Samstag, 17.11.2018
 
StartseiteKalenderblattEine Stunde ist eine Stunde ist keine Stunde02.10.2011

Eine Stunde ist eine Stunde ist keine Stunde

Vor 100 Jahren wurde in Preußen die Schulstunde auf 45 Minuten festgesetzt

Frankreich, die Niederlande oder die USA kennen Schulstunden mit 50, 60 oder 90 Minuten. In Deutschland wurde die 45-Minuten-Unterrichtsstunde zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs eingeführt – aus Spargründen. Heute verabschieden sich immer mehr Schulen davon.

Von Marion Kranen

Wie lange eine Unterrichtsstunde dauert, scheint eine Frage der Definition (Stock.XCHNG / Andre Veron)
Wie lange eine Unterrichtsstunde dauert, scheint eine Frage der Definition (Stock.XCHNG / Andre Veron)

"Ich bestimme, dass an allen höheren Lehranstalten die Dauer der Unterrichtsstunde allgemein auf 45 Minuten festzusetzen ist."

So lautete der Erlass, mit dem der preußische Bildungsminister August von Trott zu Solz ab dem 2. Oktober 1911 das Unterrichtswesen im Deutschen Kaiserreich reformieren wollte.

"Dazu muss man wissen, dass es nicht immer so war, dass man 45 Minuten hatte, sondern dass die 60-Minuten-Stunde das war, was am Anfang des vorigen Jahrhunderts der normale Zustand gewesen ist, und dass es eine Sparmaßnahme gewesen ist, die Unterrichtsstunden auf 45 Minuten zu verkürzen",

erklärt Gerhard Fischer, Schulleiter in Troisdorf bei Bonn. Üblich war damals eine Schulwoche von Montag bis Samstag. Die Stundentafel war streng reglementiert: Vormittags von 8 bis 11 und nachmittags von 14 bis 16 Uhr fand der Unterricht statt.

Das hieß für viele Schüler, die oft weiten Schulwege zweimal machen zu müssen oder eine lange Pausenzeit unbeaufsichtigt außerhalb der Schule auf sich zu nehmen. Durch die Einführung der sogenannten Kurzstunde konnten die durchschnittlich 30 bis 32 Wochenstunden nun auf den Vormittag konzentriert werden.

Der Ablauf einer Schulstunde war dabei zeitlich präzise definiert:

"Die für die einzelnen Lektionen festgesetzte Zeitdauer von 45 Minuten ist dem Unterricht unverkürzt zu sichern. Insbesondere sind die Lehrer anzuweisen und von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, dass sie solche Dienstobliegenheiten, die nicht zum Unterricht selbst gehören, zum Beispiel Eintragungen in das Klassenbuch, Prüfung des Äußeren schriftlicher Hausarbeiten bei der Abnahme usw. aus der Lehrstunde fernhalten."

In Klassen mit bis zu 80 Schülern war das ein fast unerreichbares Ziel. Dennoch warb die Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung noch 1913 vehement für die Einführung des ungeteilten Unterrichts mit seinen Kurzstunden: Denn der Erlass war zunächst nur auf die Höheren Knabenschulen beschränkt. An allen anderen Schulen wurde weiter nach altem Muster unterrichtet.

"Unaufmerksamkeit, Zerstreutheit und geringe Aufnahmefähigkeit der Kinder sind die Begleiterscheinungen des Nachmittagsunterrichts, die durch die Verdauung des Mittagsmahles bewirkt werden."

Doch die Reform war unter Pädagogen durchaus auch umstritten.

"Durch die Einführung der Kurzstunde ist indes die peinliche Innehaltung und Ausnutzung der Zeit von 45 Minuten strenges Erfordernis geworden. Da außerdem die Pausen gekürzt sind, werden die Lehrer systematisch zu militärischer Pünktlichkeit, wenn nicht zu übertriebener Hast angetrieben, die jede Behaglichkeit verbannt und die Nerven schädigt. Sie entspricht zu sehr dem ruhelosen Geiste unseres Zeitalters, um als Symbol pädagogischer Weisheit und Vollkommenheit gelten zu dürfen."

Kritisierte das "Lexikon der Pädagogik" im Jahr 1914. Dennoch setzte sich die Neuorganisation des Unterrichts bald an allen preußischen Schulen durch. Die 45-Minuten-Einheiten gelten bis heute in den meisten deutschen Schulgesetzen und Verordnungen als Norm.

"Sie haben sich dann als etwas scheinbar naturgesetzlich Vorgegebenes etabliert und sind dann nicht mehr infrage gestellt worden, bis heute, wo man beginnt, andere Vorstellungen von Lernen zu entwickeln. (...) Das ist, glaube ich, eine Differenz, über die man auch auf der Seite der Bildungsverwaltung gründlich nachdenken muss, dass Unterricht nicht zwingend Lernen bedeutet."

An dem Troisdorfer Gymnasium, das Gerhard Fischer leitet, wird seit 2007 wieder im 60-Minuten-Takt unterrichtet. Und immer mehr Schulen verabschieden sich von dem alten Modell:

"Am meisten stört daran, dass die 45-Minuten-Stunde gar nicht 45 Minuten dauert, (...) und die Erfahrung vieler Lehrer ist, dass die für die jeweilige Stunde geplanten Lernvorgänge, in dem, was in einem 45-Minuten-Raster real an Lernzeit zur Verfügung steht, überhaupt nicht zu realisieren sind."

Heute gelten weniger Stress, mehr Ruhe und vor allem eine andere Lernkultur als wichtigste Gründe für einen neuen Unterrichtsrhythmus in jeder Schulform. Und auch die Schüler und Schülerinnern sehen Vorteile:

"Der Hauptunterschied? Dass es eben 15 Minuten länger ist und man dementsprechend intensiver arbeiten kann im Unterricht. Ich hatte das Gefühl, bei den 45 Minuten war es eher oberflächlich."

"Ich finde, es ist effektiver so vom System her, weil sonst hat man die Sachen gerade ausgepackt, dann macht man ne halbe Stunde irgendwas, dann packt man wieder zusammen. Da kommt gar keine richtige Diskussion in der kurzen Zeit zustande, weil man ja nicht direkt damit einsteigen kann. Ich finde es so wesentlich besser."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk