, wir sind ja eine Stadt des Südens."

Die gesamte erste Liga hat laut Verband etwa ein Fünftel mehr Zuschauer angezogen. Die Statistik der Region Rostow zeigt auch: Die Leute sitzen nicht nur in den Stadien.

"2018 haben bei uns in der Region im Vergleich zu 2017 12.000 Menschen mehr Fußball gespielt. Insgesamt zählen wir nun etwa 126.000 Fußballspielende."

Sportkomplex für 18 olympische Sportarten soll entstehen

Sie können nun auf Plätzen und in sechs weiteren Stadien trainieren und spielen, die vor der WM in teils schlechtem Zustand waren. Deren Sanierung ist mit viel Steuergeld aus dem föderalen Haushalt bezahlt worden.

Und auch jetzt wird noch gebaut: Rund um das Stadion soll ein Sportkomplex für 18 olympische Sportarten entstehen. Das föderale Programm "WM-Erbe" trägt in diesem Jahr den gesamten Unterhalt des Stadions, ab dem nächsten Jahr immerhin noch 95 Prozent. Ab dem Jahr 2024 kommt aus Moskau dann kein Geld mehr – weshalb die Region es bis dahin schaffen will, dass sich die gesamte Anlage selbst trägt. Der Minister rechnet vor:

"Etwa eine Hälfte der Einnahmen werden Fußballspiele ausmachen. Und unser Plan ist, dass die zweite Hälfte bis zum Jahr 2024 aus anderen Bereichen kommen wird, einschließlich Ausstellungen, Gastronomie, Hotellerie, Fitness-Zentren."

Ähnliche Businesspläne erstellen die Verantwortlichen in nahezu allen ehemaligen WM-Städten. Und vielleicht geht die Rechnung in Rostow am Don auf. Nikolaj Peschin, stellvertretender Rektor der Russischen Internationalen Olympischen Universität, meint: Die Zusatzverdienste, also das Geschäft zusätzlich zu Heimspielen, seien das Entscheidende. 

"Jedes Stadion wird Schwierigkeiten erleben. Selbst das Stadion Luschniki, in dem in Moskau das Finale gespielt wurde, dort spielt gar keine Klub-Mannschaft. Dort finden nur große Spiele statt: UEFA-Begegnungen, oder wenn die Nationalmannschaft spielt."

Kleinere Regionalstädte ohne Hauptstadt-Bonus

In Moskau rechtfertigt man diese Kosten: London hat sein Wembley, und wir haben unser Luschniki. Doch daneben gibt es kleinere Regionalstädte ohne Hauptstadt-Bonus und ohne erfolgreiche Fußballklubs, etwa Saransk, Kaliningrad oder Nischnij Nowgorod. Es ist fraglich, ob dort die nötigen Einnahmen generiert werden können. Es könnte daher gut sein, dass diese Anlagen dauerhaft auf Geld aus Moskau angewiesen bleiben.

Daran wird auch der Ska-Rock von "Leningrad" nichts ändern.

Die populären Musiker touren gerade durch russische Städte und füllen auch ehemalige WM-Stadien, denen das im Liga-Betrieb fast nie gelingt. Dann herrscht auch in diesen Arenen wieder so gute Laune wie vor einem Jahr. Aber eben nur einen Abend lang.

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