Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Donnerstag, 13.12.2018
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteHintergrundEin Kampf an vielen Fronten20.02.2007

Ein Kampf an vielen Fronten

Frauen im afghanischen Parlament

Afghanische Parlamentarierinnen sind begehrte Gäste auf internationalen Kongressen und Seminaren. Im Westen werden sie als Aushängeschilder einer neuen afghanischen Demokratie präsentiert. Doch die Realität im politischen Alltag des Landes sieht anders aus.

Von Martin Gerner

Mit Burkas bekleidete afghanische Frauen prüfen auf einem Markt in Kabul die Ware eines Bananen-Verkäufers. (AP Archiv)
Mit Burkas bekleidete afghanische Frauen prüfen auf einem Markt in Kabul die Ware eines Bananen-Verkäufers. (AP Archiv)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Ein Staatsgast aus Litauen besucht das afghanische Parlament. Der rote Teppich ist ausgerollt. Die Blaskapelle sucht, man hört es, den richtigen Ton. Vieles im Protokoll wirkt noch etwas improvisiert.

"Es gibt keine festen Mitarbeiter, ich habe immer noch kein eigenes Büro, keine der Fortbildungen hat mir gezeigt, wie ich mich auf meine Ausschusssitzungen optimal vorbereiten kann."

Shinkai Karokhail ist Abgeordnete aus der Provinz Kabul. Die 40-jährige Familienmutter trägt unauffälliges Make-up und einen dicken Wollmantel. Wir sind in einem Empfangsraum des Parlaments. Es gibt mal wieder keinen Strom an diesem Morgen. Shinkai nennt sich eine Frauen-Aktivistin. In Pakistan, im Exil, hat sie vor Jahren eine Organisation für die Rechte von Frauen gegründet. Ihr Vater, sagt sie, sei ein Stammesführer gewesen. Sehr konservativ, sagt sie, aber auch clever:

"Wo ich aufgewachsen bin, durften Mädchen nicht zur Schule. Mein Vater hat es trotzdem ermöglicht. Er hat rumerzählt: Ach, meine Töchter gehen nur bis zur dritte Klasse in den Unterricht, dann ist Schluss. Als es soweit war, hat er Papiere besorgt, und wir konnten bis in die sechste Klasse. Später haben wir immer über die Hintertür das Haus verlassen, damit die Stammesältesten, die zu Besuch waren, uns nicht sahen. Es wäre für sie nicht akzeptabel gewesen, und für meinen Vater ein Risiko. So aber hat mein Vater alle zufrieden gestellt: Den Stamm hat er nicht verärgert, und uns hat er die Schule ermöglicht."

Shinkais Blick ist selbstsicher, und Selbstvertrauen braucht es auch im Parlament in Kabul. Die neue Demokratie hat die Verhältnisse nicht über Nacht verändert. Im Gegenteil:

"Als Abgeordnete muss ich reihenweise Beleidigungen über mich ergehen lassen. Männer rufen mir 'Prostituierte' nach. Sie denken: eine Frau, die den Mund aufmacht, hat keine Ehre und entspricht nicht der Tradition. Sie wünschen sich, dass du unter einem großen Kopftuch verschwindest, die Klappe hältst und tust, was sie verlangen. Das sind ihre Werte. Sonst bist du in ihren Augen ohne Ehre. Eine moderne Frau, die aber keinen Respekt genießt."

Wie viele Männer im Parlament denken so?

"Ehrlich gesagt: mehr als 25, nein, mehr als 50 Prozent. Ein Teil kritisiert uns natürlich nicht offen, wegen der neuen Verhältnisse. Sie behaupten, Frauen zu unterstützen, aber insgeheim denken sie anders."

Die Tür geht auf.

"Das ist einer der Mullahs, die gegen mich sind. Das ist einer der Mullahs im Parlament. Manchmal ist er gegen uns. Wenn er für uns ist, dann schreibe ich ihm Dankesbriefe. Dann fühlt er sich geschmeichelt und denkt: Oh, ein Dankesbrief von einer Frau, und er sagt. 'ich bin auf Ihrer Seite', und ich sage, 'schauen wir mal, wir zählen auf Sie'."

Patriarchat und Tradition als Ursache des Übels? Soweit stimmt das Klischee von Afghanistan. Aber es ist noch etwas komplizierter. Am Schlimmsten ist es, mit anzusehen, wie sich die Frauen im Parlament gegenseitig bekämpfen, klagen einige der Befragten übereinstimmend, angestiftet von männlichen Abgeordneten:

"Viele Männer im Parlament versuchen, die Frauen zu benutzen für ihre Erfolge. Sie sagen zum Beispiel: Du bist aus dem Norden. Wie kannst du einer Frau aus dem Süden zustimmen? Sie versuchen zu spalten: nach Geschlecht, nach regionaler oder sprachlicher Zugehörigkeit oder nach politischen Parteien. Bisher haben sie Erfolg damit, einige von uns emotional zu erpressen."

Eine europäische Beobachterin in Kabul, die sich eng mit dem Thema befasst, erklärt die Vorgeschichte:

"Es heißt nicht, dass die weiblichen Abgeordneten auch progressiv sind. Da gibt es viele, die sind auch konservativ. Und die gehen mit in dieses Spiel der Mujahedeen. Viele sind auch ins Parlament gekommen, weil die Mujahedeen das gewollt haben, die Frau oder Tochter oder die Nichte eines Commanders. Also, die werden dann auch ganz in der Zange gehalten, und die können nicht viel."

Hier wird die über Jahrzehnte gewachsene Verbindung sichtbar zwischen Gewalt, Scham und Tabu im Verhältnis von Mann und Frau, gegen die auch eine Wahl mit demokratischen Vorzeichen so schnell nichts ausrichten konnte, eine Verbindung, die man in der Provinz häufiger erlebt als in Kabul. Die internationale Beobachterin, die anonym bleiben möchte, erzählt vom vergangenen Jahr:

"Im Januar, da ist dann diese Diskussion aufgekommen, da hat es geheißen, dass die weiblichen Abgeordneten nicht ins Ausland reisen können, ohne einen engen Verwandten mitzunehmen, also ein männliches Mitglied ihrer Familie, ob Ehemann, oder Bruder oder ältester Sohn oder so. Glücklicherweise ist es nicht zu einer Abstimmung gekommen, weil ich denke, dass es sonst verboten worden wäre. Und da gab es doch einige der Frauen, die damit einverstanden waren, dass man das so regeln müsste. Und eine habe ich damals gehört, die hat in einem Interview gesagt: 'Ich bin nicht damit einverstanden, dass wir ohne unsere Familie nicht reisen können, aber das kann ich nicht laut sagen, weil meine Wähler in der Provinz das nicht verstehen würden.' Also, ich glaube, dass das große Problem die soziale Kontrolle ist, auf allen Ebenen."

So relativiert sich die Quote von einem Viertel Frauen im Parlament als das, was sie auch ist: ein Import aus dem westlichen Ausland, der mit einer bestimmten Erwartung einherging:

"Wir Internationalen haben die Illusion gehabt am Anfang, weil es schon etwas Spezielles war, dass so viele weibliche Abgeordnete dank des Wahlrechts ins Parlament gewählt worden sind, dass die einen Block formen würden. Das tun sie aber nicht. Ich denke, es gibt viel Jalousie, also Neid zwischen den Damen, weil man immer dieselben Abgeordneten fragt, um ihre Meinung zu geben. Und man sollte, glaube ich, die Basis ein bisschen breiter machen."

Afghanische Parlamentarierinnen sind begehrte Gäste auf internationalen Kongressen und Seminaren. Im Westen werden sie als Aushängeschilder einer neuen afghanischen Demokratie präsentiert. Wer gut Englisch spricht, wird häufig auf Reisen eingeladen.

"Ich bin Gulahar Jalal aus der östlichen Provinz Kunar."

Gulahar Jalal spricht kein Englisch. Sie gehört nicht zu jenen Abgeordneten, um die sich die ausländischen Medien reißen, wenn mal wieder ein prägnantes Zitat gefragt ist.

"Ich bin die Witwe eines ehemaligen Mujaheds, eines Kämpfers im Krieg gegen die sowjetische Besatzung. Als er starb, habe ich ein Waisenhaus in Kunar gegründet. Die Leute haben mir wegen meiner Arbeit getraut und mich ermutigt, für das Parlament zu kandidieren. So konnte ich mich gegen zehn Konkurrentinnen durchsetzen. Ein weiterer Grund zu kandidieren war, dass ich etwas bewegen will in der Provinz Kunar."

Während des gesamten Wahlkampfes in ihrer Provinz hat Gulahar Jalal die Burka getragen. In Kabul, sagt sie, genieße sie es, ohne Burka herumzulaufen

"Als Frau eines Mujaheds habe ich einen Vorteil gegenüber meinen anderen Kolleginnen. Die Männer im Parlament gehen rücksichtsvoller mit mir um, weil sie die Ehre meines verstorbenen Mannes respektieren."

Für die 68 weiblichen Abgeordneten gibt es hinter dem Parlamentsgebäude ein eigenes Women's Trainings Center. Die meisten Schulungen werden von den Vereinten Nationen angeboten oder mit Hilfe der US-Entwicklungshilfe: Englisch- und Computerkurse, Internet-Recherche, Grundwissen über das Funktionieren des Parlaments

"Für die Fortbildungen habe ich wenig Zeit. Da ist mein Kind, und ich habe meinen Wahlkreis mit vielen Anfragen und Leuten, die zu mir kommen."

Die Kurse seien längst nicht immer auf ihre Bedürfnisse abgestimmt, bemängeln mehrere Abgeordnete. Für die Arbeit in den Kommissionen fehlten spezifische Angebote. Einzelnen deutschen Hilfsinitiativen wird von den Befragten dagegen ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Zaghaft versuchen die Frauen, politische Gegengewichte aufzubauen. Die Parlamentarierinnen treffen sich einmal in der Woche. Die eine oder andere plant zusammen mit männlichen Kollegen eine neue Bewegung im Parlament. Aber Parteien oder Fraktionen hiesigen Zuschnitts gibt es nicht. Vieles geschieht im Verborgenen:

"Es scheint, dass es drei Gruppen gibt. Aber manche Leute sagen: 'Ich bin da auf der Liste, aber ich bin damit nicht einverstanden.' Manche sind auch auf zwei, drei verschiedenen Listen - also, das funktioniert noch nicht. Die Leute, die wir als Demokraten betrachten würden, sind nicht alle untereinander miteinander einverstanden. Da gibt es immer das Problem, dass es zu viele Leute gibt, die sich als Leiter profilieren möchten. Und dann ist es ein großes Problem, um 21 zusammenzubringen, das Minimum, um eine Gruppe zu formieren."

Immerhin: In drei Parlamentsausschüssen, darunter dem für Menschenrechte, sitzen ausschließlich Frauen. Aber haben sie auch die Macht? So wie die unabhängige afghanische Menschenrechtskommission hat auch der entsprechende Parlamentsausschuss bisher wenig Entscheidungskompetenz. In den drei Ausschüssen bleiben die Frauen unter sich. Im Ausschuss für Verteidigung oder zur Drogenbekämpfung sitzt dagegen keine einzige Frau. Ein windiger Kompromiss unter Billigung der internationalen Akteure, wie es scheint. Shinkai Karokhail sieht dennoch Fortschritte:

"Wir waren auch erfolgreich in diesem ersten Jahr. Zum Beispiel gibt es ein neues Strafrecht mit Erleichterungen für Frauen, die in Haft sind. Schwangere dürfen dort jetzt offiziell Hilfe beanspruchen, für ihre Kinder muss gesorgt werden, und der Zugang der Frauen zu Medien im Gefängnis wurde erleichtert."

Nicht alle Frauen haben eine eigene politische Agenda, aber im Gegensatz zu einigen Männern im Parlament sind sie alle zur Schule gegangen. Internationale Akteure sprechen gerne von Gender-Projekten als Ausdruck von Fortschritt. Wenigen Parlamentarierinnen geht das Wort fließend über die Lippen. Kann Gender-Politik etwas an den realen Machtverhältnisse ändern?

"Die Warlords sind Teil des Systems. Wie sollen wir sie los werden? Das Parlament kann das nicht. Das Beste, was die internationale Gemeinschaft tun kann, ist, Präsident Karsai zu unterstützen. Ich kann Karsai nicht kritisieren, denn die Warlords sind ihm von den internationalen Akteuren aufgezwungen worden, von der US-geführten Koalition, die geglaubt hat, die Warlords seien die einzige Alternative zu den Taliban. Aber das sind sie nicht. Die afghanische Bevölkerung hat sich längst von ihnen verabschiedet. Und das Ausland hat Afghanistan nicht so unterstützt, wie ich mir das wünschen würde. Wir haben viel weniger Geld erhalten als zum Beispiel das Kosovo oder Ost-Timor. Im Vergleich dazu ist hier so gut wie nichts angekommen."

