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Eine Lange Nacht über ErinnerungsstückeGeliebte Dinge

Was würden Sie in den Koffer packen, wenn Sie auswandern müssten? Die Lieblingsstrickjacke, den Verlobungsring der Oma, Ihr Tagebuch? Die Beziehung zu geliebten Objekten durchzieht unser gesamtes Leben, sie geben Halt, Orientierung, verbinden das Gestern mit dem Heute, begleiten uns treu ins ungewisse Morgen.

Von Doris Arp

Auf dem Schreibtisch in Andres Veiels Jugendzimmer in Stuttgart: eine Muschelsammlung, ein Telefon, Figuren und andere Kleinigkeiten. (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)
Fast jeder Mensch hat Erinnerungsstücke (Deutschlandradio / Frank Ulbricht)

Autobiografische Souvenirs nennt der Psychologe Tilman Habermas die geliebten Objekte. Wir haben die Dinge, aber die Dinge haben auch uns. Sie entwickeln durchaus Eigensinn. Mindestens 10.000 Dinge besitzt ein Deutscher im Durchschnitt. Psychologen, Ethnologen und Kulturwissenschaftler forschen immer wieder nach der Dingbedeutsamkeit.

Die Lange Nacht taucht ein in die lebendige Welt von alten Knöpfen, Türklinken, Wasserspritzpistolen, Stoffen und anderen Lieblingsstücken. Und sie fragt Menschen, was sie auf jeden Fall in ihren letzten und einzigen Koffer packen würden.

Erinnerungsstücke

Wenn er als Kind von der Küche hinaus in den Garten stürmen wollte, stoppte ihn fast jedes Mal die alte Türklinke. Sie fiel einfach ab. Erst musste er sie wieder umständlich angstecken, bevor es endlich raus ging.

Das Ding funktionierte schon damals nicht richtig. Inzwischen gibt es weder die Tür noch das alte Haus in dem er aufgewachsen ist. Aber die Türklinke liegt seit Jahrzehnten in seinem Bücherregal. Manchmal öffnet sie ihm den Raum in seine Kindheit. Dann steht er wieder da, der kleine, blonde Junge in kurzen Hosen, spürt für einen Moment die Kühle in der Hand, bevor er aus der Küche in die Freiheit rennt.

Oder die alte Dame, die fast ihr ganzes Leben schöne Dinge angesammelt hat. Schon ihre Eltern hatten Freude an Kunst, Altertümchen, Musik und Bildern. Eine Zehnzentnerbombe ließ von all der Herrlichkeit fast nichts übrig. Ausgerechnet eine "Scheußlichkeit aus Pressglas" hatte überlebt. Es war ihre Geburtsanzeige von einer Blindenanstalt auf ein kitschiges Kleeblatt aufgeklebt und unter einen Sturz aus dickem Glas gesetzt. Das hässliche Ding hat bis heute einen festen Platz zwischen lauter silbernen Teekannen, erlesenem Porzellan und anderen teuren Preziosen. Der Zufall warf das Glas-Ungetüm tief in ihr Leben.  

Autobiografische Souvenirs nennt sie der Psychologe Tilmann Habermas. Sie geben unserem Leben Halt, an ihnen schärfen wir unser Selbst. Das kann eine alte Geldbörse sein, eine Muschel, ein vom Vater in Tesafilm gewickelter und lebenslang getragener Glückspfennig, ein Ring oder ein Dosenöffner. Ihre Geschichten sind eng verstrickt mit unserem Leben, in ihnen erspüren wir ein Stück von uns selbst.

Manchmal verfangen und mischen sich die geliebten Dinge mit der Zeitgeschichte.

So wie bei der Berliner Sammlerin von schönen alten Kleidern. Mit dem "kleinen Schwarzen" ihrer Großmutter, einem Kleid aus schwarzer Kunstseide der 1920er Jahre, begann sie als Teenager ihre außerordentliche Sammlung von Stoffen, die einst auf der Straße spazierten und nicht auf den Laufstegen großer Modehäuser. Ihre altrosa Traum-Pömps hatte die damals 18jährige gerade noch einen Tag vor dem Bau der Mauer aus einem Westberliner Schuhgeschäft nach Osterberlin retten können.

Die Dinge selbst sind meist stumm, geradezu tot, wenn wir sie nicht erwecken. Kinder und Künstler verstehen es wunderbar sie zu beleben. Ein alter Handschuh, eine Puppe, ein Auto genügen und sie versinken in Zwiesprache mit dem Gegenstand.

