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StartseiteLange NachtMauern des Schweigens25.02.2017

Eine Lange Nacht über Spaniens geraubte Kinder Mauern des Schweigens

Die Tragödie begann zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs und setzte sich bis in die 90er-Jahre fort. Ursprünglich politisch motiviert, wurde der Babyraub bald zu einem lukrativen Geschäft, in das Ärzte, Anwälte, und vor allem die katholische Kirche verwickelt waren. Man schätzt, dass in spanischen Geburtskliniken mehr als 300.000 Babys verschwanden.

Von Margot Litten

Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco während einer Militärparade (imago/United Archives International)
Mehr als 300.000 Babys sollen in der Zeit von Francisco Franco in Spanien verschwunden sein. (imago/United Archives International)
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Die Tragödie begann zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs und setzte sich bis in die 90er-Jahre fort. Ursprünglich politisch motiviert, wurde der Babyraub bald zu einem lukrativen Geschäft, in das Ärzte, Anwälte, und vor allem die katholische Kirche verwickelt waren. Man schätzt, dass in spanischen Geburtskliniken über die Jahrzehnte mehr als 300.000 Babys verschwanden und mit gefälschten Papieren an kinderlose Paare verkauft wurden.

Inzwischen suchen Mütter ihre Kinder, und Kinder ihre leiblichen Eltern - doch das gestaltet sich extrem schwierig: Kein Wunder angesichts fehlender Dokumente, mangelndem politischen Willen und vor allem der Mauer des Schweigens, mit der sich die Kirche umgibt.


Es waren dunkle Jahre im bigotten Spanien. Abtreibung war verboten, ledige Mütter wurden ausgegrenzt, und so erschien Schwester Marias Offerte mancher Frau in Not wie ein Geschenk des Himmels. Die Nonne vom Orden der Hijas de Caridad, der Töchter der Barmherzigkeit war Sozialhelferin in der Klinik Santa Cristina und zugleich Dr. Velas rechte Hand. In Zeitungsinseraten bot sie alleinstehenden Schwangeren Unterkunft in kirchlich geführten Pensionen an, aber auch die Möglichkeit, in San Ramon kostenlos zu entbinden. 

Mit der Zeit freilich mehrten sich die Hinweise, dass dort - wie auch in den beiden Nachbarkliniken ODónell und Santa Cristina - einiges nicht mit rechten Dingen zuging: Auffallend viele Babys kamen tot zur Welt oder starben nach wenigen Tagen, seltsamerweise oft an Otitis, Mittelohrentzündung. Andere waren zur Adoption freigegeben, man munkelte, wer ein Baby wolle, würde in San Ramon sehr schnell fündig. Die Schwangere gehe durch die eine Türe rein, und die Adoptivmutter gehe mit dem Baby durch die andere Türe raus. 

Schwester Maria drückte es später in einem Interview so aus: Die Leute kamen und schauten die Babys an als kauften sie Pferde … bereits Anfang der 80er-Jahre stand die Nonne aus Madrid im Mittelpunkt sämtlicher Vorwürfe, zusammen mit dem Gynäkologen Dr. Vela, einem Erzkatholen, der - wie man heute weiß – in jener Zeit ein erstaunlich großes Vermögen angehäuft hatte, mit dem er unter anderem ein Betonwerk finanzierte. Nachdem einige Frauen den Arzt damals angezeigt hatten, kochte der Skandal hoch. Die Untersuchungen gegen Eduardo Vela verliefen allerdings im Sande. Er habe – so seine Aussage - genau Buch geführt über die Geburten in seiner Klinik, sämtliche Namen und Daten der letzten Jahre seien korrekt in einem Heft vermerkt. 

Die Polizei verzichtete darauf, sich dieses Heft zeigen zu lassen. 

Zwar schloss sie San Ramon im Februar 1982, jedoch konnte Dr. Vela in seiner eigenen Praxis unbehelligt weiterarbeiten. 

Auch Schwester Maria geschah nichts, obwohl ihr mehr als 1.000 Fälle von Babyraub angelastet wurden.

Auszug aus dem Manuskript:

Elsa Lopez ist Schriftstellerin und lebt heute mit ihrer Familie auf der Kanareninsel La Palma. Mit ihren Madrider Jahren verbinden sie schreckliche Erinnerungen.

