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StartseiteKalenderblattMartin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" wird uraufgeführt27.05.2016

Ein Theaterschock vor 50 JahrenMartin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" wird uraufgeführt

1966 stieß Martin Speer mit seinen "Jagdszenen aus Niederbayern" das Theaterpublikum vor den Kopf. Das in Bremen uraufgeführte Stück war rohe, ungeschlachte Kost aus den tiefsten bayerischen Niederungen und machte den damals 20-Jährigen bekannt.

Von Cornelie Ueding

Der Autor und Schauspieler Martin Sperr im März 1971. (dpa)
Der Autor und Schauspieler Martin Sperr im März 1971. (dpa)

Tonka: "Und ich zwinge dich, dass du mich heiratest."

Abram: "Deswegen, weil die immer reden und reden und reden, diese Leut, deswegen kriegst du das Kind. Nicht weil ich dich liebe. Es ist mir egal was die Leut reden. Und was mit dem Kind wird, ist mir auch egal!"

Tonka: "Ich will das Kind nicht. Ein Kind von Dir will ich nicht. Weißt du, was ich mit dem Balg machen werd? Ich nehm es bei den Füßen und schlags auf den Boden, mit dem Kopf zuerst. – So, so und so! … Jedem schrei ich ins Gesicht."

Abram: "Ja, schrei! Schrei doch! Mir machts nichts aus!"

Tonka: "Jeder hörts von mir, dass du kein Mann bist … Weißt du, was du bist?"

Abram: "Wirst du wohl still sein? Du, Du Vieh?"

Tonka: "Eine schwule Drecksau bist du!"

Rohe, ungeschlachte Theaterkost

Die Jagdszenen des bis dahin völlig unbekannten jungen Autors Martin Sperr, die das Theater Bremen seinen Besuchern am 27. Mai 1966 vorsetzte, müssen wie ein Schock gewirkt haben. Das war rohe, ungeschlachte Theaterkost aus den tiefsten bayerischen Niederungen. Auf eine Provokation dieser Art war niemand vorbereitet. Die "FAZ"-Kritik bescheinigte dem Vitaltalent Sperr immerhin gewisse Stärken:

"Grausam intime Milieukenntnis. Sein Raubvogelblick für menschliche Niedertracht, was den seelisch Verwundeten kennzeichnet. Und eine bajuwarisch saftige Ausdrucksweise, die sich mitunter zu bauernschlauer Logik zuspitzt."

Ein grade mal 20-jähriger Außenseiter, Abbrecher, Ausreißer - in den Augen der Leute also ein verkrachtes Genie aus der Provinz – machte nun seinerseits Außenseiter zum Thema. Außenseiter und ihre natürlichen Gegenspieler: die Meute der Angepassten, der Ausgrenzer, die Internationale der Verhetzer. Denn dass hier nur bayrische Gemeinheiten dargestellt würden, dagegen hat Sperr sich von Beginn an gewehrt: Sein Dorf Reinöd ist überall.

"‘Jagdszenen aus Niederbayern‘ zeigt den Anpassungsversuch von zwei Außenseitern, von denen einer gelingt, und der andere gelingt nicht. Der Versuch, der gelingt, zeigt, dass also die Außenseiter sich wahnsinnig gern integrieren würden in die Gesellschaft, und dass sie sich im Grund überhaupt nicht unterscheiden von den Jägern, außer eben dadurch, dass sie ausgestoßen sind von der Gesellschaft. Und ich wollte also zeigen, dass der Mensch in jeder Situation jagdbar ist, sobald man ihn jagen will."

Ein Schwuler, ein Dorfdepp und eine "Hur" sind die Objekte dieser ganz und gar unidyllischen dörflichen Treibjagd: Der Schwule wird zum Mörder, der Dorfdepp hängt sich auf, die Hur’ wird erstochen – und die Musi spielt dazu. In der Tat intoniert die dörfliche Trachtenkapelle nach dem waidmännischen Halali frohe Weisen, dazu Glockengeläut beim Erntedankfest, und die gesammelte ländliche Niedertracht verständigt sich bierselig und festlich gestimmt, dass man froh ist, wieder "unter sich" zu sein. Das Ganze ist gewiss nichts für psychologische oder dramatische Feinschmecker und sollte es auch nicht sein. Der Filz der – nicht nur dörflichen - Unschuldsbehauptung ist wahrlich ein dichtes Gewebe. Und es bedarf schon der hinterfotzig-groben Giftigkeit eines Sperr, eines Kroetz, oder auch einer Herta Müller, um es zu durchdringen: brutal, schonungslos, naiv, ja sogar – fröhlich, wie der Schauspieler Martin Sperr in der Rolle des Provo in der zweiten, hochgelobten Folgeinszenierung an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer:

"Du Abram, ich habe heut eine Katz gesehn. Die hab ich beim Schwanz gepackt und sie so rumgedreht und dann in die Höh‘ geworfen. Dann ist sie runtergefall‘n und war nicht tot."

Verfilmung des Stückes

Martin Sperr, diese einzigartige und eigenartige Mischung aus Verletzbarkeit und Aggressivität, Bodenständigkeit und Fluchtreflex, Gutmütigkeit und Prankenschlag verkörperte diese Haltung auf unnachahmliche Weise. Zwei Jahre später, 1968, wurden die Jagdszenen, mit aktualisierter Handlung und Sperr in der Hauptrolle des Schwulen Abram, verfilmt. Hatte er mit dem Stück schon vor der Uraufführung einen Förderpreis gewonnen, gewann der Film nun den Bundesfilmpreis, erreichte 800.000 Besucher, erregte die Gemüter - und Sperr wurde berühmt. Aber es war, wie er immer sagte, nicht "sein" Film. Längst schrieb er weiter: fürs Theater. Als Autor und als Schauspieler ging es ihm darum, das Volkstheater in dem wirklichkeitsnahen bayerischen Dialekt neu zu beleben und die Zuschauer zum Mitdenken zu bewegen. Ein fast naiver Glaube, der heute ein wenig nostalgisch und erstaunlich hoffnungsvoll anmutet:

"Nein, ich will das Publikum nicht schockieren, ich will das Publikum nur anregen mitzudenken und die Sache weiterzudenken. Und wenn dieses Weiterdenken zu einem Schock führen sollte, diesen Schock – Ja! Aber nicht, weil da irgendwelche Schweinereien passieren, das ist für mich völlig uninteressant."

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