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StartseiteMusikjournalVorbild BJO19.12.2016

Ein nationales Jugendorchester für die UkraineVorbild BJO

Wenn von der Ukraine die Rede ist, geht es meistens um den Krieg im Osten, um Korruption oder politische Krisen. Doch es gibt auch Positives zu berichten - etwa von der Gründung eines nationalen Jugendorchesters, das neben der Förderung des musikalischen Nachwuchses auch zur Völkerverständigung beitragen will.

Von Anastassia Boutsko

Die jungen Musikerinnen und Musiker des Bundesjugendorchesters spielen in einem Konzert (imago)
Vorbild für ukrainischen Nachwuchs: das deutsche Bundesjugendorchester (imago)

"Ich bin Vladislav Petrik, ich komme aus Charkiv und spiele Klarinette, bin 19 Jahre alt. So ein Orchester ist schon eine super Sache! Die Ukraine braucht jetzt definitiv einen kulturellen Schub!"

"Paschko Nazar, bin 14, komme aus Lviv. Für mich ist es wichtig, in einem Orchester zu spielen, weil ich Musiker bin und wachsen will!"

"Ich bin Katja Movchan und komme aus Luhansk. Im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen in unserem Land sind wir umgezogen, ich studiere jetzt in Kiew. Gott sei Dank, konnten auch meine Eltern umziehen. Es ist nicht besonders angenehm, jetzt drüben zu sein."

Treffen der jungen Musikelite

Von Piccolo-Flöte bis Tuba, von Ternopyl im äußersten Westen der Ukraine bis Dnipro und Charkiw im Osten: 98 junge Ukrainer im Alter von 12 bis 20 scheuten keine Strapazen und kamen – mit Autos, Bussen und Bummelzügen – nach Lviv, um für die Aufnahme in das Jugendorchester der Ukraine vorzuspielen.

"Als ich von der Gründung eines solchen Orchesters hörte, habe ich vor Glück geheult. Ich komme aus Zaporischje und bin durch das ganze Land von Ost nach West mit dem Zug gefahren – genau 24 Stunden..."

So der Reisebericht der 17-jährigen Karina Kusaja,

.. Ein Tag ohne meine Oboe ist eine Qual! Kaum gingen meine Nachbarn aus unserem Vierer-Abteil, habe ich so bisschen geübt. Die Zugbegleiter waren allerdings nicht besonders begeistert, weil in den anderen Abteilen Kinder schliefen."

Anfang November ging die Einladung an die Musikschulen im ganzen Land – auch an die in Donezk und Luhansk. Fast 300 Kinder und Jugendliche haben sich gemeldet. 98 wurden nach der Vorauswahl nach Lviv zum Vorspielen eingeladen. In der Jury sind fünf namhafte ukrainische Musiker und drei Deutsche. Bei den Besprechungen herrscht konstruktives Sprachengewirr. Regina Keiris ist eine angesehene Geigen-Pädagogin aus Kiew:

"Wir pflegen ja noch die alte sowjetische Schule. Das ist eine sehr gute Tradition, die bis jetzt erhalten ist. Andererseits sind die heutigen Zeiten schwierig: Es kamen sehr viele Flüchtlingskinder aus Donbass und von der Krim nach Kiew und in andere Städte."

Bundesjugendorchester als Vorbild

Vor allem sie müssen eine Chance bekommen. Das deutsche Bundesjugendorchester ist nicht zufällig Geburtshelfer bei der Entstehung des neuen ukrainischen Orchesters: das Erfolgsmodell BJO – mit seinen Grundsätzen der freiwilligen Teilnahme und intensiven Arbeitsphasen vor allem in der Ferienzeit – scheint eine sinnvolle Alternative zu den herkömmlichen Schulorchestern zu sein.
Albrecht Holder, Fagott-Professor an der Hochschule für Musik Würzburg, ist vom Deutschen Musikrat nach Lviv delegiert worden und zeigt sich begeistert:

"Ich bin beeindruckt, im wahrsten Sinne des Wortes, weil wir doch sehr tolle Leistungen hören – beim Streicherbereich unglaublich, wie fortgeschritten auch die ganz kleinen Musikerinnen und Musiker schon sind. Aber auch im Bläserbereich war ich, muss ich sagen, sehr angenehm überrascht über viele Leistungen."

Und angestiftet und organisiert hat das Ganze sie: Oksana Lyniv. Jung, charismatisch, Dirigentin – und Patriotin. Es sei "höchste Zeit" für die Gründung des nationalen Jugendorchesters, so Oksana:

"Unser Land ist seit 25 Jahren unabhängig. Ich finde, gerade Jugendorchester das ist das Beste, das ein Bild von Menschen, von einem Volk, von kulturellem Niveau tragen kann. Und gerade Jugend – das ist unsere Zukunft. Das ist unser Volk, Mentalität unserer zukünftigen Bürger, die jetzt gerade geformt wird."

Chance für viele Begabte

Auch Maestra Lyniv war einmal blutige Anfängerin ohne klare Perspektiven, dazu eine Frau in einer Männerdomäne (und das ist in Osteuropa nochmal etwas anderes). Ihre Karriere verdankt sie ihrer Hartnäckigkeit - und einer Kette von kleinen Wundern: Aus einem zufällig im Foyer des Lviver Konservatoriums gefundenem Flyer erfuhr Lyniv vom Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg. Sie wurde Dritte, der Gewinner hieß damals Gustavo Dudamel. Danach studierte sie in Dresden. Nach fünf Jahren am Opernhaus von Odessa, einem der schönsten Europas, wurde sie Assistentin von Kyrill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper in München und macht inzwischen international Karriere.

"Je weiter ich komme, je mehr Möglichkeiten ich habe - ich habe hinter meinem Rücken genau so viele begabte Kinder, die in der gleichen Lebenssituation sind. Aber wenn man Ihnen die Chance gibt, dann können sie sofort durchstarten."

Nach dem Votum der strengen Jury wurden erst einmal knapp über 30 jungen Musiker fürs Orchester ausgewählt. Aber auch für die anderen war diese Erfahrung eine Reise wert: In den Hallen des prächtigen Palais der Fürsten Potocki im Zentrum von Lviv, die für das Vorspiel eine würdige Kulisse boten, herrschte fröhliche Stimmung. Adressen wurden getauscht, Selfies gemacht:

"Wir haben uns angefreundet! Sonst trifft man nur Menschen aus der eigenen Stadt!"


- sagt Irina in ihrer Muttersprache - Russisch.

"Die Ukraine lebt nicht in der Sprache, sondern im Herzen!" 

.. fügt Mykola auf Hochukrainisch hinzu.

Wichtiges Ziel ist Verständigung

Oksana Lyniv freut sich. Denn genau darum geht es: gegenseitige Ressentiments der West- und Ostukrainer abzubauen und eine gemeinsame Identität zu fördern. Aus dem Westen des Landes stammend, weiß sie, wovon sie spricht:

"Früher war ich viel feindlicher – nicht feindlich, aber die Menschen waren mir fremd, denn ich dachte, wir sind etwas Verschiedenes als die Menschen aus der Ostukraine. Aber seitdem ich 5 Jahre an der Odessa Nationaloper gearbeitet habe, habe ich so viele Freunde, ich habe überhaupt kein Problem! Genauso haben sie mich von Anfang an erst mal bisschen feindlich aufgenommen, die haben gesagt, 'Was, haben wir nicht eigenen Dirigenten, wieso müssen wir jetzt eine Dirigentin aus der Westukraine haben?' Aber dann wurde ich zu deren Lieblingsdirigentin und werde bis jetzt da erwartet."

Das erste Konzert des Jugendorchesters der Ukraine soll – wenn alles gut läuft – beim Beethovenfest in Bonn im September 2017 stattfinden. Junge Ukrainer werden dabei zusammen mit ihren Altersgenossen vom Bundesjugendorchester musizieren. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

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