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StartseiteBücher für junge LeserEine junge Frau aus Fleisch und Blut20.05.2006

Eine junge Frau aus Fleisch und Blut

Der Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel

Am 22. Februar 1943 wird Sophie Scholl hingerichtet. Die Münchner Widerstandsgruppe "Weiße Rose" wird zerschlagen. Zur gleichen Zeit liegt der Hauptmann Fritz Hartnagel in einem Krankenhaus in Lemberg. In Stalingrad hat er sich schwere Erfrierungen zugezogen. Er schreibt Briefe an Sophie Scholl, die sie nicht mehr erreichen können. Er schmiedet Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Er gesteht ihr seine Liebe.

Von Simone Hamm

Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.), der Münchner Wiederstandsbewegung "Weiße Rose" (AP Archiv)
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.), der Münchner Wiederstandsbewegung "Weiße Rose" (AP Archiv)

"Hoffentlich schreibst Du recht bald" hat Hermann Vinke die Liebesgeschichte der Sophie Scholl und des Fritz Hartnagel genannt. Denn er erzählt diese Geschichte mit Hilfe der vielen Briefe, die die beiden einander geschrieben haben. Diese Briefe galten jahrelang als verschollen. Erst nach dem Tode Fritz Hartnagels durfte Hermann Vinke sie lesen. Seine Witwe Elisabeth Hartnagel, die Schwester Sophie Scholls hatte sie ihm gezeigt. Diese Briefe sind ein einzigartiges Zeugnis. Sie zeigen die Entwicklung von eines naturverbundenen, engagierten jungen Mädchen zur Widerstandskämpferin. Sie zeigen, wie sehr sie ihren sechs Jahre älteren Freund beeinflusst hat.

Als sich Sophie Scholl und Fritz Hartnagel kennen lernen, ist sie erst sechzehn Jahre alt. Wegen "Untreue und unbotmäßigen Äußerungen" hat sie gerade ihren Posten als BDM-Gruppenführerin verloren. Fritz Hartnagel hatte sich freiwillig für eine Offizierslaufbahn gemeldet. In Bad Cannstatt leistet er seinen Militärdienst ab. Die beiden treffen sich auf Bällen, auf Faschingsveranstaltungen. Sie besucht Fritz Hartnagel in seiner Kaserne. Obwohl sie doch die Drängende ist, wird ihr die Nähe bald zu viel:

"In dem Verhältnis, in dem ich zu Dir stehe, kann ich nicht weiter bleiben. Ich habe es von einer Stunde auf die andere eingesehen. Der Grund? Ich bin einfach noch zu jung, lach bitte nicht, es drückt mich zusammen."

Fritz Hartnagel übergeht diese Ängste einfach. Er schreibt ihr weiterhin Briefe, sie antwortet, als habe es ihre Ängste nie gegeben. Er freut sich auf die 150 Rekruten, die er ausbilden soll:

"Ich bin wieder einmal restlos begeistert von meinem Soldatenberuf, und so paradox es klingen mag, wenn Schiller sagt: "der Soldat allein ist der freie Mann", so ist es doch war. "

Sophie: " Nun werdet ihr ja genug zu tun haben. Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist fürs Vaterland."

Schreibt Sophie am 5.9.1939, vier Tage nach Hitlers Überfall auf Polen. Hartnagel antwortet:

"Du bringst mich in einen großen Konflikt, wenn Du mich nach dem Sinn des ganzen Blutvergießens fragst… "

Die Briefe von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel sind so einzigartig, weil sie einen tiefen Einblick geben in das Denken und Fühlen zweier junger Menschen in den Jahren des Krieges. Zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine junge Frau, die sich für den aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus entscheiden wird und ein junger Mann, der dem NS-Regime bis zum bitteren Ende als Offizier dienen wird. Dokumente aus erster Hand, Dokumente zweier Liebender, die sich aneinander reiben, die aneinander wachsen.

Sophie: " Ich wünsche Dir sehr, dass du diesen Krieg und diese Zeit überstehst, ohne ihr Geschöpf zu werden. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zuwenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind."

Fritz: " Wenn mir auch vieles zerflossen ist, woran ich glaubte, mich halten zu können, und wenn ich in manchen Dingen dastehe wie ein siebzehnjähriger Junge, woran nicht zuletzt oder überhaupt du schuld bist, so bin ich eben drum froh drüber. Es ist ja letzten Endes auch ein Fortschritt, wenn man das bisher Erlebte als falsch erkennt und deshalb über den Haufen wirft."

Schreibt Fritz Hartnagel Weihnachten 1939. Dennoch hält er Sophies Kritik an seinem Beruf für überzogen.

Fritz: " Ich wäre Dir dankbar, Sophie, wenn Du mir schreiben würdest,… was für Dich Sinn und Zweck eines Volkes ist oder wie Du Dich überhaupt dazu stellst. Ich glaube, dass das die erste Frage ist, um überhaupt über den Soldatenberuf und unsere heutige Zeit ein Urteil fällen zu können."

Sophie: " Die Stellung eines Soldaten dem Volk gegenüber ist für mich ungefähr wie die eines Sohnes, der seinem Vater oder seiner Familie schwört, in jeder Situation zu ihm oder zu ihr zu halten. Kommt es vor, dass der Vater einer anderen Familie Unrecht tut…, dann muss der Sohn trotz allem zum Vater halten. So viel Verständnis für Sippe bringe ich nicht auf. Ich finde, dass immer Gerechtigkeit höher steht als jede andere, oft sentimentale Anhänglichkeit."

Während sie sich als Kindergärtnerin ausbilden lässt, ist Fritz Hartnagel in Weimar stationiert. Er wartet auf einen Einsatz in Afrika – von September 1941 bis April 1942. In diesen Monaten treffen sich die beiden so häufig wie nie. Sie sind jung, verliebt. Sie genießen die knappe Zeit miteinander - aber sie machen sich auch quälende Selbstvorwürfe. Fritz schreibt von schrecklichen Verfehlungen, Sophie fragt sich, wem sie überhaupt noch unter die Augen treten dürfe. Sie leiden darunter, sich näher gekommen zu sein, als es der Anstand erlaubt.

Mit jedem Besuch bei Sophie distanziert sich Fritz Hartnagel mehr von der Wehrmacht:

Fritz: " Es ist mir soeben klar geworden, dass ich nie Offizier bleiben kann, zumindest nicht unter solchen Offizieren. "

Seit September 1941 müssen alle Juden einen Judenstern tragen. Massenerschießungen und andere grausame Verbrechen in den besetzten polnischen Gebieten werden hinter vorgehaltener Hand bekannt. Hans Scholl, Sophies Bruder genügt es nicht mehr, das NS-Regime nur abzulehnen. Die ersten Flugblätter der "Weißen Rose" erscheinen. Wann genau Sophie Scholl, die mittlerweile in München Philosophie und Biologie studiert, sich dem Widerstand anschließt, ist bis heute nicht bekannt. Als Fritz Mitte Mai 1942, wenige Tage nach Sophie 21. Geburtstag, einen Heimaturlaub erhält, dürfte sie schon dabei gewesen sein. Fritz und Sophie gehen lange im botanischen Garten spazieren. Es ist ihr letzter Spaziergang. Sie werden sich nie wieder sehen.

Fritz Hartmanns Kompanie zieht nach Osten. In den Kaukasus. Er hört zum ersten Mal von der großen Hungersnot in der Ukraine. Immer drastischer werden seine Schilderungen von der Front.

Fritz: " Es ist soviel Grauenhaftes, dass Stunde für Stunde Millionen von Soldaten auf beiden Seiten in ständiger Gefahr stehen, nur damit beschäftigt, sich gegenseitig zu töten, und nur für diesen Zweck danken und arbeiten wieder Millionen, werden Familien getrennt und in tiefes Leid gestürzt."

Mit solchen Worten wird Fritz Hartnagel Sophie bestärkt haben, für den Widerstand zu arbeiten.