Ethnologen, Archäologen, Psychologen, Kulturwissenschaftler und Historiker sind ebenfalls Experten in der Sprache der Dinge. Sie übersetzen uns vergangene Zeiten, untergegangene Kulturen und manchmal auch unseren eigenen Umgang mit der Dingwelt – als Konsumgut, als Angeberei, als ganz persönliches Lieblingsstück.

Heute leben wir in einer materiellen Überfülle, die ihre Beschleunigung mit der industriellen Produktion im 19. Jahrhundert aufnahm. Manche befürchten, in der Fülle gehe uns der Sinn für die Dinge ganz verloren. Jedenfalls katapultierte sie die Käufer in eine ganz neue Welt ungeahnter Wünsche. Die ersten großen Kaufhäuser wie Bon Marché in Paris, Tietz in Düsseldorf waren Wunder modernster Technik mit Rolltreppen, Glasdächern, Tag und Nacht künstlich erleuchtet, Orte großstädtischer Eleganz, offen für fast alle Bürger. Neue Lebensverhältnisse schufen neue Dinge und umgekehrt.

Die 1920er Jahren schwelgten in einem wahren Rausch aus Glitzer,  Gold und überdekorierten Gegenständen. Die Industrie zauberte aus billigen Materialien teuren Augenschein.

Der Deutsche Werkbund und die englische Arts & Crafts Bewegung versuchten diesen "Hausgreuel", "Schunderzeugnissen" und "Pimpeleien" eine aufgeklärte Geschmacksbildung entgegen zu setzen. Licht, hell, glatt, aufgeräumt und funktional war ihr Ideal. Doch, wo bleibt da die private Behaglichkeit?  

Sind wir also, was wir besitzen?

Die Antwort ist auf jeden Fall nicht nur materiell zu verstehen. Denn da ist noch der alte Knopf vom Lieblingspulli der Tochter, die Türklinke ohne Haus, die alten Sigurd-Hefte. Alles keine Werte aber wertvoll, weil in ihnen aufscheint, wie wir waren und was aus uns geworden ist. 

Wir waren, wir werden sein

Marie Luise Kaschnitz: "Die mit Reißnägeln an die Wand gehefteten Wiedergaben unsterblicher Werke, die stählernen Stühle, der alte Teppich mit seinen ein wenig regellosen Mustern und dem hier und dort aufleuchtenden märchenhaften Blau – alle diese Dinge fanden ihre Wertschätzung in dem Anteil an Kindheitserinnerung und Lebenserfahrung, der ihnen innewohnte, nach dem Grad ihrer Beredsamkeit, mit der sie vergangene Zeiten beschworen und sich den zukünftigen anboten, verlässlich und treu. Denn war es nicht gerade dies, was die Dinge auszusagen hatten? Wir waren, wir werden sein."

Der Eigensinn der Dinge

"Es ist natürlich ein wunderbares Beispiel für den Eigensinn der Dinge und auch für biografische Objekte."
Hans Peter Hahn, Ethnologe an der Universität Frankfurt am Main mit dem Forschungsschwerpunkt  materielle Kultur, gefällt die Geschichte der heute 81jährigen Frau, der das Schicksal dieses "scheußliche" Erinnerungsstück in die Hände geworfen hat.
"Dinge, die sich in die Lebensgeschichte einschreiben, werden immer mit einem hohen emotionalen Wert belegt. Und es zeigt sich weiterhin die Widersprüchlichkeit von Bewertungen. Selbst wenn diese Frau eine sehr hohe Kompetenz in Fragen der Ästhetik entwickelt hat, gibt es doch einen anderen Wert, der außerhalb dieser ästhetischen Normen liegt, der für sie dann auch zu respektieren ist, den sie nicht umgehen kann. Dieses Objekt ist durch den Wohnungsbrand gegangen, dieses Objekt ist durch ihre Mutter zu ihr gekommen. So viele Erlebnisse, so viele Geschichten stecken an diesem Objekt, dass sie dem nicht entweichen kann. 

Was sind persönliche Objekte?

Geliebte Dinge, nannte der Frankfurter Psychologe Tilman Habermas seine Studie, in der er die Bedeutsamkeit von persönlichen Objekten für das Selbstverständnis und die Identität eines Menschen untersuchte. In der Einleitung schrieb er:

"Was sind persönliche Objekte? Man könnte sie auch als Lieblingsdinge bezeichnen, als geschätzte oder umhegte und gepflegte Besitztümer. Es handelt sich um Objekte, die einer Person besonders teuer sind, die sie liebt, an denen sie hängt und mit denen sie sich verbunden fühlt. Der Ausdruck Lieblingsding ist zwar verständlich, aber nicht wie der der Lieblingsspeise, ein gängiger Begriff der Alltagssprache. Fragt man Personen nach ihren Lieblingsdingen, zögern zwar viele erst einmal, leugnen oft spontan, über derartige Dinge überhaupt zu verfügen. Denken sie dann aber kurz nach oder überwinden eine anfängliche Hemmung, können doch alle wenigstens einige Lieblingsdinge nennen."   

