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StartseiteKalenderblattEin pessimistischer Aufklärer31.08.2008

Ein pessimistischer Aufklärer

Zum 75. Todestag des Kulturphilosophen und Schriftstellers Theodor Lessing

Mit der Arbeit als Privatdozent für Philosophie an der Technischen Hochschule Hannover hat sich Theodor Lessing nicht begnügt. Wichtiger war ihm die schriftstellerische Arbeit und dabei vor allem seine politische Publizistik, die er in den Dienst einer radikaldemokratischen Aufklärung stellte. So informierte Lessing 1925 in einem Artikel über den Prozess gegen den Serienmörder Fritz Haarmann, dass dieser Haarmann lange als Polizeispitzel gearbeitet hatte. Auch mit anderen Artikeln eckte Lessing derart an, dass er einer der bekanntesten und zugleich heftig angefeindeten Publizisten der Weimarer Republik wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, hatte Lessing Zuflucht im tschechischen Marienbad gefunden. Dort wurde er vor 75 Jahren von zwei Deutschen erschossen, die sich eine von den Nationalsozialisten ausgeschriebene "Kopfprämie" verdienen wollten

Von Christian Linder

Lessings Renommee gründete vor allem auf dem Buch "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" von 1919. (Stock.XCHNG / Kent Chilton)
Lessings Renommee gründete vor allem auf dem Buch "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" von 1919. (Stock.XCHNG / Kent Chilton)

Er habe Flaschenpost ins "Eismeer der Geschichte" geworfen, notierte der Schriftsteller und Kulturphilosoph Theodor Lessing einmal. Die Kälte der Geschichte spürte er persönlich, als er 1933 in die Tschechoslowakei emigrierte, nach Marienbad. Die Nationalsozialisten verfolgten ihn auch dort und setzten laut deutschen Zeitungen eine Kopfprämie aus: 80.000 Reichsmark. Die Meldung wurde natürlich auch in Marienbad gelesen, und Lessing beschrieb die Reaktionen:

"Alle Menschen sehen mich sehnsüchtig an ... Als ich aber hörte, wie zwei verdächtig aussehende Gentlemen sich stritten, ob man für 80.000 Mark schon ein Landgut erwerben könne, da fasste ich den Beschluss, niemals wieder mein Zimmer zu verlassen."

Theodor Lessing saß in seinem Zimmer und schrieb, als sich am Abend des 31. August 1933 zwei Deutsche die Kopfgeldprämie erwarben: Sie erschossen Lessing in seiner am Rand von Marienbad gelegenen Wohnung, sie schossen ihm von außen, durchs Fenster, in den Rücken. Die in Lessings Heimatstadt Hannover erscheinende "Niederdeutsche Zeitung" triumphierte:

"Nun ist auch dieser unselige Spuk weggewischt."

Als Eismeer hat Theodor Lessing nicht nur die politische Geschichte begriffen; auch seine persönliche Lebensgeschichte kam ihm kalt vor. Geboren wurde er am 8. Februar 1872 in Hannover. Den Vater, einen Mediziner, hat Lessing gehasst, weil er nur aus Geldgier die Tochter eines Bankiers geheiratet hatte. Der junge Lessing fühlte sich psychisch klein gemacht und war auch körperlich ein gebeugter Mann, wegen eines nie ausgeheilten Rückenleidens. Er studierte zunächst Medizin, später Philosophie, Literatur und Psychologie. Bevor er in seiner Heimatstadt Privatdozent für Philosophie wurde, tingelte er durch Deutschland und war sich nicht zu schade, in der Wartehalle des Dresdner Hauptbahnhofs Einführungen in die moderne Philosophie zu geben. Politisch links stehend, engagierte er sich für Frauenemanzipation, Ökologie oder den Aufbau von Volkshochschulen. Sein Renommee gründete vor allem auf dem Buch "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen", 1919 erschienen.

"Das Bewusstsein mitsamt den von ihm umfassten Inhalten ist kein fließendes Kontinuum, sondern ist intermittierend gleich einem immer wieder verlöschenden und neu auflodernden Fünkchen ... Schließlich geraten alle konkreten Erlebnisse wirklicher lebendiger Menschen vollkommen in Vergessenheit."

Dagegen schrieb er an, ein pessimistischer Aufklärer in der Nachfolge der Spätromantik, wie ihn der Literaturwissenschaftler Hans Mayer sah:

" ... immer auf dem Heimweg nach dem bewusstlosen Sein, dem vegetativen Leben, nach einer Welt des Novalis, worin die Zahlen und Figuren der modernen Wissenschaft und Technik nicht mehr Schlüssel seien aller Kreaturen."

Neben dem Talent, "extrem zu sagen, was er sah", wie Arnold Zweig meinte, besaß Theodor Lessing aber auch das Talent, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Er war ein großer Polemiker und Satiriker.

"Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: Besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht."

Da flogen die Fetzen. "Raus aus Deutschland" war noch eine harmlose Forderung. Sieben Jahre später, 1932, waren für ihn die Zeichen der Zeit klar:

"In der deutschen Republik, einem Volksstaate, welcher jedem Bürger die Freiheit des Gewissens und den Schutz seiner Ehre verbürgt, geschieht ein Kollektivverbrechen, desgleichen niemals ähnlich dagewesen ist. Denn niemals war es erlaubt, dass die Majorität im Staate die wehrlose Minderheit in Wort und Schrift als hassenswert und parasitär dem Masseninstinkte preisgeben durfte."

Seine aufklärerischen Ziele hatte Lessing allerdings nicht aufgegeben. Auch im tschechischen Exil in Marienbad stand für ihn fest:

"Jetzt kommt unsere Zeit, und wir werden unser Bestes tun."

Kurz darauf kamen aber die deutschen Kopfgeldjäger und führten einen der ersten von den Nazis bestellten Morde im Ausland aus. Einer der Täter lebte nach dem 2. Weltkriegs unter falschem Namen unerkannt in der DDR, der andere wurde von einem tschechischen Gericht verurteilt, konnte jedoch 1959 in die Bundesrepublik ausreisen und forderte allen Ernstes eine "außerordentliche Unterstützung", da er "viel fürs deutsche Volk geleistet" habe.

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