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StartseiteSport am WochenendeSchwangere US-Athletinnen fordern Mutterschutz01.06.2019

Eine Frage der FairnessSchwangere US-Athletinnen fordern Mutterschutz

Die US-amerikanische Leichtathletin Allyson Felix hat mit einem Interview in der "New York Times" für Furore gesorgt. Sie machte öffentlich, dass namhafte Sponsoren Werbeverträge oft aussetzen, wenn Sportlerinnen schwanger werden. Nach Protesten könnte sich das nun ändern.

Von Jürgen Kalwa

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Allyson Felix bei der Leichtathletik-WM 2017 (imago/Colorsport)
Allyson Felix bei der Leichtathletik-WM 2017 (imago/Colorsport)
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Sie ist eine der erfolgreichsten Leichtathleten der letzten Jahrzehnte. Hat an vier olympischen Spielen teilgenommen und dabei sechs Mal Gold gewonnen. Und sie war elf Mal Weltmeisterin. Eine Frau von knapp 1,70 Meter, beinahe zierlich im Vergleich zum gängigen Sprintertyp. Extrem ehrgeizig und zugleich bescheiden und leise im Auftreten: Allyson Felix.

Weshalb es etwas Besonderes ist, wenn sie – wie vor ein paar Tagen in einem Video – eine sehr private Angelegenheit öffentlich ausbreitet. Da berichtete sie der "New York Times" von den Verhandlungen mit der Sportausrüsterfirma Nike, ihrem langjährigen Werbepartner. Die Gespräche standen offensichtlich auf der Kippe. Denn das Unternehmen weigerte sich, eine zentrale Forderung der Sportlerin zu akzeptieren.

"Ich will Mutterschutz. Ich will einen Vertrag unterschreiben, der dieses Recht beinhaltet. Sie haben in den bisherigen Gesprächen immer wieder ‘Nein’ gesagt. Die Verhandlungen haben schon lange gedauert, ich habe seit Dezember 2017 keinen Vertrag mehr, und mir wurden 70 Prozent weniger geboten als ich vorher bekam."

Allyson Felix (2018) (imago/Newspix)Allyson Felix (2018) (imago/Newspix)

Bisher wurden solche Themen gerne unter den Teppich gekehrt. Aber Felix, die im vergangenen Dezember eine Tochter bekommen hatte und auch mit 33 weiter machen und im Sport Geld verdienen will, wollte nicht schweigen. Denn sie ist keineswegs ein Einzelfall. Nur wenige Tage vorher war die 800-Meter-Läuferin Alysia Montaño an die Öffentlichkeit gegangen und hatte berichtetet, dass sie sich von Nike getrennt hatte, als man ihr dort erklärte, sie bekäme erst wieder Geld überwiesen, wenn sie nach dem Ende der Schwangerschaft an Wettbewerben teilnehme.

Die Enthüllungen standen im direkten Kontrast zu den erst vor kurzem im Rahmen einer großen Kampagne publizierten emotional aufgeladenen Werbevideos. In denen erweckte das Unternehmen einen ganz anderen Eindruck. Da tat man so, als ob man vorbehaltlos weibliche Sportler aller Altersgruppen unterstütze.

"Es bedeutet gesundheitliche Risiken"

"Bist du Teil der Generation, die für das Ende der Ungleichbehandlung der Geschlechter sorgt? Wirst du zeigen, dass Meister in deiner Sportart so aussehen können wie du?", heißt es in einem Nike-Spot.

Es war für Allyson Felix ein idealer Zeitpunkt, diese Werbebotschaften als scheinheilig zu brandmarken. Nikes Geschäftspolitik empfindet sie als das genaue Gegenteil:

"Strenge Bedingungen an unsere Rückkehr zum Wettkampfsport zu knüpfen, zwingt uns, unsere Mutterrolle zu vernachlässigen. Und es bedeutet gesundheitliche Risiken", sagt Felix.

Serena Williams ausgenommen

Gleichzeitig wurde bekannt, dass Nike das Thema offensichtlich mit zweierlei Maß behandelt hatte. Serena Williams, die wichtigste weibliche Werbefigur des Unternehmens, war während ihrer Babypause von solch einer Regelung offensichtlich ausgenommen.

Die Tennisspielerin, die sich bei anderen Gelegenheiten gerne als Vorkämpferin für Gleichberechtigung sieht, sah denn vor ein paar Tagen bei den French Open in Paris bei einer Pressekonferenz auch keinen Anlass, die Firma zu kritisieren. Nike hatte angesichts des enormen Echos in den Medien in einer offiziellen Stellungnahme erklärt, dass man in Zukunft in alle Verträgen neue Richtlinien einarbeiten werde. Das genügte ihr:

"Sie machen es jetzt besser, Und darum geht es doch. Aus den Fehlern zu lernen und es besser zu machen."

Das Bild zeigt Serena Williams aus den USA im Halbfinale der US-Open in New York gegen Anastasija Sevastova aus Lettland. (AP / dpa-Bildfunk / Seth Wenig )Serena Williams im Halbfinale der US Open. (AP / dpa-Bildfunk / Seth Wenig )

Tatsächlich ist die Bezahlung durch Sponsoren nur eine Facette dieses Themenkomplexes. Bislang zeigte etwa das Nationale Olympische Komitee der USA null Verständnis gegenüber schwangeren Athletinnen in ihrem Förderprogramm. Sie werden solange, bis sie wieder ihr altes Leistungsniveau wieder erreichen, einfach von den verbandsseitig finanzierten Krankenversicherungsbeiträgen abgeschnitten.

Und Allyson Felix? Sie ist weiterhin skeptisch.

"Ich kenne den neuen Text noch nicht", sagte sie in einen Interview mit dem Radiosender National Public Radio. Abgesehen davon sei nicht klar, wie sich andere Firmen verhalten werden:

"Für mein Verständnis ist das die gesamte Sportindustrie. Das geht über eine einzelne Firma hinaus. Bislang war es so, dass eine Athletin, die schwanger wurde, versuchte, das zu vertuschen. Es herrscht ein Gefühl der Angst."

Mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit hat sie jedenfalls eine Debatte angestoßen, zu der sich die Sportindustrie nun verhalten muss.

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