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StartseiteLange NachtAlles ist eitel, außer dem schönen Trug17.06.2017

Eine Lange Nacht über den skeptischen Romantiker Giacomo LeopardiAlles ist eitel, außer dem schönen Trug

1798 wurde Graf Giacomo Leopardi in der kleinen italienischen Provinzstadt Recanati geboren. Er ist ein Dichter und Denker an der Schwelle von Aufklärung und Romantik.

Von Rüdiger Achenbach

Der schwermütig-romantische italienische Dichter ("Gedanken aus dem Zibaldone") in einer zeitgenössischen Darstellung. Er wurde am 29. Juni 1798 in Recanati geboren und ist am 14. Juni 1837 in Neapel gestorben. (picture-alliance / dpa)
Giacomo Leopardi (1798-1837) in einer zeitgenössischen Darstellung. (picture-alliance / dpa)

In seiner Jugend flieht er vor den ersten Anzeichen einer heimtückischen Krankheit in ein rastloses Studium. Schon bald beginnt sein geistiger Feldzug gegen das zweckrationale Fortschrittsdenken der Moderne.

Leopardis Korrektiv ist die Fantasie, mit deren Hilfe er die Ästhetik mit den existentiellen Fragen der Menschen verbindet. Für ihn gehören Poesie und Philosophie zusammen. Doch der Querdenker macht sich in den literarischen Salons auch viele Feinde. Als er mit 38 Jahren in Neapel stirbt, entwickelt sich sein Tod zu einem rätselhaften Kriminalfall.

Auch in Deutschland wurde man schon früh auf diesen außergewöhnlichen Dichter und Denker und dessen Schriften aufmerksam:

Für Arthur Schopenhauer hat keiner den Gegenstand unseres Daseins so gründlich und erschöpfend behandelt wie Giacomo Leopardi, wobei dieser durchweg unterhaltend und anregend sei.

Friedrich Nietzsche zählt Leopardi zu den großen europäischen Schriftstellern und fügt hinzu: "Ich ertrage ohnehin nur noch Poeten, die auch Denker sind wie Leopardi."

Wilhelm Dilthey lobt vor allem die schrankenlose Ehrlichkeit des italienischen Dichter-Philosophen. Für ihn hat sich Leopardi ähnlich wie Hölderlin durch seine künstlerische Tätigkeit eine höhere Intensität der Sinnlichkeit angeeignet.

Und Walter Benjamin nennt Giacomo Leopardi einen "ironischen Engel". Er findet es faszinierend, dass dieser Künstler auch als Erwachsener den Gefühlen seiner Jugend treu geblieben ist.

Neapel, 14. Juni 1837, Vico del Pero im Stadtteil Stella

Kurz vor Mitternacht tragen mehrere Männer einen Sarg aus dem Haus Nummer 2 und laden ihn auf einen Pferdewagen. Als die beiden Pferde sich in Bewegung setzen, folgt dem Wagen mit dem Sarg in einigem Abstand eine zweispännige geschlossene Kutsche. Spät in der Nacht erreichen beide Pferdegespanne am Stadtrand von Neapel die kleine Kirche San Vitale. Der Sarg wird in das Kirchengebäude getragen. Ein Priester spricht einen kurzen Segen. Dann wird der Sarg durch eine Luke im Fußboden in die Krypta hinabgelassen.

Der Bericht über diese heimliche Beisetzung in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1837 gibt bis heute Rätsel auf. Historiker, Mediziner, und Juristen versuchen, seit dem 19. Jahrhundert den Geheimnissen dieser Nacht auf die Spur zu kommen. Hundert Jahre später, 1937, mischt sich sogar der Duce, Benito Mussolini, in die Angelegenheit ein und versucht, endgültige Fakten zu schaffen. Doch die Ereignisse aus jener Nacht im Juni 1837 in Neapel sind bis heute nicht restlos aufgeklärt worden.

