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StartseiteKalenderblattEine Maler der Superlative und ein großes Rätsel25.10.2006

Eine Maler der Superlative und ein großes Rätsel

Zum 125. Geburtstag von Pablo Picasso

Man hat ihn als "Leitfossil" der Kunst des 20. Jahrhunderts bezeichnet, ihn einen "künstlerischen Kontinent" genannt. Und zweifellos wäre ohne sein magistrales malerisches, zeichnerisches, druckgrafisches und plastisches Werk die Geschichte der Moderne anders verlaufen: Pablo Ruiz Picasso. Er war nicht nur einer der größten, sondern auch der fleißigsten Maler, die es je gab: Über 15.000 Werke kennen wir von seiner Hand. Viele erzielen bis heute Rekordpreise, sein Leben wurde - mehrfach verfilmt und Thema unzähliger Bücher - zur modernen Legende. Heute vor 125 Jahren, am 25. Oktober 1881, wurde Pablo Picasso im spanischen Malaga als Sohn eines Malers geboren.

Von Rainer Berthold Schossig

Der Künstler Pablo Picasso, 1972 (AP Archiv)
Der Künstler Pablo Picasso, 1972 (AP Archiv)

Vom Vater hatte er die Statur, von der Mutter sein Etikett: Picasso war ihr Mädchenname. Schon früh ein Wunderkind, eroberte sich der junge Pablo die Welt im Sturm, entfloh er der väterlichen Gängelung. Die Akademien von Barcelona und Madrid wurden ihm schnell zu eng; mit 19 Jahren eroberte er die Hauptstadt der Malerei - Paris! Ob Malerei, Zeichnung oder Collage, ob Plastik oder Grafik - Picassos Kunst hat die Welt nicht nur interpretiert, sondern revolutionär verändert, ja neu geschaffen. Im atemberaubenden Sturmlauf seiner Phasen, Epochen und Perioden - blau und rosa, kubistisch und klassisch, realistisch und surrealistisch - überbot er sich immer wieder selbst, häufte Hauptwerk auf Hauptwerk - bis zum welterschütternden Meisterstück "Guernica":

"Guernica - das war eine riesige Katastrophe, aber nur der Anfang von vielen anderen Katastrophen, die noch folgten, nicht wahr!? Aber irgendwann ... - So ist das!"

Wortkarg war der Meister im Rückblick auf sein Riesentableau, das er in wenigen Wochen für den Pavillon der Spanischen Republik zur Pariser Weltausstellung 1937 malte, unter dem Eindruck der Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Fliegerstaffel "Legion Condor". Der Emigrant Picasso schwor sich, den Boden seines durch die Verbrechen des Franco-Faschismus geschändeten Vaterlandes erst wieder zu betreten, wenn dort Demokratie herrsche. Er sollte es nicht mehr erleben, erst seit seinem 100. Geburtstag ist "Guernica" in Madrid.

Der Weltkünstler Picasso ist ohne seine spanische Heimat undenkbar. Seine klassisch- arkadischen Themen, Flötende Hirten und Faune, badende Nymphen, ebenso natürlich die berühmten "Tauromachia", die dynamischen Corrida- und Torero-Szenen - sie alle wurzeln in den Bildern andalusischer und katalanischer Volksmärchen und Überlieferungen.

Doch das Genie Picasso zeigte sich gerade in den Grenzüberschreitungen: Zum ersten Mal 1907, als sein Gemälde "Demoiselles d'Avignon" die Kunstwelt schockierte: Vier hässlich verrückte, sich verrenkende, prostituierende Frauenkörper, die aber formal unerhört revolutionär explodieren! Mit einem Paukenschlag eröffnete Picasso die neue Ära des Analytischen Kubismus, zugleich beschwor er uralte, sexuelle Ängste. Der Dichter Guillaume Apollinaire brachte die exorzistische Besessenheit dieses das Jahrhundert eröffnenden Gemäldes auf den Punkt: ein "philosophisches Bordell! - Doch der Kubismus blieb nur eine Zwischenstation im Werklauf des Genies Picasso.

"Ich glaube, man muss immer weiter machen, immer etwas Neues, in anderer Weise! Sagen wir, man muss loslassen können, schon bald, kurz darauf. Um den Sachen auf den Grund zu gehen, muss man alles riskieren! Die Bilder immer wieder durchsehen - eins nach dem anderen prüfen, ob sie sich bewähren. Dieses Malen in Öl wie ich es tagtäglich tue im Atelier, das kann sehr gefährlich werden. Aber das ist es genau, was ich suche!"

Picasso war seinen angeblichen Kennern, Bewunderern und Nachahmern immer mehrere Schritte voraus. Rastlos malend und zeichnend schuf er sich sein ästhetisches Universum täglich neu; immer wieder verwarf er Altes, umkreiste Neues in unzähligen Anläufen, Annäherungen, Verwerfungen und Eroberungen. Und ebenso ging er, der sich gern in der Halb-Stier-halb-Mensch-Gestalt des Minotaurus darstellte, mit den Frauen um, die ihn begleiteten - sei es als Musen und Modelle, sei es als Geliebte oder Mütter seiner Kinder: Von Olga Schochlowa und Fernande Olivier über Therèse Walther und Dora Mahr bis zu Francoise Gillot und Jaqueline Roque. Fast alle diese Frauen scheiterten an Picasso, der sich im Zweifelsfall immer gegen sie und für seine Kunst entschied. Aus Göttinnen wurden Fußabtreter, aus Liebe Überdruss oder Eifersucht.

Am Ende seines Lebens war Picassos Ruhm unvergleichlich: Der Louvre widmete ihm zum 90. Geburtstag eine große Retrospektive, er war mehrfacher Schlossbesitzer und Millionär, er war bekannter als Könige und Präsidenten, die Preise seiner Bilder übertrafen alles je Dagewesene. Er starb 1973 - von aller Welt verehrt. Die Superlative Picassos sind heute Geschichte. Was ist geblieben von diesem letzten großen Malerfürsten? Zumindest eines: Das Rätsel Pablo Picasso bleibt ungelöst: Obwohl wir kaum sagen können, was eigentlich das Thema seiner Kunst war, vermissen wir ihn, freuen uns über jedes Wiedersehen seiner Bilder. Weder Pop-, Minimal- und Konzept-Art, noch Performance oder Neue Medien haben der Kunst wirklich neue Felder eröffnet, jenseits des unfassbaren, noch immer nicht ausgeloteten Kontinents Picasso.

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