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StartseiteBüchermarktEin Radioporträt16.10.2000

Ein Radioporträt

An einem milden Frühlingstag des Jahres 1957 nahm eine junge Algerierin - sie war noch keine einundzwanzig Jahre alt - in Paris ein Taxi zu Julliard, jenem berühmten Verlag, der gerade ihren ersten Roman "La Soif" angenommen hatte. Der Vertrag, den sie unterzeichnen sollte, war im Grunde wertlos, weil sie noch nicht volljährig war. Aber die junge Autorin hatte ganz andere Sorgen.

Jochanan Shelliem

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Jahre später, 1993, nach dem Ausbruch des religiösen Terrors in Algerien, vier Jahre nach dem religiösen Todesurteil des krebskranken Ayatollah Ruholla Khomeini über Salman Rushdie, wurde sie gefragt: "Haben Sie sich bedroht gefühlt, nachdem der Stab über Salman Rushdie gebrochen worden war? Wurden Sie je bedroht?"

Ein Fototermin mit der Zeitschrift Eile war vereinbart worden und deren Redakteur wünschte sich biographische Angaben zu dem Roman. Weil sie sich Sorgen machte, wie ihre Familie wohl auf ein Buch reagieren würde, in dem von Erotik die Rede war und das sie außerdem zu einer Zeit geschrieben hatte, in der sie eigentlich für ihr Examen hätte lernen müssen, beschloß sie impulsiv, ihre Haare abzuschneiden, ihr Geburtsdatum zu ändern und ein Pseudonym zu verwenden.

"Nein, man hat mich nie bedroht. Ich habe keine Angst. Aber ich habe den Fundamentalisten auch keinen Grund geliefert", sagte Asia Djebar nach der Diskussion über die Schändung des heiligen Wortes durch die Literatur. "In meinen Romanen findet sich keine Blasphemie." Das war 1993 in Straßburg.

Während das Taxi durch die Straßen von Paris fuhr, bat die junge Schriftstellerin ihren Verlobten, einen algerischen Nationalisten, der sich bald auf der Flucht vor der französischen Polizei befinden würde, ihr die neunundneunzig rituellen Anrufungen für Allah aufzuzählen, in der Hoffnung, darunter ein geeignetes Pseudonym zu finden.

Sie wählte "djebbar", ein Wort, das Allah als ‘unversöhnlich' preist, schrieb es in der Eile aber verkehrt, wodurch sie das hocharabische Wort unbeabsichtigt in den umgangssprachlichen Ausdruck für 'Heiler' verwandelte. Als Vorname fiel ihr "Assia" ein, "einfach, weil es ein Vorname war, der sich in der ganzen Familie großer Beliebtheit erfreute."

In der arabischen Hochsprache bedeutet er 'Asien', es ist aber auch der Name der ägyptischen Prinzessin, die Moses rettet und deshalb in der algerischen Folklore als Heilige verehrt wird. "Pharaos Schwester" nennt man sie dort. In der Berbersprache heißt so die Blume "Edelweiß".

Mehr als zwanzig Jahre später, in ihrem Roman "Die Frauen von Algier", bezeichnet sich die 'Heilerin' im Text einmal als sourcière, als Rutengängerin, die in die unterirdische Realität des weiblichen Schweigens einzudringen versucht, um das totenähnliche Leben im Harem zu beschwören und ihren vergessenen Schwestern eine Art von Unsterblichkeit zu schenken." Dazu Assia Djebar:

"Ich stamme aus einer Gesellschaft, die sich durch eine radikale Trennung der Geschlechter auszeichnet. Das kennzeichnet nicht allein Algerien, sondern den ganzen Maghreb. Diese Trennung der Geschlechter führt zu einer Selbstzensur, der gerade junge Schriftstellerinnen ausgesetzt sind. Und vielleicht habe ich mir darum eine sprachliche Distanz gesucht, eine Sprache, die es mir gestattet, mich in einem anderen Ambiente auszudrücken. Meine Romane profitieren von dieser Spannung zwischen diesen beiden Sprachen, meiner Muttersprache der Intimität und dem Blickwinkel der Distanz aus der Sprache der Fremden. Diese Spannung wirkt sich auf meine Dialoge, meine Charaktere, die Spannung des Plots aus und ich kann die Abgrenzung der Gesellschaft überwinden."

