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StartseiteEuropa heuteEin Sieg für einen Komiker31.10.2012

Ein Sieg für einen Komiker

Nach den Wahlen in Sizilien triumphiert die Protestpartei "Fünf Sterne"

Auf Sizilien haben die Wähler bei Regionalwahlen eine Protestpartei zur stärksten Kraft gemacht. Ihr Kandidat für den Regionalpräsidenten landete immerhin auf Platz zwei. "Fünf Sterne" heißt diese bereits 2009 gegründete populistische Bewegung des Komikers Beppe Grillo. Grillo sammelt seine Wähler mit Anti-Europa-Phrasen.

Von Karl Hoffmann

Der italienische Polit-Komiker Beppe Grillo. (AP)
Der italienische Polit-Komiker Beppe Grillo. (AP)
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Wahlkampf, die Mafia und ein Komiker
Am Rande des Abgrunds

Die Kommentare zu den Wahlen in Sizilien überbieten sich in ihrer Dramatik: "eine Revolution", "das Ende der Politik", "der Anfang der Zeitenwende in Italien" – kurz: ein epochales Ereignis. Davon sind am meisten die Sieger überzeugt. Einerseits Rosario Crocetta, der neue Regionspräsident, der allerdings ohne absolute Mehrheit regieren muss:

"Dann werde ich halt Vertrauensabstimmungen fordern und wenn ich keine Mehrheit mehr haben sollte, dann lassen wir das Volk noch einmal wählen und ich bekomme garantiert eine Zweidrittelmehrheit."

Forsch und triumphierend dagegen Giancarlo Cancelleri, der Spitzenkandidat der Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo.

"Mein erster Antrag als Sprecher der stärksten Fraktion im neuen Landesparlament wird sein , die Kassenbücher der Region offenzulegen und die Bilanzen transparent zu machen."

Viele Wähler trauen der angekündigten Revolution noch nicht, sie sehen das Ergebnis nüchterner, aber nicht weniger dramatisch:

"Was haben sie denn nun konkret vor? Gibt es da konstruktive Vorschläge, damit wir die Krise überwinden? Ober bleibt hinterher wieder alles beim Alten? Die Leute wollen Sicherheiten, und die gibt es nicht. Außer, dass wir blechen müssen, das jedenfalls ist sicher."

"So wie bisher kann es jedenfalls nicht weitergehen. Ich fürchte deshalb, dass der neue Regionspräsident drastische Maßnahmen ergreifen wird, um die Lage bei uns in den Griff zu bekommen."

Die Zeitenwende in Sizilien hat sich im Grunde schon lange angekündigt. Die bisher regierenden Parteien und ihre Repräsentanten haben gründlich abgewirtschaftet und einen wahren Scherbenhaufen hinterlassen. Dafür macht der siegreiche Volksredner und Komiker Beppe Grillo allerdings auch die eigenen Wähler mitverantwortlich:

"Ihr habt schon auch selber Schuld liebe Leute. Jetzt regt ihr euch endlich auf und ich finde das großartig , aber ihr hättet damit schon viel früher anfangen müssen."

Überall Schulden und leere Kassen, Müll und Arbeitslosigkeit. Drei Tage nach der Wahl herrscht bei den Bürgern resignierte Wut auf die Geschassten und verhaltenes Misstrauen gegenüber den neuen Volksvertretern.

"Wir haben schon seit 20 Jahren keine vernünftige Regierung mehr. Nachdem wir das überstanden haben, werden wir halt auch noch weiter durchhalten müssen."

"Jüngst war bei mir die Steuerfahndung, die Beamten lachten und sagten: 'Warum zahlen Sie denn überhaupt noch Steuern, die landen doch direkt in den Taschen der Politiker?'"

Auch der Soziologe Franco La Cecla sieht in dem sizilianischen Wahlergebnis keinen Grund zu Freude, denn es fehlte an einer grundsätzlichen Neuorientierung aller Beteiligten:

"Das Gravierende bei diesen Wahlen war die Tatsache, dass sich alle Kandidaten - auch die von Beppe Grillo - mit dem Stolz der Sizilianer werben. Statt dass sie sich endlich zu Italienern oder Europäern emanzipieren. Eine Tragödie."

Immerhin hat die Fünf-Sterne-Bewegung mit ihrem Populismus die Karten neu gemischt. Aber die entscheidende Partie zur Rettung des hochverschuldeten Sizilien muss erst noch gewonnen werden. Nicht mit Schlagworten und allzu gerechtfertigter Kritik , sondern mit konkreter Politiker, meint Leoluca Orlando, dem im vergangenen Mai mit überwältigender Mehrheit wiedergewählten Bürgermeister in der sizilianischen Hauptstadt Palermo, für viele Beobachter der eigentliche Beginn des Wandels:

"Die 5-Sterne-Bewegung ist ein Fieberthermometer. Es dient, um die Temperatur des Kranken zu messen. Man braucht es für die Behandlung, aber es genügt nicht, um ihn zu heilen. Dank der Bewegung sind Wut und Unzufriedenheit bei den Bürgern sichtbar geworden. Jetzt muss diese Unzufriedenheit in konkrete Politik umgesetzt werden, das ist genau das, was ich als Bürgermeister von Palermo jetzt mache."

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