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StartseiteKalenderblattEin literarisch fremdartiges Leben19.12.2010

Ein literarisch fremdartiges Leben

Vor 100 Jahren wurde der französische Dichter Jean Genet geboren

"Ich möchte, dass die Welt sich nicht verändert, damit ich mir erlauben kann, gegen die Welt zu sein." Erst Kleinkrimineller und später berühmter Romancier und Dramatiker war der französische Dichter Jean Genet. Am 19. Dezember 1910 wurde er geboren.

Von Eberhard Spreng

Jean Genet, 1968 (AP)
Jean Genet, 1968 (AP)

Sein Vater blieb ihm unbekannt. Und auch ohne seine Mutter ist der am 19. Dezember 1910 geborene Jean Genet aufgewachsen. Ein Familienleben hat der Fürsorgezögling, Soldat und Deserteur, der Vagabund und Häftling nie gekannt und auch der Romancier und Dramatiker Genet verbrachte sein Leben im Transit zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum, in Absteigen nahe von Bahnhöfen, unbehaust, mit einem kleinen Koffer voller Briefe und Manuskripte.

Bereits zehnjährig bestiehlt er seine Pflegeeltern, kommt in Besserungsanstalten und ins Jugendgefängnis. Der Vorwurf der "wohlanständigen" Umwelt wird für ihn früh zum identitätsstiftenden Stigma.

Jean Genet: "Bei jeder Anschuldigung, die man gegen mich vorbrachte, auch wenn sie ungerechtfertigt war, sagte ich aus vollem Herzen: ja! Und kaum hatte ich dieses Wort – oder einen Satz, der diesem Wort entsprach – ausgesprochen, so spürte ich in meinem Inneren das Bedürfnis, der zu werden, der zu sein ich angeklagt wurde."

Der homosexuelle Jean Genet wird sein Verhältnis zur Umwelt zu einem umfassenden System der Ablehnung, ja Verachtung ausbauen und seine Andersartigkeit in eine Gegenreligion kleiden, ein Moralsystem, das auf Negation der bestehenden Ordnung beruht.

Im französischen Gefängnis von Fresnes entstehen im Jahr 1942 sein erstes Gedicht "Der zum Tode Verurteilte" und sein erster Roman "Notre-Dame-des-Fleurs". Es ist die blasphemische Geschichte des zur Passionsfigur stilisierten Kriminellen Mignon und der ihn liebenden Tunte Divine, ein aus damaliger Sicht obszöner Text. Jean Cocteau setzt sich für den Inhaftierten ein und erwirkt für den mehrfach Vorbestraften eine Begnadigung.
Fünf Jahre später schreibt Genet sein erstes Theaterstück, "Die Zofen":

"Claire ..."
"Sie bereitet gerade den Lindenblütentee für Madame."
"Sie soll sich beeilen – Verzeihung, meine kleine Solange, verzeih mir, ich schäme mich, meinen Lindeblütentee zu verlangen, wo der gnädige Herr doch allein ist ..."

"Die Zofen" kommen unter Widerstand und Protest in Paris zur Uraufführung. Viele andere Stücke des umstrittenen Autors werden im Ausland uraufgeführt, "Der Balkon" etwa und "Die Wände". Genets Bücher werden verboten, Vorführungen von Verfilmungen enden in wüsten Schlägereien. Über den Poète Maudit schrieb Sartre 1952 sein großes Porträt: "Saint Genet, Komödiant und Märtyrer". Genet schrieb dazu:

"In allen meinem Büchern entblöße ich mich und zugleich verkleide ich mich durch Worte, Haltungen, Märchentheater. Aber Sartre zog mich ohne jede Rücksicht nackt aus. Sartres Buch hat eine Leere entstehen lassen, eine Verschlechterung meiner psychologischen Verfassung. Aber diese Verschlechterung hat mir das Nachdenken erlaubt, das mich zu meinem Theater geführt hat."

Aus Splendid's: "Pierrot, überwach den Treppenaufgang, halt sie auf bis zum Tod."
"Hier gibt's nicht mehr viel zu töten, ich nähere mich meinem Ende."
"Umso besser. Moi, je ne regrette rien, mein Leben wird ein großes, lautes Feuerwerk gewesen sein."

Erst 1994 fand in der Regie von Klaus Michael Grüber die Uraufführung von Genets fast 50 Jahre zuvor entstandenem Drama "Splendid's" über eine in einem Hotel verbarrikadierte Verbrecherbande statt. Genet hatte im Theater den Ort entdeckt, an dem er beispielhaft seine rituellen Todeskulte inszenieren konnte, wo der Mord zum Kultus stilisiert, das Opfer sakralisiert und der Mörder zum Priester erhoben wird.

Am Ende der 1960er-Jahre wird Genet während einer schöpferischen Krise zum politischen Aktivisten, der sich in den USA für die Black Panther und zu Beginn der 80er-Jahre im Nahen Osten für die Palästinenser einsetzt. Bereits unter den starken Schmerzen seines Kehlkopfkrebses leidend, setzt Genet seine Reisen fort, bevor er am 15. April 1986 in einem kleinen verkommenen Pariser Hotel bei einem Sturz zu Tode kommt.

Jean Genet: "Ich habe kein erstaunliches oder merkwürdiges Leben geführt. Mein Leben war einfach nur unglücklich. Seine Fremdartigkeit wurzelt ausschließlich in den Worten. Das Leben, so wie ich es führte, war nur literarisch fremdartig, also für die, die meine Bücher lesen, aber natürlich nicht für den, der es gelebt hat."

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