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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Ein Stück Zeitgeschichte18.12.2006

Ein Stück Zeitgeschichte

Leo Brawand schildert die Anfänge des "Spiegels"

Im Januar wird das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in altbekanntem Selbstbewusstsein seinen 60. Geburtstag begehen. Als letzter noch lebender Gründungsredakteur hat sich Leo Brawand daran gemacht, die Anfänge der Zeitschrift nachzuzeichnen. Brigitte Baetz stellt Brawands Erinnerungen an die Gründerzeit des "Spiegels" vor.

Das erste Titelbild des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vom 4. Januar 1947. (AP Archiv)
Das erste Titelbild des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vom 4. Januar 1947. (AP Archiv)

"'"Heute vor 60 Jahren bestieg ich im hannoverschen Vorort Kirchrode die Straßenbahnlinie 5, um durch die zertrümmerte Stadt zur ersten Redaktionskonferenz mit dem britischen Major Chaloner und dem knapp 23-jährigen Rudolf Augstein in das Anzeiger-Hochhaus der Stadt zu fahren. Wir Deutschen waren nur 'Hiwis', also Hilfswillige, die sich am Wiederaufbau beteiligen wollten. Als Hauptakteur im sechsten Stock des von Bomben verschonten Klinkerbaus trat der hochdekorierte Offizier auf - wir, meist in gefärbten Wehrmachtstextilien, als die Befehlsempfänger.""

Leo Brawand gehörte zu der kleinen Gruppe von jungen Männern in ihren 20ern, die bei der Zeitschrift "Diese Woche" mitarbeiteten, aus der dann einige Monate später der "Spiegel" entstand. Eine Truppe, die, wie Brawand sagt, erst einmal froh war, überhaupt noch am Leben zu sein.

"Also, bei uns ging es damals nach dem Motto dieses Theaterstücks, was es damals gab: Wir sind noch einmal davon gekommen. Und nun machen wir mal dies, zumal es da was zu essen gab, dürfen Sie nicht vergessen."

Brawand widerspricht in seinem Buch über den "Spiegel" der Legende, Männer wie Augstein, Nannen und Springer seien ihren Lizenzgebern auf gleicher Augenhöhe gegenübergetreten. "Die waren so klein mit Hut", zitiert er eine Sekretärin des Presseoffiziers Huijsman. Nachhilfe in Sachen Journalismus erhielten die Nachwuchsdemokraten von Emigranten wie Harry Bohrer, dem ersten Chefredakteur von "Diese Woche"

"Bohrer, der der erste Chefredakteur war, den kann ich heute nur noch in den Himmel loben, wobei er selber Leute verloren hatte aus seiner Familie im Holocaust. Das ist mir heute noch ein Rätsel, wie der Mann uns junge Bengels dort geführt hat, aber verständlich eben, weil er sagte: Das darf nicht wieder passieren. Und das war auch der gesamte gemeinsame Nenner, den wir junge Bengels hatten, Augstein in erster Linie, das darf nicht wieder passieren, und deshalb waren wir in den ersten Jahren manchmal auch zu aggressiv, zu scharf. Wenn ein Mann wie Globke angegriffen wurde, dann wurde das natürlich mit fliegenden Fahnen gemacht aus dieser Verärgerung und dieser Wut heraus."

Akribisch schildert Brawand, wie Presseoffizier John Chaloner in der englischen Besatzungszone neue Zeitungen und zuletzt sein Lieblingskind, ein Nachrichtenmagazin mit Namen "Diese Woche" aus der Taufe hob. Er bemühte sich, unbelastete Männer zu finden, die sich als Verleger eigneten und verteilte beispielsweise im neuen Blatt "Osnabrücker Rundschau" die Positionen paritätisch auf Katholiken und Protestanten. Selbst aus einer Verleger- und Journalistenfamilie stammend, wurde Chaloner trotz seiner jungen Jahre zum Vater der Pressefreiheit im Nordwesten Deutschlands.

"Das war einer, der zunächst mal so ein richtiger Haudegen war. Der hat einen Panzer gefahren und hat sich durchgekämpft von Frankreich nach Flensburg hier hoch. Und das war ein gut aussehender, eben auch hoch dekorierter junger Mann, damals 21, das darf man ja nicht vergessen. Und er war irgendwie einer, der auch ein bisschen hallodrihafte Züge hatte. Das heißt, das war kein Beamtentyp, sondern das war einer, der, das sieht man ja auch an der Gründung des Blattes, die zum Teil ja gegen die Befehle entstanden ist, dass er ein sehr flotter junger Mann gewesen ist."

Von Anfang an machte das Magazin "Diese Woche", nach angelsächsischem Vorbild gestaltet, mit der Pressefreiheit ernst - sehr zur Unzufriedenheit der Herausgeber, der britischen Besatzungsmacht. Vor allem Rudolf Augstein, nur ein Jahr älter als Chaloner, nahm kein Blatt vor den Mund. Autoritäten stand er grundsätzlich skeptisch gegenüber, auch der der Engländer.

"Gegen die ging er an mit einer Bravour, allerdings auch sehr geschickt. Der hat ja beispielsweise die Kritik an der Besatzung, an den Engländern gemünzt auf das, was der englische Labourabgeordnete Gollancz gesagt hat. Das hat er zitiert aus englischen Zeitungen. Und das war ein Deutschenfreund und ein Jude, der merkwürdigerweise nach einer Reise durch die britische Besatzungszone den Engländern, der Regierung, große Vorwürfe gemacht hat in der Richtung, dass er sagte: Bei uns in England gibt es zu Weihnachten Fleisch und Schokolade, und was weiß ich. Und die Leute, die hier im Ruhrgebiet, die leben von der Hälfte der Ration aus dem KZ Buchenwald. Das ist natürlich eine Sache, die hat Augstein geschrieben und konnte sich immer dahinter verstecken."

Die Deutschen lasen solcherlei gerne. Trotz der Papierknappheit und einer noch bescheidenen Auflage von 15.000 Exemplaren verbreitete sich der Ruf des neuen Magazins über die Grenzen der britischen Besatzungszone hinaus - doch weder die Briten noch ihre alliierten Kollegen waren davon angetan.

"Auf Druck des Außenministeriums in London, in dem wegen der Proteste der Alliierten im Berliner Kontrollrat Unruhe aufkam, erging [...] der Befehl an die Redaktion, ab sofort jeden einzelnen Artikel per Fernschreiben zur Kontrolle an die Berliner Dienststellen zu schicken, wo eine schnell eingerichtete Task Force [...] jede Zeile überprüfen sollte. Das hatte für die Redaktionsarbeit ein außerordentliches Durcheinander und endlose Verzögerungen zur Folge; im Erdgeschoss des Anzeiger-Hochhauses stauten sich die Manuskripte an jenem von der Nachrichtenagentur United Press geliehenen Fernschreibeapparat, der nur unter der Voraussetzung zur Verfügung stand, dass der Wirtschaftsredakteur allwöchentlich eine Reihe von Meldungen aus Niedersachsen für die Agentur nach Frankfurt lieferte."

Schließlich entledigte man sich des Ärgernisses "Diese Woche", indem man den Herausgeber Chaloner absetzte und das Blatt in deutsche Hände gab, unter anderem in die von Rudolf Augstein. Und dieser schaffte es, wieder gegen den Widerstand der Engländer, mit Machtinstinkt und publizistischer Brillanz den "Spiegel", wie das Magazin nun genannt wurde, zu seiner Zeitschrift zu machen, mit ihr quasi identisch zu werden.

"Wir haben manchmal gesagt: Rudolf, du bist wieder so ein Kamikazeflieger. Da sind sie sich ähnlich. Aber im Prinzip war Augstein natürlich der Fundiertere, auch der Ernsthaftere, politisch Interessierte. Und der Chaloner hätte diese Größe und diese Tiefe nicht gehabt, und es ist gut, dass sein Versuch, eine Kapitalbeteiligung vom 'Spiegel' zu kriegen, von Augstein abgelehnt worden ist. Das Blatt wäre niemals das geworden, wenn Chaloner da maßgeblichen Einfluss gehabt hätte."

Der Ex-Major John Chaloner, der in England nicht zu der publizistischen Bedeutung fand, die er gerne erworben hätte, trägt es dem einstigen Zögling Augstein bis heute nach, dass er in Deutschland aus dem Geschäft gedrängt wurde.

"Man kann es ja drehen und wenden, wie man will: Er hat das Blatt ins Leben gerufen und hat in dem Sinne nichts davon gehabt von dem ganzen Ruhm. Und auch natürlich von den mehreren 100 Millionen Mark, dann hinterher auch Euro, hat Chaloner nichts gehabt, und er hat ja irgendwann auch Augstein geschrieben. Den Brief hat er mir gegeben, da hieß es: Augstein ist zu Ruhm und Reichtum gekommen, und er sitzt am anderen Ende der Leiter."

Detailliert, manchmal vielleicht zu detailliert, darin der Schreibe des Nachrichtenmagazins bis heute verbunden, beschreibt Leo Brawand die Jahre von 1946 bis 1947, in denen aus "Diese Woche" "Der Spiegel" wurde. Und er spart auch nicht die NS-Vergangenheit wichtiger Mitarbeiter aus, die so gar nicht zur antinazistischen Überzeugung, aus der heraus das Blatt gegründet wurde, zu passen scheint. Eine Geschichte, die ihn ärgert, wie Brawand sagt, für die er aber auch Verständnis hat.

"Das ist so, glaube ich, dass man Augsteins Ansicht teilen sollte, ich jedenfalls teile sie, dass es zunächst nur auf den Einzelnen ankommt. Man kann nicht, wenn irgendeiner, auch in der damaligen Zeit, teilweise eingezogen worden ist wie zwei der genannten Leute zur Waffen-SS. In den letzten Jahren, da wurde sich auch nicht mehr freiwillig gemeldet, da wurden die Leute geholt. Oder aber, wieso sich Augstein freiwillig gemeldet hat. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Genscher hat mir vor einem Vierteljahr noch erklärt, er hatte damals einen Freund, dessen Vater war bei der Wehrersatzstelle. Der hat gesagt: Passt auf, die SS kommt wieder und seht mal lieber zu, dass ihr euch freiwillig zur Wehrmacht meldet. Und das haben die getan. Und bei der Musterung wurde Genscher gefragt als erstes von einem SS-Offizier: Wie groß sind Sie? 1,86. Dann kommen Sie zu uns. Da sagt der, nein, ich habe schon mich zur Wehrmacht gemeldet."

Mit seinem Verständnis für alte Kameraden beim "Sturmgeschütz der Demokratie", wie Augstein den "Spiegel" später nennen sollte, widerspricht Zeitzeuge Leo Brawand dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, der dem Nachrichtenmagazin moralische Indifferenz vorgeworfen hatte. Doch im Gegensatz zu seinem alten Arbeitgeber schweigt Brawand diese Angelegenheit nicht tot, sondern versucht sie aufzuarbeiten. Allein deswegen ist sein Buch ein wichtiges Stück Zeitgeschichte.

Leo Brawand: DER SPIEGEL - ein Besatzungskind
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2006
230 Seiten,
19,90 Euro

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