Die Autorin Elsa Lopez sitzt schreibend an einem Tisch. (Margot Litten)Die Autorin Elsa Lopez (Margot Litten)
Elsa Lopez: "1981 erwartete ich mein drittes Kind, ein Mädchen, es war eine komplizierte Schwangerschaft, ich musste zwischendrin zwei Monate liegen. Als der Geburtstermin näher rückte und die Wehen einsetzten, rief ich in der Klinik San Ramon an, aber da sagten sie mir, dass der Chef Dr. Vela, bei dem ich schon meine beiden anderen Kinder entbunden hatte, zur Zeit auf Reisen sei, und ich deshalb noch nicht kommen könne. Sie gaben mir dann Tabletten, um die Geburt rauszuzögern. Ich habe später oft darüber nachgedacht: Warum war es denn so wichtig, dass er selbst anwesend war? Es hätte doch genauso gut der diensthabende Arzt sein können.

Einige Tage vergingen, und am 5. Februar hatte ich so starke Schmerzen, dass ich wieder in San Ramon anrief, und da sagte man mir, Dr. Véla sei inzwischen zurück. Ja, und so wurde ich dann in die Klinik eingeliefert. Es sind damals sehr merkwürdige Dinge passiert, die mir jedoch erst im Nachhinein aufgefallen sind: Zum Beispiel bekam ich noch in meinem Zimmer die Narkose, nicht wie üblich erst im Kreißsaal ... ich erinnere mich an nichts, außer an einen Moment, als die Geburt bereits vorüber war … da beugte sich Dr. Vela über mich und sagte, ich hätte eine Tochter geboren, es ginge ihr aber nicht gut. Und er fragte, ob ich einverstanden sei, dass sie sofort getauft würde … Ich war noch halb weggetreten und sagte zu allem Ja …   ich sagte aber auch, dass ich mein Kind sehen möchte. 

Da zeigte mir Dr. Vela ein Baby, ganz in Tücher gehüllt, so wie manchmal die Kinder auf alten Gemälden, zum Beispiel das Jesuskind … Er sagte: Gib Deinem Kind einen Kuss und ich küsste das Gesichtchen und spürte, dass es eiskalt war. Das ganze Bündelchen war eiskalt, wie tiefgefroren … Ich hatte ja schon zwei Kinder und wusste, dass Neugeborene immer warm sind … Ich erinnere mich, wie sich Dr. Vela entfernte, das in Tücher gehüllte Kind im Arm, er ging durch eine Türe rechts von mir, begleitet von einer Nonne und einer Krankenschwester. 

In der Nacht, als ich wieder daheim war, ist mir die Szene immer wieder durch den Kopf gegangen: Dieses eiskalte Kind, von dem ich nur das Gesicht sah, total bleich, mit dunklen Lippen, immer wieder sah ich es vor mir … und plötzlich war mir klar: Das war nicht mein Kind. Aber ich habe mit keinem darüber gesprochen, ich behielt es für mich, und fiel in eine tiefe Depression. Ich war dann zwei, drei Monate  krankgeschrieben, und eines Tages - inzwischen war es Mai - kam mein Mann mit einer Zeitschrift und sagte: Sie haben Dr. Vela festgenommen, jemand hat ihn angezeigt, eine Journalistin hat alles aufgedeckt … Und ein Fotograph hat ein tiefgefrorenes Baby im Eisschrank der Klinik entdeckt und heimlich Bilder davon gemacht … Hier schau Dir das an! Da sagte ich zu meinem Mann: Das ist das Kind, das man mir gezeigt hat … und dann erzählte ich ihm die ganze Geschichte."

Wie Elsa Lopez erging es vielen Frauen. Eine Krankenschwester bestätigte 2011 in einem Interview, was sich bis Anfang der 80er-Jahre in der Madrider Privatklinik San Ramon abgespielt hatte:

Krankenschwester:
"Ich wusste, dass bei uns Babys verkauft worden sind, wir haben alle mitgemacht bei diesem Theater … Wenn Dr. Vela kein Baby zum Verkaufen hatte, wurde er immer nervös – natürlich konnte er nicht allen Frauen ihre Babys wegnehmen – aber wenn er nicht genug Nachschub hatte, verkaufte er nicht nur die Kinder lediger Mütter, sondern auch die von jungen Paaren, er sagte ihnen, ihr Kind sei tot geboren, und sie sollten nicht traurig sein, sie könnten doch noch weitere Kinder bekommen … Ich wurde einmal nach Eiswürfeln geschickt, und da lag in der großen Eistruhe ein totes Baby, ziemlich blau angelaufen. Eine Kollegin erzählte mir dann, dass sie dieses Baby holen und es auftauen musste, um es Eltern zu zeigen als Beweis, dass ihr Kind tot zur Welt gekommen war. In Wirklichkeit war ihr Kind bereits verkauft worden. Ich als Mutter konnte mich natürlich in diese armen Frauen reinversetzen, aber was sollte ich tun? Wir waren zu Komplizen geworden, ohne dass wir es wollten, und wem sollten wir das erzählen?"

