Samstag, 06.06.2020
 
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Ein tragischer Held?

Bob Woodward: "Obamas Kriege: Zerreißprobe einer Präsidentschaft". DVA

Bob Woodward ist leitender Redakteur der Washington Post und hat in seinem bisherigen Reporterleben den einen oder anderen Skandal aufgedeckt - zum Beispiel war er an der Enthüllung der Watergate-Affäre beteiligt. Nun ist Woodwards jüngster Report "Obamas Kriege" auf Deutsch erschienen.

Von Klaus Jürgen Haller

US-Präsident Barack Obama (AP)
US-Präsident Barack Obama (AP)

Der Titel "Obamas Kriege" ist irreführend; es geht nur um einen, um den in Afghanistan. Obwohl die verbissenen Kämpfe dort gar nicht vorkommen; Bob Woodward hat sich im Tross von Sicherheitsberater Jones mal gerade 48 Stunden in Afghanistan aufgehalten. Nein, die Schauplätze dieses Buches sind das Oval Office und das Lagezentrum im Weißen Haus. Mit dessen Innenleben ist Woodward bestens vertraut. Ob unter Bush oder unter Obama, anscheinend redet jeder der sogenannten Entscheidungsträger mit ihm und schiebt ihm nicht selten Notizen, Protokolle und geheime Papiere zu, die nicht einmal die Führer des Kongresses zu sehen bekommen.

Offenbar zahlt es sich aus; so hat denn auch der Sprecher des Weißen Hauses Woodwards neuestes Buch empfohlen, weil es präzise Obamas Entschlossenheit beschreibe, eine realistische Rückzugsstrategie zu finden. Und das, in der Tat, ist das Thema: die fast schon verzweifelte Suche nach Wegen, die Lage in Afghanistan so weit zu stabilisieren, dass die amerikanischen und die verbündeten Truppen endlich abgezogen werden können. Wie Obama der Sache auf den Grund zu gehen versucht, wie er sich gegenüber immer neuen Anforderungen der Militärs zu behaupten weiß, ist beeindruckend. Trotzdem wird der Leser den Verdacht nicht los, dass Obama am Ende als tragischer Held dastehen könnte. Woodward berichtet, als habe er ständig mit am Tisch gesessen; er beansprucht, keine Position zu beziehen, nicht für oder gegen den Krieg oder Obama. Dies sei eine wirklich neutrale Untersuchung.

Obama kann Krieg einfach nicht ausstehen, hat Woodward in einem Interview gesagt; aber er muss mit ihm fertig werden, mit dem Krieg im Irak und mit dem in Afghanistan. Die Forderung des Befehlshabers in Afghanistan nach zusätzlichen 30.000 Mann hatte Präsident Bush auf sich beruhen lassen; Obama erfüllte sie umgehend; Obama genehmigte verstärkte Angriffe von Drohnen auf Ziele im pakistanischen Grenzgebiet, er genehmigte Operationen einer im Wesentlichen aus Afghanen bestehenden 3000 Mann-Privatarmee der CIA, in Afghanistan und im pakistanischen Grenzgebiet. Dann meldet der neue Befehlshaber in Afghanistan: Wir brauchen eine neue Strategie der Aufstandsbekämpfung und noch einmal mindestens 40.000 Mann; andernfalls sind wir auf der Verliererstraße. Was tun?

Minutiös beschreibt Woodward neun mehrstündige "oft mörderische" Sitzungen des Nationalen Sicherheitsrats. Bis Obama sich mit einem deutlichen "Ich hab die Schnauze voll" hinsetzt und seine Entscheidung diktiert, sechs Seiten lang. Auch dieses Papier hat Woodward aufgetrieben und im Anhang abgedruckt. Obama genehmigte noch einmal 30.000 Mann, bestand aber darauf, dass 18 Monate später, im Juli 2011, der Rückzug beginne. Er lege sich nicht auf zehn Jahre fest, er gebe keine Billion Dollar aus und könne nicht die ganze Demokratische Partei verlieren.

