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StartseiteKultur heuteEindrucksvolle Stummfilm-Arie26.11.2012

Eindrucksvolle Stummfilm-Arie

Henrik Nánási und Barrie Kosky deuten Mozarts "Die Zauberflöte" an der Komischen Oper Berlin

Leinwand statt Bühne, Stummfilm-Mimik statt Dialoge: So präsentiert sich Mozarts "Zauberflöte" in der Inszenierung des Australiers Barrie Kosky, seit dieser Spielzeit an der Spitze der Komischen Oper Berlin. Ganz wunderbar hätten die Stummfilm-Elemente mit der Zauberflöte zusammengepasst, urteilt Mascha Drost.

Mascha Drost im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Julia Novikova (Königin der Nacht) und Maureen McKay (Pamina) in der Zauberflöten-Inszenierung. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Julia Novikova (Königin der Nacht) und Maureen McKay (Pamina) in der Zauberflöten-Inszenierung. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Doris Schäfer-Noske: Der Australier Barrie Kosky steht seit dieser Spielzeit an der Spitze der Komischen Oper Berlin. Er soll dort für eine bessere Auslastung sorgen und hat angekündigt, das Repertoire umzukrempeln. Zum Auftakt im September ließ er drei Monteverdi-Opern an einem einzigen Tag aufführen – zwölf Stunden lang. Neuinszenierungen von Wagner, Verdi oder Puccini werde es mit ihm nicht geben, hatte er gesagt, stattdessen aber einen neuen Mozart-Zyklus.

So brachte Kosky nun gestern Abend eine Neuinszenierung der "Zauberflöte" heraus. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit der britischen Theatertruppe "1927", die sich mit skurrilen Shows in der Tradition von Stummfilm und Kabarett einen Namen gemacht hat. Der Name 1927 bezieht sich auf das Entstehen des ersten Tonfilms 1927. Frage an meine Kollegin Mascha Drost: Frau Drost, Zauberflöte und Stummfilm – wie passt das denn zusammen?

Mascha Drost: Also das hat gestern Abend ganz wunderbar zusammengepasst. Sie haben es tatsächlich wie einen Stummfilm aufgezogen. Man saß davor, vor so einer großen Leinwand wie im Kino, vor einer weißen Leinwand, darin waren Drehtüren versteckt, unten und noch mal in drei bis vier Metern Höhe. Es gab also keine Bühne, es war alles zweidimensional, und außerdem haben sie die Dialoge weggelassen. Die Schikanederschen Texte, die haben sie, wie man das im Stummfilm so macht, auf die Leinwand projiziert, die Sänger haben überhaupt nichts geredet.

Natürlich waren sie dann auch geschminkt im Stil der 20er-Jahre. Und, was ganz interessant war: Zu dieser Schrift, was man da gesehen hat auf der Bühne, wurde auch Musik gespielt, wie man das im Stummfilm gemacht hat, und zwar Mozart – ganz wunderbar hat das gepasst -, nicht aus der Zauberflöte, aber aus den Klavierfantasien. Da saß ein Pianist mit einem Hammerklavier im Operngraben und hat das praktisch begleitet. Das war wirklich sehr eindrucksvoll.

Schäfer-Noske: Welche Deutung haben denn Barrie Kosky und die Gruppe 1927 der Zauberflöte gegeben?

Drost: Von Deutung kann man da eigentlich gar nicht sprechen. Das war eher so ein Riesenspektakel, und zwar ein Animationsspektakel. Diese Gruppe 1927, das sind ja solche Videokünstler, die eben Animation auf die Leinwand gebracht haben. Die Zauberflöte ist ja eine Oper der Bilder, und hier hat man eine richtige Bilderflut bekommen: Animation in verschiedensten Motiven, Farben, bewegte Bilder, 3D-Effekte wie im Kino. Aber es war alles nicht technisch, sondern man hat die Figuren eben noch gesehen, dass sie handgemalt sind. Die Motive, das war alles ganz liebevoll.

Ich muss mal ein paar Beispiele nennen. Zum Beispiel die Königin der Nacht erschien als so eine riesige Spinne. Die Sängerin stand oben auf so einer Drehtür, und über die ganze Leinwand verteilt krabbelten acht riesige Spinnenbeine, bewegten sich zur Musik. Die Zauberflöte war so eine kleine Frau mit Libellenflügeln, die so einen Schweif von Noten hinter sich hergezogen hat. Aber meine Lieblingsszene, die war am Anfang, die muss ich noch erzählen, und zwar als das Vogelfänger-Lied kommt. Bevor Papageno anfängt zu singen, kommt ja das Orchestervorspiel schon mal mit dem Thema, und da kam auf einmal ein Baum. Und wer kommt da hervor: eine Katze. Und das war so niedlich, weil natürlich: man hat diesen Text, der Vogelfänger bin ich, ja im Hinterkopf, und die Katze ist ja nun auch ein Vogelfänger, und die war so zauberhaft gezeichnet und krabbelte da herum.

Das war so witzig und im Gegensatz Papageno war so eine Art Buster Keaton, also überhaupt nicht lustig, saß da mit seiner Leichenbittermiene, so einem verknitterten Anzug und knetete seine Mütze und sang dann stets lustig heißa hopsasa. Das war wirklich so grotesk, also viel mehr Komik, als man das von so einem Papageno hat, den man sonst kennt. Das war unheimlich musikalisch, eine wahnsinnige Arbeit, das abzustimmen, das war nun wirklich anspruchsvoll fürs Ensemble.

Schäfer-Noske: Inwieweit überlagert denn da das Äußere dieser Inszenierung, das Sie gerade beschrieben haben, die Musik?

Drost: Ja wenn es einen Nachteil gab, dann den, dass er ihn tatsächlich überlagert hat. Man hatte das Gefühl, die Sänger müssen gegen diese Bilderflut wirklich ansingen. Sie haben sehr laut gesungen, Tamino bei der Bildnisarie, Pamina auch, und man hat schon an ein paar Stellen gemerkt, das lag nicht an den Sängern, die können leise singen. Aber man hat wirklich das Gefühl, sie versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dabei war das wirklich ein wunderbarer Tamino, das war Peter Sonn, und Maureen McKay war auch eine tolle Pamina, die haben auch wahnsinnig gut gespielt.

Bei der Königin der Nacht hat sie mir ein bisschen leidgetan, Julia Novikova. Da hat man auch wirklich gemerkt: Wenn im Publikum die Leute zischeln und lachen, dann kann man sich eben nicht auf die Spitzentöne konzentrieren, und dann kommen sie vielleicht auch leider einen Halbton zu tief. Und da muss man auch leider sagen, da war der Dirigent auch nicht ganz unschuldig. Der hat das Orchester auf großen Klang gebracht, wenig Feinheiten, ja so eine Art Stummfilmorchester eben, das auch um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Das waren sehr viele schnelle Tempi, sehr zackig. Orchester klang toll, wunderbare Holzbläser, aber man hätte sich doch mehr Pianostellen gewünscht.

Schäfer-Noske: Der Monteverdi-Abend war ja auch ein großer Erfolg. Ist das jetzt ein hoffnungsvoller Neustart an der Komischen Oper?

Drost: Absolut, würde ich sagen. Vor allem ist das wirklich was ganz Neues, was man da zu sehen bekommt. In dieser Art, das hat es in Berlin noch nicht gegeben, wenn man mit der Zauberflöte vergleicht, die davor war, von Neuenfels. Das war natürlich noch was ganz anderes. Oder die Zauberflöte, die jetzt immer noch an der Staatsoper läuft. Ich meine, Barrie Kosky, der wird auch sehr viel selbst inszenieren, und da wird einfach ein Riesenspektakel auf Berlin zukommen. Also ich freue mich da sehr drauf.

Schäfer-Noske: Mascha Drost war das über eine Neuinszenierung von Mozarts "Zauberflöte" an der Komischen Oper Berlin.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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