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StartseitePISAplusEine Chance für Schulmüde02.10.2010

Eine Chance für Schulmüde

Die Fritz-Walter-Förderschule in Kaiserslautern

30 bis 40 Prozent eines Schuljahrgangs bekommen nach dem Abschluss der Berufsreife an der Fritz-Walter-Schule in Kaiserslautern einen Ausbildungsplatz. Das ist erstaunlich, denn die Schule ist eine Förderschule für Kinder mit extremen Lernschwierigkeiten.

Von Ludger Fittkau

Ein Auszubildender schweißt an einem Werkstück. (AP)
Ein Auszubildender schweißt an einem Werkstück. (AP)

Reifenwechsel bei einem Smart in der Kaiserslauterner Torpedo-Werkstatt. Der 16-jährige Lars Schenkenberger beobachtet im Blaumann genau, wie Kfz-Meister Stefan Hardt das macht. Der Schüler der Fritz-Walter-Förderschule hat sich diesen Praktikumsplatz selbst ausgesucht. Seit Wochen ist der zierliche Lars pünktlich jeden Morgen in der Werkstatt - sein Ziel ist eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker:

"Mein Stiefvater hat sechs Jahre lang bei Mercedes Benz in der Autowerkstatt gearbeitet und da hat er gesagt, wenn ich da eine gewisse Erfahrung hätte, könnte er versuchen, mich da rein zu bekommen, in einem Betrieb. Deshalb mache ich halt ein Praktikum in einer Kfz-Werkstatt, dass ich zumindest ein paar Erfahrungen habe."

Kfz-Meister Stefan Hardt ist zufrieden mit dem Schülerpraktikanten, der einmal in der Woche einen Tag im Betrieb verbringt:

"Speziell Lars, den haben wir schon Anfang des Jahres einmal hier gehabt und von seiner Seite macht er das doch schon ganz gut, von der Fritz-Walter-Schule nehmen wir öfters Praktikanten, genaue Zahlen kann ich jetzt nicht sagen, aber in der Regel nehmen wir schon viel."

Klassenlehrerin Sabrina Wranger hört bei der Betriebsbegehung das Lob für ihren Schüler gerne - obwohl sie weiß, dass die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker für Lars eine Herausforderung sein wird.

"Der macht das vom Handwerklichen her wirklich gut, aber der Berufsschulbereich, der dann dazugehört, ist doch ein bisschen hoch gegriffen. Ganz viele Jungs bei uns machen den Fehler, dass sie halt unbedingt mit Autos arbeiten wollen und das ist dann ein ziemlicher Kampf, denen das auszureden, weil es doch ein bisschen unrealistisch ist, eigentlich."

Den Schülern Lern- und Ausbildungsfrustrationen ersparen, für sie individuell angemessene Berufe zu finden - das ist das Ziel der Fritz-Walter-Schule in Kaiserslautern. Und damit ist die Förderschule sehr erfolgreich: Sie vermittelt mehr Schüler in Ausbildungsplätze als Hauptschulen - 2009 bekam sie deshalb vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler die Auszeichnung als "Starke Schule". Bereichs-Koordinator Tamo Scheer hält viele Betriebspraktika für ein Erfolgsrezept der Schule:

"Bei uns nimmt das Praktikum einen ganz besonderen Stellenwert ein. Und zwar ist das so, dass es auch schon in der achten Klasse losgeht, das die Achtklässler schon ein zweiwöchiges Praktikum im November haben und anschließend einen Tag in der Woche ins Praktikum gehen. Dann ist es so, dass in der neunten und zehnten Klasse jeweils ein dreiwöchiges Praktikum existiert, das findet meistens vor den Osterferien statt und darüber hinaus noch das Jahrespraktikum. Das heißt, die Schüler gehen einmal in der Woche das ganze Jahr über in einen Betrieb, den sie sich selbst gewählt haben."

Der 14-jährige alte Franco Neuner absolviert dieses Praktikum in der Schlosserei der Werkstätten des Kaiserslauterner Pfalz-Theaters. An diesem Tag bohrt er Löcher in Metallplatten, die für die Montage einer neuen Tribüne für einen Theatersaal gebraucht werden. Franco Neuner kann sich gut vorstellen, hier auch eine Ausbildung zum Schlosser zu machen:

"Ja, ich täte auf jeden Fall wiederkommen, es macht sehr viel Spaß."

Schlossermeister Jürgen Wich tut es ein bisschen leid, das Franco nur einmal in der Woche in der Theaterwerkstatt ist:

"Was ich an dieser Sache jetzt zu bemängeln habe, ist, dass er Arbeiten anfängt und die eigentlich niemals fertigmachen kann, weil er nur einmal in der Woche da ist."

Doch im kommenden Frühjahr gibt es noch mal drei Wochen Praktikumszeit, Klassenlehrer Peter Weis hält Franco für geeignet, hier auch eine Ausbildung erfolgreich zu meistern:

"Ich sehe es als große Chance für ihn, sich auf diesem Weg zu profilieren. Sprich also in diesem Beruf oder einem Beruf, der daran anlehnt, eventuell einen Ausbildungsplatz zu finden."

Die Fritz Walter-Schule kämpft trotz ihres Erfolges mit strukturellen Benachteiligungen gegenüber anderen Schultypen: So wird an den Förderschulen in Rheinland-Pfalz bis heute noch kein regelmäßiger Englisch-Unterricht erteilt. Lars Schenkenberger erfährt im Praktikum beim Kfz-Betrieb, welche negativen Folgen das für ihn hat. Rund um Kaiserslautern leben 40.000 US-Soldaten und ihre Angehörigen - Kunden in der Autowerkstatt:

"Wenn jetzt Amerikaner kommen in die Werkstatt, dass man da Informationen geben kann. Wenn man kein Englisch kann, muss man sich einen Mitarbeiter holen."

Die Förderschulen des Landes Rheinland-Pfalz fordern schon lange Englisch als Regelfach - die Konzepte liegen in der Schublade. Doch aus Geldgründen wurden sie von der Landesregierung Rheinland-Pfalz bisher nicht umgesetzt.

Trotz dieser Widrigkeiten ist die Fritz-Walter-Schule in Kaiserslautern ein Hoffnungsschimmer für viele Mädchen und Jungen, die vorher an Regelschulen als schulmüde galten. Lars Schenkenberger fühlt sich jetzt jedenfalls angespornt. Er will notfalls auch nebenbei in der Volkshochschule Englisch lernen, wenn dadurch seine Chancen auf einen Ausbildungsplatz steigen:

"Wenn man es will, dann muss man auch was dafür tun. Wenn man es nicht macht - dann kann man es eben nicht erreichen!"

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