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StartseiteAus Religion und GesellschaftVom Leiden der anderen Lebewesen22.09.2021

Eine Theologie für die TiereVom Leiden der anderen Lebewesen

Tieropfer im Islam, rituelle Schlachtungen im Judentum, und auch das Christentum werte Tiere systematisch ab, kritisieren Tierrechtler. Inzwischen mehren sich in allen drei Religionen die Stimmen, die theologisch für Tiere argumentieren – und für eine vegane Welt mit Gottes Segen.

Von Christian Röther

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Masthähnchen dicht gedrängt in einem Stall (dpa / Jens Büttner)
Tierwohl war in den monotheistischen Religionen lange Zeit kein Thema (dpa / Jens Büttner)
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"Damals hatte ich eine Katze, und diese wurde angefahren. Und durch diese Verletzung, die sie durch diesen Unfall hatte, kamen einige Tierarzt-Beträge zusammen. Die waren im vierstelligen Bereich. Und für mich als Studentin war das keine so einfach tragbare Summe, die ich aber dennoch auftrieb", erinnert sich die islamische Theologin Asmaa El Maaroufi.

"Musste mir dann aber von Freundinnen und Freunden, Familienangehörigen zu Teilen anhören, ob das so legitim ist, so viel Geld für ein Tier auszugeben, wo es doch so viele Menschen weltweit gebe, die mit anderen Problemen struggeln. Also im Sinne von Welthungersproblematik und dergleichen. Und das war für mich der Beginn einer großen Frage: Was möchte Gott, das Tier retten oder den Menschen retten?"


Selbstverständlichkeit des Tötens

"Müssen wir die Interessen des Menschen immer und ohne Zweifel über jene der Tiere stellen?"

Diese Frage verneint nicht nur Asmaa El Maaroufi. Denn nicht nur in der islamischen Theologie werden solche Stimmen laut; auch in der jüdischen und in der christlichen Theologie werden jene Stimmen immer wahrnehmbarer, die das Töten von Tieren generell in Frage stellen. Und Stimmen, die kritisieren: "Dass wir Orte in unserer Gesellschaft geschaffen und auch institutionalisiert haben, an denen das Töten völlig normal und zu einer völligen Selbstverständlichkeit geworden ist. Und genau das ist für mich eine ganz entscheidende Verbindungslinie zwischen den Tierrechtsdebatten auf der einen und den theologischen Diskursen auf der anderen Seite", sagt die katholische Theologin Simone Horstmann.

  (Imago / Ikon Images / Sophie Blackall) (Imago / Ikon Images / Sophie Blackall)Philosoph Bernd Ladwig über Tierethik - Politische Rechte auch für Tiere
Tiere leiden und sterben millionenfach für unsere Zwecke. Moralisch sei das kaum zu rechtfertigen, meint der Philosoph Bernd Ladwig. Er fordert, die Interessen von Tieren zu achten.

Und auch die jüdische Theologin und Agrarwissenschaftlerin Deborah Williger findet theologische Argumente, um sich für Tiere einzusetzen. Sie zitiert aus ihren Notizen:

"Tieren, hebräisch 'beseelten Lebewesen', kommt ein unabhängiger Schöpfungsauftrag zu: ‚Seid fruchtbar und mehrt Euch in Euren Arten.‘ Und: ‚Alles, was atmet, lobet Gott.‘"

Die Arche Noah

Deborah Williger engagiert sich ehrenamtlich am Institut für Theologische Zoologie in Münster. In der Hebräischen Bibel und ihren Geboten entdeckt sie viele Passagen, die sie zugunsten der Tiere auslegt.

"Die ersten Gebote nennt der Talmud noachidische Gebote. Inklusive Tierschutzgeboten setzen sie menschlicher Maßlosigkeit Grenzen."

Sintflut mit Arche Noah (IMAGO / KHARBINE-TAPABOR)Die Rettung aller Tierarten vor dem Aussterben in der Geschichte von Noah (IMAGO / KHARBINE-TAPABOR)

Die Erzählung über die Arche von Noach oder Noah – ein Mensch rettet alle Tierarten vor dem Aussterben – diese Erzählung deutet Deborah Williger als ein biblisches Plädoyer für die Artenvielfalt. "Es obliegt uns, die evolutionäre Artenvielfalt zu schützen. Der Regenbogen der Noach-Erzählung symbolisiert die Hoffnung auf einen ewigen Bund." Ein Bund zwischen Gott, Menschen - und Tieren. Oder, wie es in der Tierrechtsbewegung oft heißt: zwischen Menschen und anderen Tieren.

"Alles Grün des Krauts zum Essen"

Deborah Williger findet im Judentum noch weitere Anknüpfungspunkte für Tierrechte. So weisen die jüdischen Speisegebote und die koschere Ernährung ihrer Ansicht nach den Weg zum Ideal des Veganismus. Ziel sei also der Verzicht auf alle tierischen Produkte, vom Steak bis zum Hühnerei.

"Dem Fleischverzehr werden zigfache Grenzen gesetzt. Die Ernährungsgebote kanalisieren menschliche Gier vor potenzieller Allesesserei. Bewusster, maßvoller und gezielter Genuss werden trainiert. In der Schöpfungserzählung, Vers 29, erhalten alle Lebewesen den Auftrag, sich von Früchten, Samen und Kräutern zu ernähren. Also vegan."

"Gott sprach: Da gebe ich euch alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist, und alljedem Baum, daran samensäende Baumfrucht ist, euch sei es zum Essen, und Allem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels, allem was auf der Erde sich regt, darin lebendes Wesen ist, alles Grün des Krauts zum Essen."

  (Deutschlandradio / Christian Röther) (Deutschlandradio / Christian Röther)Speisevorschriften in Religionen - Du bist, was du isst
Sich "koscher" oder "halal" ernähren – das sind nur zwei von unzähligen Ernährungskonzepten, die Religionen hervorgebracht haben. Praktisch jede Religion greift in das Essverhalten ihrer Anhänger ein.

"Das Paradies ist zugleich Herkunft und angestrebtes Ziel. Auf dem Weg zum veganen Ideal unterstützen uns die Grenzsetzungen der Speisegebote."

"Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht."

Die Erde "schafen"

Dieser berühmte Bibelvers wird oft herangezogen, um zu legitimieren, dass die Menschen heute über die Tiere "herrschen". Deborah Williger schlägt deshalb eine andere Übersetzung vor:

"Seid fruchtbar und mehret Euch und schaft die Erde!"

"Die Verbwurzel enthält drei Konsonanten. Ich habe vor ein paar Jahren entdeckt und publiziert, dass die drei Konsonanten mit anderer Betonung und Vokalisierung 'kævæś' ergeben, und das heißt 'Schaf'."

"ER ist mein Hirt, mir mangelts nicht. Auf Grastriften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich."

"Wenn die Verbwurzel Schaf ergibt, dann könnte das doch eine Bedeutung für das israelitische Hirtenvolk gehabt haben. Und ich übersetzte: Seid fruchtbar und mehrt Euch und schaft die Erde. Gleichbedeutend mit: Die Erde soll friedlich besiedelt werden. Die Urmenschengattung Adam soll die Erde wie Schafe oder mit Schafherden friedlich besiedeln."

"Tiere sind an sich eigentlich bedeutungslos"

Lammfromm ist der Mensch gegenüber dem Tier allerdings nie gewesen. Im Gegenteil: Deborah Williger meint, dass die Menschen eine "dualistische Herrschaft" über die Tiere errichtet haben. Sie nennt es: Jugularismus. Diesen Begriff hat die jüdische Theologin selbst entwickelt.

"Für dualistische Herrschaftsformen gibt es Begriffe wie zum Beispiel Nationalismus, Antisemitismus, Sexismus. Doch für die Ideologie, die die Herrschaft über Tiere begründet, fehlte ein Begriff. Ich publizierte dafür den Begriff Jugularismus. Jugularismus - von lateinisch ‚jugulare‘ für ‚schlachten‘, ‚zerstören‘ - steht für die Ideologie der Herrschaft über Tiere."

Diese Herrschaft der Menschen über die Tiere will die Tierrechtsbewegung lieber heute als morgen beenden. So auch die katholische Theologin Simone Horstmann. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Dortmund, und sie gibt der christlichen Theologie eine wesentliche Mitschuld daran, wie Menschen heute im Allgemeinen mit Tieren umgehen:

"Das Christentum hat es zu verantworten, dass Tiere nahezu für bedeutungslos erklärt wurden. Damit meine ich, dass unsere Gesellschaft insofern noch vielfach – auch da, wo sie das gar nicht will vielleicht – theologisch und religiös geprägt ist. Nämlich in der Hinsicht, dass sie davon überzeugt ist: Es ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit, dass wir Tiere töten. Und da geht eigentlich auch nichts Wirkliches bei verloren."

  (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Religion, Theologie und Gewalt - Leiden Tiere unter dem Christentum?
Tag für Tag werden in Deutschland rund zwei Millionen Landtiere getötet. Dass die meisten Menschen das nicht in Frage stellen, hat für die Theologin Simone Horstmann auch religiöse Gründe.

Simone Horstmann kommt zu dieser Einschätzung, weil in der christlichen Theologie lange Zeit alleine der Mensch zählte. Sie fasst die vorherrschende christliche Lehrmeinung zu Tieren so zusammen:

"Tiere an sich sind eigentlich bedeutungslos. Man soll sie jetzt nicht unbedingt quälen – das ist schon ein Common Sense, den man auch schon in wirklich alten, ganz klassischen theologischen Handbüchern findet. Aber die Theologie hat im Grunde bis heute kaum eine Sprache und kaum ein Verständnis dafür entwickeln können, was es eigentlich bedeutet, dass ein Tier stirbt."

Ein christlicher Abwehrreflex

Stattdessen nimmt Simone Horstmann in der christlichen Theologie einen Abwehrreflex wahr – nicht immer, aber oft, wenn sie das Thema Tiere anspricht. Viele würden das Problem – wenn überhaupt – in anderen Religionen suchen.

"Ich habe vor einiger Zeit mal versucht, einen Zeitschriftenartikel unterzubringen bei einer Zeitschrift. Da ging es genau um diese Deutung: Christliche Theologie hat es eben mitzuverantworten, dass Gewalt an Tieren heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Und ich bekam dann die etwas pikierte Rückmeldung, man würde ja gar nicht verstehen, was ich sagen wollte, denn das Christentum kennt keine Gewalt an Tieren. Da hat sich gleich wieder diese Bewegung gezeigt, dass man dann sagt: Wenn wir über Gewalt an Tieren sprechen, dann richten Sie das doch bitte an entweder die jüdische oder die muslimische Community. Und das ist ein fatales Signal, finde ich."

Wie kommt es zu diesem von Simone Horstmann ausgemachten christlichen Reflex? Im Gegensatz zum Christentum kennen Judentum und Islam bis heute das rituelle Töten von Tieren: das Schächten. Nur Fleisch von geschächteten Tieren gilt als koscher beziehungsweise halal und darf nach orthodoxer Lehrmeinung verzehrt werden. Rituelle Tieropfer hingegen sind im Judentum abgeschafft, seit der Zweite Jerusalemer Tempel zerstört wurde – und das ist bald zweitausend Jahre her.

Tiere im Islam

Im Islam allerdings werden bis heute Tiere geopfert – am Opferfest, dem wichtigsten islamischen Fest zum Abschluss der großen Pilgerfahrt nach Mekka. Doch auch im Islam mehren sich Stimmen, die sagen: Wir sollten Tiere weder opfern, noch überhaupt töten oder essen. Argumente für diese Haltung lassen sich auch aus dem Koran entwickeln, meint die islamische Theologin Asmaa El Maaroufi. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster und stellt fest:

"Dass Tiere im Koran als Mit-Seiende, also als etwas dargestellt werden, die sich nicht nur um uns herumbewegen, sondern mit uns sind. Also im Sinne der Mitwelt und nicht eben nur diesem Aspekt der Umwelt. Ich glaube, es wird besonders dann spannend, wenn man sich die koranischen Erzählungen anschaut, wo es um die Begegnungen zwischen Propheten und Tieren geht. Was erscheint mir, wenn beispielsweise Salomon – im Arabischen Suleiman – der Ameise begegnet und mit ihr kommuniziert?"

"Als sie zum Ameisental kamen, sagte eine Ameise: ‚Ameisen! Geht hinein in eure Wohnungen, auf dass euch Salomo und seine Heerscharen nicht zertreten, ohne es zu bemerken.‘"

  (imago images / Xinhua) (imago images / Xinhua)Vegetarismus im Islam - Blumenkohl statt Schlachtopfer
Zum muslimischen Opferfest gehört das Schlachten eines Tieres. Denn das Fest erinnert an die Geschichte von Ibrahim, der anstelle seines Sohnes schließlich ein Tier opferte. Vegetarisch lebende Muslime stellt das vor große Herausforderungen.

"Was erscheint mir, wenn in der Siebenschläfer-Geschichte die Hunde über die Menschen wachen? Oder was erscheint mir, wenn Gott darüber wütend ist, wenn er Menschen dazu auffordert, einem Kamel die Möglichkeit zu geben, ebenfalls von einer Wassertränke zu trinken, und wenn ihm dieses verwehrt wird?"

"Dies ist die Kamelstute Gottes. Sie ist euch ein Zeichen. Lasst sie auf Gottes Erde weiden! Tut ihr nichts Böses an!"

Asmaa El Maaroufi schließt aus diesen und vielen weiteren Geschichten von Tieren im Koran: "Das Tier ist nicht zufällig da. Es erlaubt sich, Platz einzunehmen zwischen uns, mit uns. Und daher können wir nicht das Tier in unseren Diskursen der Theologie übersehen. Oder gar verneinen, indem wir sie ethisch unberücksichtigt lassen."

"Ein triumphalistisches Menschenbild"

Theologinnen, die jüdisch, christlich oder islamisch für Tiere argumentieren, wollen Tiere in der Theologie ethisch berücksichtigen. Sie stellen jedoch oft das Gegenteil fest: Tiere wurden und werden durch die Theologie abgewertet, zu Lebewesen zweiter Klasse erklärt. Mit dem Ziel, den Menschen theologisch aufzuwerten, meint die katholische Theologin Simone Horstmann: "Der Gewinn ist letzten Endes ein sehr, sehr – ich würde sagen - hoheitliches, fast schon triumphalistisches Menschenbild."

"Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn."

Das Gemälde "Adam und Eva" von Jacopo Tintoretto (1518-1594): Eva reicht Adam den Apfel.  (imago stock&people)Der Mensch nimmt in der Theologie eine Sonderstellung ein (imago stock&people)

"Dieses Menschenbild – der Mensch als ein Vernunftwesen etwa, wenn man das theologisch formulieren will: der Mensch als Ebenbild Gottes und dergleichen – dieses hoheitliche Menschenbild hat eben gewisse positive Folgen mit sich gebracht, aber es hat uns auch etwas gekostet: nämlich eine wirklich maximale, radikale, ich würde fast sagen auch eine totalitäre Abwertung von nicht-menschlichem Leben."

"Jedes andere Tier ist von Natur aus der Knechtschaft unterworfen"

Ein Auszug aus der Bilanz deutscher Schlachthöfe für das Jahr 2020:

Tauben: 1700
Strauße: 2000
Pferde: 4000
Ziegen: 21.000
Gänse: 570.000
Schafe: Eine Million
Rinder: Drei Millionen
Enten: Zehn Millionen
Puten: 35 Millionen
Schweine: 53 Millionen
Hühner: 623 Millionen
(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Simone Horstmann: "Der Konsens über diese strukturelle Gewalt an Tieren, dem sich vor allem die drei monotheistischen Religionen fast ungebrochen bis heute - den sie unterschreiben, der produziert eben dieses Menschenbild. Der steigert das menschliche Leben."

Auf diese Weise argumentiere der Mainstream der christlichen Theologie im Grunde seit Anfang an. So hieß es bei Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert über Menschen und "andere Geschöpfe":

"Jedes andere Geschöpf also ist von Natur aus der Knechtschaft unterworfen: Allein das geistige Wesen ist frei. In jeder beliebigen Herrschaft aber wird für die Freien um ihrer selbst willen gesorgt, für die Knechte aber, damit sie den Freien dienen. […] Hierdurch wird der Irrtum derer ausgeschlossen, die behaupten, der Mensch begehe eine Sünde, wenn er wilde Tiere tötet. Denn sie sind aus göttlicher Vorsehung in natürlicher Ordnung auf den Nutzen des Menschen hingeordnet. Daher gebraucht sie der Mensch nicht zu Unrecht, sei es, wenn er sie tötet, oder sei es in jeder beliebigen anderen Weise."

Thomas gilt als einer der bedeutendsten katholischen Theologen aller Zeiten. Trotzdem rufen Aussagen wie diese inzwischen Widerspruch hervor.

"Ich glaube, man sieht heute vielleicht stärker denn je eigentlich, wie prekär diese Argumente auch sind. Dass sie zum einen offensichtlich interessengeleitet sind. Dass es mich als Menschen notwendigerweise priorisiert. Religionen erklären mir eigentlich, warum mein Leben wichtiger ist als das von anderen."

Eine angemessene Sprache für das Leiden der Tiere

Simone Horstmann plädiert deshalb für einen radikalen Umbruch – für eine Theologie nicht gegen, sondern für die Tiere. "Schön wäre es, wenn die Theologien verstehen würden, dass es hier - ich würde sagen vielleicht um das Zukunftsthema schlechthin geht." 

Die Theologien und die Religionsgemeinschaften könnten der Gesamtgesellschaft Impulse geben für einen besseren Umgang mit Tieren, meint auch Asmaa El Maaroufi. "Ich denke in der Tat, dass Religionen einen großen Beitrag im Kontext der Frage des Tierschutzes mitbringen können. Es macht eben einen Unterschied, ob der Priester oder eben der Imam die Gemeinde dazu anhält, möglichst vielleicht weniger Fleisch zu essen, anders Fleisch zu konsumieren oder auch anders generell mit Tieren umzugehen, als wenn ich das vielleicht nur einen Politiker hören sage oder eine Politikerin."

Eingepferchte Schweine in der Massentierhaltung. (Picture Alliance / AP Images / Charlie Riedel)Der Blick auf Tiere als bloße Ressource blendet ihr Leiden aus (Picture Alliance / AP Images / Charlie Riedel)

Simone Horstmann sagt: "Also, ich denke prinzipiell, dass es eigentlich ganz spannende Synergien zwischen den Religionen und den Tierrechtsbewegungen geben kann."

Denn der Tierrechtsbewegung fehlt es aus Sicht von Simone Horstmann an einer angemessenen Sprache für das Leiden der Tiere.

"Dem Unrecht, das wir heute allenthalben in der Tierindustrie, in den Schlachthöfen, in den Mastanlagen und an vielen anderen Orten wahrnehmen, dem wird man, denke ich, nicht gerecht, wenn man das, was da passiert, als eine bloße Verletzung von Rechten oder als Verletzung eines moralischen Status oder ähnlich beschreibt. Sondern man müsste eigentlich viel grundlegender darüber sprechen können, dass hier das Leben von anderen Tieren eigentlich rundheraus für bedeutungslos erklärt wird."

Der Verzicht aufs Töten kann einen Gewinn bedeuten

"Menschen entfernten sich mit steigender kognitiver Fähigkeit von der eigenen und der äußeren Natur. Alle übrigen Lebewesen - Pflanzen und Tiere - bleiben stets mit allem eng verbunden. Menschen müssen diese Abspaltung zwischen Geist und Körper überwinden lernen und zu Mitgeschöpfen werden, die verantwortlich handeln", so die jüdische Theologin und Agrarwissenschaftlerin Deborah Williger. "Die Idee der Ebenbildlichkeit Gottes könnte nicht auf Menschen beschränkt, sondern um die gesamte Schöpfung erweitert werden."

"Ich kann mir gut vorstellen und weiß eigentlich auch aus Erfahrung, dass gerade die Religionen sehr wichtige und eigentlich noch unausgelotete Ressourcen zur Verfügung haben, um eine Sprache dafür zu finden, dass der Verzicht auf das Töten ja eben nicht nur einen Verzicht, sondern vor allen Dingen auch einen Gewinn darstellen kann", sagt Simone Horstmann.

  (imago / Blickwinkel / A. Schauhuber) (imago / Blickwinkel / A. Schauhuber)Forschung zu Fleischkonsum - Ein Nahrungsmittel zwischen Begierde und Abscheu
Die Deutschen essen weniger Fleisch – 57,3 Kilo waren es durchschnittlich im Jahr 2020. Für diejenigen, die Fleischkonsum ablehnen, immer noch viel zu viel. Das Fleischessen gehört zum Menschsein, sagen die anderen.

Und die islamische Theologin Asmaa El Maaroufi wünscht sich von Theologien und Religionen für die Zukunft von Tieren und Menschen: "Das Thema ernstzunehmen und eben nicht als Randthema zu betrachten. Sondern zu erkennen: Wer zu Gott will, kann nicht ohne die Tiere."

Asmaa El Maaroufi, Simone Horstmann und Deborah Williger: Drei Theologinnen aus Islam, Christentum und Judentum, die sich theologisch für Tiere einsetzen. Sie sind zwar keine Einzelkämpferinnen, aber sie sind nach wie vor eine Minderheit. Doch die Tier-Theologie scheint immer mehr an Bedeutung zu gewinnen – auch vor dem Hintergrund von Umweltproblemen und Klimakrise. Und so könnten sich die Antworten auf die Frage von Asmaa El Maaroufi in Zukunft immer weiter zugunsten der Tiere verschieben.

"Was möchte Gott, das Tier retten oder den Menschen retten?"

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