Samstag, 28.03.2020
 
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Ein Land im WandelDie neuen Deutschen

Was ist deutsch? Und vor allem wer? Darüber haben sich Herfried und Marina Münkler in ihrem Buch "Die neuen Deutschen" Gedanken gemacht. Ihr Fazit: Künftig könnte nicht mehr die Herkunft oder die Abstammung darüber bestimmen, was deutsch ist, sondern ein gemeinsames Selbstbild.

Von Ingeborg Breuer

Eine deutsche Fahne an einem Haus. (picture-alliance/ dpa/ Arno Burgi)
Deutschland im Wandel - ein neues Buch erläutert, was Deutschsein in Zukunft bedeuten könnte. (picture-alliance/ dpa/ Arno Burgi)

"Die alten Deutschen, das sind diejenigen, die sich wohlig eingerichtet haben in einer Situation in der Mitte Europas, wo sie sich heraushalten wollen aus der Verarbeitung der Krisen an den Rändern Europas."

Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Uni Berlin:

"und (die) zugleich der Vorstellung folgen, der Sozialstaat in seiner gegenwärtigen Struktur lasse sich aufrechterhalten, wiewohl unsere demografische Reproduktionsrate das eigentlich nicht hergibt."

"Dann gibt es natürlich daneben eine vor allem von den Neurechten betriebene Ethnisierung des Deutschseins, diejenigen die qua Geburt und langer Vorfahrenschaft als deutsch sich definieren."

Marina Münkler, Professorin für Literaturwissenschaft an der Uni Dresden.

"Das sind die alten Deutschen. Und die sind nun aufgerüttelt worden."

Spätestens seit im Herbst 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömten, lässt sich die Hoffnung der "alten Deutschen", dass "sich nichts ändern muss, damit alles so bleibt wie es ist" nicht länger aufrechterhalten. Und enttäuscht wurden zugleich auch jene, die an der "ethnischen Geschlossenheit des Volkes hängen". Mit der Folge:

"Die Klügeren unter ihnen haben begriffen, dass sie da bestimmten Illusionen gefolgt sind. Und die weniger Klugen unter ihnen halten an diesen alten Illusionen fest und betreiben eher eine Politik der Exklusion oder der Grenzschließung."

Ein gespaltenes Land

Seit dem Herbst 2015 ist Deutschland ein "gespaltenes Land" Auf der einen Seite die Vertreter der Willkommenskultur, die daran mitarbeiten, den Zustrom der Flüchtlinge zu bewältigen. Auf der anderen Seite eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich zunehmend aggressiv gegen die "Überfremdung" Deutschlands zur Wehr setzt. Seitdem ringt Deutschland um seine Zukunft. Wie diese gestaltet werden könnte, versuchen Herfried und Marina Münkler auszuloten. "Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft" heißt deshalb deren Buch, das morgen erscheint.

"Zunächst einmal sollen die "neuen Deutschen" stehen dafür, dass sich Deutschland verändert hat, zunächst unmerklich. Und dann in der Flüchtlingskrise 2015 dann auch merklich für jedermann."

Offenheit für die Vielfalt

Das Deutschland der Zukunft ist eines, in dem, so wörtlich, "die Ordnung des Stationären", die starren Grenzen des Nationalstaates und der ethnischen Homogenität mehr und mehr aufgeweicht werden durch Metaphern des Liquiden, des Fluiden. Damit gemeint ist eine prinzipielle Offenheit für Fremdes, für unterschiedliche Lebensentwürfe und eine Vielfalt von Kulturen.

"Die neuen Deutschen sind sicher auch diejenigen, die eine Vorstellung davon haben, dass unser Wohlstand abhängig ist von dem, was wir die Fluidisierung von Verhältnissen nennen. Also das Ende von starren, nationalstaatlichen gezogenen Grenzen und die Möglichkeit, die unterschiedlichen Vorteile wahrzunehmen, die daraus resultieren, dass Ströme von Waren, Dienstleistungen und schließlich Kapital und schließlich auch Menschen einsetzen."

"Je größer allerdings die ethnische und religiöse Vielfalt einer Gesellschaft ist", so heißt es in dem Buch, "desto mehr benötigt sie ein "Orientierung vermittelndes Narrativ". Damit grenzen sich Herfried und Marina Münkler von den Verfechtern einer "postmigrantischen Gesellschaft" ab. Diese gehen davon aus, dass die Gesellschaft der Zukunft eine Gesellschaft ohne vorgängige nationale Identität sein wird, die sich vielmehr in "permanenten Aushandlungsprozessen" befinde.

Allgemeine Grundwerte erforderlich

Doch gerade eine Gesellschaft kultureller Vielfalt ist auf eine identitätsstiftende und handlungsleitende Großerzählung angewiesen. Auch wenn diese Erzählung nicht länger ethnisch begründet ist, braucht die Gesellschaft Grundwerte, auf die sich alle beziehen.

"Wenn man den Begriff der Grenze selber fluidisiert, also nicht an die Grenzlinie in Passau bindet oder nationale Zugehörigkeit, dann hat man doch erhebliche Vorteile. Nicht der Umstand, dass man in Deutschland in Hessen, Bayern, Niedersachsen geboren ist, ist ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zu den Deutschen, sondern das Bekenntnis zu bestimmten Grundwerten."

Die "neuen Deutschen" zeichnen sich nicht durch ihre Herkunft aus bestimmten geografischen Räumen oder Abstammungslinien aus. Sondern sie teilen ein gemeinsames "Selbstbild" über das, was "deutsch" ist. Den "Fremden" ein solches Selbstbild nahezubringen, um sie in diesem Sinne zu "neuen Deutschen" zu machen, wäre die Leistung der Integration.