Offiziell wurde bekannt, dass der Tote, der damals heimlich aus dem Haus Vico del Pero Nr. 2 in die kleine Kirche San Vitale gebracht wurde, der Poet und Philosoph Giacomo Leopardi war. Er gehört heute zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der italienischen Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Giacomo Leopardi - vorgestellt in persönlichen Begegnungen mit Zeitzeugen - in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen sowie aus Leopardis philosophischen Schriften. Die Texte wurden vom Autor der Sendung in eine zeitgemäße Sprache übersetzt und dramaturgisch bearbeitet.

Die deutsche Version der Gedichte Leopardis sind moderne Übersetzungen von Helmut Endrukat. (aus: Giacomo Leopardi, Gesänge und Fragmente, Reclams Universalbibliothek Nr. 8654, Stuttgart 1990)

Die erste Stunde der Langen Nacht

Sie widmet sich der Kindheit und Jugend Leopardis, der am 29. Juni 1798 in der kleinen italienischen Provinzstadt Recanati geboren wurde. Vor der häuslichen Strenge und den ersten Anzeichen einer heimtückischen Krankheit flüchtet er in ein rastloses Studium, das bereits den Heranwachsenden zu einem anerkannten klassischen Philologen werden lässt, der schließlich für sich auch die Poesie und die Philosophie entdeckt.

Die Zweite Stunde der Langen Nacht

In der zweiten Stunde verlässt Giacomo Leopardi erstmals sein Elternhaus und lernt das kulturelle Leben in den großen italienischen Städten kennen. Die längste Zeit verbringt er in Florenz, wo sich der eigenwillige Dichter und Denker in den literarischen Salons nicht nur Freunde, sondern auch Feinde macht und mit der staatlichen Zensur in Konflikt gerät.

Die dritte Stunde der Langen Nacht

Sie nimmt die letzten Jahre Giacomo Leopardis in den Blick, die er im lebensfrohen und turbulenten Neapel verbringt. Zum ersten Mal lernt er hier auch das pralle und deftige Leben der einfachen Menschen in den volkstümlichen Stadtvierteln kennen. Doch der Tanz am Fuße des Vulkans führt auch zu seinem frühen Tod, der sich zu einem rätselhaften Kriminalfall entwickelt.

Die Familie Leopardi

Die Leopardis gehören zu den ältesten Adelsfamilien in den mittelitalienischen Marken, der Region zwischen der Adria und dem Appenin-Gebirge. Der Stammsitz der Familie ist seit dem 13. Jahrhundert der Palazzo Leopardi in Recanati, einer Provinzstadt, die zum päpstlichen Kirchenstaat gehört.

Die Verbindung zwischen den Grafen Leopardi und dem Papsttum waren immer eng. So gibt es nicht wenige Angehörige der Familie, die hochgestellte Prälaten und angesehene Ordensfrauen waren. Einer der häufigsten männlichen Vornamen in der Familie ist Monaldo, den auch Giacomo Leopardis Vater trägt. Monaldo Leopardi heiratete 1797 seine  Cousine, die Marchesa Adelaide Antici. Neun Monate später, am 29. Juni 1798, wurde ihr erstes von insgesamt zehn Kindern geboren. Es wurde auf den Namen Giacomo Taldegardo Francesco Salesio Saverio Pietro getauft. Ein Jahr nach Giacomo kam sein Bruder Carlo zur Welt und im Jahr darauf seine Schwester Paolina. Die drei  ältesten Geschwister wurden gemeinsam erzogen und von geistlichen Hauslehrern unterrichtet.

Giacomos Lieblingsplatz im Haus war die Bibliothek. Hier saß er vor einem großen Fenster an seinem Schreibtisch und machte, während er las, seine unzähligen Notizen oder er schrieb einen seiner vielen Briefe.

Briefwechsel mit Signor Giordani

Recanati am 21. März 1817:

"Hochverehrter und lieber Signor Giordani,
unsere Korrespondenz macht mir Mut. Ich erkenne, dass Sie ein Mann sind, der bereit ist, mich so zu nehmen, wie ich bin, ohne mich belehren zu wollen. Wie oft habe ich den Himmel angefleht, mir zu helfen, einen gebildeten Freund zu finden, der mich versteht und dem ich voll und ganz vertrauen kann. Jetzt scheint es mir, als sei dieser Wunsch in Erfüllung gegangen."

Diesen Brief schrieb der 18-jährige Giacomo Leopardi an den 42-jährigen Pietro Giordani, einen Schriftsteller, der damals in Italien auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stand. Da der junge Giacomo sich schon in seiner frühesten Jugend durch die Veröffentlichung philologischer Kommentare und Übersetzungen griechischer und lateinischer Schriftsteller in der Fachwelt einen bedeutenden Namen gemacht hatte, pflegte er bereits einen regen Briefwechsel mit bekannten Gelehrten in ganz Italien. Zwischen Giacomo Leopardi und Pietro Giordani aus Piacenza war inzwischen sogar ein  freundschaftliches Verhältnis entstanden.

"Liebster Giordani,
die Lektüre der Zeitungen widert mich an. Was ist das für ein geistloses Geschwätz in all diesen Journalen. Es übertrifft an Banalität oft noch die üblen Produkte unserer modernen Literatur. Ich wende mich deshalb ausschließlich den Klassikern zu. Wenn ich Vergil lese, verliebe ich mich ihn. Wenn ich Homer übersetze, werde ich selbst zu Homer. Die antiken Klassiker lesen und übersetzen, bedeutet für mich, dass ich mich mit ihnen identifiziere und mit ihnen lebe. Außerdem gestehe ich Ihnen offen, dass ich im Grunde meines Herzens den nicht gerade bescheidenen und anmaßenden Wunsch hege, selbst einmal als Schriftsteller Ruhm zu erwerben. Ich studiere deshalb hart, um mich darauf vorzubereiten. Aber das Studium ist auch die einzige Freude, die ich in der Provinz habe. Ansonsten herrscht hier nur Langeweile. Doch es ist zu befürchten, dass diese einzige Freude mich irgendwann auch umbringen wird."

"Mein lieber junger Graf,
seien Sie barmherzig mit sich selbst und all denen, die Sie jetzt schon bewundern und noch viel von ihnen erwarten. Glauben Sie mir, wenn Sie in Ihrem jugendlichen Alter mehr als sechs Stunden am Tag studieren, ruinieren Sie sich Ihre Gesundheit. Ich flehe Sie an, stärken Sie ihren Körper, das wird auch ihren Geist frisch halten. Fechten Sie, reiten Sie, schwimmen Sie, machen sie Ballspiele, tanzen Sie. Ihr Pietro Giordani"

"Verehrter Signor Giordani,
ich gestehe es Ihnen jetzt frei heraus, ich habe mich bereits zugrunde gerichtet. Denn die letzten sieben Jahre verbrachte ich fast ausschließlich am Schreibtisch. Ich habe mich mit Besessenheit ins Studium gestützt, obwohl ich mich noch im Wachstum befand. Ich habe meinen Körper malträtiert. Das Resultat ist ein elendes Aussehen, mit dem ich jetzt leben muss."

Im Alter von etwa 16 Jahren hatte sich bei Giacomo eine zunehmende Verkrümmung des Rückgrates bemerkbar gemacht. Die Ärzte waren überzeugt, dass dies auf das stundenlange gebeugte Sitzen am Schreibtisch zurückzuführen sei. Die Mediziner erkannten damals nicht, dass er an einer Knochentuberkulose mit ihren vielen Begleiterscheinungen litt. Auch Giacomo war davon überzeugt, dass er sich selbst durch das viele Lesen und Schreiben die Gesundheit ruiniert habe. Sein Bruder Carlo bestätigt, dass Giacomo wie besessen von der Vorstellung war, sich in möglichst vielen Bereichen Wissen anzueignen: "Wenn ich in unserer Jugend nachts manchmal wach wurde, sah ich regelmäßig, dass Giacomo immer noch vor den aufgeschlagenen Bücher saß, bis auch der letzte Tropfen Öl in der Lampe verbraucht war."