Hingebungsvolle Sammler

"Die Haltung eines hingebungsvollen Sammlers gegenüber seinen Sammelobjekten ist vergleichbar mit der Leidenschaft eines Liebenden", schreibt der amerikanische Psychoanalytiker Werner Muenstenberger in seinem Buch "Sammeln – eine unbändige Leidenschaft".

Sie können und wollen nicht ohne ihre geliebten Objekte sein, betont auch der Konsumforscher Russel Belk: "Sowohl der romantisch Liebende als auch der passionierte Sammler verlieren sich in ihren überwältigenden Gefühlen und sperren die Aufmerksamkeit für die Welt draußen aus. Nichts anderes zählt."

Den Eindruck eines Einzelding-genügsamen, eigenbrötlerischen Sammlers macht Samir Köck allerdings nicht. Seine Leidenschaft dient ja gerade als DJ auch dem Vergnügen der anderen. Aber die Liebe zu den schwarzen und silbernen Scheiben habe durchaus Beziehungen strapaziert. Es gab Zeiten, da habe er locker 3-4000 Mark im Monat für Musik ausgegeben.

Samir Köck: In dieser Waregrove?-Zeit habe ich sehr viel Soul und Jazz-Raritäten gekauft, die dann im Wert gestiegen sind im Laufe der Jahre. Einmal habe ich eine Single gekauft um 100 Dollar – was für heutige Verhältnisse nicht viel klingt, aber das war damals in den 80er Jahren noch ein bissl mehr. Und meine damalige Ehefrau hat mich damals völlig entgeistert gefragt, wie ich denn für drei Minuten Musik 100 Dollar ausgeben kann. Ich hab dann gesagt, die Nummer gefällt mir so gut, da kann ich einfach nicht anders. Die Platte wird jetzt gehandelt um 3-3.500 Euro – diese Single. Das war Flowers for real. Das ist einfach ein wahnsinnig schönes Liebeslied. /Der Preis bedeutet mir nix. Für mich geht es um die Musik – ich würde diese Platte nie hergeben. Ich muss diese Sachen wirklich haben.

Herbert Fitzek: "Dafür zu werben sozusagen, dass seelisches, inneres und äußeres von vornherein verbindet, das ist eine ganz eigene Richtung in der Psychologie und das kann man am Besten an den Dingen zeigen."

Herbert Fitzek: "Es geht um die Aneignung der Dinge über alle Sinne. Dadurch, dass Dinge bei uns bleiben, dass wir sie sammeln, formen wir Gedächtnis oder Gefühl, da steckt es schon drin, Fühlen. Das ist nichts, was im Kopf stattfindet, sondern das kriegen wir mit, indem wir Dinge in die Hand nehmen, sie abwägen, sie befingern, sie kneten, daher kommen die Gefühle. Da rutscht das Innere ins Äußere und umgedreht."

Muensterberger, Werner. Sammeln, Eine unbändige Leidenschaft, Psychologische Perspektiven, Aus dem Amerikanischen von H. Jochen Bußmann. Berlin 1995
Das fesselnde Buch des amerikanischen Psychoanalytikers Werner Muensterberger erforscht die emotionalen und psychologischen Ursachen für das schier nicht enden wollende Verlangen nach immer neuen Fundstücken, für die erstaunliche Energie, mit der das per definitionem unerreichbare Ziel der Vollständigkeit verfolgt wird.

Eine Sammlung ist nie eine glückliche Liebe: Das bewegte Leben des Werner Muensterberger. Nachlesen in FAZ, 2006

Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge in Berlin ist ein Museum, das sich der von der industriellen Massen- und Warenproduktion geprägten Sachkultur des 20. und 21. Jahrhunderts widmet. Es ist in einem ehemaligen Werkstattgebäude untergebracht und verfügt über einen Sammlungsbestand von ca. 20.000 Objekten. https://www.museumderdinge.de/

Kontakt: Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Oranienstraße 25. D-10999 Berlin. Telefon: +49 (0)30 / 92 10 63 -11. Fax: +49 (0)30 / 92 10 63 -12.