"Ich würde meinen, dass Arbeit der Schlüssel zu allem ist, der Schlüssel zur Selbsterhaltung, aber auch der Schlüssel zur Erfahrung von Anerkennung. Und diesen Weg muss man gehen. Das heißt aber, dass die Leute, die jetzt gekommen sind, Bildungszertifikate erwerben müssen, bzw. Fähigkeiten bekommen, das beginnt mit dem Erwerb der deutschen Sprache. Da müssen wir investieren in diese Leute, das heißt dass man möglicherweise drei Jahre, vier Jahre braucht, um sie fit zu machen für diese Arbeitsprozesse."

In ihrem Buch beschreiben Herfried und Marina Münkler zehn "Imperative der Integration". Dazu gehören unter anderem Ausbau des Bildungswesens, Unterbindung von Diskriminierung und auch die Deregulierung der Arbeitsmärkte, damit auch unqualifizierte Migranten Arbeit finden.

"Dazu gehört zum Beispiel gute Integration in der Schule, Integration. Aber auch Frauen, die nicht berufstätig sind, müssen solche Angebote bekommen, dass es ihnen möglich ist, sich in diese Gesellschaft zu integrieren."

Allerdings sind dies nicht viel mehr als Schlagworte, schon oft formuliert und es ist wohl zu früh, darüber zu urteilen, ob Integration so gelingen wird. Auch das Ehepaar Münkler bleibt durchaus nüchtern. Die beiden Wissenschaftler sehen durchaus, dass bei manchen die Integration in den Arbeitsmarkt misslingen wird. Dass, so wörtlich, das "demografische Problem durch Flüchtlinge nicht zwangsläufig gelöst werden kann", sondern Verteilungskonflikte möglicherweise verschärft. Dennoch setzen sie auf das Gelingen der Integration, schon aus Vernunftgründen. Denn " wer auf das Scheitern der Integration setzt, verliert auf jeden Fall". Und nur wer auf Erfolg setzt, "hat eine Gewinnchance".

"Wir glauben nicht, dass es durch eine Million oder mehr Zuwanderer zu einer Brüchigkeit kommt, zu einer Gefährdung der deutschen Gesellschaft. Sondern wir sind der tiefen Überzeugung, dass wir mit besonderen Anstrengungen, die man unternehmen muss, dass das alles sich sehr positiv für die deutsche Gesellschaft auswirken wird."

Eine zentrale Erkenntnis

Trotzdem wird erst die Zukunft zeigen, ob wir es dann 'geschafft haben werden'. Ob aus einer Million Fremden neue Deutsche geworden sind. Doch schon jetzt, so der Politik- und die Kulturwissenschaftlerin sei durch die Neuankömmlinge eine "kollektive Selbstreflexion" in Gang gekommen, die durchaus einen Gewinn für unsere Gesellschaft darstelle. Denn in der Herausforderung schärfe sich das Selbstverständnis dafür, was elementar und unverzichtbar für unsere Ordnung ist und was eher eine historische Fußnote. Und dies ist eine zentrale Erkenntnis dieses Buchs. Während die Neue Rechte "Deutsch sein" zunehmend völkisch bestimmt, beschreiben Herfried und Marina Münkler das, was deutsch ist, jenseits ethnischer Zugehörigkeiten.

"Wir denken nicht darüber nach, was ist nicht deutsch. Sondern was ist die Voraussetzung dafür in dieser Gesellschaft so teilzuhaben, dass man ein Deutscher ist. Und da spielen Herkunft und der Umstand, welche Gene in einem versammelt sind, nicht die zentrale Rolle, sondern eine Fähigkeit des Zusammenlebens."

"Eines der Kriterien ist, für sich selbst sorgen können, das heißt in den Arbeitsmarkt sich zu integrieren. Das Zweite wäre Religion als Privatangelegenheit betrachten. Der dritte Aspekt wäre gesellschaftliche Teilhabe, dass man an der Zivilgesellschaft ein Interesse hat und sich auch an ihr beteiligt."

"Fünf Merkmale des Deutschseins" sind in dem Buch entwickelt. Neben der Sorge für sich selbst, der religiösen Toleranz und dem Recht, Lebensform und Partner individuell zu wählen, gehört natürlich auch das Bekenntnis zum Grundgesetz hinzu. Man fragt sich, ob die Kenntnis der deutschen Sprache nicht auch in die Liste aufgenommen werden müsste?

Vor allem aber fragt man sich, ob diese Merkmale wirklich die deutsche Gesellschaft charakterisieren? Sind es nicht eher Werte, die in der Tradition der Aufklärung gemeinhin als westliche, als europäische Werte gelten?

"Das ist kein exklusiver Begriff des Deutschen, das kann man auch als Franzose denken. Es zeigt sich aber, dass in der Krise des vergangenen Jahres, dass es die Bundesrepublik war, die speziell diese Vorstellung gehabt hat und unsere europäischen Nachbarn sich schwer getan haben mit dieser Vorstellung.

Insofern könnte man sagen, diese Definition des Deutschseins ist eine Vorstellung von einem Europa, in dem Deutschland eine wichtige Rolle spielt, sich aber nicht als ein ausgegrenztes Teil oder etwas Besonderes begreift. Sondern als ein integraler Teil dieser europäischen Kultur durchaus in Rechnung stellt, dass es viele Teilnehmer an diesem Projekt Europa gibt, die das anders sehen."

Literatur:
Herfried Münkler, Marina Münkler: "Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft",
Rowohlt Berlin,

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