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StartseiteKultur heuteEine Kultur- und Mediengeschichte der menschlichen Stimme25.09.2004

Eine Kultur- und Mediengeschichte der menschlichen Stimme

"Phonorama" im ZKM in Karlsruhe

<strong>Wenn man einen Film, den man gut kennt, mal in Originalversion anschaut, dann ist man manchmal regelrecht verstört, wie merkwürdig sich die Stimme, etwa von Meg Ryan oder von Nicole Kidman, anhört. Eine Synchronstimme verbindet man eben mit einem bestimmten Gesicht. Und Woody Allen soll sogar mal gesagt haben, er finde seine deutsche Synchronstimme passe eigentlich besser zu ihm als seine eigene. Von den Stimmen von Schauspielern und Sängern, von Politikern und ihren Imitatoren über den Mythos der Sirenen und die Stimme Gottes bis hin zu Stimmen, die wir bei demokratischen Wahlen abgeben dürfen, erstreckt sich das Spektrum einer Ausstellung über die Kulturgeschichte der Stimme in Karlsruhe. </strong>

Von Christian Gampert

Ausgebildet und aufgezeichnet: die Stimme des Opernsängers (AP)
Ausgebildet und aufgezeichnet: die Stimme des Opernsängers (AP)

Die Stimme von Alessandro Moreschi, des letzten italienischen Kastraten, aufgenommen auf Wachswalze im April 1904, ist eines der vielen extravaganten Klang-Beispiele in dieser Ausstellung, die das Flüchtige, das Vergängliche der menschlichen Artikulation festzuhalten sucht. In unseren visuell dominierten Zeiten ist ein solches Projekt natürlich mutig, eine Reise zurück in die Konzentration. – obgleich sich die Kuratorin Brigitte Felderer durch eine Vielzahl an Monitoren und Filmeinspielungen abgesichert hat.

Phonorama ist der Versuch, ein Paradox in einen Begriff zu fassen, nämlich: die Stimme auszustellen, die Stimme zu visualisieren. Und das ist eigentlich ein altes Problem, mit dem sich schon das 18.Jahrhundert auseinandergesetzt hat – die Frage, wie kann man denn der Stimme habhaft werden, noch ohne die Möglichkeit, die Stimme aufzuzeichnen und zu reproduzieren. Wie beschreibt man denn Stimmen? Wie symbolisiert und erklärt man sie? Vor allem: woher kommt die Stimme eigentlich?

Stimme wird durch die Vibration der Stimmbänder erzeugt, und sie ist etwas höchst Individuelles, ein Persönlichkeitsmerkmal. Und sie konstituiert das Soziale: die Stimme erheben, seine Stimme abgeben – manchmal sollte man das schon tun, sonst gibt’s böse Überraschungen. "Phonorama" erzählt also Technik-, Wissenschafts- und Sozialgeschichte – während heute jeder Schüler mit einem Walkman herumläuft, rief die aufgezeichnete, die körperlose Stimme um 1900 oft noch Angst und Abwehr hervor.

Das Verborgene verstehen, zum Beispiel den verborgenen menschlichen Artikulations-Apparat entschlüsseln, das war schon Anliegen der Aufklärung. Pionier auf diesem Feld war im 18. Jahrhundert der Sprechforscher Wolfgang von Kempelen, ein hoher Beamter am Hof der Maria Theresia. Eigentlich sollte seine Sprechmaschine Gehörlosen, Taubstummen die Möglichkeit bieten, sich stimmlich zu äußern; aber man merkte bald, dass man ohne Gehör den Apparat gar nicht bedienen konnte.

So wurde die nun in Karlsruhe ausgestellte Maschine zum Modell, das die Erzeugung der menschlichen Stimme quasi imitierte – ein Kasten mit Blasebalg, an dem man durch haptische Manipulation sprachliche Laute erzeugen konnte, im Jahr 1790 wohlgemerkt.

Auch sonst hat die Schau einiges zu bieten: wir steigen zurück zum Phonographen und zum Schalltrichter und können nachvollziehen, dass die "körperlose Stimme" etwas tief Verunsicherndes hatte. Stimmen aus dem Totenreich schienen das zu sein – der Phonograph als Angst- und Wunschmaschine. Thomas Edison veranstaltete deshalb so genannte "Tontests", um das Publikum von der technischen Qualität seiner Aufzeichnungen zu überzeugen: im Opernhaus wurde die Aufnahme einer Arie mit der Original-Sängerin konfrontiert.

Sprechpuppen waren um 1900 herum Luxus-Spielzeuge für Kinder aus reichem Hause, künstlichen Menschen, von dem manche heute noch träumen. Le "Bébé Jumeau" aus Paris etwa redet wie eine Kindfrau.

Phonographen wurden aber auch von Ethnologen benutzt: sie versuchten, die Sprache und Musik fremder Kulturen aufzuzeichnen – die auf die Eingeborenen bedrohlich wirkende Maschine, die fremde Stimmen sprechen ließ, zog eine klare Grenze zwischen Industriegesellschaft, also den Kolonisatoren und ihren Beobachtungs-Objekten.

Die Ausstellung widmet sich auch obskuren Grenzbereichen, der Bauchrednerei oder dem Archiv des Friedrich Jürgenson, der in bestimmten Frequenzen die Stimmen Verstorbener zu decodieren glaubte. Etwas handfester dagegen die Stimm-Archive bedeutender Persönlichkeiten, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts angelegt wurden. Die werden dann wieder verfremdet von heutigen Künstlern, zum Beispiel dem Installationskünstler Gustav Deutsch, der Marlene Dietrich, eine medizinische Lautprobe, Zarah Leander und Joseph Goebbels zusammenschraubt.

Politische Sprechakte, künstlich generierte Computerstimmen, die Stimme im religiösen Kult, Zeichensprache für Taubstumme, innere Stimmen – das Thema ist unerschöpflich. Am schönsten allerdings ist das Ausloten menschlicher Stimm-Möglichkeiten durch Dichter, Lautkünstler, Klang-Experimentatoren. Zurück zum Animalischen, jenseits der Sprache.

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