Der Lesestoff, der Giacomo Leopardi zur Verfügung stand, war unerschöpflich. Das alte Adelsgeschlecht der Leopardi hatte in seinem Palazzo in Recanati über Jahrhunderte hinweg eine stattliche Bibliothek aufgebaut, die von Giacomos Vater Monaldo Leopardi auf über 14 000 Bände erweitert worden war. In dieser Bibliothek wurden Giacomo, Carlo und Paolina von ihren geistlichen Hauslehrern unterrichtet.

Monaldo Leopardi legte großen Wert auf eine klassische Bildung seiner Kinder, wie sie seit dem 18. Jahrhundert üblich war. Aber alle neuartigen Ideen, die nach der Französischen Revolution auch in Italien teilweise Mode geworden waren, lehnte er kategorisch ab. Er war ein konsequenter Vertreter des Ancien Règime und verteidigte die traditionellen Privilegien des Adelsstandes.

Monaldo war trotz der hohen Anforderungen, die er an die Ausbildung seiner Kinder stellte, aber auch ein Vater, der sich liebevoll um sie kümmerte. Gräfin Adelaide, die Mutter, war hingegen gefühlskalt und vermied jede Form der körperlichen Berührung mit ihren Kindern. Sie vertrat einen sehr rigorosen katholischen Glauben. Für sie zählte in diesem Leben nur, dass man seine von Gott auferlegte Pflicht erfüllte, ansonsten war ihr gesamtes Denken auf das Jenseits ausgerichtet.

Giacomo Leopardi hat dies in seinem Tagebuch einmal so beschrieben: "Mutter klagte auch nicht, wenn wieder einmal eines von ihren Kindern, sie hat insgesamt zehn zur Welt gebracht, kurz nach der Geburt gestorben war, sondern sie beneidete diese kleinen Wesen sogar noch, weil sie ohne Sünden direkt ins Paradies fliegen konnten. Außerdem war sie erleichtert, dass diese die Eltern von der Last befreit hatten, sie aufziehen zu müssen."

Ein Sohn für die Kirche?

Es war Anfang des 19. Jahrhunderts in adligen Familien im Kirchenstaat üblich, dass mindestens ein Sohn für die Karriere in der Heiligen Römischen Kirche bestimmt wurde. Darauf sollte auch Giacomo vorbereite werden. Bereits im Alter von 15 Jahren hatte man Giacomo eine Tonsur geschnitten und ihn in eine schwarze Soutane gesteckt. Besonders der Marchese Carlo Antici, ein Bruder der Mutter, der in Rom lebte und im Vatikan ein- und ausging, drängte bei seinem Schwager darauf, Giacomo endlich zu ihm zu schicken. 

"Ich bitte Euch Monaldo, wollt Ihr ein Talent wie Giacomo in der Provinz verstecken. Schickt ihn endlich nach Rom. Hier hat er viel mehr Möglichkeiten seine klassischen Studien zu perfektionieren und sich in den erforderlichen Kreisen auf eine Karriere am päpstlichen Hof vorzubereiten. Mit seiner Herkunft und Begabung wäre der Rang eines Bischofs oder Kardinals nur angemessen."

Auch Giacomo sehnte sich danach, endlich aus Recanati wegzukommen, um das kulturelle Leben in den italienischen Metropolen kennenzulernen.

"Liebster Pietro Giordani, werde ich wohl jemals etwas Großes zustande bringen, solange ich hier wie ein Bär in einem Käfig eingesperrt bin? In diesem verfluchten Provinznest. Vielleicht wird mir nichts anderes übrig bleiben, als irgendwann heimlich von hier wegzugehen, um mich als Bettler in der Welt durchzuschlagen. Ihr Giacomo"

Entgegen dem Wunsch der Eltern war er auch nicht bereit, Geistlicher zu werden, um im Vatikan eine kirchliche Karriere anzustreben. In seinem Tagebuch notierte er, dass er jetzt auch Philosoph geworden sei. Er beschäftigte sich nun zunehmend in seinen Gedichten und Prosatexten mit den existentiellen Fragen des menschlichen Lebens.

