Montag, 10.08.2020
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteCorsoEin Minimalist und hohe Töne02.11.2013

Ein Minimalist und hohe Töne

Der amerikanische Komponist Phill Niblock wird 80

Keine Melodie, keine Harmonie, kein Rhythmus, kein Quatsch. So bezeichnete ein Kritiker einmal die Musik des US-Komponisten Phill Niblock. Monochrome und vermeintlich unbewegliche Klangklötze komponiert der Minimalist aus New York bereits seit den frühen 60er-Jahren. Ein Porträt zum 80. Geburtstag.

Von Raphael Smarzoch

Der US-amerikanische Komponist, Filmemacher und Videokünstler Phill Niblock wird 80 Jahre alt. (Katherine Liberovskaya)
Der US-amerikanische Komponist, Filmemacher und Videokünstler Phill Niblock wird 80 Jahre alt. (Katherine Liberovskaya)

Musik des Komponisten Phill Niblock. Musik? Das ist doch nur ein stehender Ton, denken Sie sich jetzt bestimmt. Falsch, dieser Sound hat mehr zu bieten als man zunächst vermuten mag.

"Wenn man zwei Töne kombiniert, die aufgrund ihrer Tonhöhe eng beieinanderliegen, zum Beispiel auf einem Cello, das eine sehr reiche Klangfarbe hat, bekommt man eine unglaubliche Anzahl von neuen Tönen."

Phill Niblock ist ein Minimalist. Melodien und Rhythmen sucht man in seiner Musik vergeblich. Seine massiven Klangwände bestehen lediglich aus Tönen, die über einen langen Zeitraum ausgehalten werden. Sie sind einfach da, sie nehmen den Raum ein, sie könnten ewig weiterklingen. So komponiert er seit vielen Jahren. Niblock, Jahrgang 1933, ist kein ausgebildeter Komponist. Der New Yorker ist Autodidakt: Er spielt kein Instrument und kann keine Noten lesen.

"Ich möchte die Musik von allen unnötigen Elementen befreien und ausschließlich mit den einfachsten Mitteln arbeiten. Das ist für mich Minimalismus. Mich faszinieren auch die unterschiedlichen Formen, die Klang annehmen kann."

Phill Niblock ist ein Klang-Baumeister, ein akustischer Feinmotoriker. Für seine Kompositionen verwendet er Sounds von Saiten- und Blasinstrumenten, die er sorgfältig aufnimmt und dann arrangiert. Um seine massive Musik zu erzeugen, schichtet er die aufgenommenen Instrumente mit seinem Computer im Studio übereinander. Dabei arbeitet er mit Klängen, deren Tonhöhen eng beieinanderliegen. In der Komposition Stosspeng kombiniert er die Noten E, F und Fis – sie sind jeweils nur einen halben Ton auseinander und das klingt erstaunlich.

Dieses Stück wirkt sehr statisch, in Wirklichkeit passiert aber ganz viel. Denn die Kombination dieser Töne führt zu der Produktion von neuen Tönen. Man nennt sie Obertöne. Wenn man zwei Steine kontinuierlich aneinander reibt, entstehen Funken, die erst durch die Reibung sichtbar werden. Genauso ist es bei Phill Niblock. Wenn man zwei Töne mit nahezu identischer Tonhöhe über einen längeren Zeitraum abspielt, reiben sie sich und produzieren Obertöne, die vorher nicht da waren. Niblocks Musik ist ein akustischer Funkenschlag. Die Entwicklung und Ausbreitung der Obertöne ist von der Architektur des Raums abhängig, in dem die Musik zu hören ist.

"Meine Stücke klingen in unterschiedlichen Räumlichkeiten immer unterschiedlich. In einer Kathedrale, mit viel Nachhall, klingen sie total anders, als in einem Wohnzimmer, wo es Vorhänge und lauter Dinge gibt, die den Hall absorbieren. Natürlich sind Kopfhörer für meine Musik sehr schlecht."

1968 beginnt Phill Niblock zu komponieren. Seinen sparsamen Sound entwickelt er zeitgleich zur Minimal Music, in deren Kanon er allerdings niemals aufgenommen wird. Er agiert im Windschatten von Komponisten wie Steve Reich oder Terry Riley. Niblock ist ein vergessener Minimalist, den die musikwissenschaftliche Literatur bis heute weitestgehend ignoriert. Außerhalb akademischer Zirkel ist er allerdings gern gesehen. Thurston Moore und Lee Ranaldo von Sonic Youth führten seine Musik auf. Der bildende Künstler und Elektroniker Carsten Nicolai komponierte mit dem Stück Early Winter eine Hommage an Phill Niblock.

Obwohl Phill Niblock seine Kompositionen mit mathematischer Genauigkeit realisiert, begreift er seine Musik nicht als Wissenschaft. Sie ist vor allen Dingen ein sinnliches Erlebnis. Der Besuch eines Konzerts wird zu einer körperlichen Erfahrung. Sein Sound, der in hoher Lautstärke wiedergegeben wird, umschließt die Hörer – man kann sich in ihm bewegen, ihn erkunden, sich buchstäblich gegen ihn lehnen und den zahlreichen Obertönen lauschen. Die Form der Präsentation bleibt zwar immer dieselbe. Die Resultate klingen allerdings immer anders.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk