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StartseiteKalenderblattEine neue Ära bei den Tories11.02.2005

Eine neue Ära bei den Tories

Vor 30 Jahren wurde Margaret Thatcher Vorsitzende der britischen Konservativen

<em> Never do something, just because other people do it. Never just follow the crowd.</em>

Von Monika Köpcke

Margaret Thatcher (AP Archiv)
Margaret Thatcher (AP Archiv)

Tue niemals irgendetwas, nur weil andere es tun. Dieses Lebensmotto scheint die treibende Kraft zu sein, als Margaret Thatcher sich aufmacht, den Mann zu stürzen, der seit neun Jahren scheinbar alternativlos an der Spitze der britischen Konservativen steht.

Eigentlich sollen die für den Januar 1975 angesetzten Neuwahlen nur den bisherigen Vorsitzenden Edward Heath im Amt bestätigen. Damit, so hofft man, wird endlich der allgemeinen Missstimmung in der konservativen Fraktion ein Ende gesetzt. Doch das Kalkül geht nicht auf. Die Herausforderin Margaret Thatcher, 49 Jahre alt, studierte Chemikerin und Steuerjuristin, Mutter von Zwillingen und anerkannte Finanzexpertin, liegt vorne.

Ich traute meinen Ohren nicht. Obwohl mir für den Sieg im ersten Wahlgang neun Stimmen fehlten und ein zweiter Wahlgang erforderlich war, führte ich doch klar. Wie die Dinge standen, konnte ich Parteiführerin werden. Wer weiß? - vielleicht gar Premierministerin. Ich ging nach unten und jemand öffnete eine Flasche Champagner. Aber ich musste einen klaren Kopf behalten, setzte mich also bald wieder ans Haushaltsgesetz, an dem ich gerade arbeitete.

So Margret Thatcher in ihren Erinnerungen. Nur zwei Stunden nach seiner Niederlage gibt Edward Heath seinen Rücktritt bekannt. Zu groß ist der ideologische Abgrund zwischen ihm, dem liberal gesonnenen, stets um den sozialen Ausgleich bemühten Konservativen und der rechtsaußen stehenden Margaret Thatcher, die sich für die Wiedereinführung der Todes- und Prügelstrafe einsetzt.

Ich sah, dass die Partei zu weit nach links gerutscht war. Es schien niemanden zu geben, der die Gedanken und Ideen hatte, die ich hatte. Es schien mir daher absolut lebenswichtig für das Land, dass ich kandidieren sollte.

Richtungslosen Opportunismus und ständiges Nachgeben unter dem Druck der Ereignisse werfen viele Konservative ihrer alten Führung vor. Seit den sechziger Jahren wird Großbritannien immer wieder von schweren Wirtschaftskrisen heimgesucht. Inflation, wilde Streiks und Arbeitslosigkeit lähmen das Land. Die Sehnsucht nach einer starken Hand ist groß. Drei Wahlniederlagen müssen die Konservativen unter Edward Heath hinnehmen. Nur von 1970 bis 74 stellen sie die Regierung. Mit Margaret Thatcher als Erziehungsministerin, die als erste Amtshandlung kurzerhand die traditionelle kostenlose Milchspeisung für Kinder abschafft. Die Presse kürt sie zur unbeliebtesten Frau Großbritanniens, und auch ihre Parteikollegen müssen tief durchatmen: Von ihnen hätte sich das niemand getraut. Aber was die anderen tun oder lassen, das hat sie noch nie interessiert. Wie lautet noch das Motto, das der Vater ihr als Kind einschärfte?

Never do something, just because other people do it, my father said. Never just follow the crowd, never.

Der Vater war Methodist und leidenschaftlicher Konservativer. Sparsamkeit, Fleiß und Rechtschaffenheit galten dem Gemischtwarenhändler als die höchsten Tugenden. Und seine Tochter sagt:

Meine Politik gründet nicht auf irgendeiner wirtschaftlichen Theorie, sondern auf Grundsätzen, mit denen ich groß geworden bin: ehrliche Bezahlung für ehrliche Arbeit, lege was beiseite für schlechte Zeiten, bezahle deine Rechnungen pünktlich, unterstütze die Polizei.

Wer sich danach richtet, kommt vorwärts. So wie sie den Aufstieg von der Krämerstochter zur Parteivorsitzenden schafft. Und in diesen Grundsätzen liegt für Thatcher auch das Rezept zur Gesundung der britischen Wirtschaft. Die eigene Biografie wird zum politischen Programm.

Die Gesellschaft gibt es nicht, nur Individuen,

... pflegt sie zu sagen; schließlich ist auch sie immer eine Einzelgängerin gewesen.

Und in einem BBC-Interview sagt sie:

Man braucht ein bisschen Stahl in der Seele, sonst wird man zu Gummi.

Am 11. Februar 1975 findet der zweite Wahlgang für den Parteivorsitz statt. Die alte Garde der Heath-Getreuen bietet vier Herausforderer auf. Aber das Ergebnis ist klar: Die neue Vorsitzende heißt Margaret Thatcher. Sie verspricht, die Konservativen wieder an die Macht zu führen und dann gründlich aufzuräumen: Den Wohlfahrtsstaat zurechtzustutzen, das Machtmonopol der Gewerkschaften zu brechen und die Menschen wieder an die alten viktorianischen Tugenden heranzuführen: Eigenverantwortung, Fleiß, Disziplin.

Sie hält ihre Versprechen: 1979 führt sie die Konservativen zurück in die Regierung. Sie wird Premierministerin und drückt Großbritannien ihren ganz eigenen Stempel auf. Immerhin elf Jahre lang.

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