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StartseiteForschung aktuell"Eine hoch radioaktive Suppe"04.04.2011

"Eine hoch radioaktive Suppe"

Stets neue Probleme behindern die Arbeiten am AKW Fukushima

Atomkraft.- Die japanische Regierung hat die Bevölkerung darauf vorbereitet, dass es noch Monate dauern könnte, bis die Situation im havarierten Atomkraftwerk Fukushima unter Kontrolle ist.

Wissenschaftsjournalist Arndt Reuning im Gespräch mit Uli Blumenthal

Arbeiter am zerstörten AKW Fukushima.  (picture alliance / dpa)
Arbeiter am zerstörten AKW Fukushima. (picture alliance / dpa)

Uli Blumenthal: Beginnen wollen wir auch heute mit der Situation um das havarierte Kernkraftwerk in Fukushima. In Japan ist auch zu Beginn der vierten Woche kein Ende im Kampf gegen den atomaren Gau in Sicht. Die japanische Regierung bereitete am Wochenende ihre Bürger darauf vor, dass es noch Monate dauern könne, bis die Situation in Fukushima I unter Kontrolle gebracht sei. Immer wieder tauchen neue, unvorhersehbare Probleme auf, welche die Arbeiten ins Stocken geraten lassen. Bei mir im Studio ist mein Kollege Arndt Reuning, der die Situation für uns beobachtet. Arndt Reuning, was sind die neuesten Entwicklungen?

Arndt Reuning: Der Betreiber des AKW hat heute damit begonnen, fast 12.000 Tonnen von radioaktiv belastetem Wasser in den Pazifik zu leiten. Das war Kühlwasser, das sich in den vergangenen Tagen auf dem Gelände angesammelt hatte, das dort in Kellerstockwerken und in Gräben stand. Und das wird zurzeit im Moment gerade abgepumpt. Tepco, der Betreiber, rechtfertigt das, indem er sagt, es handele sich um nur schwach belastetes Wasser. Die Strahlung sei nur ungefähr 100 Mal höher als der gesetzliche Grenzwert. Und im Meer werde sich das schnell verdünnen. Die Einleitung sei nötig geworden, so sagt Tepco, um Platz zu schaffen für Kühlwasser, das noch sehr viel stärker belastet sei. Eine hoch radioaktive Suppe, die im Moment noch im Turbinenhaus von Reaktorblock II steht.

Blumenthal: Und was weiß man über die Ursache, was weiß man, woher dieses hoch radioaktive Wasser stammt?

Reuning: Das stammt offenbar aus einem Leck in der Wand eines Kabelschachtes in diesem Turbinenhaus. Dort hatte sich ein 20 Zentimeter langer Riss gebildet - vermutlich schon während des Erdbebens. Und aus diesem Riss strömt das Wasser heraus ins Meer. Und man befürchtet, dass der Riss mit dem Kühlsystem von Reaktor II in Verbindung steht. Die Höhe der Radioaktivität legt das einfach nahe. Am Wochenende hatte man dann versucht, diesen Riss zu schließen, zunächst mit Beton. Das hat offenbar nicht funktioniert. Dann hat man einen zweiten Versuch unternommen mit Sägespänen und alten Zeitungen, gemischt mit einem besonderen Kunststoff, einem sogenannten Superabsorber. Das ist ein Stoff, der normalerweise in Babywindeln verwendet wird, ein pulverisiertes Harz, das Wasser aufsaugen kann. Es quillt dann stark auf und bildet ein formstabiles Gel und man hat einfach gehofft, damit den Riss schließen zu können. Man hätte das Pulver dann in eine Rohrleitung gepumpt, welche den Schacht mit dem Rest des Systems verbindet. Und dort hätte sich dann ein Gel-Pfropfen bilden sollen. Aber auch dieser Versuch musste abgebrochen werden. Er hat nicht funktioniert. Und nun möchte Tepco eine Sperre errichten, um zu verhindern, dass dieses stark kontaminierte Wasser ins Meer gerät.

Blumenthal: Das hört sich aber nicht wirklich so an, als ob es irgendwie Aussicht auf eine Lösung für dieses Problem gibt.

Reuning: Und es ist auch absolut noch nicht klar, welchen Weg diese Wasserströme auf dem Gelände denn eigentlich nehmen. Man hat bereits nach weiteren Lecks gesucht. Und die Experten haben dazu Kühlwasser angefärbt, um eben den Weg durch das Reaktorgebäude verfolgen zu können. Aber auch da ist die Situation offenbar noch unklar, wo es denn überhaupt lang strömt.

Blumenthal: Diese Woche oder jetzt am Wochenende, sagen sie, ist das radioaktive Wasser das Problem. Letzte Woche haben wir darüber berichtet und diskutiert, dass es die Brennstäbe sind, dass es eine mögliche Kernschmelze ist, von einer Salzkruste - 20, 40 Tonnen - war immer wieder letzte Woche die Rede: Es scheinen sich die Probleme eigentlich eher zu häufen, als dass irgendeine Lösung für eins dieser marginalen Problemen dann in Sicht ist. Marginal im Sinne von, wenn man sich die Vielfalt anschaut.

Reuning: Ich habe hier eine Tabelle bei mir, die das japanische Atomindustrie-Forum täglich erstellt, eine Art Zustandsbericht in Tabellenform, mit den Ampelfarben rot, grün und ein wenig gelb. Und man sieht, es ist immer noch sehr, sehr viel rot, das heißt, immer noch sehr, sehr viel kritisch. Was sich entspannt hat, ist zum Beispiel der Druck in den Reaktordruckbehältern und im Sicherheitscontainment. Das ist auf gelb zurückgestuft worden. Und auch im Reaktor I und II hat das besprühen mit Kühlwasser, mit Süßwasser geholfen. Auch dort ist man von rot mittlerweile auf gelb zurück. Aber viele Bereiche sind eben noch kritisch. Auch das Salz ist offenbar noch in diesen Becken drin. Durch das Süßwasser wird es zwar gelöst, aber es wird natürlich nicht entfernt, weil das Wasser eben nicht aus den Gebäuden herausgelangen kann.

Blumenthal: Diskutiert wurde auch immer wieder der Abtransport dieses radioaktiv verseuchten Wassers mithilfe eines riesigen Pontons. Ist das Teil vor Ort, wird da schon dran gearbeitet?

Reuning: Es hatte vergangene Woche diesen Vorschlag gegeben, das Wasser aufzufangen und auf ein stählernes Floß zu leiten - eine schwimmende Insel, da würde auch das Wasser draufpassen. Und dort müsste man es dann lagern. Offenbar hat man sich nicht für diese Lösung entschieden. Es könnte also auch eine Zeitfrage sein, denn das ist eine längere Strecke. Südlich von Tokio ankert das im Moment es müsste erst herangeschafft werden.

Blumenthal: Arndt Reuning über die Situation am und um das havarierte japanische Kernkraftwerk in Fukushima.

Link zum DRadio-Portal "Katastrophen in Japan"

Die verwundete Nation (Deutsche Welle)

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