Auszug aus dem Manuskript der Sendung:

Ein Kind, das seine leibliche Mutter wiederfindet, lernt damit endlich seine wahre Identität kennen. Für das Kind ist die Begegnung  sozusagen der Endpunkt einer langen Suche. Für die Mutter dagegen ist es der Anfang, sie möchte nun die Uhr zurückdrehen und alles nachholen, aber sie übersieht dabei, dass ihr Kind ja bereits eine Familie hat … erklärt Jaime Ledesma, der sich als Psychologe und Mediator mit den Problemen geraubter Kinder und ihrer leiblichen Eltern beschäftigt. Regel Nummer eins für die Eltern sei es, so Ledesma, ihre Erwartungen  herunterzuschrauben  und sich in Geduld zu üben. Sonst seien Enttäuschungen vorprogrammiert. Er hält es für mehr als schwierig, nach 30 oder 40 Jahren eine Mutter-Kind Beziehung aufzubauen. Was dagegen mit ein bisschen Glück gelingen könne, sei etwas zwischen Freundschaft und Familie im weitesten Sinn. Die Mutter muß dazu jedoch erst ihren Schmerz bearbeiten, und das Kind seine Wut – war ihm doch immer erzählt worden, seine leibliche Mutter habe es nicht gewollt. 

Die Schriftstellerin Elsa Lopez ergänzt:
"Diese Kinder müssen wissen, dass wir sie geliebt haben, dass sie erwünscht waren, dass wir so gerne mit ihnen zusammen wären, es ist wichtig, dass sie das wissen – genauso wie es für uns Mütter wichtig ist, dass unsere Kinder uns suchen, weil sie unsere Liebe brauchen und weil sie ihre Wurzeln kennen möchten … es ist unser aller gutes Recht."  

Pili Montclus aus Barcelona lernte ihre leibliche Mutter vor fünf Jahren kennen. Und zumindest scheint es, als hätten diese beiden trotz aller Schwierigkeiten instinktiv die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz gefunden: 

"Das erste Treffen mit meiner Mutter war etwas unterkühlt, ich war ziemlich nervös, was da auf mich zukommen würde … inzwischen haben wir eine gute Beziehung, aber auf Distanz. Natürlich ist sie meine biologische Mutter, ohne Frage, aber trotzdem ist es erstmal eine Fremde, die da in Dein Leben tritt ... Ich versuche zärtlich zu ihr zu sein, die Arme hat es wirklich verdient, und so ganz langsam werden wir auch vertrauter miteinander, aber es bleibt trotzdem sehr kompliziert. Ich kann heute sagen ich habe eine gute Beziehung mit meiner Mutter, weil ich daran glauben will, dass es so ist, und weil ich mir wünsche, dass sie für den Rest ihres Lebens glücklich ist, eine Tochter und auch Enkelkinder zu haben.

Das Geheimnis ist, den Groll zu vergessen, den Du Dein Leben lang mit Dir herumgetragen hast, und alles dafür zu tun, um glücklich zu leben, solange es geht. Zumindest ist für meine Mutter noch alles gut ausgegangen, 46 Jahre Traurigkeit, und jetzt ist sie glücklich, weil sie mich mithilfe eines Privatdetektivs endlich gefunden hat. Natürlich kannte ich sie vorher nicht, aber die Leute in ihrer Umgebung haben mir erzählt, dass sie vorher ein sehr zurückhaltender Mensch war, sehr schüchtern, sie ging kaum aus dem Haus, jetzt geht sie unter Leute,  jetzt öffnet sie sich, sie ist stolz und glücklich und erzählt allen von mir, jetzt kann sie – wie sie mir sagte – ruhig sterben."

Auszug aus dem Manuskript:

Baltasar Garzón war der erste Richter in Spanien, der es 2008 wagte, die Verbrechen der Franco-Diktatur zu untersuchen; es war ein Stich ins Wespennest. Prompt wurde er daraufhin vom Dienst suspendiert, mit seinen Ermittlungen habe er sich über das Amnestiegesetz von 1977 hinweggesetzt. Doch Garzón definiert das, was im Bürgerkrieg und danach passierte – auch die Entführung der Kinder politisch links stehender Eltern - als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das nicht verjährt. 

Der bekannteste spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzon.  (picture alliance / dpa / EFE)Der bekannteste spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón. (picture alliance / dpa / EFE)
Baltasar Garzón war weltweit bekannt geworden, als er 1998 den chilenischen Ex-Diktator Pinochet in London festnehmen ließ. Er ermittelte auch gegen argentinische Junta-Chefs und erreichte, dass die dortigen Amnestiegesetze für die Menschenrechtsverbrechen der Militärs aufgehoben wurden.  
 
Verdrehtes Recht: Im Ausland als Weltgewissen gefeiert und für den Friedensnobelpreis nominiert, stand Garzón wenige Jahre später in seiner Heimat als Angeklagter vor dem obersten spanischen Gericht. Ausgerechnet drei ultrarechte Organisationen, darunter die offen faschistische Falange-Partei, hatten den Juristen wegen Rechtsbeugung verklagt - und der Gerichtshof hatte sie nicht abgewiesen. Garzón habe sich über das demokratisch verabschiedete Amnestiegesetz von 1977 hinweggesetzt. Bei Ermittlungen in einer Korruptionsaffäre, in die die konservative Regierungspartei verstrickt war, soll er außerdem Rechte von Verdächtigen verletzt haben. 2012 wurde er deshalb seines Amtes enthoben und mit einem elfjährigem Berufsverbot belegt. Mit diesem Karriere-Aus ruht in Spanien auch die juristische Aufarbeitung der Verbrechen der Francozeit.

Baltasar Garzón:
"Es ist in Spanien von staatlicher Seite keinerlei Wille erkennbar, die Archive zu öffnen und die Vergangenheit zu beleuchten; wenn sich etwas bewegt, dann höchstens durch private Initiati. Der Staat mauert, es gibt keine Kultur der Erinnerung. In Spanien sind bis heute noch Geheimdokumente aus der Zeit des Bürgerkrieges und des Franquismo unter Verschluss! Das muss man sich mal vorstellen – in welchem anderen Land wäre sowas möglich? Das interessiert doch keinen, heißt es dann, da sollen sich die Historiker drum kümmern … aber das bedeutet, dass wir unsere eigene Geschichte umschreiben. Ich erinnere mich an eine traurige Begebenheit: Da kamen eine 100-Jährige und eine 99-Jährige zu mir, die beiden wollten eine DANN-Probe abgeben, falls ihre im Bürgerkrieg ermordeten Angehörigen eines Tages in einem Massengrab gefunden werden sollten. Ich ging dann zu einem Richter, und der sagte den schrecklichen Satz: Das eilt doch nicht, das können wir auch noch machen lassen, wenn die beiden tot sind. So läuft das in Spanien. Es ist einfach kein echter Wille zur Reue vorhanden, kein Gefühl dafür, dass man sich bei den Opfern entschuldigen müsste, das ist das große Problem, oder sagen wir: eines der großen Probleme."

Baltasar Garzón hat gegen die in Spanien jahrzehntelang übliche Kultur des Schweigens verstoßen und sich damit nicht nur unter Kollegen viele Feinde gemacht. 

Baltasar Garzón:
"Meine Familie hat die Kämpfe ja von Anfang an miterlebt und mit erlitten, die Hetzjagd gegen mich, aber es hat natürlich auch gute Momente gegeben, dadurch, dass ich gefährdet war, aber dennoch keinen Personenschutz bekam, waren wir viel gemeinsam zuhause. Man musste ja vorsichtig sein, dem Mann meiner Tochter zum Beispiel haben sie vor meinem Haus das Auto angezündet, und wenn es im Radio oder im Fernsehen ein Interview mit mir gab, bekam der Sender nach der Ausstrahlung sofort diverse E-Mails von Rechtsextremen, dass man mich besser umbringen sollte, eben weil ich es gewagt hatte, mich mit den Verbrechen der Francozeit zu beschäftigen. Ich habe immer versucht, meinen Kindern zu vermitteln, wie wichtig es ist, seine Überzeugungen zu vertreten; wie wichtig es ist, auf der Seite der Schwachen zu stehen. Wie wichtig es ist, nicht aufzugeben, auch wenn es unangenehm wird, und dass man die Konsequenzen tragen muss, wenn nötig bis zum bitteren Ende. Das sehen sie auch so - andererseits ist es für sie sehr schwer zu verstehen, dass etwas, das Du machst, und was absolut legal ist, Deine Karriere als Richter beenden kann und damit einen Teil Deines Lebens zerstört."

Auszug aus dem Manuskript:

Der Glaube an den Sieg der Gerechtigkeit ist vielen "afectados" inzwischen abhandengekommen. Sie sind es leid, seit Jahren die immer gleichen Lügengeschichten zu hören - ein Brand habe das Archiv der Klinik zerstört, eine Überschwemmung sämtliche Dokumente des Klosters vernichtet ... Naturkatastrophen am laufenden Band, sagt Gonzalo Porset sarkastisch. Wie wäre es mal mit einem Vulkanausbruch? Gonzalo war – bevor er verkauft wurde - als Baby mit seiner leiblichen Mutter offenbar für einige Wochen in einer casa cuna, einem Säuglingsheim untergebracht.

Gonzalo Porset:
"Als ich jetzt Näheres über meine Geburt wissen wollte, bin ich in dieses Heim zu den Nonnen gegangen, habe meine Geburtsurkunde vorgezeigt, und da sagte man mir: uih uih, das ist sehr schwierig da noch etwas rauszufinden, weil nämlich damals eine große Überschwemmung stattfand, und das ganze Archiv vernichtet wurde. Ich hab es Wochen später trotzdem ein weiteres Mal probiert, bin wieder hin, und da sagte man mir, es habe vor Jahren gebrannt und deshalb seien alle Unterlagen zerstört. Dann bin ich noch ein drittes Mal hingegangen, diesmal mehr aus Witz, ich hatte zuvor mit einem Freund schon zwei Bierchen getrunken, und ich weiß gar nicht mehr genau, welchen Unfug sie mir diesmal erzählt hatten. In Wahrheit lügen sie eben immer."

Auch Antonio Iniesta, der seine Schwester sucht, ist empört: 

"Wir misstrauen den DNA-Labors, wir haben deren Manipulationen mitgekriegt und auch, wie uns die spanische Justiz die kalte Schulter zeigt, uns, den Opfern! Zum Beispiel in Valencia hat die Justiz Anweisung ans Standesamt gegeben, dass es keine Dokumente an uns herausgeben darf. In vielerlei Weise sind wir nicht nur Opfer der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart. Sie legen uns jeden Prügel in den Weg den sie finden! Was haben sie denn zu verbergen? Klar, die Justiz ist in dieses ganze Drama verwickelt, die Partido Popular, der Opus Dei, der ja bei allen Schweinereien mit von der Partie ist … mit einem Wort: Die Mächtigen, diejenigen, die schon immer das Sagen hatten ... und die halten zusammen wie Pech und Schwefel! (Son una y carne)" 

Immer wieder wird der Opus Dei, eine erzkonservative katholische Laienorganisation, mit dem Babyhandel in Verbindung gebracht. Ob zu Recht sei dahingestellt. Fakt ist lediglich, dass der Siegeszug des Opus Dei unter Franco begann, Fakt ist auch, dass jene Ärzte, die während der Diktatur den Gynäkologie-Sektor beherrschten, fast alle dem Opus Die angehörten oder ihm – wie zum Beispiel Dr. Vela - zumindest nahestanden. Noch heute gilt der Laienorden in Spanien mit rund 30.000 Mitgliedern als das mächtigste katholische Netzwerk, mit Einfluss auf Banken, Industrie und vor allem die Politik. Der Opus Dei hat sogar eigene Universitäten in Madrid, Navarra und Barcelona, wer dort studiert hat, kann sicher sein, danach einen guten Job zu bekommen.

Jaume Santandreu, ein Ex-Priester aus Mallorca, erklärt im Kontext dieser Vergangenheit Mechanismen und Motive des Babyraubs:

In vielen Ländern gab es Fälle von Babyraub.
Irland erlangte in diesem Kontext traurige Berühmtheit, ebenso Argentinien, Chile oder Australien, wo mithilfe des Staates jahrzehntelang Kinder der Ureinwohner entführt wurden – aber nirgendwo auf der Welt verschwanden so viele Babys wie in Spanien. Und nirgendwo sonst widerfährt den Opfern so wenig Gerechtigkeit. Ärzte und Nonnen aus 175 spanischen Kliniken und Entbindungsheimen wurden in den letzten Jahren angezeigt - mehr als 3.000 Fälle alles in allem. Über 90 Prozent sind inzwischen archiviert. Der Rest wird zwischen den Behörden hin und hergeschoben. 

Welche Rolle die katholische Kirche bei alledem spielte, und auf welch starken Säulen ihre Macht auch im heutigen Spanien noch ruht, davon bekomme ich eine sehr konkrete Vorstellung als ich Jaume Santandreu treffe. 50 Jahre lang war er Priester auf Mallorca; dann kehrte er der Kirche den Rücken. Als Kind war er im Priesterseminar wiederholt von einem Geistlichen vergewaltigt worden. Als er den Missbrauch offenbart, weist ihn der Bischof zurecht: Er sei der Sünder, er habe den Priester verführt! Jaume Santandreu muss ein Dokument unterschreiben, das ihn zum Schweigen verpflichtet. Als er dieses Papier 50 Jahre später noch mal einsehen will, heißt es, das Archiv mit den Unterlagen sei leider verbrannt. Für Jaume Santandreu eine Lüge zu viel: Er legt sein Priesteramt nieder und macht seinen Fall öffentlich. Doch es geht ihm um weit mehr als um sein eigenes Schicksal: Er – der bekennende Schwule - prangert die doppelbödige Sexualmoral der Kirche an: "Unterdrückte werden immer zu Unterdrückern." Heuchlerisch und selbstherrlich nennt er die katholische Kirche in Spanien, bis heute sehe sie keine Notwendigkeit, ihren schlimmsten Skandal - den Babyraub – aufzuklären und die Opfer um Verzeihung zu bitten. Sexualität und Macht spielen für ihn auch in diesem Fall eine entscheidende Rolle:

Jaume Santandreu:
"Tatsächlich konnte diese Ungeheuerlichkeit nur im Kontext der Kirche geschehen. Sie müssen sich das so vorstellen: In ganz Spanien und auch hier auf Mallorca konnte man früher nur dann ein Krankenhaus oder eine Geburtsklinik eröffnen, wenn die Leitung in Händen eines Klosters lag, wenn die Chefs Geistliche waren. Und für die Kirche waren und sind die Babys keine gestohlenen Kinder, sondern gerettete Kinder! Privilegierte Kinder! Die Kirche hat bis heute die Vorstellung, dass sie ein gutes Werk getan hat. Wenn man das nicht zugrunde legt, kann man das ganze Drama nicht verstehen. Die Nonne nahm einer Frau ihr Baby weg, weil sie in ihren Augen als Mutter nicht taugte – die Frau war für sie eine Prostituierte, eine Sünderin, und das Kind war eine Frucht der Sünde. Sie rettete also das Kind und konnte es sozusagen den Heiligen übergeben, wohlhabenden Leuten, die in die Kirche gingen … das war ihre Überzeugung. Dabei spielte auch ihr Unterbewusstsein eine Rolle: Im tiefsten Inneren hatte die Nonne nämlich eine große Wut gegen die Frau, die ein Kind kriegte, während sie selbst niemals Mutter werden konnte. Der Babyraub erklärt sich also auch als eine unbewusste Rache von Nonnen und Priestern an Menschen, die das tun konnten was sie selbst nicht durften."

Carmen del Mazo, eine sympathische, energiegeladene Frau Anfang 60 fehlt auf kaum einer Demo von afectados in Madrid, obwohl sie weder ein Kind verloren hat noch ihre Eltern sucht. Sie ist hier, um die Opfer in ihrem Kampf zu unterstützen, weil sie einst selber Nonne bei den Hijas de Caridad war, bis sie mit der Zeit merkte, wohin sie da geraten war. Ende einer Hoffnung und eines Lebenstraums.

Carmen del Mazo:
"Ich bin 1974 ins Kloster eingetreten, in den ersten Jahren war ich sehr glücklich, es war ja noch die Zeit der Franco-Diktatur, da hat man eigentlich über nichts geredet, erst als dann die Demokratie begann wurde mir klar, welchen Standpunkt die Kirche eigentlich einnahm – dass sie sich in Wirklichkeit gar nicht für die kleinen Leute interessierte … während der Diktatur hatte ich das nicht realisiert, ich war einfach jung und naiv, 21 Jahre alt, und wie gesagt: Man sprach über all das nicht, alles wurde beschönigt, alles war gut ... Ich hatte große Ideale und Illusionen, ich wollte den Armen und Entrechteten helfen, und ich dachte, das könnte ich am besten in einer religiösen Gemeinschaft tun, deswegen bin ich ins Kloster gegangen. Nach dem Ende der Diktatur wurden die Nonnen nervös, sie hatten Angst, im Grunde waren sie gegen die Demokratie, wir durften zum Beispiel auch nicht die Linken wählen, sondern mussten unser Kreuzchen bei der konservativen PP machen, die Oberin hat das überwacht. Ich hab sie allerdings ausgetrickst damals, ich hatte bereits heimlich gewählt, per Brief, mit Hilfe meines Vaters, und zwar die Linken. 

Ich merkte mit der Zeit immer mehr, wie intolerant die Kirche war, Geschiedene durften nicht mehr zur Kommunion, Homosexuelle waren Menschen zweiter Klasse, und ich fragte mich, wo bin ich denn da hineingeraten! Außerdem wurde mir klar, dass ich mich auf Seiten der Macht befand und nicht auf Seiten der Armen, wie ich das ursprünglich gewollt hatte. Es gab diverse Nonnen, die so unter der Repression litten, dass sie psychische Probleme bekamen, einige landeten sogar in der Psychiatrie. Ich hatte drei Möglichkeiten: mich anzupassen oder verrückt zu werden. Oder zu gehen. Genau das tat ich dann, ich wollte mein Leben leben. 

Es war schwer für mich, wieder ins Leben draußen zurückzufinden. Es ging mir schlecht, ich war frustriert und depressiv, ich war mit den Nerven fertig, und ich hatte weder Geld noch einen Beruf. Ich hatte meine ganzen Habseligkeiten im Kloster zurücklassen müssen, und ich war außerdem nicht versichert. Ich wohnte bei meinen Eltern, nachts schlief ich in fünf Decken eingehüllt, wir hatten keine Heizung und ich fror schrecklich. Anfangs traute ich mich gar nicht alleine rauszugehen, auf die Straße, einfach so in ein Café, ich hatte dauernd Angst, ich war es ja gewöhnt, dass ich für alles immer um Erlaubnis bitten musste. Aber schließlich habe ich mich aufgerafft und bin nach Madrid gefahren um mir einen Job zu suchen, ich habe als Putzfrau gearbeitet, später als Taxifahrerin, als Küchenhilfe, in einem Altersheim und dann in einer Straßen-Ambulanz, da bin ich nun seit zwölf Jahren ... bald werde ich pensioniert."

Im Jahr 2000 fand der Madrider Journalist Emilio Silva in der Provinz León das Massengrab, in dem sein Großvater liegt. Silva gründete daraufhin eine gemeinnützige Organisation, die "Vereinigung zur Wiedergewinnung der historischen Erinnerung". In den Folgejahren hatte der international bekannte Ermittlungsrichter Baltasar Garzón Ermittlungen zu den Verbrechen des Franco-Regimes aufgenommen und die Öffnung von 25 anonymen Massengräbern angeordnet. Mit dem Vorhaben hatte er eine heftige Kontroverse in Spanien ausgelöst. Was danach geschah, ist bekannt; Garzón wurde für unbefugt erklärt, die Verbrechen des Franquismus zu untersuchen, und wegen Amtsmissbrauch seiner Funktionen am Nationalen Obergericht enthoben. Der "International Herald Tribune" schrieb in einem Leitartikel, nicht Garzóns Ermittlungen, sondern die Taten des Franco-Regimes seien das Verbrechen, das zur Debatte stehe, und nannte den Prozess gegen Garzón eine "Justizparodie".

"Spanien ist unfähig, sich aus der Gefangenschaft Francos zu befreien", so der Journalist Emilio Silva. "Spanien hat Angst vor der Wahrheit. Wir haben so lange unter Franco gelebt, dass wir lernen müssen, den Franquismus zu verlernen." Inzwischen hält Silva die Transición, die Phase des Übergangs nach der Franco-Diktatur, für den Geburtsfehler der spanischen Demokratie. "Die Opfer mussten noch mehr Opfer bringen. Sie mussten auf Gerechtigkeit verzichten, in der Bedeutungslosigkeit verharren, um den Frieden zu wahren." Und doch: Der Pakt des Schweigens hat nicht ewig gehalten. In der Generation der Enkel gibt es Menschen, die sich mit dem "Schhht!" der Eltern und Großeltern nicht abfinden wollen. Wie in Argentinien, wo die Mütter der Verschwundenen gemeinsam mit ihren Töchtern und Söhnen das Schlusspunktgesetz kippten und die Folterknechte vor Gericht brachten. Wie in Deutschland, wo die Achtundsechziger die Stille der Nachkriegszeit störten.

Die Schriftstellerin Elsa Lopez
Manchmal saß ich in einem Straßenlokal, erzählt Elsa Lopez, ich beobachtete die Kinder ringsum und sagte mir: Meine Tochter wäre jetzt ein Jahr ... jetzt wäre sie zwei, jetzt drei.

Elsa Lopez:
"Ich schaute, ob ich ein Kind entdeckte, das ihr ähnlich sah, also ähnlich im Sinne der Vorstellung, die ich mir von ihr machte. Ich hatte ja nach ihr noch zwei weitere Töchter geboren, und suchte ähnlich aussehende Mädchen, aber ich habe nie eines gefunden … Irgendwann habe ich die Suche dann für einige Jahre aufgegeben, bis ich eines Tages die innere Notwendigkeit verspürte, doch wieder damit anzufangen. Es war die Zeit, in der sich diverse Frauen, die alle in der Klinik San Ramon entbunden hatten, und denen dasselbe passiert war wie mir, zu einer Gruppe zusammenschlossen; und es war die Zeit, in der plötzlich auch Kinder anfingen, nach uns, ihren Müttern zu suchen."

Zwei oder dreimal sah es so aus, als hätte Elsa Lopez ihr Kind gefunden, aber die DNA hatte dann doch nicht übereingestimmt.

Elsa Lopez:
"In solchen Momenten leidet man immer wieder aufs Neue und würde am liebsten alles hinwerfen … Auf der anderen Seite denke ich manchmal: Wofür eigentlich das Ganze? Selbst wenn ich meine Tochter heute, mit ihren inzwischen 34 Jahren, wiederfinde: Worüber werden wir sprechen? Was haben wir einander zu sagen? Vielleicht hat dieses Kind ja gar nichts mit meiner Welt zu tun, nichts mit meiner Kultur, meiner Lebensart, das wäre furchtbar für mich. Sie rauben Dir ja nicht nur Dein Kind, sie rauben auch ein ganzes Leben. Und sie ziehen andere mit hinein. Zum Beispiel meine älteste Tochter, sie will nicht, dass ich weiter suche, weil sie Angst hat, dass ich leide, und dieses Kind nie finde und selbst wenn ich es fände, dass es eine schreckliche Begegnung sein könnte.

Ich kann sagen, ich bin glücklich, ich habe drei Kinder und vier Enkel, bald kommt mein fünfter Enkel auf die Welt, wir sind wirklich eine glückliche Familie, die zusammenhält, und trotzdem fehlt mir etwas … ein Teil von mir fehlt … intuitiv spürt meine Familie diesen Schmerz, ich schrecke nachts oft aus dem Schlaf hoch, und manchmal passiert es mir, dass ich zu jemandem sage: Ich habe drei Kinder … und mich dann korrigiere: Nein, vier! Ich habe vier Kinder. 

Ich hatte vier. Dieser Schmerz wird mich nie verlassen. Nie." 


Weitere Informationen zur Sendung: 

Für Hörerinnen und Hörer, die Spanisch sprechen:

Tausende Freiwillige aus über 50 Ländern kämpften im spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Republikaner, unter ihnen etwa 3000 Deutsche. Dazu ein interessanter Link: www.spanienkaempfer.de (deutsch)

1939 – Der spanische Bürgerkrieg endet mit dem Sieg Francos
YouTube: DESFILE DE LA VICTORIA 1939  (spanisch)

Auf YouTube finden Sie auch einen Film, der den politisch motivierten Kinderraub Ende des spanischen Bürgerkriegs zeigt: Informe semanal - Los niños robados del franquismo ... - RTVE.es
Gefängnisszenen, internierte Frauen, denen man ohne irgend eine Erklärung ihre Kinder wegnimmt ; diese Kinder wachsen dann entweder in francotreuen Familien auf, oder in religiösen Heimen.

Eine Betroffene von damals, Montse Armengou, hat im vergangenen Jahr ein Buch über den Horror ihrer Kindheit geschrieben: LOS INTERNADOS DEL MIEDO Übers Internet zu bestellen bei: www.casadellibro.com

Auf YouTube finden Sie auch Filmaufnahmen und Berichte über die Demonstrationen von Opfergruppen, z.B. in Madrid:
NIÑOS ROBADOS PARTE 1 CONCENTRACION SAB 26 MAYO 2012
1 PARTE_ESPECIAL NIÑOS ROBADOS ESPEJO PUBLICO(26 SEP 2012)

Das Bild des Diktators Franco
… und seine Wahrnehmung ist in der spanischen Gesellschaft bis heute gespalten: "Während er für die einen für die Zerstörung einer bürgerlich-demokratischen Ordnung, eine grausame Repression und die jahrzehntelange Spaltung der Gesellschaft in Sieger und Besiegte steht, sehen andere in ihm eine umsichtige und kluge Persönlichkeit, die Spanien die Kriegsleiden im Zweiten Weltkrieg erspart und für das Wohl seines Volkes gewirkt habe", schreibt der deutsch-spanische Historiker Carlos Collado Seidel in seiner Biographie "Franco. General - Diktator - Mythos" / Urban Taschenbücher, erschienen 2015.

Links zu Portalen von Opfergruppen

www.buscoserqueridobio.es
www.afectadosclinicasanramon.com
www.sosbebesrobados.es

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