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StartseiteLange NachtBello e impossibile21.07.2018

Eine Lange Nacht der italienischen CantautoriBello e impossibile

Wer in den 1960er- und 1970er-Jahren nach Bella Italia reiste, hat den mitreißenden Melodienreichtum der Songs der Cantautori noch in den Ohren: von Lucio Dalla, Francesco de Gregori, Fabrizio de André, Francesco Guccini, Gianna Nannini, Gino Paoli, Giorgio Gaber, Enzo Jannacci, Lucio Battisti und anderen.

Von Regine Igel

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Der italienische Sänger Lucio Dalla im Jahr 2010 (imago stock&people / Granata Images ITA)
Der italienische Sänger Lucio Dalla im Jahr 2010 (imago stock&people / Granata Images ITA)

Viele ihrer Songs wurden zu Hits, die bis heute landauf landab vom Volk mitgesungen werden.

Doch sie waren weit davon entfernt, ins Seichte eines Schlagers abzurutschen. In poetischen Mininovellen erzählen ihre Texte von Leben und Leiden sozial Ausgegrenzter, von Prostituierten und Widerstandskämpfern. Sie beklagen sozial ungerechte Zustände, provozieren das katholische Establishment, kritisieren bürgerliche Doppelmoral und drücken den Trennungsschmerz des in den Norden aufbrechenden Migranten von Braut, Mama und Heimatort aus.

Heute gelten Musik und Texte der Cantautori als ein eigenständiges Genre hoher Kultur und sind zum Gegenstand des Schulunterrichts und wissenschaftlicher Tagungen geworden. Erinnern wir uns in dieser Langen Nacht an ein lebendiges und aufbruchfreudiges Italien!

(Wdh. vom 4./5.4.2009)

Luigi Tenco

Luigi Tenco ist ein legendärer Vorläufer der italienischen Cantautori und das heißt, er komponierte und textete seine Songs selbst. Er brachte als einer der ersten sozialkritische und antimilitaristische Texte in den Schlager. In "Ciao Amore ciao" besingt er den Abschied eines arbeitslosen Emigranten von seiner Geliebten und seinem Heimatort. Er wird weit weggehen in eine andere Welt, in der er wohl Arbeit finden, sich aber als ein Niemand fühlen wird.
Es sind die 60er Jahre, als zahlreiche italienische Gastarbeiter auch nach Deutschland kamen. Ein derartiges Thema auf dem traditionellen Schlagerfestival, das jedes Jahr im Januar oder Februar in San Remo veranstaltet wird, war mehr als ungewöhnlich. Mit seiner ausdrucksstarken, mal sanften, mal harten Stimme wurde Luigi Tenco von seinem Publikum heiß geliebt.

Luigi Tenco "Ciao amore, ciao" bei Youtube

Warum über Luigi Tenco hier zu Beginn gesprochen wird, hat mit seinem Auftritt auf dem Schlagerfestival im Januar 1967 zu tun. Luigi Tenco wollte nämlich mit dem Song "Ciao amore ciao" Sieger werden, und nicht nur er, in der Musikwelt hatte er dafür durchaus eine starke Lobby. Als aber ein anderer das Rennen machte und er sogar nur auf Platz 16 landete, war Tenco so getroffen, dass er sich nach Bekanntgabe des Ergebnisses noch in der gleichen Nacht in seinem Hotelzimmer erschoss. Er hinterließ einen Abschiedsbrief.

Luigi Tenco betont in diesem Brief, keineswegs lebensmüde zu sein und sein Publikum geliebt, aber doch - vergebens geliebt zu haben. Der Akt der Selbsttötung solle als Protest gegen die Jury angesehen werden und bewirken, dass die Entscheidungskriterien überdacht werden.

Bis heute hält sich die Mutmaßung, dass der Selbstmord ein Mord war, gestützt durch Ungereimtheiten in den Indizien und den harten Konkurrenzkampf um die Nominierung im Festival. Zum 40. Jahrestag seines Todes im Jahr 2007 wurden diese Zweifel in einer Erinnerungssendung im Fernsehen erneut diskutiert.