Das Museum der Unerhörten Dinge in Berlin ist eine Sammlung von künstlerischen, wissenschaftlichen und technischen Gegenständen aus Vergangenheit und Gegenwart und ein öffentlicher Ausstellungsort für solche Objekte. Im Museum der Unerhörten Dinge werden Geschichten Gegenstände zugeordnet und umgekehrt. Einfache Dinge, die etwas zu erzählen haben, denen in der lauten Welt oft nicht zugehört wird, die gern übersehen werden, haben in diesem Museum die Möglichkeit gehört, erhört zu werden. Es ist eine dinglich-literarische Wunderkammer aus allen Bereichen des Lebens. Naturhistorische Forschungen sind ebenso zu finden wie ein Brief von Sigmund Freud oder das Fell eines japanischen Bonsai-Hirschen. Die durch ihre Legenden zu Reliquien gewordenen Dinge geben dem Besucher die Gelegenheit, in ihrer Weltschau kurz innezuhalten und die Möglichkeit zu genießen, dass alles doch etwas anders sein könnte.

Adresse: Museum der Unerhörten Dinge, Crellestraße 5. 10827 Berlin, Telefon +49 (30) 781 49 32. Website: https://www.museumderunerhoertendinge.de/ Mail: r.albrecht@tesof.de

Atelier "K" –Rudi Klein

Der Laden, der kein Laden ist. Manchmal aber doch. Dann mutiert das kleine chamäloide Geschäft für einen Tag zur Verkaufsstelle von amerikanischen Armbanduhren, alten Alfas oder anderen Objekten der Sehnsucht. Ansonsten steckt hier jede Menge sinnstiftender Unsinn in einem Meer von Gegenständen, die die meisten Menschen wegwerfen – der Künstler und Autor Rudi Klein hebt sie auf und erzählt ihre Geschichten.

Adresse: Favoritenstraße 1, 1040 Wien, Österreich
Telefon: +43 699 15866490
Website: www.kleinteile.at/de/

Das einzige private Modemuseum Deutschlands

Josefine von Krepl: "Nicht nur allein das Textile fasziniert mich, der Entwurf natürlich, die Materialien – auch die Geschichten. Wenn mir Menschen Dinge überlassen oder denen ich etwas abkaufe, die haben mir dann auch die Geschichten dazu erzählt, die ich dann auch aufgeschrieben habe. Aber manchmal erzählen die Kleider auch von sich aus die Geschichte. Also ich kann aufgrund der Erfahrung der vielen, vielen Jahre ablesen quasi von einem textilen Stück, was einmal passiert ist. Und oft sind die auch verschandelt worden, in meinem Sinne, so dass ich die rückführe in die Urform. Andererseits gerade aus den Kriegsjahren gibt es ja viele Kleider, die in der Not hergestellt wurden, aus Notmaterialien aus Garnen, die nie dafür gedacht waren Kleidungsstücke herzustellen, aus Fäden von Futtersäcken gestrickt oder ich habe eine wollene, also schafwollene Unterhose für den Winter, ganz schrecklich, so ne Kniehose, ich sag immer Sturzbomber dazu. Die ist bestimmt 30mal gestopft, da zeigt sich schon, wie nötig diese warme Unterwäsche war für die Frau. Die hat sicher auf dem Lande gelebt und das war ihr ein und alles im Winter, sonst hätte sie gar nicht überleben können auf dem Feld, bei der Arbeit. Also solche Dinge sind natürlich ganz spannend."

Die resolute Sammlerin stieg auch schon mal in einen Container mit Bauschutt, aus dem sie ein Stück Stoff herauslugen sah. Es handelte sich um ein Tanzkleid aus den 20er Jahren. Sie restaurierte es, nähte ein neues seidiges Unterkleid und ließ die Blume unter Dampf wieder erblühen. Heute gehört es zu den Ausstellungsstücken im einzigen privaten Modemuseum Deutschlands. Vor 13 Jahren hat Josefine von Krepl im Schloss Meyenburg in der Prignitz einen Teil ihrer Sammlung in Sälen und Kellergewölben für die Öffentlichkeit herausgeputzt - eine Zeitreise in vergangene Jahrzehnte. Alles ist arrangiert, als würden die Kleider noch herumspazieren, mit passendem Mobiliar, historischen Fotografien, Musik der Zeit und vielen Accessoires. Ein Schirm, ein Mantel oder ein Koffer ragen aus den Kommoden und Spiegelschränken, und während man einen Nierentisch genauer betrachtet, hat man auf einem Stuhl der 50er Jahre Platz genommen.

Josefine von Krepl: "Faszinierendes, weil es so viele Möglichkeiten gibt Menschen glücklich zu machen und auch frei. Als Kind oder in der Schule wurde ich oft nach Hause geschickt mich umziehen. Man hat nicht gestattet, dass ich so herumlief mit selbst geschneiderten, auffälligen Sachen, mit bemalten Röcken, mit Schuhen, die ich mir aus Brettern gesägt habe, solche Klapperlatschen sagten wir damals, ich konnte mir die teuren Birkenstock im Westen nicht kaufen, weil ich kein Westgeld hatte und dann habe ich einfach Stuhlenbretter gesägt und mir Riemchen drauf genagelt. Also man hat da schon als Jugendlicher – jedenfalls ich – gezeigt, dass man da nicht konform gehen will und dass man was Eigenes machen will. Und Textilien, die verbinden. Gerade Jugendliche in der DDR, die waren, wenn sie sich ein bisschen lumpig gekleidet hatten, das fing so gerade an diese Rocker-Szene oder dann auch später diese Schwarzkleidung, da war man untereinander verbunden, man stabilisierte sich gegenseitig und sagte ich bin anders und der da auch. Das ist schon ganz bedeutend, was Kleidung vollbringen kann.

 Die umfangreiche Sammlung des Modemuseums Schloss Meyenburg geht zurück auf die Privatsammlung von Josefine Edle von Krepl. Mit der Sanierung des Meyenburger Schlosses erhielten Teile der Sammlung von Frau von Krepl einen dauerhaften Standort als Modemuseum. Zwischen 2006 und 2015 wurde das Museum von der Sammlerin und Begründerin selbst geführt und bewirtschaftet. Im Anschluss an diese ersten Jahre gründete sich der Trägerverein Modemuseum Schloss Meyenburg e. V. zur Sicherung des Museumsbetriebes. Aus der mehrere tausend Stück umfassenden Sammlung von Josefine Edle von Krepl wurden 2015 durch die Initiative großzügiger Förderer ausgewählte Stücke angekauft und können weiterhin im Museum präsentiert werden. Mit dem Fokus auf Damenmode von der Zeit um 1900 bis in die 1970er Jahre finden sich vorwiegend Kleider und Accessoires im Bestand des Museums. Neben Schuhen, Taschen, Hüten und Schals sind viele Schmuckstücke aus den unterschiedlichen Jahrzehnten in der Sammlung.

Adresse: Schloss 1, 16945 Meyenburg
E-Mail: kontakt@modemuseum-schloss-meyenburg.de
Telefon 033968 - 50 89 61
www.modemuseum-schloss-meyenburg.de/

Spuren lesen

Pablo Neruda:  "Ich liebe alle Dinge, nicht weil sie brennen oder duften, sondern ich weiß nicht warum, weil dieser Ozean dir gehört, mir gehört: Die Knöpfe, die Räder die kleinen vergessenen Schätze, die Fächer, in deren Federn die Liebe ihre Orangenblüten wehte, Gläser, Messer, Scheren – auf allem findet sich, am Griff, am Rand, eine Fingerspur, die Spur einer entrückten, ins vergessenste Vergessen versunkene Hand."

Gudrun König: "Hier der Stacheldraht, ich habe über Stacheldraht geforscht. Das ist ein Stück Stacheldraht, das in Berlin gefunden worden in den 60er/70er Jahren bei Umbauarbeiten auf dem Gelände der Topographie des Terrors. Und weil ich über Stacheldraht forsche, habe ich dieses Stück mal geschenkt gekriegt."

Gudrun König ist Professorin an der TU Dortmund am Institut für Kunst und materielle Kultur.  Sie hat sich lange mit dem Stacheldraht und seiner Geschichte befasst. Ein Stück liegt in ihrem Büro auf einem Regal hinter dem Schreibtisch.

Gudrun König: "Hier sieht man erst mal den Grunddraht, das ist ein zweifaseriger Grunddraht über den ein vierspitziger Knoten gedreht wurde und der Abstand der Knoten gibt Auskunft darüber, ob es eine militärische Nutzung oder eine zivile Nutzung war, je enger der Abstand, umso gefährlicher wird er in gewisser Weise, er wird auch schwerer. Die Enge dieses Abstandes sagt, das ist ne militärische Nutzung gewesen und nicht zur Abwehrung von Vieh an Weiden oder Schonungen oder wo immer es eingesetzt wurde."

Die Dinge sind stumm, solange wir sie nicht lesen können. Wer aber genau hinhört, dem erzählen sie Geschichten und Geschichte. Gudrun König spannt den Draht mühelos von der industriellen Herstellung als Weidezaun in den USA über den massiven Einsatz im 1. Weltkrieg bis hin zum Einzäunen der Konzentrationslager im Nationalsozialismus. Ethnologen, Archäologen und Kulturwissenschaftler sind Sachverständige in der Sprache der Dinge.

Gudrun König: "Sie geben natürlich selbst Auskunft. Aber natürlich nur dem, der zu Hören weiß. Ich sehe natürlich Nutzungsspuren an Objekten, ich sehe, ob das einer unteren Schicht oder einer bürgerlichen oder einer hochbürgerlichen Schicht zugeordnet werden kann. Das sind Auskünfte, die die Dinge selbst geben. Sie geben sie durch Gebrauchsweisen. Ein abgeschabtes Brett kann ich sehen, dass es 30 oder 40 Jahre im Besitz war oder ein Arbeitsgerät, dass sich schon quasi dem Körper anschmiegt dadurch dass es durch den Griff, durch den Schweiß, durch die Wärme Abnutzungsspuren zeigt. Also es gibt einen Bereich in dem die Dinge selbst Auskunft geben können."

Literatur

Drügh, Heinz; Metz, Christian, Weyand, Björn; Warenästhetik. Neue Perspektiven auf Konsum, Kultur und kUnst. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin 2011

Elschenbroich, Donata; Die Dinge – Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens. Verlag Antje Kunstmann, München 2010

Fitzek, Herbert, Marlovits, Andreas M.; Zum Stand der Dinge. Annäherung an das Gegenständliche. Braus 2017

Habermas, Tilmann; Geliebte Objekte. Symbole und Instrumente der Identitätsbildung. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1999

Klein, Rudolf; Der Herr der Dinge. Czernin Verlag, Wien 2014

König, Gudrun; Bürger Kunde. Konsumkompetenz und Geschlechterpolitik vor dem Ersten Weltkrieg. In: Christian Bala/Christian Kleinschmidt/Kevin Rick/Wolfgang Schuldzinski (Hg.): Verbraucher in Geschichte und Gegenwart. Wandel und Konfliktfelder in der Verbraucherpolitik. Verbraucherzentrale NRW 2017, S.71-83.

König, Gudrun; Geschlecht und Dinge. In: Stefanie Samida/Manfred K. H. Eggert/Hans Peter Hahn (Hg.): Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen. Stuttgart, Weimar 2014, S. 64-69.

König, Gudrun; Die Fabrikation der Sichtbarkeit. Konsum und Kultur um 1900. In: Heinz Drügh/Christian Metz/Björn Weyand (Hg.): Warenästhetik. Neue Perspektiven auf Konsum, Kultur und Kunst. Frankfurt am Main 2011, S. 158-174.

Moritz, Rainer; Mein Vater, die Dinge und der Tod. Verlag Antje Kunstmann, München 2018

Panati, Charles; Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge. Eichborn Verlag Frankfurt a.M. 1994

Petroski, Henry; Messer, Gabel, Reißverschlus. Die Evolution der Gebrauchsgegenstände. Birkhäuser Schweiz 1994  

Preisendörfer, Bruno; Die Verwandlung der Dinge. Eine Zeitreise von 1950 bis morgen. Galiani Berlin 2018

Schäfer, Annette; Wir sind, was wir haben. Die tiefere Bedeutung der Dinge für unser Leben. Deutsche Verlags-Anstalt

Wieprecht, Volker, Skuppin, Robert. Das Lexikon der verschwundenen Dinge. Rowohlt Berlin 2009

Trentmann, Frank; Die Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Deutsche Verlags Anstalt 2017

Susannah Walker: "Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen"
Übersetzt von Yamin von Rauch. Kein & Aber, Zürich 2018.

Das Haus. Literarisches Fotobuch von Barbara Schnabel und el.doelle, mit Texten von Tanja Langer. Vorwort von Knut Elstermann, Nachwort von Wolfgang Siano. Einband: Gebunden, 2014, durchgehend farbig mit ca. 151 Fotos. -

Der Verlust der Orte und Dinge

Margarete: "In dem Moment, wo man einen Ort verlässt, also Umzug, das ist ja der Moment, wo man sich fragt, was packt man jetzt ein und was kommt weg, was kommt auf den Müll. Und die Frage ist unabhängig davon, ob ich das noch brauche, sondern welche Rolle wird das in meinem zukünftigen Leben noch spielen. Dazu gehören zum Beispiel Bücher, auch wenn ich die schon zwei oder dreimal gelesen habe. Die gehören zu mir, die habe ich gelesen und dann bleiben die auch bei mir – die kommen einfach mit. Man muss natürlich aufpassen, dass sich im Laufe des Lebens nicht ein Wahnsinns Berg ansammelt, den man so mitschleppt. Das geht auch mit Kleidung manchmal. Das ist man vielleicht etwas rigoroser. Aber es gibt auch da Lieblingsstücke, die werden auch nochmal gestopft und nochmal aufgearbeitet und wieder mitgenommen. Auch in Verbindung mit dem Ort, den wir gerade verlassen haben. Das ist auch ne Art, was hilft Abschied zu nehmen, indem man sich die Erinnerung mitnimmt und die Erinnerung, die hat man zwar auch im Kopf, aber ich glaube, dass sich das mit der Zeit, mit den Jahren auch verwässert und man braucht manchmal so Anstöße, um sich zu erinnern. Und dafür gibt es halt so ein paar Dinge. Da gibt es unser altes Gästebuch, wo Menschen reingeschrieben haben, das habe ich natürlich mitgenommen oder Fotos, Plakate, Karten, die uns Gäste geschrieben haben, also solche Dinge, die habe ich schon eingepackt und die werde ich auch behalten, da bin ich mir sehr sicher."

Der Verlust der Orte und Dinge, die wir schon lange kennen, wo wir uns beheimatet fühlen, hinterlässt eine, manchmal nur schwer zu schließende Lücke.

Ein Feuer, eine Überschwemmung, ein Erdbeben, Flucht und Migration – wir wissen aus psychologischen Studien vor allem aus den USA, die Erfahrung einer plötzlichen Entwurzelung kann ein Leben zerstören. Wie diese Frau berichtet, die nach einem Feuersturm in Oakland ihre Wohnung verlor: "Sie wie meine Wohnung und meine Sachen bin ich nun meistens auch "ganz weg". Ich kann es einfach nicht verstehen."

Herbert Fitzek: "Wenn das tatsächlich das Ursprungsmodell ist, wie Freud sagte, Objekte zu besetzen mit eigenem und das eigene zu modellieren aus Gegenständlichem, dann ist ja eigentlich klar, dass dieser Austausch, dieser kleine Grenzverkehr zwischen innerem und äußerem, das ist, was den Menschen formt. Wenn da auf einer der beiden Seiten etwas komplett abgeschnitten ist, macht es psychologisch wenig Unterschied. Das heißt, wenn ich eine Krankheit, einen Unfall oder Heimatlosigkeit oder einen Bruch im Gedächtnis habe, ist es ähnlich schwerwiegend, wie wenn die Dinge nicht mehr da sind, mit denen ich gelebt habe oder die ich sogar hergestellt habe. Wirklichkeit ist sozusagen ein kompletter Herstellungsprozess von A bis Z. Auch das Wahrnehmen stellt Dinge her, was Sie angucken, was Sie auswählen, das sind auch Herstellungen. Wenn ich das nochmal mit den Händen unterstütze, sozusagen handgemachte Dinge habe, dann ist das eine Verstärkung, trifft aber den gleichen Sachverhalt."

Musikliste

1. Stunde

Titel: The time and the sorrow
Interpret und Komponist: Tore Elgaroy
Label: Bed Heads Music                  
Best.-Nr: RCD 2017
Plattentitel: CD: The sound of the sun

Titel: Septemberunderlaget
Interpret: Spunk
Komponist: Kristin Andersen, Maja Solveig Kjelstrup Ratkje, Hild Sofie Tafjord, Iene Grenager
Label: RUNE GRAMMOFON/ECM           
Best.-Nr: RCD 2022
Plattentitel: Filtered through friends (P2001)

Titel: Blue Photo
Interpret und Komponist: Jérôme Coullet
Label: KOSINUS                  
Best.-Nr: KA350
Plattentitel: Eyes wide open

Titel: For Real
Interpret: Flowers
Komponist: R. Flowers
Label: LA Xpressio               
Best.-Nr: LAX 101

Titel: I want to hold your hand
Interpret: The Beatles
Komponist: John Lennon, Paul McCartney
Label: Parlophone                 
Best.-Nr: 2438072
Plattentitel: Past masters

Titel: The Doll´s House 1
Interpret und Komponist: C. Girardot
Label: KOSINUS                  
Best.-Nr: KAR 1002
Plattentitel: CD: Entr´actes

Titel: The Doll´s House 3
Interpret und Komponist: C. Girardot
Label: KOSINUS                  
Best.-Nr: KAR 1002
Plattentitel: CD: Entr´actes

Titel: It´s Rolling
Interpret: Orchester
Komponist: Raphael Beau, Max Steiner
Label: Milan
Plattentitel: Micmac: Music from the Motion Picture

Titel: Paradise
Interpret und Komponist: Vangelis
Label: Polystar                      
Best.-Nr: 555608-2
Plattentitel: Mystera

Titel: Miranda
Interpret: Michael Nyman Band
Komponist: Michael Nyman
Label: Decca                         
Best.-Nr: 436820-2
Plattentitel: The essential

2. Stunde

Titel: The time and the sorrow
Interpret und Komponist: Tore Elgaroy
Label: Bed Heads Music                  
Best.-Nr: RCD 2017
Plattentitel: CD: The sound of the sun

Titel: Septemberunderlaget
Interpret: Spunk
Komponist: Kristin Andersen, Maja Solveig Kjelstrup Ratkje, Hild Sofie Tafjord, u.a.
Label: RUNE GRAMMOFON/ECM                       
Best.-Nr: RCD 2022
Plattentitel: Filtered through friends (P2001)

Titel: It´s Rolling
Interpret: Orchester
Komponist: Raphael Beau, Max Steiner
Label: Milan
Plattentitel: Micmac: Music from the Motion Picture

Titel: Micmacs at the train station
Interpret: Orchester
Komponist: Raphael Beau, Max Steiner
Label: Milan
Plattentitel: Micmac: Music from the Motion Picture

Titel: Minotonik
Interpret: Orchester
Komponist: Raphael Beau, Max Steiner
Label: Milan
Plattentitel: Micmac: Music from the Motion Picture

Titel: Diamonds are a girl's best friend
Interpret: Marilyn Monroe
Komponist: Jule Styne
Label: BELLA MUSICA                  
Best.-Nr: BM-CD31.4077
Plattentitel: Golden Evergreens, Vol. 2

Titel: Five o'clock foxtrot
Ensemble: London Philharmonic Orchestra
Dirigent: Bernard Herrmann
Komponist: Maurice Ravel
Label: Decca                         
Best.-Nr: 6.42235 AF

Titel: Satisfaction
Interpret: Tätärä
Komponist: Mick Jagger, Keith Richard
Label: NULLVIERNULL                 
Best.-Nr: 040951-2
Plattentitel: Dingdingding

Titel: Sonata No. 10 in G major (Allegro prestissimo)
Interpret: Thomas Demenga
Komponist: Jean Barrière
Label: KOKA MEDIA                      
Best.-Nr: KLA3041
Plattentitel: Baroque era, Vol. 2

Titel: Lent
Interpret: Huschke
Komponist: Claude Debussy
Label: RCA Records Label              
Best.-Nr: 127014-2
Plattentitel: Huschke Diabolica

Titel: Wind waltz
Ensemble: Ensemble
Komponist: Florence Caillon
Label: KOSINUS                  
Best.-Nr: KAR1003

3. Stunde

Titel: The time and the sorrow
Interpret und Komponist: Tore Elgaroy
Label: Bed Heads Music                  
Best.-Nr: RCD 2017
Plattentitel: CD: The sound of the sun

Titel: Septemberunderlaget
Interpret: Spunk
Komponist: Kristin Andersen, Maja Solveig Kjelstrup Ratkje, u.a.
Label: RUNE GRAMMOFON/ECM           
Best.-Nr: RCD 2022
Plattentitel: Filtered through friends (P2001)

Titel: Anything goes
Interpret: Tony Bennett
Komponist: Cole Porter
Label: Zyx-Records              
Best.-Nr: 1044-2
Plattentitel: Chicago

Titel: Warda´s Whorehouse
Interpret: Foday Musa Suso
Komponist: Philip Glass
Label: Deutsche Grammophon                    
Best.-Nr: 476168-5
Plattentitel: Neue Welt Streifzüge durch die Avantgarde

Titel: Six Melodies für Violine und Klavier Fassung für Violine und Harfe,
Solist: Gidon Kremer (Violine); Naoko Yoshino (Harfe)
Komponist: John Cage
Label: Philips                        
Best.-Nr: 456016-2

Titel: Romance Without Words
Interpret: New York Philharmonic
Komponist: NedRorem
Label: Deutsche Grammophon                    
Best.-Nr: 476168-5
Plattentitel: Neue Welt Streifzüge durch die Avantgarde

Titel: Summertime
Interpret: Blüchel & Von Deylen
Komponist: George Gershwin
Label: edel records               
Best.-Nr: 0150872ERE
Plattentitel: Bi polar (Bipolar)

Titel: Gymnopedies Nr. 1
Interpret: Blüchel & Von Deylen
Komponist: Erik Satie
Label: Brunswick                  
Best.-Nr: 5303331
Plattentitel: Schiller playlist
 
Titel: Étoile polaire
Interpret: Blüchel & Von Deylen
Komponist: Philip Glass
Label: edel records               
Best.-Nr: 0150872 ERE
Plattentitel: Bi polar (Bipolar)

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