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StartseiteForschung aktuellMOSAiC-Expedition soll 2019 das Nordpolarmeer erkunden27.06.2018

Eingefroren im PackeisMOSAiC-Expedition soll 2019 das Nordpolarmeer erkunden

Ende des 19. Jahrhunderts ließ sich der Polarforscher Fridtjof Nansen vom Packeis einschließen, er driftete drei Jahre durch das nördliche Eismeer. Ab Herbst 2019 soll das Forschungsschiff Polarstern das Experiment wiederholen und im Rahmen der MOSAiC-Expedition ein Jahr lang das arktische Klima erkunden.

Von Volker Mrasek

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AWI-Meereisphysikers arbeiten auch bei auffrischendem Wind und zunehmender Schneedrift auf dem Meereis. Polarsternexpedition ANT-XXIX/6; 8. Juni - 12. August 2013; Kapstadt-Punta Arenas (Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks)
AWI-Meereisphysiker arbeiten auch bei auffrischendem Wind und zunehmender Schneedrift auf dem Meereis (Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks)
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So klingt es, wenn das deutsche Forschungsschiff Polarstern im hohen Norden oder Süden unterwegs ist und sich durch dicke Packeis-Schollen kämpft. 

Doch im kommenden Jahr wird alles ganz anders.

Dann pflügt die Polarstern nicht durch das Meereis, sondern sie lässt sich von ihm einschließen und dann mit dem Eis zusammen verdriften. Volle zwölf Monate soll das Ganze dauern.

Countdown für spektakuläre Arktisexpedition

Schauplatz wird die hohe Arktis sein, rund um den Nordpol. Das Experiment auf den Spuren von Fridtjof Nansen heißt "MOSAiC". Chef-Wissenschaftler ist der Atmosphärenphysiker Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung:

 "MOSAiC ist die größte Arktis-Expedition, die jemals durchgeführt wurde. Das ist eine Größenordnung an Polarlogistik, die wir bisher noch nicht gesehen haben. Insgesamt werden um die 600 Leute beteiligt sein."

(AWI / Markus Rex)Markus Rex Leiter der MOSAiC-Expedition (AWI / Markus Rex)

Richtig los geht es zwar erst im September 2019. Doch die Planungen für das Großprojekt laufen längst auf vollen Touren, sagt Markus Rex:

"Wir machen Messungen vom Ozeanboden in etwa 4.000 Meter Wassertiefe bis in die Stratosphäre hinein in 35 Kilometer Höhe. Da geht es darum, wie die Wärme aus dem relativ warmen Ozean an die Eisoberfläche und in die Atmosphäre gelangt und da zu dem Gesamtbudget der Wärme in der Arktis beiträgt. Das ist ein Teil des Mechanismus, warum sich die Arktis so viel stärker erwärmt als der Rest des Planeten."

Eine Tankstelle am Nordpol

Vier weitere Eisbrecher kommen bei "MOSAiC" zum Einsatz. Um Forscher-Teams auszutauschen und Schiffsdiesel zum Heizen nachzuliefern. Denn der Bunker-Vorrat der Polarstern reicht nur ein halbes Jahr. 

Rund um das festsitzende Schiff soll ein Netz von Messstationen auf dem Eis gesponnen werden. Auch an Bord wird es von Messgeräten wimmeln.

Ein mit Helium gefüllte Fesselballon wird für den Aufstieg vorbereitet. (Alfred-Wegener-Institut / Stefan Schoen)Ein mit Helium gefüllte Fesselballon wird für den Aufstieg vorbereitet (Alfred-Wegener-Institut / Stefan Schoen)

Und nicht nur das: Mit in die Arktis reisen auch Hubschrauber und zwei kleine Polarflugzeuge des Alfred-Wegener-Instituts: "Die das erste Mal eine Tankstelle quasi am Nordpol haben werden. Wir bringen genügend Flugbenzin mit. Die können dort tanken und dann umfangreiche Messungen in der zentralen Arktis machen."
Die Forschungsflieger müssten natürlich auch starten und landen können, so Markus Rex:

"Deswegen werden wir eine Landebahn auf dem Eis einrichten. Natürlich auch mit Hilfe von schwerem Gerät: Pistenbullies und Eisfräsen. Die werden mit den bordeigenen Kränen von der Polarstern auf das Eis abgesetzt. Wir werden auf einer Eisoberfläche sein, die zumindest 1,50 Meter dick ist. Das ist stabil genug auch für sehr schweres Equipment."

Erkenntnisse über den globalen Klimawandel

"MOSAiC" ist nicht das erste Klimaforschungsprojekt dieser Art in der Arktis. Vor 20 Jahren ließen sich Forscher schon einmal zwölf Monate lang mit dem Eis verdriften, an Bord eines kanadischen Eisbrechers und an anderer Stelle, nicht so nah am Nordpol.

Der US-Atmosphärenforscher Matthew Shupe von der Universität von Colorado war damals dabei. Jetzt, bei "MOSAiC", ist er wieder mit an Bord:

"20 Jahre sind eine lange Zeit! Seither hat das Meereis der Arktis stark abgenommen und ist viel dünner geworden. Das erleichtert den Wärmetransfer vom Meer in die Atmosphäre, die Prozesse laufen inzwischen anders ab. Denken Sie auch an den technischen Fortschritt! Mit heutigen Instrumenten können wir viel mehr messen."

Eisstation: Die Wissenschaftler verschiedener Arbeitsgruppen arbeiten auf dem Meereis des Weddelmeeres. Polarsternexpedition ANT-XXIX/6; 8. Juni - 12. August 2013; Kapstadt-Punta Arenas (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)Wissenschaftler unterwegs auf dem Meereis des Weddelmeeres. (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)

"MOSAiC" wird richtig teuer. Rund 150 Millionen Euro soll die Drift der Polarstern über den Nordpol insgesamt kosten. Ein Großteil sind Fördermittel aus dem Topf des Bundesforschungsministeriums, also Steuergelder. Expeditionsleiter Markus Rex hält sie aber für gut angelegt:

"Wir machen da etwas, was uns einen echten Durchbruch in der Klimaforschung erlauben wird. Zur Zeit haben wir eine nicht akzeptable, riesige Unsicherheit in der Vorhersage des arktischen Klimasystems. Und was in der Arktis passiert, das bleibt nicht in der Arktis. Das Wettergeschehen in unseren mittleren Breiten, wo wir leben, ist ganz entscheidend davon abhängig, was in der Wetterküche der Arktis passiert. Und wenn wir das nicht vorhersagen können, dann werden wir auch keine verlässlichen Klimavorhersagen für unsere Breiten bekommen."
 
Wie weit die Polarstern am Anfang ins Eis vorstößt, steht noch nicht genau fest. Das wollen die Forscher in diesen Tagen festlegen. Es könnten gut und gerne 84 Grad Nord sein! Das wären dann rund 700 Kilometer bis zum Pol.

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