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StartseiteKommentare und Themen der WocheWeselsky hat manipuliert, beleidigt - und gewonnen16.09.2021

Einigung im Tarifkonflikt mit der BahnWeselsky hat manipuliert, beleidigt - und gewonnen

GDL-Chef Claus Weselsky hat im Tarifstreit mit der Bahn immer wieder in aller Öffentlichkeit manipuliert und beleidigt, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Doch am Ende hat der Gewerkschaftsführer in diesem Arbeitskampf alle Ziele erreicht: mehr Geld, mehr Mitglieder und mehr Macht.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht

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16.09.2021, Berlin, Deutschland - Pressekonferenz: Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivfuehrer, GDL und Martin Seiler, Vorstand Personal und Recht der DB, geben sich den Faustgruß. (IMAGO / Reiner Zensen)
Die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft GDL haben sich auf einen Tarifkompromiss geeinigt (IMAGO / Reiner Zensen)
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GDL Widerstand gegen Weselsky

Claus Weselsky, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, hat den Tarifstreit mit der Deutschen Bahn auf ganzer Linie gewonnen. Er hat das Tempo bestimmt und die Agenda der Themen. Weselsky hat das Management der Deutschen Bahn regelrecht vor sich hergetrieben wie eine scheue Schafherde, die sich am Ende willig seinen Forderungen ergeben hat.

Erst forderte er bessere Löhne und Prämien samt konstanter Betriebsrente, dann stellte er das Tarifeinheitsgesetz in den Fokus und schließlich forderte Weselsky, alle Berufsgruppen vertreten zu dürfen, nicht nur Lokführer und Schaffner. Nebenbei gewann er mit seiner GDL ein Arbeitsgerichtsverfahren in zwei Instanzen, das die Bahn angestrengt hatte, um dem Streik ein Ende zu setzen.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). (picture alliance/dpa /Arne Dedert) (picture alliance/dpa /Arne Dedert)GdL-Chef: Das Management will den kleinen Eisenbahnern die Rente wegnehmen 
Claus Weselsky hat im Deutschlandfunk den bundesweiten Bahnstreik verteidigt. Man habe seit über einem halben Jahr eine Auseinandersetzung mit dem Management der DB AG. Man müsse die Wut, die die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner hätten, rauslassen.

Auch das blieb für sie erfolglos. Die Bahn reagierte, protestierte, wies zurück, redete in der Öffentlichkeit ihre Notfahrpläne als "Ersatzfahrpläne" schön. Erst als Weselsky aus freien Stücken einlenkte, begannen hinter den Kulissen die Verhandlungen. Der GDL-Chef hätte auch noch zwei weitere Streikrunden ausgehalten.

Machtzuwachs gegenüber der EVG und der Bahn

Am Ende hat Weselsky alle Ziele erreicht: 3,3 Prozent mehr Lohn, gleich zwei Corona-Prämien, eine Absicherung des bisherigen Betriebsrentenniveaus. Nicht einmal das Tarifeinheitsgesetz kann ihm noch gefährlich werden. Im Gegenteil: Die GDL hat zwar nur in 16 von 300 Bahnbetrieben die Mehrheit unter den Gewerkschaftern und kann offiziell nur dort ihre Tarifabschlüsse durchsetzen.

Aber die konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG wird nun mit dem Bahn-Management nachverhandeln und den gemäßigten Tarifabschluss vom Vorjahr aufbessern. Dabei wird sie wahrscheinlich dasselbe Niveau erreichen, wie es die GDL nun erstreikt hat. Die EVG-Mitglieder profitieren also vom Eisenbahngewerkschafts-Avantgardisten Claus Weselsky, der alles auf eine Karte setzte und gewann.

Wegen dieses starken Auftritts gewann die kleine GDL im Zuge des Arbeitskampfs und zuvor mehrere tausend Mitglieder und erreichte damit das wahre Streikziel: einen Machtzuwachs gegenüber der EVG sowie in der Kräftebalance des Bahnkonzerns.

Der stellvertretende Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Klaus-Dieter Hommel (picture alliance/ dpa/ Britta Pedersen) (picture alliance/ dpa/ Britta Pedersen)EVG-Vorsitzender zum Bahnstreik: "Es geht um die Existenz der GdL" 
Der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, Klaus-Dieter Hommel, hat den Streik der konkurrierenden Lokführer-Gewerkschaft GdL im Dlf als politischen Arbeitskampf bezeichnet. 

Manipulation und taktische Fouls 

Weselsky hat in diesem Arbeitskampf allerdings immer wieder in aller Öffentlichkeit manipuliert und beleidigt. Er beschimpfte sein Gegenüber, den Bahnvorstand Martin Seiler, als "Lügenbaron" und nahm es mit der Wahrheit selbst nicht so genau. Erst versprach er, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, wenn die Bahn ein Angebot vorlege. Als dies kam, bezeichnete er die Offerte der Bahn kurzerhand als "vergiftet" und streikte weiter.

Der Gewerkschaftsboss spielt in der Öffentlichkeit den Ehrenmann, kommt aber ohne taktische Fouls nicht aus. Das ist der Grund, warum einem der "Glückwunsch" zum Tarifabschluss wirklich nicht über die Lippen kommt.

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

  

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