Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 18:00 Uhr Nachrichten
StartseiteEuropa heuteEinschnitte im Bildungswesen24.08.2007

Einschnitte im Bildungswesen

Frankreichs Lehrer laufen Sturm gegen Stellenabbau

Die ersten 100 Tage von Nicolas Sarkozy im Amt des französischen Staatspräsidenten glichen einem atemlosen Sprint: Er drückte zahlreiche Reformen durch das Parlament. Das allerdings sehr zur Verärgerung der Lehrer, die in diesen Tagen den Schulunterricht wieder aufnehmen. Denn bei Ihnen hat der Präsident kräftig den Rotstift angesetzt. Burkhard Birke berichtet.

Paris aus der Vogelperspektive. (AP)
Paris aus der Vogelperspektive. (AP)

Die Nachricht war erwartet worden, und dennoch bricht sie wie ein Gewitter über Frankreichs Schulanfang nach den Sommerferien: 11.200 Jobs sollen im Schulbereich verschwinden, vier Fünftel davon sind Lehrerstellen.

Präsident Sarkozy hatte im Wahlkampf zwar versprochen, den Beamtenapparat zu straffen und nur eine von zwei frei werdenden Stellen wiederzubesetzen. Einige Sektoren wie der Hochschulsektor waren freilich von dieser strengen Sparmaßnahme ausgenommen worden. Der Schulsektor allerdings ist betroffen. Die Kürzung gilt ab 2008, aber bereits jetzt zum Schulbeginn sind nach Angaben der Lehrergewerkschaft 8000 Jobs weggefallen.

"Das wird zwangsläufig zu schlechteren Arbeitsbedingungen führen. Vor allem die Schüler werden den Preis für diese Maßnahme zahlen: In Form schlechterer Unterrichtsbedingungen aufgrund höherer Klassenstärken und weniger Aushilfslehrer, aber auch weil das Angebot schlechter wird"."

befürchtet Gerard Aschieri, Gewerkschaftsgeneralssekretär der Féderation Syndicale Unitaire (FSU). Die Rechnung der Regierung indes ist einfach: Im Bereich der Sekundarstufe gibt es 25.000 Schüler weniger, folglich werden nicht so viele Lehrkräfte benötigt. Allein 500 Deutschlehrer, heißt es, stünden faktisch ohne Schüler da. Die Sprache Goethes stieß in den letzten Jahren auf immer weniger Interessenten.

""Wir werden uns zu organisieren wissen. Schüler werden neu eingeteilt. Und man sollte jetzt keine Panik verbreiten, dass Schüler, die mit Portugiesisch, Deutsch oder welcher Sprache auch immer angefangen haben, morgen oder irgendwann mitten im Kurs ohne Lehrer dastehen","

versucht Bildungsminister Xavier Darcos Ängste zu beschwichtigen. Im Grundschulbereich, wo die Schülerzahl um 25.000 gestiegen ist, verspricht er sogar 750 Neueinstellungen. Auch für die Eingliederung von behinderten Kindern in den normalen Schulbetrieb sollen zusätzlich Hilfslehrer beschäftigt werden. Eine Maßnahme, die Präsident Sarkozy nach der heftigen Fernsehdebatte mit der sozialistischen Präsidentenkandidatin Royal zu diesem Thema der Öffentlichkeit wohl schuldig ist. Per Saldo freilich bleibt es bei 11.200 Kürzungen ab 2008.

""Das Angebot wird doch nicht dadurch schlechter, dass 0,85 Prozent der Beamtenstellen verschwinden werden. Das müsste man mir erst einmal beweisen. Natürlich ist die Frage der Stellen wichtig, aber sie ist doch nicht der Dreh- und Angelpunkt eines Bildungssystems mit 13 Millionen Schülern und einer Million Lehrkräften."

Minister Darcos bleibt in der Defensive, zumal jetzt auch bekannt geworden ist, dass die Stundenzahl an den Schulen zusammengestrichen werden soll. Nicht nur an den Schulen, auch an den Universitäten und im Transportbereich könnte sich nach den von Präsident Sarkozy angestoßenen Reformgesetzen Unmut breit machen. Sinkendes Wachstum, Steuererleichterungen hauptsächlich für die Wohlhabenden und möglicherweise eine Mehrwertsteuererhöhung zur Finanzierung niedriger Lohnnebenkosten und das 13 Milliarden Loch in den Sozialkassen: Frankreichs kühlem Sommer könnte ein heißer Herbst folgen. Präsident Sarkozy, mit dem 62 Prozent der Bevölkerung nach den ersten 100 Tagen laut Umfrage zufrieden sind, wird viel Geschick an den Tag legen müssen, um große Konflikte zu vermeiden und seine Flitterwochen mit den Franzosen zu verlängern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk