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StartseiteKalenderblattEin Kind zweier Welten06.04.2012

Ein Kind zweier Welten

Vor 200 Jahren wurde der russische Schriftsteller Alexander Herzen geboren

Sohn eines russischen Aristokraten und einer bürgerlichen Deutschen - Alexander Herzen ist das Produkt zweier Welten und blieb zwischen ihnen ein Leben lang zerrissen. Die Philosophie entdeckte er im Westen, sein politisches Engagement galt der Heimat Russland. Heute vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller geboren.

Von Rolf Wiggershaus

Alexander Herzen - geboren in Moskau, gestorben in Paris (Wikimedia Commons)
Alexander Herzen - geboren in Moskau, gestorben in Paris (Wikimedia Commons)

Warte nur, wenn du einmal groß sein wirst, wirst du eben so ein Despot werden wie die anderen.

Wenn die Kinderfrau ihn nach einem bösen Streich mit dieser Prophezeiung strafte, war der am 6. April 1812 in Moskau geborene Alexander Herzen zutiefst gekränkt. So einer wie die autoritär über rechtlose Leibeigene herrschenden Gutsherren wollte der illegitime Sohn eines reichen russischen Aristokraten und einer bürgerlichen Deutschen auf keinen Fall werden. Und als er erlebte, wie der neue Kaiser Nikolaus I. nach dem Dekabristenaufstand im Dezember 1825 harte Strafen gegen die Revolutionäre verhängte, schwor sich Herzen gemeinsam mit seinem Freund Ogarjow, sein Leben dem Kampf gegen die zaristische Autokratie zu widmen.

Während des Studiums an der Moskauer Universität lernte Herzen viele Gleichgesinnte kennen. Die Nachrichten über die Julirevolution in Paris 1830 und die Aufstände in Portugal, Spanien, Italien, Polen beflügelten Hoffnungen, die auch nach der Niederschlagung der Rebellionen lebendig blieben. 1834 wurden Herzen und eine Reihe seiner Mitstudenten verhaftet. Ihnen wurde die Bildung einer geheimen Gesellschaft vorgeworfen.

Für Herzen folgte eine dreijährige Verbannung. In dieser Zeit entwickelte sich ein geheimer Briefwechsel zwischen ihm und seiner Kusine Natalie Zacharina, für deren Tante und Vormund er nun ein "Staatsverbrecher" war. Noch während seiner Verbannung gelang es ihm, die Geliebte heimlich zu entführen und sie zu heiraten. Zurück in Moskau führte er für einige Jahre das Leben eines Intellektuellen und Schriftstellers. Er gehörte zum Kreis der "Westler", für die deutsche Philosophie und französischer Sozialismus eine zentrale Rolle spielten. Sein Linkshegelianismus trug dazu bei, dass Bakunin, der zunächst zu den rückwärtsgewandten "Slawophilen" gehörte, zum Sozialisten und schließlich zum Anarchisten wurde.

Nach dem Tod des Vaters reich und unabhängig, brach Herzen bei der ersten Gelegenheit im Januar 1847 mit der ganzen Familie in den Westen auf. Zum schockierenden Schlüsselerlebnis wurden die Pariser Barrikadenkämpfe im Juni 1848 und deren blutige Niederschlagung.

Dinge haben sich ereignet, die ich in Europa für unmöglich hielt. ... Die Bourgeois rächen sich jetzt für die Furcht, die sie ausgestanden haben, sie strafen das Volk für den frechen Anspruch, Menschen sein zu wollen, nachdem ihre Publizisten und Philosophen nun schon ein ganzes Jahrhundert davon schrieben.

Den Freunden in Russland erklärte er, warum er trotz aller Enttäuschungen im Westen blieb:

Ich bleibe, weil der Kampf hier vor sich geht, weil trotz Blut und Tränen hier die sozialen Fragen entschieden werden, weil hier die Leiden schmerzhaft und brennend, aber öffentlich sind ... Ich bin hier Eure nichtzensurierte Rede, Euer freies Organ.

Doch die Essay-Sammlung "Vom anderen Ufer" und die "Briefe aus Italien und Frankreich" konnten zunächst nur auf Deutsch erscheinen. Zur politischen Ernüchterung kamen private Katastrophen: die Affäre seiner Frau mit dem Dichter Georg Herwegh, der Tod seiner Mutter und eines Sohnes bei einem Schiffsunglück, schließlich der Tod seiner Frau, die zu ihm zurückgekehrt war.

Dann aber kam für Herzen mit dem Tod Nikolaus I. doch noch eine große Zeit. Gemeinsam mit dem alten Freund Ogarjow gab er seit 1857 in London die Wochenschrift "Kolokol", "Die Glocke", heraus. Sie wurde - durch Besucher und Zuschriften aus allen Teilen Russlands bestens informiert - zu einer politischen Macht, begrüßt von der jungen Generation und gelesen von den Herrschenden bis hinauf zu Kaiser Alexander II. Das Ende der "Glocke" kam erst, als eine neue Generation von radikalen Volksbefreiern auftrat.

Diese jungen Menschen hatten mit den Ideen und mit der Ausbildung Schluss gemacht. Was ging sie jetzt Musik, was Poesie an! ‚Das Vaterland ist in Gefahr, aux armes, citoyens.’

Am 21. Januar 1870 erlag Alexander Herzen in Paris einer Lungenentzündung. Zu seinem wichtigsten Vermächtnis wurde das im Verlauf von anderthalb Jahrzehnten entstandene Memoirenwerk "Erlebtes und Gedachtes" – eines der originellsten und reichsten Werke des 19. Jahrhunderts, eine Lektüre-Landschaft von abenteuerlicher und anarchistischer Vielfalt, geprägt von aristokratischer Désinvolture und politischer Leidenschaft.

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