Das Gedicht "Unendlichkeit"  schrieb Giacomo Leopardi  1819:

Stets war lieb mir dieser einsame Hügel
und diese Hecke, die zum größeren Teile
dem Blick den fernsten Horizont entzieht.
Doch wenn ich sitze und schaue: grenzenlose
Räume jenseits von ihr und Menschenmaß
übersteigendes Schweigen und tiefste Ruhe
stell ich im stillen mir vor, wo dann beinahe
Angst das Herz überkommt. Und wie ich den Wind
rauschen höre in diesen Büschen, vergleich ich
jene unendliche Stille mit dieser Stimme,
und in den Sinn kommen mir die Ewigkeit
und die vergangenen Zeiten und die lebendige
Gegenwart und ihr Klang. Und so, in dieser
Unermesslichkeit, ertrinkt mein Denken,
und süß ist mir, Schiffbruch zu leiden in diesem Meere.

Im Herbst 1822 geschah dann etwas, womit eigentlich niemand mehr gerechnet hatte. Monaldo Leopardi gestattete seinem ältesten Sohn, der inzwischen immerhin 24 Jahre alt war, dass erste Mal das Elternhaus für längere Zeit zu verlassen. Er durfte seinen Onkel Carlo Antici und dessen Familie in Rom besuchen.

Giacomo Leopardis Weg in die italienischen Kulturmetropolen

Der Aufenthalt in Rom sollte für Giacomo Leopardi ein Sprungbrett werden, um von dort aus das kulturelle Leben in anderen großen Metropolen Italiens kennenzulernen. Nachdem er dann in Mailand, Bologna und Pisa gewesen war, verbrachte er die meiste Zeit in Florenz, das damals mit seinen literarischen Salons der Mittelpunkt des kulturellen Lebens in Italien war.

Doch der Querdenker, der es wagte, sich jeder Form von Mainstream-Denken entgegenzusetzen, machte sich manche Feinde und brachte sich schließlich sogar in Konflikt mit der Zensur. Aber er hatte auch treue Freunde an seiner Seite. Darunter besonders Antonio Ranieri, ein junger Historiker, der ihn schließlich einlud, mit ihm in dessen Heimatstadt Neapel zu kommen. In dieser lebensfrohen und turbulenten süditalienischen Stadt lernt Giacomo Leopardi erstmals auch das Leben der einfachen Menschen in den volkstümlichenen Stadtviertel kennen.

Giacomo Leopardis früher Tod

In Neapel kommt es dann zu seinem frühen Tod, dessen Begleitumstände sich zu einem rätselhaften Kriminalfall entwickeln.

22. Februar 1939. Der Sarg mit den sterblichen Überresten von Giacomo Leopardi wurde vor der Kirche San Vitale auf einem Katafalk aufgebahrt und in den Park nach Piedigrotta überführt. Dem Sarg folgten prominente Ehrengäste aus ganz Italien, darunter Angehörige der Familie Leopardi, Kronprinz Umberto von Savoia, Minister, Abgeordnete und Wissenschaftler.

Doch die Diskussion über die Frage, wo sich tatsächlich die sterblichen Überreste Giacomo Leopardis befinden, ist bis heute nicht beendet. Es gibt daher auch Stimmen, die fordern, das Grabmal für eine DNA-Analyse zu öffnen. Doch überwiegend ist man der Meinung, man solle die Sache endlich auf sich beruhen lassen.

Was sich in am 14. Juni 1837 im Sterbezimmer Leopardis und in der folgenden Nacht tatsächlich abgespielt hat, wird ohnehin für immer ein Geheimnis bleiben. Es gibt zu viele Widersprüche und ungelöste Rätsel. Deshalb kann der sogenannte Kriminalfall Leopardi letztlich mit oder ohne DNA-Analyse nicht restlos aufgeklärt werden.

Doch ohne das enorme Engagement Antonio Ranieris für das Werk Giacomo Leopardis, nach dessen Tod, und die Errichtung eines Grabmals für seinen Freund  – vielleicht auch ohne das Täuschungsmanöver einer Besetzung, wenn die sterblichen Überreste tatsächlich in einem Massengrab verschwunden sein sollten - wäre Giacomo Leopardi vermutlich in Vergessenheit geraten und wäre wohl kaum als bedeutende Persönlichkeit in der italienische Literaturgeschichte eingegangen.

