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StartseiteKommentare und Themen der WocheNur eine Atempause für Europa26.07.2018

Einigung im HandelsstreitNur eine Atempause für Europa

Auch wenn Donald Trump das Ergebnis des Treffens mit Jean-Claude Juncker als Erfolg für sich reklamiert – der Punktsieg gehe klar nach Brüssel, kommentiert Thilo Kößler. Das letzte Wort sei im Handelsstreit damit aber noch nicht gesprochen.

Von Thilo Kößler

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US-Präsident Trump spricht mit EU-Kommissionspräsident Juncker über Handelsfragen  - Kevin Dietsch / Pool via CNP ( Kevin Dietsch / Consolidated News Photos)
Haben sich vorerst geeinigt: US-Präsident Trump und EU-Kommissionspräsident Juncker ( Kevin Dietsch / Consolidated News Photos)
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Noch im Rosengarten des Weißen Hauses hielt das Kräftemessen zwischen den beiden Präsidenten an. Donald Trump, der US-Präsident, verkündete mit stolz geschwellter Brust eine neue Ära im Verhältnis zwischen USA und EU und tat so, als wäre er der Gründungsvater des  transatlantischen Verhältnisses.

Jean-Claude Juncker, der EU-Kommissionspräsident, ließ sich davon nicht beeindrucken und reklamierte den Erfolg für sich: Er sei mit dem Vorsatz nach Washington gereist, einen Deal auszuhandeln. Und nun sei der Deal da.

Tatsächlich geht der Punktsieg in dieser Runde des erbitterten Handelsstreits zwischen den USA und dem Rest der Welt nach Brüssel. Wenn hier einer klein bei gegeben hat, dann war das Donald Trump. Die Europäer können aus dieser Lektion der transatlantischen Krisengeschichte nur diese Lehre ziehen: Es lohnt sich, geschlossen aufzutreten. Es lohnt sich, das politische und wirtschaftliche Gewicht der EU und ihrer 500 Millionen Menschen selbstbewusst in die Waagschale zu werfen. Es lohnt sich, diesem Präsidenten in der permanenten Großmanns-Pose die Haltung der knallharten Drohgebärde entgegenzusetzen.

Nicht zu früh freuen!

Doch Vorsicht an der Bahnsteigkante: Das Licht am Ende des Tunnels könnte sich noch als entgegenkommender Zug erweisen – das letzte Wort ist in diesem beinharten Handelskonflikt gewiss noch nicht gesprochen.

Die Verständigung beruht auf Absichtserklärungen, die denkbar vage gehalten sind. Es gilt das gesprochene Wort, und man kann nur hoffen, dass der vereinbarte Verhandlungsprozess tatsächlich in ein Ende aller Strafzölle mündet. Es wäre völlig unangemessen, schon jetzt von einem Durchbruch zu sprechen. Beide Seiten haben sich in diesem Konflikt lediglich eine Atempause verschafft und womöglich nur vorübergehend die gefährliche Eskalationsautomatik außer Kraft gesetzt.

Über die Motive Donald Trumps, jetzt erst einmal einzulenken, lässt sich nur spekulieren. Vermutlich war es ein ganzes Bündel an Motiven. Der Widerstand gegen Donald Trumps handelspolitische Geisterbahnfahrt nahm in den vergangenen Tagen dramatisch zu – dem Präsidenten drohte die Entwicklung immer mehr zu entgleiten. Die Wirtschaftsverbände und Industriebosse entzogen Donald Trump das Vertrauen. Ebenso die Farmer, die sich bereits jetzt mit einer existenzbedrohenden Krise konfrontiert sehen.

In den eigenen Reihen wächst der Widerstand

Bei den Republikanern ist Feuer unterm Dach. Und selbst im engsten Beraterstab des Weißen Hauses tun sich tiefe Gräben auf. Donald Trumps handelspolitischer Scharfmacher Peter Navarro soll sich mit seinen handgestrickten Theorien vom Segen des Protektionismus völlig isoliert haben. Schließlich läuft Donald Trump immer mehr Gefahr, sich im Unterholz seiner multiplen Krisenherde zu verlaufen. Zumindest im Streit mit der EU ist die Luft jetzt etwas raus.

Doch Europa sollte sich nicht in trügerischer Sicherheit wiegen. Donald Trump kann die labile Verständigung im Handelsstreit im Handumdrehen wieder zunichtemachen. Die EU sollte also bei ihrem Kurs bleiben und weiter an ihrem Netzwerk des freien Welthandels arbeiten. Frei nach dem Motto: Dann bleibt Donald halt allein zuhaus.

Thilo Kößler, Korrespondent in Washington (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

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