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StartseiteKultur heuteEine bewusste Überforderung der Zuschauer01.11.2013

Eine bewusste Überforderung der Zuschauer

Frank Castorf inszeniert "Reise ans Ende der Nacht" am Residenztheater München

Liberté, Egalité, Fraternité steht in verbogener Schrift über dem Tor zur Bühne, was in seiner Ästhetik und auch in seinem abgründigen Zynismus empfindlich an Parole "Arbeit macht frei" über den Toren der nationalsozialistischen KZs erinnert. Frank Castorf war noch nie zimperlich in seinem Assoziations- und Denkbarkeitsradius.

Von Sven Ricklefs

Regisseur Frank Castorf ist für seine Provokationen bekannt (picture alliance / dpa / Peter Kolb)
Regisseur Frank Castorf ist für seine Provokationen bekannt (picture alliance / dpa / Peter Kolb)

Ohnehin muss man bei Celine dessen unerträgliche antisemitische Hetzschriften immer mitdenken. Hier nun prangt also der hoffnungsfrohe Slogan der französischen Revolution einen ganzen Abend über jenem menschlichen Erbärmlichkeitspanorama, das da über die Bühne geht. Tatsächlich ist ja Louis Ferdinand Celines "Reise ans Ende der Nacht", dieser Episodenroman über Celines Alter Ego, den Arzt Bardamu, eine ebenso schonungslose wie formal und literarisch großartige Tour de Force durch menschliche Abgründe, eine Reise durch das Schlachthaus des Ersten Weltkriegs, durch die Hitze im kolonialen Afrika, durch das kapitalistisch aufstrebende Amerika und das soziale Elend im heimatlichen Frankreich.

Frank Castorf hat sich wieder einmal einen Jahrhundertroman als Steinbruch für eine Theatralisierung ausgesucht und bringt dieses bastardhaft schrille, wortgewaltige und zersplitterte Werk mindestens noch einmal so schrill auf die Bühne in einem Szenario, das vor allem das hitzedampfende Elend einer kolonialen Hölle widerspiegelt.

"Das Afrika der unergründlichen Wälder, der tödlichen Miasmen, der jungfräulichen Einsamkeiten. Das wird ein tolles Leben, ganz was anderes als dieses Afrika der abgeschmackten Reisebüros."

Natürlich ist diese "Reise ans Ende der Nacht" im Münchner Residenztheater in ihrer Bühnen- und Schauspielästhetik wieder eine dieser typischen Castorfinszenierungen geworden. Da sind die nuttig auf ihren unmöglichen High Heels stöckelnden Frauen und die gegen ihre traurige Schlaffheit ankämpfenden Männer. Da ist die im bewussten und hysterischen Dauergeschrei enervierende Selbstentäußerung.

Da ist die große Leinwand, auf der alles Spiel abgefilmt zu sehen ist, das sich hinter den Kulissen ereignet. Da sind der ständige szenische Bruch, die Vorliebe für Slapstick und schlechte Pointen, die Überlänge, das Unfertige. Da ist diese bewusste Überforderung der Zuschauer wie der Schauspieler. Castorfs Theater ist rasender Stillstand, wer von ihm, von seinem Inszenierungsstil oder wer innerhalb seiner Inszenierungen eine Entwicklung erwartet, ist am falschen Platz.

Dass sich eben nichts entwickelt, dass die Condition humaine immer so bleibt, davon ist Castorf wohl zutiefst überzeugt. Und so hat er sich sicherlich auch deshalb für Celines Reise ans Ende der Nacht und den Antihelden Bardamu entschieden, den Arzt, der dem Elend, der Ungerechtigkeit und dem Jammer dieser Welt immer nur zuguckt, ohne einzugreifen. Verblutende Frauen, misshandelte Kindern, zerschossene Soldaten pflastern seinen Weg.

"Wie können Sie mir nur ein so niederträchtiges Gefühl unterstellen, das ist sehr ungerecht, Herr Hauptmann. Mir wird schier schlecht. Was? Ich, der ich doch jahrelang für unser geliebtes Vaterland gekämpft habe, ich, dessen Blut sich mit dem ihren in jahrelangen Schlachten vermischt hat, was für ein Übel wollten Sie mir da antun, Herr Hauptmann."

Neben der wunderbar feminin burschikosen Bibiana Beglau als Bardamu spielt ein Ensemble, das man selten in letzter Zeit im Münchner Residenztheater so entfesselt gesehen hat. Beeindruckend ist es Frank Castorf in seine Mischung aus hochgehetzten Hysterien und stillen Momenten, aus Theater der größten Intensität und der zerdehntesten Langeweile gefolgt.

Und so kann man dem Regisseur wohl einzig vorwerfen, dass man seine Vorlage, Celines 700-Seiten-Epos verdammt gut kennen oder gerade noch einmal gelesen haben muss, um ihm in seiner sprunghaften und assoziativen sich an keinen Handlungsstrang haltenden Theaterversion wirklich folgen zu können. Tatsächlich verweigerte ein nicht geringer Teil des Publikums denn auch die Gefolgschaft und verließ das Theater. Diejenigen, die durchhielten, dankten es einem großartigen Ensemble mit heftigem Applaus.

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