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StartseiteLange NachtUntergründe27.08.2016

Eine Lange Nacht über das besetzte WarschauUntergründe

Vom Herbst 1939 bis zum Winter 1945 herrschten in Polens Hauptstadt die Deutschen. Man setzte sich gegen den Terror der Deutschen zur Wehr, doch gemeinsam kämpfte man selten. Die Lange Nacht erzählt von Alltag und Widerstand im besetzten Warschau aus der Sicht unterschiedlicher Protagonisten.

Von Martin Sander

Zeichenunterricht in der Ingenieursschule "Wawelberg und Rotwand". Erster von rechts ist Jan Bytnar, genannt "Rudy", Pfadfinder und jugendlicher Widerstandskämpfer im besetzten Warschau,  1943 verstorben an den Folgen der Foltern während einer Inhaftierung durch die Gestapo, von seinen Freunden im März 1943 während der "Aktion vor dem Arsenal" befreit, Held des polnischen Widerstandsromans "Steine auf die Schanze" (Muzeum Powstania Warszawskiego, Warschau)
Zeichenunterricht in der Ingenieursschule „Wawelberg und Rotwand“. Erster von rechts ist Jan Bytnar, genannt „Rudy“, Pfadfinder und jugendlicher Widerstandskämpfer im besetzten Warschau. (Muzeum Powstania Warszawskiego, Warschau)

Eine junge Polin eilt immer wieder durch die Straßen der polnischen Hauptstadt. Im doppelten Boden ihrer Handtasche verbirgt sie die Druckvorlage für "Biuletyn Informacyjny", die wichtigste polnische Untergrundzeitschrift. Sie wird verhaftet und von der Gestapo verhört, doch sie überlebt. Ein Mann in den besten Jahren, Historiker, Verleger und Pfadfinderausbilder, bringt seinen Zöglingen bei, wie man Widerstand organisiert. Noch während des Krieges verewigt er seine Helden in einem Roman, der heute als Klassiker gilt. Ein junger Mann, der sich nicht als Jude sieht, wird als Jude verfolgt. Ihn retten Vertreter einer Untergrundgruppe der antisemitischen Rechten. Kurz darauf werden diese Retter als Spione der Deutschen von einem Kommando der Heimatarmee erschossen. Ein Chemiker, der sich für den Pazifismus begeistert und im Krieg versucht, etwas von seiner bürgerlichen Existenz zu retten, produziert Sprengstoff für den Widerstand. Sieben Jahrzehnte später wandelt sein Enkel, ein deutscher Journalist, mit den unveröffentlichten Erinnerungen des Großvaters in der Hand auf dessen Spuren durch Warschau. 

Vom Herbst 1939 bis zum Winter 1945 herrschten in Polens Hauptstadt die Deutschen. Sie teilten die Stadt in zwei Hälften, das Getto und den sogenannten arischen Teil. Beide Hälften trennte eine Mauer, die auch in den Köpfen vieler Menschen wuchs. Auf beiden Seiten setzte man sich gegen den Terror der Deutschen zur Wehr, doch gemeinsam kämpfte man selten.

Die Lange Nacht erzählt von Alltag und Widerstand im besetzten Warschau aus der Sicht unterschiedlicher Protagonisten - und beleuchtet die Debatten, die sich heute um dieses Kapitel der deutschen und polnischen Geschichte ranken.

Steffen Möller, ein deutscher Kabarettist in Polen

"Als ich nach Warschau kam, war das noch ganz in der Meinung, dass es eigentlich hauptsächlich den Gettoaufstand gab. Ich war das erste Mal 1993 hier, 50. Jahrestag des Gettoaufstands…"
 
Steffen Möller kam 1969 in Wolfhagen, einer nordhessischen Kleinstadt, zur Welt. In den 90er Jahren zog er nach Warschau. Durch seine Kabarettprogramme und durch seine Auftritte im Fernsehen wurde er zum beliebtesten Deutschen in Polen – nach Papst Benedikt. 

"Bei meinem ersten Rundgang durch Warschau fiel mir dann natürlich auf, dass überall Gedenktafeln hängen für Polen, die hier erschossen wurden im Laufe des Warschauer Aufstands, 1944. Und da begann mir allmählich klar zu werden, dass dieser zweite Aufstand mindestens genauso wichtig ist für Warschau. Ja, und ich hatte so allmählich den Eindruck, dass die Erinnerung an den Warschauer Aufstand rein quantitativ viel stärker ist als der Getto-Aufstand, wo es eigentlich nur dieses eine Denkmal gab. Also allmählich habe ich mitbekommen, dass der Warschauer Aufstand so etwas wie die Gründungsurkunde des heutigen Warschaus ist. Sehr oft trifft man ja Warschauer, die einem ja ganz stolz erzählen: Ich bin ein echter Warschauer – oder wie man auf Polnisch sagt, ich bin ein Warszawiak z dziada pradziada, also von Großvater und Urgroßvater her. Und damit grenzen sie sich ab von denjenigen Warschauern, die erst nach 45 gekommen sind. Der Warschauer Aufstand brach am 1. August 1944 aus. Diejenigen, die damals hier mitgekämpft haben, das waren sozusagen noch die alten Warschauer Bürger."
 
Steffen Möller hat in Warschau bald gelernt, dass es dort im Zweiten Weltkrieg zwei Aufstände gab, den Aufstand der Juden im Getto 1943 und den nationalpolnischen Warschauer Aufstand 1944.

"In dieser Show, in der ich fünf Jahre mitgemacht habe – "Aber Europa lässt sich mögen" – gab es öfter Anspielungen auf den Untergrund, dass die Polen also geübt sind, im Untergrund alles zu machen, also Universitäten und was weiß ich, Krankenhäuser, die heimlich funktioniert haben. Na da haben wir dann immer Anspielungen gemacht, dass wir jetzt eben mal eben unter den Tisch gehen, so wie die aufständischen Kämpfer 1944 in die Kanäle abgetaucht sind. Ich kann die Witze jetzt nicht mehr rekonstruieren, es war aber ein bisschen an der Grenze, damals. Also als Deutscher über den Warschauer Aufstand. schwierig." 
 
Die Website von Steffen Möller: Dzień dobry - Tag guten! 

Buchtipp:

Steffen Möller
Expedition zu den Polen – eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express, Malik Verlag

Gerhard Gnauck, 1964 in Warschau geboren, ist Journalist und Historiker

Autor und Korrespondent Gerhard Gnauck (Martin Sander)Autor und Korrespondent Gerhard Gnauck. Enkel des Widerstandskämpfers Bronislaw Filipowicz, der nach Ende des Warschauer Aufstands mit vielen anderen zur Gestapo-Zentrale geführt wurde. (Martin Sander)

Gerhard Gnauck, Sohn einer polnischen Mutter und eines deutschen Vaters, kam zwei Jahrzehnte nach dem Warschauer Aufstand zur Welt – in Warschau. Gnauck wuchs in Wiesbaden auf. Der Osteuropa-Historiker und Journalist ist der Enkel des Chemikers Bronisław Filipowicz, der an der Herstellung von Munition für den polnischen Untergrund beteiligt war.

Der Chemiker Bronislaw Filipowicz im Freundeskreis beim Tennis. (Gnauck)Der Chemiker Bronislaw Filipowicz im Freundeskreis beim Tennis. Unter deutscher Besatzung beteiligte sich Filipowicz, der sich selbst als Pazifist verstand, an der Waffenproduktion des Untergrundstaats. (Gnauck)

"Da wird dann so eine Art Gerechtigkeit für alle vorgetäuscht. Die Deutschen waren Täter, die Deutschen waren Opfer! Dass es jenseits des Holocaust auch sehr viel andere Opfer gab, wird dann oft leicht übersehen. Es wird leicht übersehen, dass allein die Stadt Warschau im Krieg von deutscher Hand so viele Menschen verloren hat wie das ganze Land Frankreich – zusammengerechnet, das muss man sich einfach mal vor Augen halten…"

Gerhard Gnauck erzählt, wie sein Großvater den Warschauer Aufstand vor 60 Jahren erlebte. Mehr

Maria Straszewska, geboren 1919 in Warschau, emeritierte Professorin für polnische Literatur

Maria Straszewska, Literaturforscherin, war von 1939 bis 1944 Redaktionsekretärin der größten polnischen Untergrundzeitung "Biuletyn Informacyjny".. (PAP)Maria Straszewska, Literaturforscherin, war von 1939 bis 1944 Redaktionsekretärin der größten polnischen Untergrundzeitung "Biuletyn Informacyjny". (PAP)

"Warschau sah unglaublich aus. Die Stadt hatte keine Beleuchtung. Bald zogen die Deutschen alle Radioapparate ein. Es stand Todesstrafe auf den Besitz eines Radios. Auf riesigen Plakaten wurden die Menschen aufgefordert, ihr Rundfunkgerät abzugeben. Die Apparate stapelten sich turmhoch. Am schlimmsten in diesen ersten Tagen der Besatzung war der völlige Mangel an Wissen, was in der Welt vor sich ging. Die Menschen in Warschau waren wie betäubt."

Doch längst nicht alle gaben ihren Radioapparat ab.

"Ich möchte von einer Frau erzählen, deren Verdienst um das Wissen über die Welt in diesem Krieg enorm war. Sie nannte sich Leti. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich die Kunstgrafikerin Wiktoria Goryńska. Sie war jüdischer Herkunft, geboren und aufgewachsen in Wien, beherrschte fünf Sprachen in Wort, Schrift und Stenotypie. Sie lebte im Villenviertel von Żoliborz, und ich glaube, sie besaß das beste Radiogerät in Warschau. Das neueste europäische Modell aus Österreich, in Wien gekauft. Versteckt hatte sie diesen Empfänger auf dem Dachboden ihres Hauses. Dort hörte Leti die ganze Besatzungszeit hindurch ausländische Programme ab und redigierte daraus fertige Nachrichten in Kurzschrift – phänomenal. Sie benutzte gelbliches, ganz dünnes Papier, ohne Zeilendurchschuss. Sie besaß eine Schreibmaschine mit besonders kleinen Lettern. Leti wohnte mit ihrer schon sehr alten Mutter zusammen. Zwei ältere Damen, die nur für ein paar Einkäufe das Haus verließen, weckten keinen Verdacht. Ihre Adresse kannte nur ich. Denn ich war die Verbindungsfrau."

Jan Kozielewski, Deckname Jan Karski

Polnische Exilpolitiker haben ihre westlichen Verbündeten über das Ausmaß der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die Deutschen Mitte November 1942 informiert und Alarm geschlagen. Nicht den alleinigen, aber einen entscheidenden Anteil trägt dabei ein katholischer Pole, der als Untergrund-Kurier unter Einsatz seines Lebens zwischen Warschau und London unterwegs ist. Sein Deckname: Jan Karski:

"Ich kann keine Beweise, keine Fotografien vorlegen. Ich kann nur sagen, dass ich es mit eigenen Augen gesehen habe und dass es die Wahrheit ist."

Um die Weltöffentlichkeit über die Lage der Juden zu informieren und zu alarmieren, spricht Karski mit dem britischen Außenminister Anthony Eden. Dazu dienen soll auch seine Unterredung mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Karski berichtet Roosevelt in der Hauptsache über die gesamte Lage im besetzten Polen, fordert ihn aber auch auf, militärisch gegen die Vernichtungspolitik der Deutschen vorzugehen – ohne Erfolg. Karski weiß, dass es in Polen nur wenige gibt, die sich für Juden einsetzen können oder wollen.

Holocaust Rescue and Aid Provider Jan Karski Testimon, Video from USC Shoah Foundation's Visual History Archive

Der Warschauer Historiker Andrzej Żbikowski:

"Jan Karski schreibt in seinem Bericht sehr kritisch über das Verhältnis der Polen zu den Juden unter deutscher Besatzung. Es gibt da eine Form von Zusammenarbeit der Polen mit den Besatzern oder jedenfalls ein Interesse daran. Es geht um die Enteignung der Juden. Die Deutschen wussten, dass sie den Polen dafür, dass sie sich unter ihre Herrschaft fügten, auch etwas anbieten mussten. Irgendwelche Rechte oder eine Autonomie wollten die Nationalsozialisten den Polen nicht einräumen. Da blieb ihnen nur ein schmaler Grat der Zusammenarbeit: Ein gemeinsames Vorgehen gegen die Juden. Die Deutschen boten nichts von dem Eigentum, das sie den Juden weggenommen hatten, den Polen an. Aber sie boten den Polen die sozialen und beruflichen Stellungen an, die vorher Juden eingenommen hatten: im Handwerk, in den freien Berufen, in der Medizin. Karski hat schon Anfang 1940 befürchtet, dass dabei ein – so drückte er sich aus – ein "Steg", eine "schmale Brücke", ein Minimalkonsens entstehen könnte, der die deutschen Besatzer mit Teilen der polnischen Bevölkerung verband."

Jan Karski kommt 1914 als Jan Kozielewski in einer katholischen Arbeiterfamilie in Łódź zur Welt. In den späten Dreißigerjahren war er in den diplomatischen Dienst der polnischen Republik eingetreten. Nach der militärischen Niederlage Polens stieß er zur gerade entstehenden Heimatarmee und diente ihr als Verbindungsmann zur Exilregierung. Karski war zunächst alles andere als ein liberaler Kosmopolit. Er verkehrte in nationalkatholischen Kreisen. Was Jan Karski mit Aleksander Kamiński, dem begeisterten Pfadfinder und Herausgeber des Biuletyn Informacjyny verband, war die gemeinsame Bewunderung für eine damals viel gelesene katholische Schriftstellerin und schillernde Gestalt der damaligen Nationalkonservativen – Zofia Kossak-Szczucka. Kamiński kannte sie als Förderin seiner Pfadfinderprojekte. Er war von ihr sogar mit einem Grundstück für eine Jugend-Begegnungsstätte im Teschener Schlesien bedacht worden.

Jan Tomasz Gross, Professor für Geschichte an der Princeton-University, kam 1947 in Warschau zur Welt

Die Geschichte des polnischen Untergrundstaats war für mich ungeheuer interessant – schon als Kind. Ich hatte ein sehr offenes Verhältnis zu meinen Eltern, die sich gern über diese Themen unterhielten – besonders meine Mutter. Meine Eltern führten ein offenes Haus. In der Nachkriegszeit wohnten sie im Zentrum von Warschau – in der Marszałkowska-Strasse. Dort traf sich die Gesellschaft. Wenn ich in meinem Kinderzimmer nicht einschlafen konnte, durfte ich mich zu meinen Eltern und ihren Gästen gesellen. Lag da auf dem Sofa, bis ich einschlief. Ich war also bei diesen Unterhaltungen dabei. Und man sprach über alles.

Seit 15 Jahren veröffentlicht Jan T. Gross Gross Bücher über das Verhältnis von christlichen und jüdischen Polen – während des Zweiten Weltkriegs und danach. Seine Grundthese lautet: Christliche Polen nahm vielerorts aktiv am Holocaust teil. Sie mussten sich nicht von den Deutschen zwingen lassen. Sie taten es freiwillig. Diese These hat in der polnischen Erinnerungslandschaft ein Erdbeben ausgelöst, dessen Nachbeben man bis heute spürt. Für den nationalkonservativen Mainstream ist Gross ein rotes Tuch, ein Jude, der eine Nation, der er im Grunde nicht angehört, in seinen Büchern verunglimpft. Denn die Nationalkonservativen wollen immer wieder den Heroismus des Untergrundstaats feiern. Ganz Polen hat sich ihrer Meinung nach mustergültig gegen Nazideutschland und die Sowjetunion gewehrt - und nun will Gross dieses Land angreifen. Was die nationale Rechte dabei geflissentlich übersieht: Jan Tomasz Gross, angeblich ein Jude, der sich an den Polen rächen möchte und tatsächlich ein unermüdliche Kritiker der polnischen Erinnerungskultur, dieser Jan Tomasz Gross ist selbst Spross einer Familie, die den heroischen Kampf des polnischen Untergrundstaats verkörpert.

Die Geschichte des Holocaust wird mittlerweile in Polen geschrieben, Jan T. Gross, in Phase 2, Zeitschrift gegen die Realität 
 
Jan Tomasz Gross: "Sasiedzi" (dtsch.: "Nachbarn")

Aleksander Kamiński: "Kamienie na Szaniec", auf Deutsch: "Steine auf die Schanze"

SS-Mann: "Also fangen wir noch einmal an! Eins, zwei…"

Es ist eine der bis heute bekanntesten, in Buch und Film verewigten Szenen des antideutschen Widerstands in Polen. Der Hauptprotagonist ist Rudy, auf Deutsch: Der Rothaarige. Sein bürgerlicher Name lautet Jan Bytnar. Am 23. März 1943 wird Rudy von der Gestapo verhaftet. Er gehört zu einer Gruppe besonders aktiver Pfadfinder, die unter deutscher Besatzung den Namen Szare Szeregi, Graue Reihen, tragen. Sie sind Zöglinge von Aleksander Kamiński, die in Warschau antideutsche Parolen malen, Tränengas in deutsche Kinosäle sprühen und andere kleine Sabotageakte verüben. Als Rudy in der Wohnung seiner Eltern im südlichen Stadtzentrum verhaftet wird, stößt die Gestapo im Keller auf zerrissene deutsche Flaggen und auf Stempel mit dem Schriftzug "Polen kämpft". Rudy kommt ins Pawiak-Gefängnis nahe der Mauer zum Getto. Aus dem Pawiak bringt man ihn regelmäßig zum Verhör in die einige Kilometer entfernte Gestapozentrale in der Szucha-Allee. Dort, im Zimmer 228, bemühen sich die deutschen Folterexperten Herbert Schulz und Ewald Lange, alles aus Rudy herauszuholen, was die Pfadfinder-Widerstandszene der Grauen Reihen, der Szare Szeregi betrifft.

Folter der Gestapo

Während die Aufständischen im Getto noch kämpfen, begibt sich Aleksander Kamiński an einen geheimen Ort außerhalb von Warschau. Dort legt er den Grundstein zu einer großen Legende über den polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Kamiński schreibt in wenigen Tagen ein Buch über eine wahre Begebenheit und ihre lange Vorgeschichte. Das Getto spielt darin keine Rolle. Es geht um die Aktion vor dem Arsenal, also um die Befreiung des Gestapogefangenen Rudy durch seine Gefährten am 26. März 1943. Kamiński schildert die Entwicklung der jungen Pfadfinder zu Untergrundkämpfern. Er erzählt von der Befreiungsaktion und dem tragischen Ende zweier Hauptbeteiligter. Am 30. März 1943 stirbt Rudy an den schweren Verletzungen, die ihm durch die Foltern der Gestapo zugefügt wurden. Alek erliegt den Verletzungen, die er sich beim Schusswechsel während der Gefangenenbefreiung zugezogen hat.

Der Tod, soll er kommen, wenn er denn kommt, soll er kommen, soll er sich beeilen. Er ist ganz und gar darauf vorbereitet, ihn anzunehmen. So viele Hundert Mal hat er schon an ihn gedacht. So sehr war er stets auf ihn vorbereitet, dass er sich nachgerade mit ihm befreundet hat. Seinen Teil der Arbeit hat er erledigt, so gut erledigt, wie es ging, das war das Wichtigste. Und dabei war er in so guter Verbindung mit dem Herrgott. Alek röchelte, verlor das Bewusstsein, begriff, dass das Spiel seines Lebens zu Ende ging. Was war das für ein großes Spiel.

Aleksander Kamiński erzählt die Geschichte, als säße er mit seinen Freunden am Lagerfeuer. Die jugendlichen Helden standen ihm persönlich nahe, waren seine Zöglinge aus der Pfadfinderorganisation. Kamiński steht unter dem starken Eindruck des Geschehens. Seine Ehefrau, die während des Kriegs woanders lebt und die er nun in einem Vorort der Hauptstadt trifft, schreibt den Text nach seinem Diktat nieder. Das Ergebnis ist ein Roman, der Polens Selbstbild zur Zeit der deutschen Besatzung entscheidend geprägt hat. Aleksander Kamińskis "Kamienie na szaniec", auf Deutsch: "Steine auf die Schanze", ist ein Klassiker. Verfilmungen des Stoffs, entstanden vor und nach der Wende, zogen ein Massenpublikum ins Kino.

"Steine für die Barrikade" Märtyrer des polnischen Untergrunds: Pfadfinder gingen in der NS-Zeit in den polnischen Untergrund und kämpften gegen die deutschen Besatzer. Der Film "Steine für die Barrikade" sorgt derzeit in Polen für eine kontroverse Diskussion. Mehr

Die Literaturwissenschaftlerin und Fotografin Elżbieta Janicka

Elżbieta Janicka, Jahrgang 1970, untersucht die Reaktionen des polnischen Untergrundstaats auf die Lage der Juden im besetzten Warschau. Sie hat damit in den letzten Jahren in der polnischen Öffentlichkeit viel Polemik ausgelöst. Nicht nur die eingefleischten Nationalkonservativen verübeln ihr, dass sie am in Polen nach wie vor vorherrschenden, vorgefassten Bild gekratzt hat, wonach alle polnischen Untergrundkämpfer zugleich Freiheitskämpfer und Retter von Verfolgten waren.

Auch für die Kritikerin Elżbieta Janicka steht fest: Aleksander Kamiński ist weder von seiner Weltanschauung her noch in seiner politischen oder publizistischen Praxis ein Antisemit. Im Gegenteil, Antisemiten im Untergrund haben ihn angefeindet, gegen ihn sogar einen Mordkomplott geschmiedet. Es steht auch ganz außer Frage, dass der Ghetto-Aufstand und seine brutale Niederwerfung durch die Deutschen Aleksander Kamiński tief aufgewühlt haben.

"Aleksander Kamiński erlebt diesen Ghetto-Aufstand hautnah mit. Er weiß alles darüber und er nimmt Anteil, namentlich am letzten Tag im April 1943. O-Ton aufblenden!  An diesem Tag bittet Mordechaj Anielewicz, Hauptkommandant der Jüdischen Kampforganisation  ŻOB, die AK, also die polnische Heimatarmee, sie möge seinen Kämpfern dabei helfen, das brennende Ghetto zu verlassen. Sie benötigen Lagepläne zum unterirdischen Kanalsystem  und sie brauchen Verstecke auf der "arischen" Seite. Anielewicz bittet nicht um militärische Unterstützung, nur um Hilfe bei der Rettung des nackten Lebens. Sein Verbindungsmann zur Heimatarmee, Izcchak Cukierman, tritt in Aktion. Er steht von außen im Telefonkontakt mit dem Ghetto. Denn bis zum Ende des Aufstands funktionieren noch die Telefonleitungen ins Ghetto. Anielewiczs Bitte um Unterstützung der Ghettokämpfer erreicht die Zuständigen bei der Heimatarmee am 1. Mai 1943. Sie bleibt unbeantwortet. Es gibt auch keine abschlägige Antwort, oder einen Hinweis, dass es keine Antwort geben werde. Kurz: Die Jüdische Kampforganisation ŻOB verliert wertvolle Zeit."

In letzter Minute stellt Szymon Rathajzer, ein junger jüdischer Kämpfer, außerhalb des Ghettos eine Rettungsexpedition für die Gefährten hinter der Mauer auf die Beine. Dieser Gruppe gelingt es, durch die Kanäle unbemerkt ins Ghetto zu gelangen.

Zbigniew R. Grabowski, Jahrgang 1927, lebt heute als emeritierter Professor für Chemie in Warschau.

Seine Eltern waren Angehörige des polnischen Bildungsbürgertums ohne Konfession. Politisch standen sie dem Lager von Józef Piłsudski, des polnischen Staatsgründers von 1981 nahe. Weil seine Familie jüdische Wurzeln hat, blieb Zbigniew Grabowski der Weg in den polnischen Untergrund versperrt.

"Wir hatten, wie man bei uns so sagt, zu viel Butter auf dem Kopf, also ein schlechtes Standvermögen für den polnischen Untergrund. Dennoch: Ich habe es  versucht. Aber sie lehnten mich ab – wegen meines semitischen Aussehens. Für den Untergrund wäre das einfach zu gefährlich gewesen, wenn so jemand in Warschau aktiv geworden wäre. Natürlich hätte ich mich auch zu den Partisanen in den Wald schlagen können. Dafür wiederum war ich nicht alt genug und auch von der Konstitution her nicht sehr geeignet. So blieben wir passive Beobachter dessen, was um uns herum geschah."

Das Gefühl der Ausgrenzung erfährt Grabowskis unter deutscher Besatzung nicht zum ersten Mal. Auch im Polen der Zwischenkriegszeit spielte die Herkunft in vielen Lebensbereichen eine Rolle. In den dreißiger Jahren wollte Grabowski als Kind dem staatlichen polnischen Pfadfinderverband beitreten – und keinesfalls bei den Zionisten von Hashomer oder anderen jüdischen Pioniergruppen mitmachen. Doch bei den staatlichen Pfadfindern setzte auf Separation, verwies Kinder wie Grabowski auf einen Unterverband, deren Angehörige sich durch eine Lilie und den Davidstern als staatliche Pfadfinder jüdischer Abstammung zu deklarieren hatten. Um eine stärkere Integration der Verbände hatte sich Aleksander Kamiński bemüht.

Auf der arischen Seite

Später, unter der Terrorherrschaft der Deutschen, standen jene Polen, die ihrem Selbstverständnis nach keine Juden waren, aber in der Bevölkerung als solche angesehen wurden, vor der Wahl, ins Ghetto zu gehen oder unentdeckt auf der "arischen" Seite zu leben. Grabowskis Familie hatte sich für die zweite Möglichkeit entschieden und erhielt Hilfe aus nationalpolnischen Kreisen – oft unerwartet.
 
"Meine Eltern mieteten für uns ein Zimmer in der Próżna-Straße, neben dem Telefonhochhaus. Da wohnte auch ein junger Kleriker, der sich mit mir anfreundete – so um das Jahr 1942/43. Er zeigte mir verschiedene Blättchen einer Untergrundorganisation, der er angehörte. Sie hieß "Pflug und Schwert", und sie war, das sagt eigentlich schon der Name, extrem rechts. Die Leute träumten von einem Polen von der Insel Rügen bis zur Krim. Man war rechts-katholisch-ultranationalistisch und bei der Gelegenheit auch antisemitisch. O-Ton aufblenden! 1943, als wir wieder mal wegen unserer jüdischen Herkunft erpresst wurden, schlug mir dieser angehende Priester vor, zu seinem Bruder etwas außerhalb von Warschau zu ziehen. Meine Eltern und ich willigten freudig ein. Ich lebte dann in einem Dorf auf einem Gutshof, wo es wenig Menschen gab. Meine Gastgeber wussten alles über mich und wollten mir helfen, auch wenn sie dieser rechten Organisation angehörten. Der Gutsbesitzer, Herr Antoni Kowalski, ein intelligenter Mensch, hatte auch einmal eine wichtige Rolle im polnischen Pfadfinderverband gespielt. O-Ton aufblenden.  Ich verbrachte drei Wochen in ihrem Haus. Manchmal kam eine Nachbarin zum Tee, eine Gräfin, die mich schief ansah. Später erfuhr ich, dass sie es nicht akzeptieren konnte, dass dieser Kowalski in ihrer Nachbarschaft einen Juden versteckte. Wenn ich nicht verschwinden würde, müsste sie Anzeige erstatten, drohte sie. Also ging ich weg. O-Ton aufblenden!  Später erlebte ich einen Schock, als ich erfuhr, dass meine Gastgeber im September 1943 umgebracht wurden. Es gab seinerzeit das Gerücht, die Deutschen hätten das getan. Aber später stellte sich heraus, dass die Heimatarmee, die AK, alle Mitglieder dieser Organisation während eines ihrer Treffen erschossen hatte. Die AK verdächtigte "Pflug und Schwert" der Kollaboration mit den Deutschen. Dabei waren sie völlig antideutsch. So waren die Zeiten. Der Untergrundstaat richtete die Menschen hin, die mich retten wollten."

Der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Heinz Reinefahrth ist als Schlächter von Warschau in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen.

Dennoch kann er später, in der jungen Bundesrepublik, Karriere machen, amtiert als Bürgermeister von Westerland und erzählt in den 1960er Jahren, ohne von einem Gericht belangt zu werden, von seinen Taten:

"Dabei war es wesentlich, die Stadt zunächst in zwei Teile zu teilen, das heißt auf eine oder zwei Straßen freizukämpfen bis zu den Weichselbrücken durch Warschau durch. Das hätte den Erfolg gehabt, dass einmal die zentrale Befehlsführung der Polen sehr erschwert worden wäre. Und zum anderen wäre der Lebensnerv des Nachschubs für die deutsche Ostfront wieder hergestellt worden…"

Der 5. August, an dem das Pfadfinder-Sturmbataillon Zośka die Gęsiówka mit 350 gefangenen Juden befreit, geht zugleich als "Schwarzer Samstag" in die Geschichte der Stadt ein. Heinz Reinefarth lässt an diesem Tag zehntausende Zivilisten im Arbeiterviertel Wola niedermetzeln, darunter hunderte von Krankenhauspatienten. Er nimmt Himmlers Befehl, alle Warschauer umzubringen, wörtlich. Zeugen überliefern seinen Ausspruch "Wir haben nicht genug Munition, um alle umzulegen."

Vom Henker zum Bürgermeister

Edmund Baranowski, Jahrgang 1925, heute Vizevorsitzender des Verbands der Warschauer Aufständischen, stammt aus Wola

Heinz Reinefarth, eigentlich Heinrich Reinefarth, war ein deutscher Jurist, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS und Polizei und Kriegsverbrecher. In der Nachkriegszeit war er Bürgermeister auf Sylt und Landtagsabgeordneter
 
Edmund Baranowski und Baranowski war zum Zeitpunkt der deutschen Invasion Schüler an einem Warschauer Gymnasium.

"Der Krieg dauerte ja zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre. Aber nie in diesen fünf Jahren wurde ein so grausamer, rücksichtsloser Befehl ausgegeben – die Zerstörung einer Millionenstadt samt Ermordung aller Einwohner, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht. Nach dem 6. August wurde dieser Befehl dann abgemildert, Frauen, Kinder und Greise sollten geschont werden, aber weiter wurden Männer im Erwachsenenalter wahllos erschossen – unter dem Vorwurf, sie hätten mit den Aufständischen kollaboriert."

Unter deutscher Besatzung arbeitete er dort in den Philipps-Werken, beteiligte sich an Sabotage-Akten gegen die Deutschen. Im Warschauer Aufstand kämpfte er als Unteroffizier der Heimatarmee. In den ersten Tagen des Aufstands beobachtet er die Massaker an der Zivilbevölkerung, angeordnet von Heinz Reinefarth, der in der Bundesrepublik dafür nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird:

"Es geschah alles vor unseren Augen. Bis heute klingen mir die Salven der Exekutionskommandos und die Schreie der ermordeten Zivilisten in den Ohren. Wir waren etwa sechzig bis achtzig Meter entfernt, an der Ecke Wolska- und Młynarska-Straße mitten in Wola. Besonders in der Młynarska-Straße führten wir einen Häuserkampf,  in der ersten und zweiten Etage und im Keller. Ich erinnere mich an die Leute aus der Brigade Dirlewanger, sie schossen wie Wilddiebe, trugen Schaftstiefel, hinter dem Schaft hatten sie noch zwei Granaten. Das waren Berufsmörder – ohne allen Zweifel. 40.000 bis 50.000 Menschen fielen ihnen insgesamt zum Opfer, ganz genau wird man es nie feststellen. Der ganze Stadtteil Wola ging unter und mit ihm seine Bewohner."

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