Doch nicht allein die Auseinandersetzung mit der arabischen Sprache und ihr unbedingter Wille, die Scheuklappen des Schleierblicks zu überwinden und das dienstbare Schweigen zu thematisieren, leiten ihr Schreiben, in Assia Djebars Werk verwandelt sich die weibliche Perspektive in den konstitutiven Leitfaden ihrer Romane. Studierte sie zu Beginn der Siebziger noch klassisches Arabisch, so wendet sie sich späer dem Film zu, dreht ihre ersten Dokumentarfilme, um auch ein nicht-literarisches Publikum zu erreichen. Ihr erster Film, "La Nouba des femme du Mont Chenoua", wird 1979 auf der Biennale von Venedig preisgekrönt , der zweite, "La Zerda oder die Lieder der Vergessenen", eine Chronik des Lebens im Maghreb, wird 1982 als bester historischer Film der Berlinale geehrt. Erst 1980 aber erscheinen neue Erzählungen. Im Zyklus der Erzählungen "Die Frauen von Algier" spürt man ihre Theaterarbeit, ihre Filmdramaturgie. Doch als Ende der Achziger mit der Ausgrenzung der algerischen Islamisten der religiöse Terror in Algerien beginnt, beschließt sie ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte des Maghreb, deren erste zwei Bände sie abgeschlossen hat, zu unterbrechen. "Loin de Medine" - "Fern von Medina" heißt der Roman mit weiblichem Blick auf die Wurzeln der Verhärtungen des Islam. Er beginnt im Jahre 632 in Medina mit dem Tod des Propheten Mohammed. Siebzehn Frauengestalten aus dem ersten Jahrhundert des Islam erweckt Djebar zum Leben. Und sie entgeht der Konfrontation mit weiblicher List. Assia Djebar:

"Fern von Medina" beginnt mit dem Tod des Propheten, dessen Leben in Rückblenden ausgeleuchtet wird. Mit weiblichen Blick. Und die Frauen, die in den Texten der Chronisten allein in kargen Sätzen auftauchen, sind hier die Subjekte der Geschichte. Gehörten sie zuvor zur Erbmasse, so stellen sie jetzt zum ersten Mal in der Geschichte die Erben. Als der Prophet auf seinem Lager liegt und den Tod nahen fühlt, schickt er drei seiner Frauen aus, einen Schreiber zu bringen, um seinen Letzten Willen zu fixieren. Jede aber bringt einen Verwandten mit. Aischa holt ihren Vater, Fatima holt ihren Schwiegersohn und Saida, die Dichterin träumt davon, selbst Prophetin zu sein. Als aber der Prophet realisiert, daß jede zuvörderst an ihrer eigenen Wahrheit interessiert einen parteiischen Schreiber bringt, dreht er sich um, sagt garnichts mehr und stirbt ohne Testament. Damit ist der Grundstein der Spaltungen gelegt. Der Glaube an den einen allmächtigen Gott weicht der Clanzugehörigkeit, der traditionellen Solidarität der Blutsbande."

Noch vor der Verurteilung von Salman Rushdie durch den greisen Ayatollah, aber spürt die algerische Schriftstellerin, noch während ihrer Arbeit an ihrem Roman "Loin de Medine " - "Fern von Medina ", was es bedeutet, sich auf religiöses Terrain zu bewegen:

"1991, kurz vor den Wahlen, die dann abgebrochen worden sind, wurde ich zu einer Podiums-Diskussion in einem der säkularen französisch-sprachigen Sender des algerischen Fernsehens geladen. Die anderen Fernsehstationen strahlen ihre Sendungen in der Sprache der Berber und auf Arabisch aus. Es ging um meinen Roman "Loin de Medine", über das Leben und die Lage der Frau im Islam. Darin hatte ich lediglich zeigen wollen, daß es auch Frauen gab, die Grenzen überschritten in den Tagen des Propheten.- Ich hatte den Roman schon 1988 angefangen, als für mich absehbar war, daß die staatlich verfolgten Fundamentalisten sich mit doppelter Macht zurückmelden würden in Algerien. Darum hatte ich diesen Roman geschrieben, von dem ich nun berichtete. Also erzählte ich von den Frauen um Mohammed und ihrem Beispiel für unsere Zeit. Tagsdrauf sprachen mich meine Eltern an. Man hatte sie besucht und kritisiert: als Frau und als eine Person, die keinen Schleier trüge, sei ihre Tochter nicht befugt, das Leben religiöser Leitfiguren zu interpretieren.Das heißt, die Worte einer Frau, die sich nicht durch den Schleier unterwirft, somit trotz ihrer Weibseins begrenzt als mündig gilt, werden an sich schon als Schändung begriffen."