Inzwischen hat sich die NATO in Afghanistan bis 2014 verpflichtet, so dass im Juli vielleicht nur 2000 amerikanische Soldaten den Heimflug antreten können. Niemand hat gewusst, wie groß die Skepsis der Entscheidungsträger wirklich ist, von Vizepräsident Biden über Ex-General Eikenberry, den amerikanischen Botschafter in Kabul, bis zum jüngst verstorbenen Sondergesandten für Afghanistan und Pakistan Richard Holbrooke. Alle miteinander halten sie die Regierung Karzai in Kabul für unfähig und korrupt; sie alle sehen in Pakistan das eigentliche, allerdings kaum lösbare Problem, in dem, wie der Ex-Geheimdienstlers Bruce Riedel formuliert, die Albträume dieses Jahrhunderts - Terroristen, eine schwache Regierung, Korruption und atomare Waffen - zusammentreffen. Solange Pakistan den Taliban, El Kaida und anderen Terrorgruppen Unterschlupf biete, lasse sich Afghanistan nicht stabilisieren.

Generalleutnant Lute, der Koordinator für Afghanistan-Pakistan im Weißen Haus, vermutet, dass Obama die 18-monatige Großoperation nur genehmigt habe, um zu beweisen, dass sie nicht gelingen könne. Irgendjemand, schreibt Woodward, habe als Titel "Kein Ausweg" vorgeschlagen, und das in der Tat wäre der angemessene Titel gewesen. Es gibt keine Schönfärberei in diesem Buch; es beschreibt die Not, aus einer verfahrenen Situation doch noch einen Ausweg zu finden und gerade deshalb ist es ein wichtiges Buch. Die deutsche Ausgabe zeigt einige stilistische Unsicherheiten, beispielsweise im Konjunktiv; außerdem hätten sich die drei Übersetzer einigen können, ob der neumodische "Analyst" wirklich mehr hergibt als der hergebrachte "Analytiker" ein paar Seiten weiter.

Allein steht Präsident Obama mitten in der Nacht vor Särgen gefallener Amerikaner; ein paar Seiten später sind es "getötete US-Amerikaner". Warum eigentlich? Außerdem fehlen den Übersetzern Grundkenntnisse der militärischen Terminologie. Jedes Mal, wenn im militärischen Zusammenhang von "intelligence" die Rede ist, bemühen sie Geheimdienste, Agenten und Spione, als hätten sie noch nie von militärischer Aufklärung oder dem militärischen Nachrichtenwesen gehört. Die Tornados der deutschen Luftwaffe in der Aufklärerversion waren in Afghanistan sicherlich nicht im Geheimdiensteinsatz. Ein Befehlshaber des U.S. Strategic Command führt keinen läppischen "Air Force und Raketenstützpunkt", sondern eine ausgewachsene Kommandobehörde. Und dann der Höhepunkt: General Petraeus beschreibt, wie Spezialverbände im Irak mit Unterstützung der AC-130 (gun ships) Aufständische bekämpften. Im deutschen Text tauchen "Kanonenboote" auf. Dabei hätte jede Suchmaschine herausgefunden, dass die AC-130 ein mit Maschinenkanonen und Haubitzen bestückter mittelschwerer propellergetriebener Lufttransporter ist. In Vietnam und in jedem militärischen Konflikt danach haben die USA solche "gun ships" eingesetzt. Und in einem renommierten deutschen Verlag wundert sich niemand mehr, wenn sich Kanonenboote in die irakische Wüste verlaufen?

Bob Woodward: "Obamas Kriege: Zerreißprobe einer Präsidentschaft" Aus dem Amerikanischen von Dagmar Mallet, Henning Dedekind und Henning Dierlamm. Deutsche Verlagsanstalt, München 2011, 496 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3421045089

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