Dienstag, 18.12.2018
 
Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteKalenderblatt"Ein sardonisches Gelächter entfährt uns"05.10.2011

"Ein sardonisches Gelächter entfährt uns"

Zum 100. Geburtstag des irischen Schriftstellers Flann O'Brien

Im Dublin der 40er- und 50er Jahre waren seine Zeitungskolumnen Stadtgespräch: Flann O'Brien verfasste sie unter einem gälischen Pseudonym und oft in der irischen Sprache, die er genauso beherrschte wie das Englische. Seine Romane jedoch fanden zu seinen Lebzeiten wenig Anklang, sie waren zu sprachverliebt, voller Wortspielereien und literarischer Ironie. So wie sein Hauptwerk "In Schwimmen-zwei-Vögel", das ein Roman im Roman über das Romanschreiben ist und mit drei Anfängen beginnt. Erst nach dem Tod von Flann O'Brien wurde das Buch als Vorgriff auf die Postmoderne anerkannt und sein Autor als einer der wichtigsten Schriftsteller Irlands geschätzt.

Von Eva Pfister

Flann O'Brien war Stammgast in diversen Pubs, und das Trinken war oft Thema seiner Texte. (AP Archiv)
Flann O'Brien war Stammgast in diversen Pubs, und das Trinken war oft Thema seiner Texte. (AP Archiv)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Fotogener Vollbart

"Der wahnsinnige König Sweeny, der altirische Sagenheld Finn MacCool, zwei Viehtreiber, ein Arbeiterdichter - Hände weg von den Dichtern! - und der Teufel Pooka MacPhelliemy - sie alle sind auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Sie finden es im Kopf des Schriftstellers Bran."

So könnte man Flann O'Briens berühmtesten Roman "In Schwimmen-zwei-Vögel" zusammenfassen, wie hier im Trailer zur Verfilmung von Kurt Palm aus dem Jahr 1997. "At Swim-Two-Birds" war 1939 erschienen und war kommerziell gesehen ein Flop. Hoch geschätzt wurde der absurde Antiroman, in dem die Figuren gegen ihren Erfinder aufbegehren, jedoch von manchen Kollegen, so etwa von James Joyce, der dem Autor einen "echten Sinn für Komik" bescheinigte. Rückblickend wird "In Schwimmen-zwei-Vögel" als ein frühes Werk der Postmoderne angesehen, denn in der verschachtelten Konstruktion gibt es statt einer logischen Handlung viele Zitate sowie einen ironischen Umgang mit Pathos und Klischees. Dieser zeichnet auch die Kolumnen des Autors aus, die über viele Jahre in der "Irish Times" erschienen:

"Die Frühlingsgöttin lauert wie ein schüchternes Kind in der lächelnden Parklandschaft. Noch hat sie die leeren Bäume nicht mit farnigen Trieben geschmückt, noch den Pflaumenbaum, den wilden, mit zierlicher Blüte beduscht. ... Wenn manche Menschen so schreiben dürfen, gibt es keinen Grund, warum das nicht alle tun sollten, und wenn das den Pflaumenbaum wild macht, ist ihm auch nicht zu helfen."

Die Zeitungskolumnen erschienen unter dem gälischen Namen Myles na Gopaleen (zu Deutsch: Myles von den Pferdchen), der ebenso wie Flann O'Brien ein Pseudonym ist. Der Mann, der sich gerne hinter Masken verbarg, hieß Brian O'Nolan und wurde am 5. Oktober 1911 als drittes von zwölf Kindern in der irischen Kleinstadt Strabane geboren. Er wuchs in Dublin auf, sprach Gälisch so gut wie Englisch, denn sein Vater war ein "linguistischer Patriot", wie Brian spottete. Schon als Student fiel er durch seinen sarkastischen Humor auf. 1935 gehörte er zu den Gründern der Zeitschrift "Blather", das heißt "Geschwafel", in deren Editorial sich die Macher so vorstellten:

"Wir sind ein Haufen arroganter und verdorbener Schnösel. Blather ist alles egal. Ein sardonisches Gelächter entfährt uns, während wir uns verbeugen, gefühllose, zynische Hunde, die wir sind. Es ist ein furchtbares Gelächter, das Gelächter verlorener Männer. Merken Sie, wie es nach Porter riecht?"

Dass er 1934 in Deutschland wegen nazifeindlicher Äußerungen verprügelt worden sei, ist nur eine der zahlreichen Legenden, mit denen Brian O'Nolan seine Biografie ausschmückte. Sein reales Leben hatte weniger Höhepunkte. Als Regierungsbeamter ernährte er nach dem Tod seines Vaters die zahlreichen Geschwister. Mit seinem Erstling wurde er von den Kritikern als James-Joyce-Epigone abgetan, sein nächster Roman "Der dritte Polizist" fand erst nach seinem Tod einen Verleger. So steckte Brian O'Nolan seine Energie in die gälisch und englisch geschriebenen Zeitungskolumnen und zettelte mit fiktiven Leserbriefen heftige Debatten an. Er war Stammgast in diversen Pubs, und das Trinken war oft Thema seiner Texte.

"Die Pint wird erhoben, gekonnt geschrägt, und ein schwarzer Sturzbach hinunter und an den entzündeten Mandeln vorbei abgeschossen ..."

Die kongenialen Übersetzungen und Lesungen von Harry Rowohlt machten das Werk Flann O'Briens auch im deutschen Sprachraum bekannt. Der Ire war ein sprachverliebter Zyniker, der sich keinem Lager zuschreiben lässt. Obwohl er gegen die Kirche wetterte, blieb er überzeugter Katholik, obwohl er das Gälische pflegte, konnte er nicht genug über die Keltenverehrung spotten. Und obwohl er als Regierungsbeamter ein angenehmes Leben führte, nahm er immer wieder Politiker aufs Korn, was 1953 zu seiner Entlassung führte. Der Alkoholkranke musste nun schreibend sein Leben fristen, unter anderem mit Drehbüchern fürs Fernsehen. Aber noch sein später Roman "Das harte Leben" sprüht von Witz und Kampfgeist.

"Wissen Sie was, Herr Pfarrer, ... mir wird ein wenig schlecht in den Kaldaunen, wenn ich Sie ständig über das Leiden reden höre."

Flann O'Brien starb 1966 und wurde postum zu einem Vorbild für viele junge Schriftsteller. Joseph O'Conner nannte ihn "das wohl unglücklichste Genie der irischen Literatur".

Kurt Palm: "In Schwimmen-zwei-Vögel", Fischerfilm 1997. Als DVD in der Reihe "Der österreichische Film" erhältlich.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk