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StartseiteKalenderblattEine kleine Revolution03.08.2013

Eine kleine Revolution

Vor zehn Jahren wurde in den USA erstmals ein homosexueller Priester zum Bischof gewählt

2003 wird Gene Robinson anglikanischer Bischof - der erste in den USA, der offen mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zusammenlebt. Robinsons Ernennung löst weltweite Proteste aus, vor allem bei bibeltreuen Anglikanern. Auch heute noch spaltet das Thema die Kirche.

Von Matthias Bertsch

Der ehemalige Bischof Gene Robinson ist mittlerweile im Ruhestand (picture alliance / dpa)
Der ehemalige Bischof Gene Robinson ist mittlerweile im Ruhestand (picture alliance / dpa)

Kirchenbesucher: "Is it your will, that we ordain Gene a Bishop?"
Menge: "It is our will!"

Als Gene Robinson im November 2003 zum Bischof von New Hampshire geweiht wurde, stimmten auch die Kirchenbesucher für ihn als neues geistliches Oberhaupt. Seine Bischofskollegen hatten sich bereits drei Monate vorher für den bekennenden Homosexuellen entschieden. Bei ihrer Jahresversammlung am 3. August hatte die anglikanische Kirche der Vereinigten Staaten Robinson zum ersten schwulen Bischof in den USA gewählt.

"It’s not so much a dream as a calling from God and I am really thrilled to be on my way of being the bishop of New Hampshire."

Es sei weniger ein Traum als eine Berufung von Gott, die sich für ihn erfülle, erklärte der 56-jährige Robinson direkt nach der Wahl, und er freue sich riesig darauf, Bischof von New Hampshire zu werden. Eine Freude, die keineswegs alle in der anglikanischen Kirche – einem Zusammenschluss von 38 weitgehend selbstständigen Landeskirchen mit insgesamt 80 Millionen Anhängern in der ganzen Welt - teilten, betont Friedrich Weber, Kirchenhistoriker und Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Braunschweig:

"Diese Personalie Robinson hat die Kirchengemeinschaft, die anglikanische, seit 2003, mit entzweit. Weltweit hat es Proteste gegen die Entscheidung der amerikanischen Bischöfe, den schwulen Bischof zum obersten Anglikaner von New Hampshire zu machen, das hat es gegeben, aber seine Bischofskollegen in den Vereinigten Staaten haben das mitgetragen. Das muss man deutlich sagen. Die Proteste kamen vor allem aus den konservativen Nationalkirchen Afrikas."

Bischöfe in Nordafrika protestieren

Vor allem die Tatsache, dass Robinson seine Homosexualität offen vertritt, ist für viele in der anglikanischen Kirche ein rotes Tuch, zum Beispiel für den Erzbischof des Sudan, Daniel Deng:

"Homosexualität ist einfach kein Teil der Bibel. Gott hat Mann und Frau so geschaffen, dass sie gemeinsam neues Leben erzeugen. Gleichgeschlechtliche Paare gehören nicht zur Schöpfung. Wenn Sie jetzt sagen, dass wir solche Paare jetzt akzeptieren müssen, dann sagen Sie gleichzeitig, dass wir die Bibel neu schreiben müssen. Das rührt an unseren Fundamenten."

Kirchenhistoriker Friedrich Weber:
"Es steht einander gegenüber ein unterschiedliches Verständnis der Bibelauslegung, und es werden dann sehr massive Texte, die sich im alten und im neuen Testament finden, im Blick auf Homosexualität, zitiert, und sie werden dann in aller Regel bruchlos in die Gegenwart transportiert, so dass man also aus dieser direkten Übertragung einer Haltung, die in biblischen Texten auftaucht, in die Gegenwart entsprechende ethische Folgerungen zieht."

Die Frage nach der richtigen Bibelauslegung trennt aber nicht nur afrikanische, europäische und amerikanische Anglikaner, sondern führt auch innerhalb der westlichen Mitgliedskirchen immer wieder zu heftigen Diskussionen – und manchmal zu fragwürdigen Kompromissen. So hat die Mutterkirche der anglikanischen Gemeinschaft, die "Church of England" Anfang des Jahres beschlossen, das Verbot der Bischofsweihe für homosexuelle Priester aufzuheben – vorausgesetzt, diese leben nicht in "wilder Ehe" sondern in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft und geloben, sexuell enthaltsam zu sein. Doch genau das lehnt Robinson ab: Auch er lebt in einer Lebenspartnerschaft, allerdings nicht zölibatär. Friedrich Weber:

"Es gibt ein Foto, ich hab das mal gesehen, das war irgendwann 2009, in der Zeit, kann ich mich erinnern, wurde das abgebildet, da hat er einen Drehbuchautor bei der Verleihung eines Medien-Preises in Los Angeles in einer Weise geküsst, die mehr ist als nur ein freundschaftliches sich Zuneigen oder Küssen. Immer wenn so was eintritt, oder wenn Gene Robinson deutlich sagt, ich lebe meine Partnerschaft eben auch körperlich, dann ist das Thema wieder da."

Pläne für den Ruhestand

Und wird es wohl bleiben, auch wenn Gene Robinson Anfang des Jahres als Bischof von New Hampshire zurückgetreten ist. Nachdem mit Mary Glasspool vor drei Jahren eine bekennende Lesbe zur Bischöfin von Los Angeles gewählt wurde – und damit im House of Bishops weiterhin eine homosexuelle Stimme vertreten ist - hat Robinson beschlossen, mit 65 Jahren in den Ruhestand zu gehen - und nicht erst mit 72, was auch möglich gewesen wäre. Seinem Thema aber will er treu bleiben: Er wird sich im Center for American Progress, einem Think Tank in Washington, mit dem Thema Glauben und Schwulenrechte beschäftigen.

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