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StartseiteKalenderblattEin kleines Ensemble schreibt Theatergeschichte21.09.2012

Ein kleines Ensemble schreibt Theatergeschichte

Vor 50 Jahren wurde die Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer gegründet

Es waren zum Teil Studenten mit wenig Geld, aber großer Theaterbegeisterung, die die Berliner Schaubühne gründeten. Doch erst, als Peter Stein mit seiner Truppe dazu stieß, begann ihr kometengleicher Aufstieg in den europäischen Theaterhimmel.

Von Hartmut Krug

Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz (AP Archiv)
Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz (AP Archiv)
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Begonnen hat alles am 21. September 1962 gleich mit einer deutschen Erstaufführung, mit Ariano Suassunas "Das Testament des Hundes oder Die Geschichte der Barmherzigkeit". Der Theaterkritiker Friedrich Luft:

"Es war ein weltliches Mysterienspiel, durchaus ein scheinbar naives Volksstück, mit sonderbar anrührenden, sehr naivischen Effekten, es hatte eine Art eulenspiegelnden Witzes und Humor, - wie ein brasilianischer Robin Hood."

Die Schaubühne ist ein Privattheater im Westteil Berlins, dessen Gründer aus dem Studententheater und dem professionellen Theater kamen. Zehn Jahre lang präsentierte die von der Stadt kaum unterstützte Schaubühne ein künstlerisch avanciertes Programm. Jürgen Schitthelm, als einer ihrer vier Gründer 50 Jahre lang Direktor der Bühne:

"Kritisches Vergnügen war für uns ein ganz wesentliches Stichwort, auch anlehnend an die Arbeit von Brecht. Wir haben uns nicht als ein politisches Theater empfunden, wir haben unter kritischem Vergnügen nicht verstanden, das Publikum zu belehren, wir haben darunter in der Tat verstanden, ein unterhaltendes, vergnügliches Theater, was dem Publikum Räume gibt, über den Theaterabend hinaus dabei zu bleiben."

Mit dem Mehrzwecksaal im ersten Stock der Arbeiterwohlfahrt hatte man ein Gebäude am Halleschen Ufer in Kreuzberg gefunden. Das zunächst für zwei Jahre gedachte Experiment war so erfolgreich, dass die Stadt 1970 die Gruppe um Peter Stein mit Subventionszusagen an diese Schaubühne lockte.

Nun versuchte man, ein neues Theatermodell jenseits der hierarchischen Strukturen des Stadttheaters zu entwickeln. Anfangs gab es nur zwei Gehaltsstufen, und nicht nur in Vollversammlungen, die akribisch protokolliert wurden, konnte und sollte sich jeder einbringen. Über Spielplan und Besetzungen entschied das Ensemble gemeinsam. Der Schauspieler Otto Sander:

"An der Schaubühne ist es so, dass man nicht unbedingt erst Stücke raussucht, sondern Themenkreise versucht herauszufinden, die alle interessieren. Also das kleinste gemeinschaftliche Vielfache zwischen Schauspielern und Regisseuren herauszufinden, das dann lange bespricht, untersucht, bis man dann ein Stück findet, an dem man so ein Thema dann abhandeln kann. Und so ein Prozess dauert manchmal über ein Jahr."

Am 8. Oktober 1970 kam die erste Inszenierung der Stein-Ära, die bis 1985 dauern sollte, als kollektive Regiearbeit heraus: Brechts "Die Mutter".

"Wir brauchen nicht nur den Arbeitsplatz, wir brauchen die ganze Fabrik, und die Kohle, und das Erz, und die Macht im Staat."

Sofort gab es politischen Aufruhr: die CDU sprach von "primitivem Agitationsunterricht", von der Schaubühne als einer "kommunistischen Zelle" und forderte erfolglos die Streichung der Fördergelder. Gegen solch falsches Realismusverständnis konnte auch die große Therese Giese, die die Titelrolle spielte, nichts ausrichten:

"Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein!"

Aber auch im Theater gab es schnell Probleme, - mit dem Mitbestimmungsmodell. Die Schaubühne versuchte sich Anfang der 70er-Jahre auch im Lehrlingstheater, sie ging in Gewerkschaftszentren, Betriebe und Heime und besaß ein kleines türkisches Ensemble. Ihre Inszenierungen bereitete sie monatelang und mit wissenschaftlicher Akribie vor. Auch die von Ibsens "Peer Gynt", den Peter Stein im fulminanten Raumbühnenbild von Karl-Ernst Hermann 1971 an zwei Abenden mit sechs verschiedenen Peer-Gynt-Darstellern inszenierte. Die Aufführung war ein europaweit bejubeltes Ereignis. Das Ensemble der Schaubühne war damals schier überwältigend.

Die weitere Entwicklung der Schaubühne mit ihren epochalen Tschechow-Inszenierungen, mit ihren Shakespeare- und Antike-Abenden, mit ihren Projekten in Filmstudios, am Anhalter Bahnhof und im Olympiastadion, mit einer achtstündigen "Orestie" beim Umzug 1981 vom Halleschen Ufer an den Lehniner Platz am Kurfürstendamm, - und dann mit ihrer Krise, mit dem Weggang von Peter Stein und dem Zerfall des alten Ensembles, dem eine neue junge Truppe um Thomas Ostermeier folgte, - sie ist Geschichte.

Bis heute aber hat sich die Schaubühne als eines der berühmtesten Theater Europas behauptet.

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