Sehr rasch, so Assia Djebar, habe man die Zielrichtung der Fatwa gegen Salman Rushdie gesehen.Da wurden neue Grenzen abgesteckt und die galt es zu meiden. Die Autorin:

"Wenn ich also an einem Roman arbeite, der den Frauen meines Landes hilfreich sein kann, bewege ich mich außerhalb des religiösen Territoriums.Insofern habe ich nach dem Todesurteil von Rushdie sehr schnell verstanden, daß diese Grenze sehr sensibel und zu respektieren sei. Und doch habe ich mir gedacht, als ich für Rushdie eine Petition unterschrieb, als Naghib Machfuß den Nobelpreis für Literatur erhielt und Tahar Ben Jalloun und ich ganz öffentlich aussprachen: selbst wenn der Roman von Rushdie blasphemisches enthielte, so sei das Verbrechen einen Menschen selbst im Namen der Religion zu töten, doch größer. Außerhalb dieser politischen Aktivitäten blieb mir nichts anderes, um mich als Schriftstellerin mit eine gewissen Zivilcourage selbst zu respektieren, als in meiner Arbeit meinen Grundsätzen entsprechend fortzufahren, als gäbe es nichts anderes als mich und das Buch."

Als die Autorin, die 1955 als erste Algerierin an der Pariser Ecole de Sèvre zugelassen worden ist und ihren ersten Roman "La Soif" während des Streiks der algerischen Studenten schreibt, sich 1988 in London aufhielt, um die englische Ausgabe ihrer Novelle, "Die Schattenkönigin" vorzustellen, hatte sie zum ersten Mal die aufgebrachten Demonstrationen fanatisierter Pakistanis gesehen. Nachdem die Fatwa von Khomeini wiederholt worden war, beschließt sie, an ihrem religiösen Roman zwar weiterzuarbeiten - ihre biographische Tetralogie legte sie jedoch auf Eis.

Erst 1995, in ihrer Erzählung "Weißes Algerien", wird es die ehemalige Mitarbeiterin von Franz Fanon wagen, ihre inneren Einsichten, persönliche Bekenntnisse und emotionale Beurteilungen der politischen Tragödie Algeriens zu präsentieren - die Ereignisse aus dem Algerien ihrer Jugendzeit aber bleiben in ihren Romanen eingesponnen, aus Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Freunde. Schreiben, das ist für Assia Djebar auch und vor allem ein Kampf um die adäquate Form. Assia Djebar:

"Was mich wirklich interessiert, ist, daß wir in der islamischen Kultur nie die Erfahrung einer Verweltlichung der religiösen Sphäre erfahren haben. Und solange wir diese Erfahrung der europäischen Renaissance nicht durchgemacht haben, bleiben die Bilder tabu, denn wenn ein Rafael oder ein Michelangelo mit dem Bildnis der Jungfrau Maria beauftragt worden sind, so wurde daraus kein Disput um den Beweise ihrer Jungfräulichkeit. Der Künstler hat sich zu derlei gotteslästerlichem gar nicht erst geäußert und wenn doch, wäre er damals wohl sicherlich verurteilt worden, vielleicht sogar zum Tode. Er tat etwas ganz anderes: er nahm sich ein Modell, suchte sich eine schöne Frau, vielleicht seine Geliebte, blond und mit einem schönen Busen, suchte sich einen Säugling, verwandt seine ganze Kunst darauf ihre Schönheit zu zeigen, er gab der Heiligen ein menschliches Gesicht. Ja, er betrog. Unter dem Vorwand, die Jungfrau und das Jesuskind zu zeigen, malte er die Gestalt seiner Geliebten. In diesem Sinne gilt es Grenzen zu überschreiten, ohne davon zu reden. Wenn ich also derartige Szenen in meine Romane integriere, dann geht es nicht darum, meine Meinung dazu kundzutun, sondern die religiösen Bilder mit menschlichem Antlitz neu auferstehen zu sehen. Das nenne ich die Verweitlichung oder die Neutralisierung des Religiösen. Das Religiöse kann zum Werkstoff der Ästhetik werden - ob es nun will oder auch nicht."

