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StartseiteKalenderblattEin Name für die Neue Welt25.04.2007

Ein Name für die Neue Welt

Vor 500 Jahren entstand die Bezeichnung Amerika

Bei dem Namen Amerika handelt es sich um eine reichlich zufällige Benennung des Kontinents. Der italienische Seefahrer Amérigo Vespucci war Namenspatron. Doch dass sich Amerika als Bezeichnung durchsetzte, ist vor allem den Deutschen Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann zu verdanken.

Von Armin Brandt

Christoph Kolumbus ging bei der Suche nach einem Namen für den neu entdeckten Kontinent leer aus. (AP Archiv)
Christoph Kolumbus ging bei der Suche nach einem Namen für den neu entdeckten Kontinent leer aus. (AP Archiv)

Im Sommer 1901 gelang dem Jesuiten Joseph Fischer eine Entdeckung von größter Bedeutung: Beim Stöbern in der Bibliothek des Fürsten Waldburg-Wolfegg fand er in alten Kartenwerken zwei längst verschollene Weltkarten von 1507 und 1516, wobei Erstere die älteste erhaltene Karte mit dem Namen "Amerika" ist.

"Die Weltteile Europa, Afrika und Asien sind bekannt; nun ist ein vierter entdeckt worden. Ich sehe keinen Grund, dagegen Einspruch zu erheben, dass dieser nach seinem Entdecker Amérigo, einem Mann von großem Scharfsinn, 'Amerige', das heißt Land des Amérigo, oder 'America' genannt werde."

Wer war der Mann, der die Geburtsurkunde beziehungsweise. den Taufschein Amerikas in Form einer fast drei Quadratmeter großen Weltkarte gefertigt hat? Martin Waldseemüller, zwischen 1470 und 1475 geboren, studierte in Freiburg Erdkunde und Kartografie, die man damals noch als "Weltbeschreibung" ansah. 1505 tauchte er in St. Dié im Wasgau auf, wo er zu einem Kreis namhafter Humanisten stieß. Zu ihren Förderern gehörte Herzog René II. von Lothringen. Die versammelten Gelehrten widmeten sich kartografischen und kosmografischen Studien und betrieben in der Vogesenstadt eine große Druckerei mit Buchhandlung.

René II. beauftragte Waldseemüller, eine neue Weltkarte zu erstellen. Dem Herzog war eine bemerkenswerte Schrift zur Kenntnis gebracht worden: die französische Ausgabe der Reiseberichte des italienischen Seefahrers Amérigo Vespucci, der in spanischen und portugiesischen Diensten Entdeckungsfahrten zur brasilianischen Küste unternommen hatte.

"Wenn es irgendwo das irdische Paradies gibt, so kann es nur dort sein."

Vespucci, der außerordentlich pikant zu schreiben wusste, behauptete im Gegensatz zum bescheidenen Kolumbus er habe einen neuen Kontinent entdeckt:

"Keiner unserer Vorfahren hatte von diesen Ländern Kenntnis. Sie glaubten, dass sich südlich des Äquators kein Festland fände, sondern nur eine unendliche See. Meine Fahrt hat bewiesen, dass diese Ansicht irrig ist. Südlich des Äquators fand ich einen Kontinent, der in manchen Tälern viel mehr von Menschen und Tieren bevölkert ist als Europa, Asien und Afrika. Überdies besitzt er ein angenehmeres und milderes Klima als die anderen Erdteile. Man kann ihn getrost die 'Neue Welt' nennen."

Am 25. April 1507 erschien in St. Dié die aus zwölf je 43 mal 59 Zentimeter großen Holzschnittblättern bestehende Waldseemüller-Karte mit dem Titel "Eine allumfassende Beschreibung der Welt nach der Überlieferung des Ptolemäus und den Verbesserungen des Amérigo Vespucci". Dazu gehören auch zwölf Globusstreifen zum Aufkleben auf eine Kugel sowie die anonym erschienene Begleitschrift "Einführung in die Weltbeschreibung". Verfasser war der elsässische Gelehrte und Lateinlehrer Matthias Ringmann:

"Der ganzen Welt Beschreibung sowohl auf einem Globus als auch auf einer Plankarte einschließlich der Länder, die jüngst entdeckt worden sind."

Im ersten Teil der Schrift findet sich eine Einführung in die Geografie, anschließend der Bericht über die vier Reisen des Vespucci. Nachdrücklich wird im neunten Kapitel darauf verwiesen:

"Warum wollen wir nicht diesen Weltteil nach dem großen, weit blickenden Entdecker 'Americi terram' nennen, so wie Europa und Asien nach Frauen benannt sind? Über seine Lage und die Sitten seiner Bevölkerung kann man sich aus der Beschreibung der zweimal zwei Seereisen des Amérigo eine klare Vorstellung verschaffen."

Die Weltkarte war in einer Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt worden. Trotzdem beklagte sich Waldseemüller schon 1508, dass sein Werk kopiert und unter anderen Namen verbreitet würde. Die Wortschöpfung "America" blieb bestehen.

1516 fertigte Waldseemüller die erste Seekarte der Welt. Da er inzwischen die Aufzeichnungen des Kolumbus kannte, nannte er die "Neue Welt" nun Brasilien. Doch es war bereits zu spät. Die Bezeichnung "Amerika" hatte sich nachhaltig bei Wissenschaftlern und Gelehrten eingeprägt; zunächst für Südamerika, schließlich wurde sie auf der Mercatorkarte von 1538 zum ersten Mal für den ganzen Kontinent verwandt. Martin Waldseemüller starb um 1522.

Im Jahr 2001 erwarb die Nationalbibliothek in Washington die Waldseemüller-Karte von 1507. Die UNESCO verlieh ihr 2005 den Titel Weltdokumentenerbe. Und vor zwei Wochen gab die Deutsche Post ihre Sonderbriefmarke "500 Jahre Weltkarte von Martin Waldseemüller" heraus.

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