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StartseiteKalenderblattEine sowjetische Institution05.05.2012

Eine sowjetische Institution

Vor 100 Jahren erschien die erste Ausgabe der russischen Tageszeitung "Prawda"

Nach Stalins Aufstieg zum kommunistischen Alleinherrscher wurde das gedruckte Wort der "Prawda" zur Richtlinie der gesamten Sowjetpresse. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion blieb sie das Sprachrohr der KPDSU. Am 5. Mai 1912 erschien in Petersburg ihre erste Ausgabe.

Von Hartmut Goege

Mit der Oktoberrevolution 1917 wandelte sich die Prawda zum Zentralorgan der herrschenden Staatspartei.  (dpa/Ulf Maurer)
Mit der Oktoberrevolution 1917 wandelte sich die Prawda zum Zentralorgan der herrschenden Staatspartei. (dpa/Ulf Maurer)

"Ich war an dem Tag in der Druckerei der Prawda. Es war ein unbeschreiblicher Freudentaumel. Setzer, Redakteure und Arbeiter aus den Petersburger Betrieben lagen sich in den Armen, zeigten sich gegenseitig die noch druckfeuchten Zeitungen, die unaufhörlich aus der Rotationsmaschine liefen. 40.000 Mal stapelte sich die Prawda vor uns auf den Tischen. Es war ein unvergesslicher Augenblick."

So beschreibt Boris Iwanow, einer der ersten Korrespondenten der Prawda, zu deutsch "Wahrheit", den 5. Mai 1912. In Russland herrschte Zar Nikolaus II. fast unumschränkt. Arbeiter und Bauern lebten in bitterer Armut. Soziales Aufbegehren und obrigkeitlicher Zynismus waren an der Tagesordnung. Aus dem westeuropäischen Exil heraus hatte Wladimir Illjitsch Lenin die Notwendigkeit erkannt, eine den bolschewistischen Zielen dienende Zeitung herauszugeben. Im Leitartikel der ersten Ausgabe war zu lesen:

"Wir wollen schreiben ohne die Meinungsverschiedenheiten zu verschweigen. Aber die Arbeiterklasse muss die Wahrheit kennen, die Lehren des Lebens gemeinsam untersuchen und gemeinsam handeln."

Eine Provokation für die zaristische Obrigkeit. Obwohl die Prawda legal erscheinen durfte, wurde die erste Ausgabe von der Zensur nicht freigegeben. Trotzdem kamen rund 1000 Exemplare in Umlauf. Im ersten Jahr wurde die Tages-Zeitung 41 Mal verboten. Redakteure landeten im Gefängnis oder wurden mit Geldstrafen belegt. Existieren konnte die Prawda nur, weil Arbeiter regelmäßig Gelder für einen Hilfsfond sammelten:

Zitat Prawda, 11. Januar 1913:
"Wir, eine Gruppe von Arbeitern der Ochtenser Pulverfabrik, begrüßen die Arbeiterzeitung PRAWDA als die Verteidigerin unserer Interessen. Von unserem kärglichen Lohn haben wir 14 Rubel und 90 Kopeken gesammelt."

Es war ein Katz- und Maus-Spiel. Nach jedem Verbot erschien die Prawda unter einem anderen Titel erneut: "Arbeiter-Prawda", "Prawda der Arbeit" oder auch als "Der Weg der Prawda". In den Jahren 1913 bis 1914 verschärften sich die Zensurmaßnahmen. Lenin, der nie ihr Redakteur war, aber fast täglich Artikel schrieb und die Geschicke der Zeitung von Krakau aus maßgeblich steuerte, riet der Redaktion, ihren revolutionären Inhalt sorgfältiger zu tarnen:

"Mir scheint, dass ihr einen ungeheuren Fehler macht, indem ihr planlos mit der Strömung schwimmt und den Ton der Zeitung nicht ändert. Man muss Legalität, Zensurfähigkeit erreichen, sonst richtet ihr unnütz die ganze Sache zugrunde."

Zwar wuchs bis 1914 die Zahl der unterstützenden Arbeitergruppen auf fast 3000 an. Ebenso aber klagten staatliche Zensurberichte immer häufiger über den Einfluss, den die Zeitung auf die Arbeiter ausübe.

Zitat Gouverneur von Kasan: "Die in den Hauptstädten erscheinenden Zeitungen enthalten eine solche Fülle von aufregendem Material, dass ihre Verteilung unter den Arbeitern eine äußerst gefährliche Erscheinung darstellt, die die öffentliche Sicherheit ernsthaft bedroht."

Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Prawda vollständig verboten. Mit der Oktoberrevolution 1917 wandelte sich die Oppositionszeitung allmählich zum Zentralorgan der herrschenden Staatspartei. Rund zehn Jahre lang bot sie noch breiten Raum für konstruktive Kritik und rief ihre Leser auf, über den richtigen Weg zum Sozialismus mit zu diskutieren. Aber schon bald bemerkte Lenin zum neuen Charakter der Zeitung:

"Maßlos viel Platz nimmt politische Agitation zu alten Themen ein. Es ist politisches Geschnatter. Außerordentlich wenig Platz nimmt der Aufbau des neuen Lebens ein."

Doch die politische Agitation nahm zu. Traktate von 600 und mehr Zeilen wurden mit jedem weiteren Jahr ihres Bestehens zum Inbegriff eines kollektiven Jargons. Phrasen, in denen ständig Pläne eingeleitet oder zusammengestellt, Kräfte angestrengt oder allseitig gestärkt werden, wurden zum Markenzeichen der Prawda-Sprache. Mit Stalins Aufstieg zum Alleinherrscher ab 1929 wurde ihr gedrucktes Wort zur Richtlinie der gesamten Sowjetpresse. Bis zum Zusammenbruch der UdSSR 1991 blieb sie mit einer Auflage von bis zu 14 Millionen Exemplaren Sprachrohr der KPDSU. Danach wurde sie zeitweilig verboten und eingestellt. Seit 1996 existieren mehrere voneinander unabhängige Prawdas, die der Kommunistischen Partei nahestehen. Mit einer Gesamtauflage von nur wenigen hunderttausend haben sie aber kaum noch politisches Gewicht.

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