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StartseiteKultur heuteEine Lounge für die Aktivisten vom Tahrir20.12.2011

Eine Lounge für die Aktivisten vom Tahrir

Leiterin des Kairoer Goethe-Instituts erklärt Auswirkungen der Arabischen Revolution auf ihre Arbeit

Eine Kunstausstellung wurde aus der Planung genommen, stattdessen will das Goethe-Institut in Kairo im kommenden Jahr verstärkt den jungen Aktivisten vom Tahrir-Platz als Treffpunkt und Plattform zum Austausch dienen. "Tahrir-Lounge@Goethe" heißt ein neues Projekt.

Gabriele Becker im Gespräch mit Dina Netz

Junge Männer demonstrieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen die Macht der Generäle. (picture alliance / dpa / james Keogh)
Junge Männer demonstrieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen die Macht der Generäle. (picture alliance / dpa / james Keogh)

Dina Netz: Ein Jahr nach dem Beginn des Arabischen Frühlings ist die arabische Welt eine komplett andere. Das merken natürlich auch die Mitarbeiter der Goethe-Institute in den arabischen Ländern. Gabriele Becker ist die Leiterin des Goethe-Instituts in Kairo, das nur 100 Meter vom Tahrir-Platz entfernt liegt, und ich habe sie gefragt: Wie hat sich Ihre Arbeit seit der Revolution in Ägypten verändert?

Gabriele Becker: Wir haben im Grunde genommen unsere gesamte Planung, die wir für das Jahr 2011 schon stehen hatten, überdenken müssen, und eine ganze Reihe von Veranstaltungen haben wir abgesagt. Einige lange bestehende Projektlinien haben wir fortgesetzt, weil sie auch in die neue Zeit passen, und einige Projekte haben wir ganz neu aufgelegt.

Netz: Sagen Sie doch mal ein Beispiel oder einige Beispiele für Dinge, die Sie jetzt nicht mehr machen können, für andere neue Projekte, die Sie aufgelegt haben.

Becker: Was wir zum Beispiel nicht mehr machen, weil wir einfach glauben, das passt im Moment nicht, das ist eine Kunstausstellung, die fürs Frühjahr geplant war. Die haben wir ganz schnell abgesagt. Und dann machen wir auch solche Dinge wie in den Vorjahren - zum Beispiel Tanztheater-Gastspiele - in diesem Jahr auch nicht, weil da gibt es einfach Wichtigeres. Zum Beispiel wichtiger ist es, den jungen Aktivisten vom Tahrir-Platz, dem Symbol wirklich für die Befreiungsbewegung hier in Ägypten und den Nachbarländern, diesen jungen Leuten einen Platz zu geben, an dem sie sich treffen können, an dem sie reden, diskutieren, arbeiten können und wo sie auch Veranstaltungen machen können, die eine neue Gesellschaft in Ägypten mitgestalten helfen sollen. Ich spiele jetzt an auf praktisch das erste neue Projekt dieses Jahres, auf die Tahrir-Lounge@Goethe, die wir im Februar begonnen haben einzurichten, mit großer Unterstützung der deutschen Botschaft, und die dann im März/April ihre Arbeit aufgenommen hat. Diese Lounge ist heute ein Treffpunkt für junge Leute, sie wird von einem Team von sieben Aktivisten geleitet, völlig selbstständig. Das Goethe-Institut nimmt keinerlei Einfluss auf die inhaltliche Programmierung, was auch sehr gut ist, denn es gibt hier durchaus sehr kritische Stimmen zur Einflussnahme ausländischer Regierungen auf die Entwicklung in Ägypten. Das hat sich leider gerade auch in diesen letzten Tagen als etwas unschöner Ton gezeigt, der im Moment hier anfängt, hörbar zu sein.

Netz: In welcher Form wird der denn hörbar, von wem, wer äußert sich da und wie genau wird Ihre Arbeit kritisiert?

Becker: Ganz Genaues weiß ich nicht, aber wir haben jetzt zwei Online-Magazine kennen gelernt, in denen ganz explizit die deutsche Botschaft in Kairo genannt wird und auch das Goethe-Institut, dass dort Gruppen angeleitet würden im Demonstrieren und im Durchführen von Sit-ins und im sozusagen Anstiften zum Protestieren.

Netz: Frau Becker, ich kenne das aus anderen nicht-demokratischen Ländern so, dass die Goethe-Institute dort immer schon Anlauf- und Treffpunkt für einheimische Künstler und auch Oppositionelle waren und sind. War das also in Kairo vor der Revolution nicht so?

Becker: Doch. Das Goethe-Institut war immer Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle und Kulturschaffende, es hat immer einen Freiraum bedeutet, es hat immer Kontakt zu anderen Entwicklungen in Deutschland, in Europa, in der Welt bereitgestellt und wir haben auch immer Qualifizierungsprojekte gemacht, die wir in diesem Jahr und in den kommenden Jahren auch fortsetzen werden - zum Beispiel für die Zielgruppe der Verleger und Übersetzer.

Netz: Viele beobachten ja im Moment mit Sorge, was in Ägypten passiert, die Islamisten, die an die Macht gekommen sind. Welche Rolle spielen denn die Künstler im Moment überhaupt in der ägyptischen Gesellschaft?

Becker: Die Künstler waren sehr aktiv von Anfang an dieser Bewegung beteiligt und sie sind es auch jetzt. Wir haben gerade vor zwei Wochen eine Konferenz durchgeführt, ein "Forum on Culture and Politics", wo es um die Rolle der Künste, um die Rolle der Kultur in sich verändernden Gesellschaften geht. Da wollen die Künstler auf jeden Fall eine Rolle haben, einen Platz haben. Das geht von ästhetischen Produktionen, die zum Beispiel die revolutionären Situationen widerspiegeln, bis hin zur Formulierung von neuen kulturpolitischen Linien für demokratische Staatswesen.

Netz: Das Goethe-Institut als Plattform für arabische Künstler - das ist ja auf jeden Fall eine gute Sache. Aber ist das denn auch eigentlich im Sinne des Goethe-Instituts, das ja "die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland fördern und internationale kulturelle Zusammenarbeit pflegen" soll? Entspricht das noch dem Gründungsgedanken des Goethe-Instituts?

Becker: Oh ja! Wenn wir etwas können, dann ist es das, eine Plattform zu bieten, Leute zusammenzubringen, Netzwerke zu initiieren, den kulturellen Austausch auf diese Art zu praktizieren. Das ist seit vielen Jahren eigentlich eine der Hauptmöglichkeiten, wie wir unserem Auftrag gerecht werden, und das ist aus meiner Sicht auch der zeitgemäßeste. Denn wir verstehen unsere Arbeit auch als einen Beitrag zur lernenden und sich immer weiter entwickelnden Gesellschaft in den Ländern, in denen wir zu Gast sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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