Es ist Vinkes großes Verdienst, uns die beiden Liebenden ganz nahe zu bringen. Er macht keine Heilige aus Sophie Scholl. In Ihren Briefen zeigen sich ihre ganze Zerrissenheit, ihre Ungeduld, aber auch ihr großer Gerechtigkeitssinn, ihr starker Wille. Ihre Liebe zu Fritz Hartnagel hat Höhen und Tiefen. Die Briefe sind sehr persönlich und doch hat der Leser niemals das Gefühl, zum Voyeur zu werden, so geschickt und behutsam hat Vinke die Stellen herausgesucht. Er zeigt auf, wohin sich die beiden entwickeln, wie sie sich wechselseitig beeinflussen. Er zeigt den Lesern auch, was man damals alles hätte wissen können, wenn man nur Augen und Ohren weit aufgesperrt hätte. Und er will seinen jugendlichen Lesern vermitteln, dass es auch andere Deutsche gab während der Nazizeit, solche, die weder denunzierten noch mitliefen. Wer sich für den Menschen Sophie Scholl interessiert, das Mädchen mit all seinen Zweifeln, der sollte "Hoffentlich schreibst du recht bald" unbedingt lesen. Gerade weil Hermann Vinke keine Ikone beschreibt, sondern eine junge Frau aus Fleisch und Blut, wird man deren ungeheuren Mut, deren Aufrichtigkeit
um so höher zu schätzen lernen.

Obwohl Sophie Scholl und Fritz Hartnagel in der ständigen Angst leben, dass ihre Briefe gelesen, ihre Kritik entdeckt wird, schreiben sie sich dennoch weiter. Sophie bittet Fritz um Geld. Er lässt es ihr zukommen, fragt nicht, wofür sie es braucht.
Fritz Hartnagel ist in Stalingrad. Soviel Leid und Grauen hat er sich nicht vorstellen können. Als er verletzt wird, darf er nicht nach Hause. Niemand soll erfahren, wie es wirklich ist an der Ostfront:

Fritz: " Die Gefahr dieses Krieges ist vor allen Dingen die, dumpf und gleichgültig zu werden, wo täglich soviel Elend an den Augen vorbeizieht, so viel Leiden und Tod drüben oder hier, wo es unsere Aufgabe als Soldaten ist, dies alles noch zu mehren."

Sophie: " Doch wenn Du diese Zeit nur überstehst, das Wie ist dann nicht so wichtig, oder besser, darum habe ich keine große Sorge, denn ich weiß ja, dass Dich der Gedanke an den, der Dich führt, ruhig machen kann. "

Sophie ist hin – und hergerissen. Einerseits will sie natürlich, dass Fritz gesund nach Hause kommt, andererseits sehnt sie sich eine Niederlage der deutschen Armee herbei, damit der Krieg endlich ein Ende hat.

Am 3. Februar 1943 kommt im Radio die Nachricht, dass die Wehrmacht in
Stalingrad eine verheerende Niederlage erlitten hat. Die Mitglieder der Weißen Rose sind überzeugt davon, dass die Zeit für sie arbeitet. Jetzt müssen sie weitermachen
und die Bevölkerung wachrütteln.

Am 18. Februar verteilen Sophie und Hans Scholl in der Universität Flugblätter der weißen Rose. Sie werden festgenommen. Vier Tage später werden sie zum Tode verurteilt. Bereits am selben Tag findet die Hinrichtung statt.

Fritz Hartnagel schreibt weiterhin Briefe an Sophie. Sie ist schon hinrichtet worden, da erfährt er von ihrer Verhaftung. Nichts ahnend reicht er ein Gnadengesuch ein. Sein Vorgesetzter lässt ihn – und das grenzt an ein Wunder - nach München fahren.
Dort kann er nur noch ihre Familie trösten. In einem ihrer letzten Briefe hatte Sophie Scholl geschrieben:

Sophie: " In Gedanken bin ich jetzt so viel bei Dir, dass ich meine, wir müssten uns begegnen. Doch ich frage mich immer wieder mit Sorge, wie es Dir jetzt ergehen mag. Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft. "


Hermann Vinke: Hoffentlich schreibst Du recht bald.
Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. Eine Freundschaft 1937-1943
317 Seiten
14.95 Euro
Ravensburger

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