Fabrizio de André

Viele italienische Sänger und Sängerinnen haben Songs von Luigi Tenco interpretiert, hauptsächlich seine Liebeslieder. Aber in vielen seiner Songs werden auch Autoritätspersonen des Staates und der Kirche kritisch unter die Lupe genommen und der Scheinheiligkeit bezichtigt. Andere Cantautori haben ihm eigene Kompositionen gewidmet. Hören Sie die ergreifende Hommage von dem wunderbaren Cantautore Fabrizio de André, die er für seinen Freund und Weggefährten aus frühen gemeinsamen Jahren in Genua, kurz nach dessen Tod geschrieben hat: "Preghiera in gennaio" – Gebet im Januar.

Fabrizio de André, "Preghiera in gennaio" bei Youtube

Luigi Tenco war ein widersprüchlicher Charakter. Er galt als depressiv, schüchtern, zurückgezogen. Gleichzeitig war er sehr gesellig, impulsiv. Die damals in ganz Europa bekannte Sängerin Dalida und er waren ein Paar, ein schönes, bewundertes
Paar.

Viele italienische Sänger und Sängerinnen haben seither Songs von Luigi Tenco interpretiert, hauptsächlich seine Liebeslieder. Aber in vielen seiner Songs werden auch Autoritätspersonen des Staates und der Kirche kritisch unter die Lupe genommen und der Scheinheiligkeit bezichtigt. Andere Cantautori haben ihm eigene Kompositionen gewidmet. Hören Sie die ergreifende Hommage von dem wunderbaren Cantautore Fabrizio de André, die er für seinen Freund und Weggefährten aus frühen gemeinsamen Jahren in Genua, kurz nach dessen Tod geschrieben hat: "Preghiera in gennaio" - Gebet im Januar.

Der Tod Luigi Tencos und seine wider aller Erwarten schlechte Klassifizierung beim traditionellen Schlagerfestival von San Remo war weit über die Musikwelt hinaus ein Schock. Doch er bewirkte, dass die Musik der Cantautori über Nacht aus ihrer Nische heraustritt und von nun an öffentlich zelebriert wird. 1972 wird der Club Tenco und zwei Jahre später ein eigens den Cantautori gewidmetes Festival gegründet. Seither werden im Theater Ariston in San Remo alljährlich zwei Festivals durchgeführt: Das traditionelle Schlagerfestival, in einschlägigen Kreisen kurz San Remo genannt, jedes Jahr vier Tage im Februar. Das andere, das der Cantautori, benannt nach Luigi Tenco und kurz "Tenco" genannt, meist drei Tage Anfang November.

Lucio Dalla

Lucio Dalla, "Piazza Grande" bei Youtube 

Lucio Dalla

"Piazza Grande" aus dem Album "Banana Republic" von Lucio Dalla handelt von den Sehnsüchten eines Obdachlosen, dessen Zuhause der Piazza Grande in Bologna ist, Heimatstadt von Lucio Dalla.

Die Erstaufführung von "Piazza Grande" 1972 war noch auf dem traditionellen San Remo-Schlagerfestival, dass schon damals und noch heute in seiner vollen Länge bis über Mitternacht hinaus im Fernsehen live übertragen und von der ganzen Nation mit Spannung verfolgt wird. Nicht nur Anfang der 70er Jahre waren die Grenzen zwischen diesen beiden Festivals fließend.

Zu Lucio Dalla schrieb der Schriftsteller und Nobelpreisträger Dario Fo 1976:

"Bestimmend für Dalla ist, dass er nicht Lieder rezitiert, sondern sie entwickelt, dass er dabei – zusätzlich zur Stimme – sein ganzes physisches, körperliches Volumen und sein Ganzes Gestenvokabular einsetzt."

Francesco de Gregori

Das Liebeslied "La donna Cannone", übersetzt "Das Kanonenweib", ist von Francesco de Gregori. Wenn de Gregori wie hier ein Liebeslied schreibt, dann geht es da nicht um banale Klischees, sondern um ausgefeilte Poesie.

Ruedi Ankli: Er ist natürlich schon der Prinz unter den allen. Seine Texte, kann man da jetzt wirklich mit recht sagen, kommen da in Anthologien über italienische Poesie des 20. Jahrhunderts hinein. Was bei vielen, die dort hineinkommen, nicht unbedingt notwendig wäre. Aber De Gregori hat schon einerseits diese Dimension des Hinterfragens und dann kann er es das einfach wirklich so aussagen, dass es keine gängige einfache Botschaft ist. Er nimmt nicht einfach nur die Gitarre und spielt drauf los, da steckt schon sehr viel Können, sehr viel Talent dahinter.

Francesco de Gregori

Francesco De Gregori, "La donna cannone" bei Youtube

Die Wurzeln der italienischen Cantautori

Die italienischen Cantautori haben ihre Wurzeln im amerikanischen Rock, Blues und Folksong einerseits und im französischen Chanson eines George Brassens, in Balladen und Minnegesängen aus dem Mittelalter andererseits. Jeder einzelne Cantautore aber hat seine eigene Art, seine ganz eigene Stimme, seine ganz eigenen Themen und Texte und seine eigene Musikalität. Einer der besten deutschsprachigen Kenner zur Sache ist der Schweizer Ruedi Ankli. Ankli hat schon 1985 zusammen mit seinem Ko-Autor Peter Burri ein dickes, kenntnisreiches Buch "Cantautore Republic" über die "italienischen Rockpoeten" verfasst. Leider ist es schon lange vergriffen. Ruedi Ankli hat in Italien Romanistik studiert, lebt und arbeitet als Lehrer in Basel und schreibt als Journalist zum Thema in der Neuen Züricher Zeitung und in Fachzeitschriften.

Francesco Guccini

Francesco Guccini, "La locomotiva" bei YOUTUBE
Francesco Guccini  

In dem eindringlichen Song "La locomotiva" von Francesco Guccini, geht es um einen anarchistischen Lokomotivführer und ist einer der wichtigsten Songs, wenn nicht d e r wichtigste der Protestbewegung in den 70er Jahren.

Ruedi Ankli: Also die Geschichte ist so, es ist ein Anarchist, der weiß, dass ein Luxuszug, wir sind also Ende des 19. Jahrhunderts, die Zeit des Schienenbaus, also da kommt ein Luxuszug von Mailand nach Bologna und ein Anarchist sagt sich, okay da fahr ich jetzt hinein. Also ein heute nicht sehr populäres Thema, wenn man es sich überlegt, es ist ein Kamikaze. Er setzt sich also in die Lokomotive und fährt los. Und man merkt das und lässt ihn dann im letzten Moment auf ein anders Gleis ableiten. So gibt es keine Katastrophe. Das ist sicher auch Guccini recht so. Er sagt sich nur, es ist schön, sich vorzustellen, eben dass da einer was machen wollte.

Die Nähe zum Theater: Enzo Jannacci und Giorgio Gaber

Zwei Cantautori, beide aus Mailand, fallen ein wenig aus der Reihe. In ihren Liedern und Auftritten zeigt sich ihre Nähe zum Theater. Enzo Jannacci und Giorgio Gaber sind unter den Cantautori die scharfsinnigen, selbstironischen Intellektuellen aus dem Norden. Schon während ihrer Schulzeit singen sie gemeinsam, Ende der 50er Jahre spielen sie in Adriano Celentanos Rockband.

Enzo Jannacci, "Ho visto un re" bei Youtube

Enzo Jannacci

Giorgio Gaber

Enzo Jannacci tritt seit Ende der 60er Jahre viel mit Dario Fo zusammen auf und verliert sich in seinen Liedern mit ihm in Wortspielen und absurden Geschichten. Es war dann Dario Fo, der in die Liedertexte gerne scharfe politische Spitzen einbaute. Jannaccis Texte werden politisch immer angriffslustiger und sein Humor zunehmend schwärzer. In den 80ern erklärt er das Schlagerfestival von San Remo für eine "Angelegenheit nationaler Demenz".

"Ho visto un re" erzählt die Geschichte eines Königs, eines Bischofs und eines Reichen, die verzweifelt sind, weil ihnen ihre Vorgesetzten einen kleinen Teil ihres Besitzes konfisziert haben. Aber der Bauer, dem nicht nur ein kleiner Teil, sondern alles genommen wurde, verzweifelt nicht. Denn wenn der Bauer verzweifelt, dann könnte das den Bischof, den König und den Reichen traurig machen… Eine Parodie also auf ungerechte Zustände.

Ruedi Ankli: Ich glaube, diese klassischen Cantautori sind ja irgendwie alle Intellektuelle, wären sie das nicht, dann wären sie ja auch Advokaten Gymnasiallehrer, und was sie waren, geblieben. Irgendwie trieb die etwas, neben dem einen auch noch das andere und das andere dafür auch noch richtig zu machen. Auch ein Jannacci, nicht, der wusste was Leid ist als Chirurg, der hat eine Ahnung von Schmerz und wenn er davon singt, dann merkt man das einfach. Aber bei ihm stimmt dann alles, intellektuell ist der so unglaublich weitgehend in seinem Ausblick. Und trotzdem diese Nähe, diese menschliche Nähe, die er hat und dieses ganze akzeptieren auch von Widersprüchen, die er denunziert. Aber auch sagt, auch ich bin ein Mensch voller Widersprüche. Also auch Jannacci ist einer, den ich ganz bestimmt auf die Insel mitnehmen würde...

2001 findet sich mit Enzo Jannacci eine illustre Gruppe älter gewordener Weggefährten von einst im Fernsehen zusammen, Dario Fo, Nobelpreisträger, Giorgio Gaber, der Komiker Antonio Albanese und einer der berühmtesten Schlagersänger Italiens, Adriano Celentano. Zusammen grölen sie das eben eingespielte und den Italienern sehr vertraute Lied "Ho visto un re" auf ausgelassene Weise. Mit zunehmendem Rhythmus hält es sie nicht mehr auf ihrem Stuhl oder klatschen sie emphatisch auf Schenkel und Tisch. Welch ein Gaudi! So etwas schaffen nur die Italiener! Hier die Wiedergabe dieses historischen Zusammentreffens.

Rebellische Musik

Viel diskutiert wird bis heute, ob die Musik der Protestsongs, der politischen Bewegungen, der 68er eigentlich einen Einfluss auf die Menschen und ihre Bewegung, ihre Absichten hatte. Gesichert scheint, dass keiner der Cantautori oder keiner ihrer Hörer gemeint hat, die Musik der 68er Bewegung hätte die Kraft, um Missstände abzuschaffen und die Welt zu verändern. Doch welche Rolle spielte rebellische Musik dann? Wir versuchen eine Definition und sehen dann mal, wie sich zum Vergleich die deutsche rebellische Musik seinerzeit anhörte.

Konsens besteht darin, dass die Rockmusik und die Songs der sechziger und siebziger Jahre einen Einfluss auf die Emotionen der Menschen hatte. So hat Musik, die von Vielen einer politischen Bewegung gemeinsam gehört wird, die Kraft, so etwas wie sozialer Kitt zu sein, also alle Gleichgesinnten miteinander zu verbinden und stark machende Zugehörigkeit zu dem linken Lager auszudrücken. In seinem Buch "Die 68er und die Musik" schrieb der Berliner Journalist Daniel Gäsche.

"Es war diese Kombination aus Kopf und Bauch, aus Verstand und Herz, aus Schriften und Sound, zwischen neuen politischen Thesen und neuer Musik, die die Spannung dieser Zeit ausmachte."

Der legendäre Musikkritiker Helmut Salzinger prägte in seinem Buch "Rock Power" den Begriff, dass die Rockmusik politisch so etwas wie der "Soundtrack zum Aufruhr" war. Das heißt, sie brachte mit ihren lauten, krachenden, euphorisch - mitreißenden Klängen und Rhythmen Energie und Schwung in die ausgebrochene kulturelle – und angestrebte soziale - Revolution. Damals hörte man diese Musik vor allem auf Partys, die überall und dauernd stattfanden und auch als "Kitt" wirkten. Hören wir einmal hinein in die deutschen Varianten des rebellischen- oder Protestsongs.

Franz Josef Degenhardt, "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" bei Youtube

So freudig und melodiös wie unter den italienischen Cantautori ging es in Deutschland nicht zu. Da war es kopflastiger, ironischer, dem Kampflied der Arbeiterbewegung und auch dem Kabarett nahe. Franz Josef Degenhardts zunächst noch vorsichtig sozialkritisches "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" erschien im Jahr 1965. Später wurde es bei ihm politischer. Wie in anderen Ländern, begannen die kritischen Songs auch in Deutschland schon Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre.

Wolf Biermann in Leipzig im Dezember 1989, "Ermutigung" bei Youtube 

Es war übrigens Wolf Biermann, der 1961 den Begriff des "Liedermachers" prägte. Damit folgte er Bertolt Brecht, der in Bezug auf das Theater vom "Stückeschreiber" gesprochen hatte. Beide Begriffe weisen auf den künstlerischen Handwerker, nicht auf das kreative, von höheren Mächten inspirierte Genie. Ein Liedermacher besingt nicht nur die großen Gefühle von Liebe und Tod, sondern hat wie der italienische Cantautore in der Regel einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Missstände.

Gianna Nannini

(picture alliance / dpa / Samuel Golay)Sängerin Gianna Nannini (picture alliance / dpa / Samuel Golay)

Dann kam sie, die Eine, jeden Raum füllende. Gianna Nannini. Und nicht nur die Frauen lagen und liegen ihr immer noch zu Füssen.

Gianna Nannini, "Bello e impossibile" bei Youtube

Gianna Nannini  

Gianna Nannini war mit ihrer rauchig-kratzigen Stimme zeitweilig in Deutschland populärer als in Italien. Hier wie da wurde sie für die Frauenbewegung eine wichtige Identitätsfigur. Sie ordnete sich nicht den typischen Weiblichkeitsklischees unter und stellte alle möglichen kirchlichen und bürgerlichen Moralkodexe provokativ in Frage. In ihren Texten spielen die Liebe und ihre schmerzlichen Aspekte eine dominante Rolle. Und sie fordert Frauen auf, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, sich nicht missbrauchen zu lassen. Und - sie will den Männern aufzeigen, wie eine Frau empfindet. 

Ruedi Ankli: Gianna Nannini ist einfach ein Ur-Phänomen. Sie hat sich ja sehr früh in den 70erJahren schon eigentlich durchzusetzen begonnen. Ich habe sie mal 79 in Basel gesehen. Da war sie ein bisschen, wie wir so sagen, verladen und hat zum Teil auch gewisse Lieder wie "California" zweimal gesungen. Und sie hat sich dann doch ihrer sportlichen Seite wieder besonnen und sich aus dem ein wenig wieder hochgezogen. Sie ist übrigens, interessant, am Anfang wird sie begleitet von Vecchioni, der alle Lieder schreibt und dann kommt sie dann erst so langsam dazu. Zur Rocklady wird Gianna Nannini erst nach einem längeren Amerikaaufenthalt in der 2. Hälfte der 70er Jahre. Doch sie wird gerne auch sanft, wie hier in dem Liebeslied "Amandoti", Dich zu lieben.

Gianna Nannini hat sich politisch immer sehr engagiert und eingemischt. So bei Greenpeace-Aktionen, für Amnesty International oder gegen Rassismus. In den 90er Jahren begann sie, ethnische Musikelemente in ihre Songs aufzunehmen, z.B. mit dem Gesang einer Nepalesin und tibetanischer, südamerikanischer, afrikanischer oder indischer Klänge.

Der Weg des Cantautore Fabrizio de André zu den eigenen Wurzeln

1940 in Genua in eine großbürgerliche Familie geboren, verlässt der rebellische 19-Jährige sein Elternhaus gleich nach dem Abitur. Was bis heute für einen italienischen Jugendlichen atypisch ist. Mit einem Dichterfreund zieht er in die quirlige, düstere Altstadt am Hafen Genuas. Sein Jura- und Medizin- Studium bricht er bald ab, zu sehr drängt es ihn zu komponieren und vor allem zu dichten.

Seine Songtexte sind poetische Erzählungen, die ihre Wurzeln in dieser Welt der engen Gassen und des Zwielichts haben. Sie blicken auf die Schattenseiten des Lebens und sind kritisch gegenüber gesellschaftlichen Realitäten. Die frühen Lieder handeln von Dieben, Prostituierten, Transvestiten, Gefängnisinsassen, von der Sinnlosigkeit des Krieges. In seinem Lied "La canzone di Marinella", aus dem Jahr 1963, wird das kurze Leben einer Prostituierten besungen. Im katholischen Italien Anfang der 60er Jahre ist das eine Provokation für das Establishment. Für de André ein beabsichtigtes Vergnügen, da er in der Kirche eine Stütze bürgerlicher Doppelmoral und Scheinheiligkeit sieht.

Fabrizio de Andrés poetische Texte erzählen Geschichten mit starken Bildern. Heute ist seine Dichtung Gegenstand von Schulunterricht und Universitätsseminaren. Mauro Pagani, ein über Italiens Grenzen hinaus bekanntes musikalisches Allround-Genie und über zwanzig Jahre engster Mitarbeiter Fabrizio de Andrés, charakterisiert die Poetik seiner Liedtexte:

Fabrizio De Andrè, "La canzone di Marinella" bei Youtube

Niemand in Italien hat je so geschrieben. Mit diesem Sprachvermögen, das einer manischen Sorgfalt entspringt. Anders gesagt, Fabrizio definierte sich selbst als Jemanden der Kultur des 17. Jahrhunderts. Von dort stammt seine Aufmerksamkeit auf tausend Details. Schaut man auf die Bilder der Zeit damals, so sieht man weite perspektivische Flächen mit Figuren vorne und ganz hinten unter vier Bäumen. Fünf perspektivische Flächen weiter einen kleinen Hund, der mit einem Kind spielt. Es ist genau diese Sorgfalt der kleinsten Einzelheiten. Fabrizio verstand sich auf diesen künstlerischen Stil. Ihm gefielen diese Präzisionen verbunden mit einem großen Gefühl für perspektivische Proportionen.

Fabrizio De Andrè, "Princesa " bei Youtube

Er selbst beschrieb sich als Erzähler von Novellen. Er hat immer mit großen Inhalten erzählt, aber darin nie ein Urteil gefällt. Er lässt jeden frei, sein eigenes Urteil daraus zu ziehen. Seine Protagonisten werden nie durch ein Adjektiv behandelt oder definiert. Dies ist eine großartige Lektion des Stils, der Technik.

1996 erscheint mit "Anime Salve" das letzte Album, diesmal erarbeitet mit dem Cantautore Ivano Fossati. Auch dies wieder eine Hommage an die einsamen Randgestalten der Gesellschaft und eine musikalische Reise rund um das Mittelmeer, angereichert mit Musikinstrumenten aus allen Teilen der Welt.

Das Lied "Princesa" besingt das Schicksal des transsexuellen brasilianischen Fernandino, der damit fertig werden muss, sich als Frau zu fühlen, aber ein Mann zu sein. Hier wird ein Stilmittel des späten de André besonders deutlich: der Wechsel der Tonarten von Dur zu Moll, die für den Gegensatz zwischen der harten Alltagswirklichkeit des Protagonisten und seinen Träumen stehen. Ein anderes Stilmittel ist die Einbeziehung von Geräuschen. "Princesa" beginnt mit Stimmen aus einer Hafengasse Genuas, in der der transsexuelle Fernandino als Prostituierte lebt.

Neben Schlagzeug, Gitarre, Bass, Klarinette und Violoncello, kommen hier auch eine Mandoline und das Cymbalom aus dem südöstlichen Mittelmeerraum und brasilianische Trommeln zum Einsatz.

Fabrizio De André, "Anime salve (Live)" bei Youtube  

Liebeslieder

Wer nur meint, die Cantautori würden nur sozialkritische oder politische Gedanken in ihren Songs bewegen, der irrt. Auch sie singen immer wieder neu von der Liebe. Aber eben doch ganz anders als der einfache Schlager, der im Italienischen la canzonetta heißt, übersetzt: das Liedchen, im Gegensatz zur canzone, das Lied. Canzonette und Schlager ergehen sich gerne im Allgemeinem, Widerspruchsfreiem. Ein Cantautore aber erzählt in seinen canzoni nicht nur von Liebesglück, sondern auch von Liebesleid und er thematisiert gerne Tabuthemen. Er ist nicht einfältig, sondern vielfältig. Doch eines ist wichtig: In Italien, d e m Land der Oper, der Arien und des Melodienreichtums, gibt es auch einen Reichtum an wunderbaren Schlagern, vielleicht mit simplen Texten, aber doch mit hinreißenden Melodien.

Gino Paoli

Gino Paoli wagte es 1960 in dem Song "Il cielo in una stanza" – Der Himmel in einem Zimmer - die Begegnung mit einer Prostituierten in dem Zimmer eines Bordells zu besingen. Das muss man sich mal für die deutschen Liedermacher Anfang der 60er Jahre vorstellen! Unmöglich wäre das gewesen. Der Katholizismus des Südens war eben immer schon sinnesfroher als der Protestantismus des Nordens. Gino Paoli stammt aus Genua, wo die Gassen des alten Hafenviertels auch heute noch, sichtbarer als anderswo, von jeder Menge Prostituierter bevölkert sind.

Gino Paoli, "Il cielo in una stanza" bei Youtube

Gino Paoli  

Gino Paoli erzählte einmal in einem Interview, was für ihn als Jugendlichen die Einführung in die Freuden des Sex über eine Prostituierte bedeutete.

"Die Figur der Prostituierten von einst war so etwas wie eine zweite Mama. Es war die erste Frau, mit der du richtig sprechen konntest und die dir ihre Weiblichkeit gab. Sie befähigte dich in diese außerordentliche Welt des Weiblichen einzutreten. Eine Welt, die du überhaupt nicht kanntest. Denn, als ich jung war, waren die Beziehungen zwischen Mann und Frau anders als heute. Im Grunde war die Prostituierte eine Madame Pompadour, d i e Frau…wie die Hetären der Griechen, die einzige, die mit dir zu sprechen verstand, eine Art Komplizin. Und weil sie eine Komplizin war, hatte sie eine große Funktion für einen jungen Mann."

Gino Paoli ist einer der bedeutendsten Cantautori und schon seit Ende der 50er Jahre aktiv. Seine Stärke war die lakonisch-poetische, meist der Liebe huldigende Canzone. Als Italien und auch die Cantautori Ende der 60er/Anfang der 70er politischer wurden, hörte man über 10 Jahre so gut wie kaum etwas von ihm. Dazu wieder Ruedi Ankli, der nicht nur, wie Sie schon feststellen konnten, ein profunder Kenner von Musik und Texten der Cantautori ist, sondern die meisten Cantautori auch persönlich kennt. Hier nimmt er zunächst Bezug auf sein Buch "Cantautore Republic" aus dem Jahr 1985:

Ruedi Ankli: "Wir haben ihn ja damals ausgeklammert bei den Cantautori. Weil das war gerade die Generation vor diesem politischen Bewusstsein, das dann so ab Mitte /Ende der 60er Jahre definitiv dazu kam. 39:40 Was mir bei ihm halt unglaublich gefällt, dass ist eben diese Liebe zur forma canzone. Die können einfach Lieder singen, interpretieren. Es kommt dann manchmal nicht mal mehr darauf an, was sie singen. Sie machen es einfach so gut und perfekt, mit so einer Anteilnahme. Da ist Gino Paoli natürlich fantastisch."

Musikliste

Nr: Titel/Ausführender

1. Ciao amore ciao
Luigi Tenco

2. Cara Maestro
Luigi Tenco

3. Preghiera in gennaio
Fabrizio de Andrè

4. La Locomotiva
Francesco Guccini

5. Piazza Grande
Luico Dalla

6. La Donna Cannone
Francesco de Gregori

7. Samarcanda
Roberto Vecchioni

8. Like a Rolling Stone
Bob Dylan

14. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern
F.J. Degenhardt

17. Bella Ciao
M.A.Gomez

18. Ho visto un re
Enzo Jannacci

19. Pressione bassa
Giorgio Gaber

20. Io, se fossi dio
Giorgio Gaber

21. Bologna
Francesco Guccini

22. Bomba non bomba
Antonello Venditti

23. Napule è
Pino Daniele

26. Bello e impossibile
Gianna Nannini

27. Amore Cannibale
Gianna Nannini

28. Il cielo in una stanza
Gino Paoli

29. Gesu /bambino
Lucio Dalla

30. Disperato erotico stomp
Lucio Dalla

31. Non chiedermi piu
Piero Ciampi

34. Viva L´Italia
Francesco de Gregori

35. L´isola che non c´è
Edoardo Bennato

36. Lontano Lontano
Gino Paoli

37. Il vecchio frack
Domenico Modugno

38. Il pullover
Gianni Meccia

39. gli Amici
Francesco  Guccini

40. Tatuaggio
Ornella Vannoni

42. Max
Paolo Conte

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