Alles ist Tollheit in dieser Welt, außer es toll in diesem Leben zu treiben.
Alles ist lächerlich in dieser Welt, außer man lacht über alles.
Alles ist eitel in dieser Welt, außer dem schönen Trug und den angenehmen  Eitelkeiten. (Giacomo Leopardi)

Produktion dieser Langen Nacht:
Es sprachen: Jean Paul Baeck, Sigrid Burkholder, Rainer Delventhal, Hans Bayer, Klaus Dieter Pittrich und Louis Friedemann Thiele. Autor und Regie: Rüdiger Achenbach. Redaktion: Monika Künzel

Titelmusik: Villanelle und andere Titel aus: Canzone Napolitane Piccola Enciclopedia – Massimo Ranieri, Sony Music 2015

Auswahl aus der Primärliteratur von Giacomo Leopardi

Briefe: Lettere a cura di Rolando Damiani, Mondadori, Milano 2006

Gedichte und Prosatexte in zwei Bänden: Poesie e Prose a cura di Rolando Daminani e Mario Andrea Rigoni, Monadori, Milano 1988

Tagebücher in drei Bänden: Zibaldone a cura di Rolando Damiani, Monadori, Milano 1997

Literaturauswahl

Antonio Ranieri, Sette anni di sodalizio con Giacomo Leopardi, Mursia Milano 1995

Raffaele Urraro, Questa maledetta vita di Giacomo Leopardi, Leo Olschki, Firenze 2015

Carlo di Lieto, Leopardi e il mal di Napoli, Genesi Editrice, Torino 2012

Georgia Schiavan, Felicità antica e infelicità moderna – L'epicureismo e Leopardi, Albo Versorio Edizioni, Milano 2015

Loretta Marcon, Un giallo a Napoli, La seconda morte di Giacomo Leopardi, Cordero Editore, Genova 2014

Fabio Vander, Il sistema Leopardi, Mimesis Edizioni, Milano 2012

Antonio Pucciarelli, Vita di Leopardi, Guida Editori, Napoli 2015

Nico Naldini, Giacomo Leopardi, La vita e le lettere, Garzanti, Milano 2014

Neuerscheinung:

Giacomo Leopardi, "Opuscula moralia. Oder vom Lernen über unsere Leiden zu lachen"
Anderen Bibliothek, 2017, Originalausgabe, nummeriert und limitiert.
Mit Illustrationen, farbig bedruckter Bezug und simulierter Farbschnitt.
ISBN: 9783847703891

In seinen "Kleinen moralischen Werken" hat Giacomo Leopardi die Essenz seiner langjährigen Betrachtungen über den Zustand des modernen Menschen versammelt. Es sind italienische "Minima Moralia" aus dem 19. Jahrhundert.

Seit ihrem ersten Erscheinen 1827 in Mailand gelten die "Operette morali" von Giacomo Leopardi als Musterbeispiel einer satirisch-philosophischen Prosakunst. Seine von Geist und Witz nur so sprühende melodisch-poetische Prosa verhandelt in originellen Fabeln und oftmals dialogischen Szenen, was Leopardi "die Absurditäten der Politik, die Misslichkeiten der allgemeinen Moral und ... die Konditionen der Welt, die Laster und Infamien nicht der Menschen, sondern des Menschen" nennt.

Burkhart Kroeber, vielfach preisgekrönt und mit seinen Übersetzungen vor allem von Umberto Eco, Italo Calvino und Alessandro Manzoni bekannt geworden, hat seine neue Übersetzung aus dem italienischen mit ausführlichen Anmerkungen und einem Nachwort versehen. Ergänzt wird diese Neuübertragung durch einen Essay von Paul Heyse über Leopardis Weltanschauung.

Das Manuskript dieser Sendung ist in der Redaktion der Langen Nacht bzw. beim Hörerservice erhältlich.

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