Ist die Geschichte der algerischen Literatur eng mit dem Befreiungskrieg verknüpft, während dessen Assia Djebar als Journalistin für die antikolonialistische Zeitung "El-Moujahid" arbeitete, so fanden die Ideale der Französischen Revolution vor allem in den letzten Jahrzehnten der 130jährigen Kolonialherrschaft ihren Weg in das Selbstbewußtsein algerischer Intellektueller, die in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 200 Romane und Essays veröffentlichten. Auf französisch. So wie die Marabous, in feudalistischer Tradition erstarrt, nationalistisch-nordafrikanische Aktivisten gegen die koloniale Unterdrückung kämpfen ließen, diente der maghrebinische Literatur die Muttersprache der Kolonialisten zur nationalen Selbstfindung. Als Hauptwerk und Leuchtturm auf diesem Wege "d'expression francaise", gilt nach wie vor der 1956 erschiene Roman "Nedschma" von Kateb Yacin. Daß die meisten Schriftsteller und Intellektuellen des Maghreb aber auch heute auf französisch publizieren, so Assia Djebar 1994 in einem Pariser Café am Place d' Italie, dieser ideologisch vernebelte Sprachenstreit verfügt über einen facettenreichen Hintergrund:

"Die Absicht der algerischen Regierung war mit der Arabisierung des Bildungssystem, mit dem Import vieler Tausender ägyptischer Lehrer die frankophone Literatur Algerien zu eleminieren. Sie würde dann schon von selbst verschwinden und die Menschen würden anfangen auf arabisch zu schreiben, das trat jedoch in keiner Weise ein. Die meisten arabisch schreibenden Schriftsteller haben sich heute der Poesie zugewandt, und nur zwei, drei Autoren, verfassen Erzählungen. Sie gehören jedoch zu der Gründergeneration von Mohammed Dib. Und was vor allem verblüfft, war, daß auch die jüngeren Schriftsteller, die nach der Arabisierung des Bildungsystems zu schreiben begonnen haben, ihre Roman auf französisch verfassen: Tahar Djaout, Rachld Mimouni, und viele andere einschließlich der Frauen, die in Algerien auch zu schreiben begonnen haben."

Schreiben ist für die heute zwischen Paris, Rom und ihrer Professur in Louisiana hin und her reisende Schriftstellerin und Dramaturgin - in Rom inszenierte sie dieser Tage eine Oper nach Themen ihres Romanes "Fern von Medina" -, Schreiben ist Standortbestimmung für die Algerierin mit dem curativen Pseudonym, auch wenn sie längst in Europa angekommen ist. Assia Djebars Suche nach dem Kern des Landes, das immer mehr zerfällt. Eine Kultur, die sie in ihren letzten Erzählungen 1996 unverschleiert aus persönlichem Blickwinkel ausleuchtet. "Weißes Algerien" - ein ebenso politisches wie persönliches Memento Mori des Maghreb. Auch wenn sie lang schon in Europa angekommen ist, auch ihr letzter Roman, auch "Nächte in Straßburg", sucht nach den Wunden, dem unausgesprochenen Verlust, in diesem Fall, der in Frankreich verschwiegenen Totenstille nach der Flucht der Straßburger aus der Stadt, im September '39, doch auch vom Fremd-Sein der Algerienkriegs- Flüchtlinge im idyllischen Elsaß ist die Rede. "Es gibt immer etwas Abwesendes, das mich quält." läßt Eve, die Heldin, ihren Liebhaber wissen, und darin ähnelt die größte Gegenwartsautorin des Maghreb der unglücklichen Rodin-Gellebten Camille Claudel.

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