Eine Einschätzung, die von nicht wenigen Afghanen geteilt wird. Schwierig wird es für die Frauen immer, wenn Männer im Parlament Religion und bestehende Traditionen gegen sie ins Feld führen - doppelt. Zwangsheirat und häusliche Gewalt: Beides ist nach Meinung konservativer Amtsträger religiös wie rechtlich legitimiert. Shinkai Korokhail argumentiert dagegen:

"Es gibt Wege, wie wir den Islam zu unseren Gunsten nützen können. Nirgendwo steht geschrieben, dass Frauen ohne Grund geschlagen werden dürfen."

Eine echte Hilfe, so Shinkai Korokhail, seien Treffen mit Abgeordneten aus anderen muslimischen Ländern, wie unlängst durch Mithilfe der Heinrich-Böll-Stiftung eine Begegnung mit ägyptischen und malaysischen Parlamentarierinnen:

"In Afghanistan muss eine Frau zum Beispiel, wenn sie die Scheidung will, befürchten, die Kinder an den Vater zu verlieren: den Jungen mit sieben Jahren, das Mädchen mit neun. In Ägypten darf eine Frau ihr Kind in einem solchen Fall bis zum 15. Lebensjahr behalten. Das ist eine konkrete Verbesserung für eine Mutter. Wenn sie weiß, dass sie ihr Kind erst mit 15 verliert, wird sie sich eher die Scheidung zutrauen. Warum machen wir das bisher in Afghanistan nicht? Natürlich, weil wir fürchten müssen, unsere Kinder zu verlieren. Oder nehmen sie die Polygamie, das Recht, mehrere Frauen zu ehelichen. Selbst gebildete Männer in Afghanistan nehmen sich eine zweite oder dritte Frau. Also die Frage lautet, was können wir da tun, wie können wir es den Männern schwerer machen?"

Shinkai Karokhail trommelt unter ihren Kolleginnen für ein Treffen bei Präsident Karsai. Sie suchen seine Unterstützung für den Posten einer ersten Frau an Afghanistans Höchstem Gericht. Ende Januar, immer noch im tiefen Winter, will das Parlament dann seine Arbeit wieder aufnehmen

"Es wird interessant sein im Januar, beim Anfang der neuen Sitzungen, dann müssen die Ausschussvorsitzenden neu gewählt werden. Bis jetzt gab es in der wolesi jirga drei Frauen als Ausschussvorsitzende. Wir werden mal sehen, ob es vielleicht fünf werden dieses Mal oder weniger als drei. Ich denke, dass das eine Idee gibt, über den Platz der Frauen im Parlament."

Nur noch wenige wagen es derzeit, eine optimistische Prognose für Afghanistan abzugeben, auch was die Zukunft des Parlaments angeht. Aber wann ist dieses, wann sind seine Frauen am Ziel? Wenn die Verhältnisse unseren Maßstäben ähneln oder wenn die Afghanen ihren eigenen Weg gefunden haben? Wenn es stimmt, was diese Beobachterin sagt, dann haben die internationalen Akteure ihre Hausaufgaben nicht gemacht:

"Der große Fehler, den man gemacht hat, ist, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie die afghanische Gesellschaft wirklich organisiert ist und funktioniert. Und wir haben gedacht, dass wir da unsere Konzepte hinbringen könnten und dass, wenn man es einmal erklärt, dass es dann auch geht. Aber hier, in diesem Parlament, geht es so, wie es in Afghanistan immer gegangen ist. Und man kann nur sehr langsam eines nach dem anderen einführen, den Afghanen den Eindruck geben, dass sie das selber einführen. Und das wird 10 Jahre oder 15 Jahre dauern."

Steht das Ausland zu seinem Engagement? Welche Garantie gibt es, dass die internationale Staatengemeinschaft Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholt?

"Man kann es nicht anders machen. Sonst wird es hier ein Protektorat der internationalen Gemeinschaft. Ich meine, man hat das in Bosnien gesehen. Das Parlament in Bosnien war eine Katastrophe. Die haben überhaupt keine Möglichkeit gehabt, die Sachen langsam anzugehen, wie sie das möchten."

"Ich habe vier Kinder: eine Tochter, drei Söhne. Natürlich bin ich abends für sie da, bade sie, mache ihnen Essen, und Hausaufgaben. Es ist nicht einfach, das alles unter einen Hut zu bringen, die Beleidigungen und Drohungen. Aber ich möchte zu meinem Zielen und meiner Verantwortung stehen. Ich denke, ein bis zwei Generationen von Frauen werden unter den jetzigen Verhältnissen leiden. Sie werden aber auch davon profitiere, bis wir vielleicht irgendwann ein normaleres Leben haben, mit weniger Kindern und mit Männern, die sich der Hausarbeit annehmen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk