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StartseiteDlf-MagazinEin rasierter Berg für die Stromspeicherung23.12.2010

Ein rasierter Berg für die Stromspeicherung

Pumpspeicherwerk sorgt in Baden-Württemberg für Diskussion

Deutschlands größtes Pumpspeicherwerk soll im baden-württembergischen Hotzenwald entstehen. Dazu sind massive Eingriffe in die Natur notwendig, wogegen sich immer stärker Widerstand formiert.

Von Uschi Götz

Blick in ein Pumpspeicherwerk (AP)
Blick in ein Pumpspeicherwerk (AP)

Ortstermin im Hotzenwald, Landkreis Waldshut. Die Seele des Kraftwerks Säckingen erreicht man nur durch einen eineinhalb Kilometer langen Zufahrtsstollen. Es ist eine besondere Anlage: Es ist das erste deutsche Pumpspeicherkraftwerk in Kavernenbauweise überhaupt. Vier Maschinensätze stehen in einer künstlichen Höhle, einer Kaverne. Die ist riesig: 160 Meter lang, 23 Meter breit und 33 Meter hoch. Darüber liegt das Eggbergbecken, aus dem das Wasser zur Stromerzeugung senkrecht in die Tiefe stürzt. Produziert werden so im Jahresdurchschnitt 400 Millionen Kilowattstunden Strom.

"Das Wasser fließt also vom Oberbecken über die Maschinensätze, erzeugt dort die Energie, fließt dann weiter hier in den Rhein, wird dort zwischengespeichert."

Andreas Schmidt ist Projektleiter bei der Schluchseewerk AG. Fünf Pumpspeicherkraftwerke betreibt das Unternehmen, das zu 50 Prozent RWE und zu 37,5 Prozent der EnBW gehört. Schmidt plant mit an der sechsten Anlage, der dann größten in ganz Deutschland, Atorf genannt. Kosten rund eine Milliarde Euro. Ein Raumordnungsverfahren ist abgeschlossen, nun folgt das Planfeststellungsverfahren:

"Auf Basis dieses Planfeststellungsbeschlusses, der daraus resultiert, wäre dann ein Bau dieses Kraftwerks auch möglich."

Ab 2013 soll gebaut werden, 2018 könnte das neue Pumpkraftwerk dann in Betrieb gehen. Dafür aber muss ein Oberbecken aus Beton gegossen werden. Der Berg, auf dem dieses stehen soll, heißt Abhau. Ein treffender Name. Denn dem Abhau muss die Kuppe genommen werden, um Platz zu machen für dieses 1.100 Meter lange Becken, das neun Millionen Kubikmeter Wasser fassen soll. Dieses Becken wird man schon von Weitem sehen, denn die Dammwände ragen zum Teil bis zu 75 Meter in die Höhe.

"Und dann wird es ein Unterbecken geben, einen Stausee, in einem Seitental des Weratals, des Rheintals, ebenfalls mit neun Millionen Kubikmeter Inhalt."

Der Widerstand gegen das Projekt wird zunehmend härter: Von sinnloser Naturzerstörung ist die Rede. Eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Berges Abhau und des Haselbachtals ist bereits aktiv. Projektgegner wie Jürgen Pritzel sprechen von einem energiepolitischen Irrlauf. Der Diplomingenieur wohnt nur ein paar Kilometer weit vom Abhau entfernt:

"Das Problem ist nämlich, dass bei zunehmender Einspeisung von Wind- und Photovoltaik immer mehr Situationen auftauchen, wo die Grundlastkraftwerke, sprich Braunkohle und Kernenergie eigentlich gar nicht mehr benötigt würden. Sie laufen aber weiter. Und dann haben die Kraftwerksbetreiber natürlich das Problem, wohin mit diesem eigentlich jetzt überschüssigen Strom. Und da sehen wir immer mehr den Zusammenhang mit Atdorf, dass es hier eigentlich darum geht, im Tagesbetrieb – und es ist ja nur ein Tagesspeicher, der in acht Stunden voll bzw. leer ist - hier überflüssigen Grundlaststrom zu speichern und gar nicht die regenerativen Energien."

Die Betreiber machen seiner Meinung nach unnötigen Druck. Zurzeit werde viel geforscht, erklärt Pritzel, sodass bereits in ein paar Jahren alternative Speichermöglichkeiten zur Verfügung stehen könnten, die mit weniger Landverbrauch auskommen werden:

"Der Zeitdruck kommt aus der Thematik der Netznutzungsgebühren, sprich, dass alle Pumpspeicherwerke, die vor Ende 2019 in Betrieb gehen, für zehn Jahre von der Netznutzungsgebühr befreit werden. Und das macht natürlich ein paar Hunderttausend, wenn nicht Millionen, pro Jahr aus, die dann in der betriebswirtschaftlichen Rechnung der Schluchseewerke fehlen. Und deswegen machen die Druck."

155 Hektar Wald werden für die beiden Stauseen weichen müssen. Naturschützer sprechen bereits von 44 bedrohten Tier- und Pflanzenarten. Geht es nach dem Willen der Bürgerinitiative, sollte zunächst die bestehende Netzinfrastruktur ausgebaut werden, ferner könnte man Stausysteme in Norwegen nutzen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus widerspricht: "Wer für erneuerbare Energien eintrete, der müsse auch den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks wie in Atdorf akzeptieren", sagte er kürzlich. Auch die Grünen im Landtag haben sich klar positioniert. Franz Untersteller, energiepolitischer Sprecher der Fraktion und Vorstandsmitglied des Freiburger Ökoinstituts:

"Wir brauchen Speicherkapazität für den Stundenbereich und den Tagesbereich, wir brauchen Langzeitspeicher. Norwegen ist insbesondere was die Langzeitspeicherung, sprich über Wochen und Monate hinweg betrifft, kann das mittelfristig durchaus eine Lösung sein. Aber für die Bereitstellung der sogenannten Regelenergie brauchen wir stundenweise und tageweise Speicher. Und von daher gesehen glaube ich, kommen wir nicht umhin, in Deutschland die Speicherkapazitäten auszubauen."

Offen räumt der grüne Landtagsabgeordnete ein, es gibt Diskrepanzen mit den Parteifreundinnen und Freunden im Südschwarzwald:

"Ich stehe mit denen in Kontakt, habe mehrere Diskussionen mit denen gehabt. Aber ich habe eine grundlegende Diskrepanz in der Frage: Brauchen wir Speicherkapazitäten in einer sich verändernden Energiewirtschaft, ja oder nein? Der Bau eines solchen Pumpspeicherkraftwerk ist immer ein massiver Eingriff in Natur und Landschaft und zwar ganz egal, wo sie das machen. Sie müssen eine Bergkuppe rasieren und so etwas hinterlässt natürlich einen massiven Eingriff."

Im Kern gehe es darum, so Untersteller, den ökologischen Fußabdruck, den derartige Planungen immer hinterlassen, zu minimieren. Er rät den Schluchseewerken, sich mit den Projektgegnern sehr bald an einen runden Tisch zu setzen, am besten mit einem Moderator. Die Mitglieder der Bürgerinitiative sind schon heute vor allem über das Verhalten der baden-württembergischen Landesregierung erbost. Jürgen Pritzel:

"Wenn dann der Herr Mappus sagt, das mit Stuttgart 21 passiert ihm nicht wieder, dann müssen wir einfach sagen: Ja, das Projekt ist ja auch schon zwei Jahre am Laufen. Es ist ihm schon passiert, er hat es nur noch nicht gemerkt. Wir haben einen Landtagswahlkampf – da wird es hier rundgehen."

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